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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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MONATSHEFTE 
FÜR POLITIK UND 

WEHRMACHT 
[AUCH ORGAN DER 
GESELLSCHAFT... 




9 

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i 



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Jahrbücher 



für die 



deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich redigiert 



von 



Q\ -von. IM" A T^£lES 

Oberstlieutenant z. D. 



Zweiundfünfzigster Band. 

Juli bis September 1884. 



BERLIN. 
RICHARD WILHELM I. 

1884. 



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Inhalts-Verzeichnis. 



MM 

L Karfürst Albrccht Achill von Brandenburg als Politiker und 

Kricgsheld. Eine Skizze von A. v. Crousaz, Major z. D. . . . 1 

IL Da« italienische Heer nach den Gesetzen des .Jahre« 1882 Ysm 

Fr. Rhazen, Premier-Lieutenant. (Schlafs) 16 

III. Die theoretische and praktische militärische Vorbildung, sowie 
die weitere militärische Ausbildnng der russischen Kavallerie- 
Offiziere. Bearbeitet von Trost, Premierlieutenant im Infanterie- 
Regiments No. 71 31 

IV. Stadien über Verwendung and Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

Von Freiherr v. Sazenhofen, k. b. Oberst z. D 47 

V. Vorschläge für die Neuorganisation der Pionier-Truppe and des 

Ingenieur-Corps 61 

VI. Nochmals „Die Zfinmung des Pferdes in Theorie and Praiis". 
Eine Schlnfaerwiderang mit einschlägigen Betrachtangen Aber 

Zäamung und Reiterei , 68 

V1L Ans ausländischen Militfir-Zeitachriften . . , . . , . , , 81 

VIII. Umschau in der Militär-Litteratur . . . . . . . . . . . 8J£ 

IX. Verzeichnis der nen. erschienenen Bücher und der grosseren in 
den militärischen Zeitschriften dpa In- und Ausland es enthaltenen 

Anfaätze. (III. Qaartal 1884) 103 

X. Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg als Politiker und 

Kriegsheld. Eine Skizze von A. v. Crousaz, Major z. D. (Schlufs) 117 

XI. Die französische Tongking-Eipedition. (Schiufa) 128 

XII. Die theoretische und praktische militärische Vorbildung, sowie 
die weitere militärische Ausbildung der russischen Kavallerie- 
Offiziere. Bearbeitet von Trost. Premierlieutenant im Infanterie- 
Regiment No. 71. (Schlnfg) 151 



C N?> 496258 

ngazibyGo^kj 



S*fM 



XIII. 


Studien über Verwendung und Gefcchtsthätigkeit der Kavallerie. 


169 


XIV. 


Von Freiherr v. Sazenhofen, k. b. Oberst z. D. (Fortsetzung) . 


Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? .... 


197 


XV. 




215 


XVI. 


T f.\\T T^rft-co PiriPfl y.l1^l1nf^J(i-^'!TP^7ip^-T^p^T^otl^pnt , « fftr Tnfant/>rip 

CiUI XI AfC v- vllllO uUÄ <1 IJ I tO XJ AI. 1 fclvi A *V (i UILII vO IUI Ulu ±Hlt%U w'v» 1 1 V 


222 


XVII. 


Studien über Verwendung und Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 






Von Freiherr v. Sazenhofen, k. b. Oberst z. D. (Schlufs) . . . 


235 


XVIII. 


Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee . . 


265 


XIX. 


Eine preufsischc Regimentsgeschichtc aus dem Jahre 1767. Von 


280 


XX. 




Die kriegsmäßige Ausbildung der Offiziere des Beurlaubten- 


298 


XXL 






318 



r. 



Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 
als Politiker und Kriegsheld. 

Eine Skizze 

TOll 

A. t. Crousaz, 

Major a. D. 



I. Allgemeines. 

Die Hohenzollcrn bauten ursprünglich kleine Häuser und Heere, 
um dann grötsere und allmählich grofse zu bilden. Sie fufsten nur 
auf tragbarein Grunde und haben nie den /weiten vor dem ersten 
Schritte gethan; jedes vorschwebende Ziel wurde nüchtern gemessen, 
und jedes erreichte wandellos behauptet. In ihrer Geschichte giebt 
es weder Sprünge noch Tragödien, aber um so mehr folgerichtiges 
Wachstum; Kraft und Politik, Morai und Spekulation waren stets 
im Einklänge. Man sieht unter diesem Banner würdige Hansstände, 
erfolgreiche Arbeiten, solides Rittertum, — und das kriegerische 
Schwert ging hier mit demjenigen des Geistes. 

Das in Rede stehende Geschlecht arbeitete sich durch alle 
Klippen der Jahrhunderte und ging stetig empor; von jedem Zeit- 
alter wurde es änfserlich anders formiert und gab sich, im Haupt- 
sächlichen doch überall mit derselben Bestimmung und Eigenart kund. 

Drückte es, als Ganzes, diesen Charakter ans, so haben im 
Einzelnen sich doch seine Mitglieder sehr verschiedenartig gezeigt. 
Man sieht grofee und kleinere Männer, Helden und Hausväter, Cicero 
und Achill, Lykurge und Fabier. Mancher Hohenzoller ragt mit 
gleichzeitigen Talenten des Krieges und Friedens hervor, und in 
einzelnen Fällen erschien sogar ein universelles Können, von welchem 
ganze Zeitalter bestimmt wurden. 

Zu den Hervorragenden dieser Dynastie gehörte auch Albrecht, 
der dritte Sohn Kurfürst's Friedrich I., welcher, im Sinne jener Zeit, 

Jakrbbcacr für <U« Daataca« Arme* und Maria«. M. LH., 1 1 



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Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



die Heinamen Achilles und Ulysses erhielt Schon hierin spricht 
sich aus, dafs seine Kraft mit dem Genie zusammenging, sein 
Schwert, wie dasjenige des Peliden, überall durchdrang, und er, wie 
Odyssens, des Rates und Wortes Meister war. Er stand wie Kaiser 
Max, der letzte Ritter, zwischen den geistigen Bereichen des 
Mittelalters und der Neuzeit. Ersteres gab ihm sein Rittertum, 
und im Vorhofe der letzteren wurde er zu Kulturwerken geleitet, 
welche jenes schon überragten. 

Unter diesem Gesichtspunkte erscheint es vorerst bemerkens- 
wert, dafs in dem Lebenslaufe Albrecht's dessen verschiedene Eigen- 
schaften, je nachdem er dem Ende des fünfzehnten Jahrhundert« 
näher kam und in gröbere Wirkungskreise trat, mehr und minder 
geltend wurden. 

Er wurde 1414 geboren und erhielt 1440 das Fürstentum 
Ansbach, 1404, nach dem Tode seines ältesten Bruders, auch noch 
Bairenth; in deu Besitz Brandenburgs kam er erst 1470, als sein 
unmittelbar vor ihm stehender Bruder, Kurfürst Friedrich IL ge- 
storben war. Demnach sind von ihm drei unterschiedene Stufen 
fürstlicher Berufstätigkeit, die er, jugendlich, gereift und schon 
alternd, einnahm, bestiegen worden; auf den ersten beiden zeichnete 
er sich vorwiegend als Ritter und Kriegsmann aus, die dritte hat, 
sachgemäfs, seinen inneren Wert und sein staatsraännisches Talent 
am meisten ins Licht gestellt. 

Albrecht's Zeitalter war also, so weit er als vollendeter Mann 
und Fürst in Betrachtung kommt, die zweite Hälfte des fünfzehnten 
Jahrhunderts, wo schon das Schiefspulver das Kriegswesen zu ver- 
ändern und die Buchdruckerkunst aus ihrem Keime hervorzugehen 
begann. Die Wissenschaften lebten in dieser Zeit auf; die Vorspiele 
der Kirchenreformation waren meist vorüber und die Entdeckung 
Amerikas stand am Horizonte. 

Das Alles wirkte mächtig auf ihn, aber kaum minder ist sein 
ganzes Thun und Wesen durch jenes damalige Reichsoberhaupt und 
die mit ihm zusammenhängenden Zustände Deutschlands bedingt 
worden. 

Die Regierung Kaiser Friedrichs III.*) erfüllte fast diese ganze 
in Rede stehende Periode, und unter ihm, der so matt und 
unselbstständig und dennoch so begehrlich war, that jeder Reichs- 
stand, was ihm getiel, und öffneten sich dem Kriege alle Thüren. 
Das förderte den Brandenburgischen Achilles, seine Kräfte wurden 

*) 1439-1493. 



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als Politiker and Kriegsheld. 



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flüssig gemacht, und er kam in das richtige Fahrwasser. Jene 
Kämpfe übten und befriedigten ihn, sein Eisen im Blute machte 
ihn zu einer unentbehrlichen Stütze Friedrich's. Ihm zur Seite und 
in seinem Dienst zeigte sich Albrecht mit Geist und Schwert und 
Schild schon als ein frühzeitiger Schirmvogt Deutschlands, dem- 
jenigen, was für letzteres die Hohenzollern nachmals in so grofseui 
Mafsstabe thun und werden sollten, ging seine dermalige Leistung 
schon urbildlich voraus. 

Wenn, in seiner Zeit das Ansehen der feudalen Aristokratie sich 
schon zu mindern und dasjenige des Bürgertumes gleich mäfsig 
emporzugehen begann, so schuf ihm das Widerstreit, aber auch 
Erfahrung. Er ist dadurch in Kämpfe, die für ihn ruhmvoll aus- 
gingen, verwickelt, und nachmals zu Friedensarbeiten, die ihn nicht 
minder auszeichneten, geleitet worden. Seine Einsicht wuchs mit 
jedem Kriege und jeder Friedensthat, und wenn diese Wirkung sich 
mit denjenigen der glücklichen Naturanlage und der in dieser Ära 
beruhenden Geistesantriebe verband, so erlangte Albrecht damit 
einen im fünfzehnten Jahrhunderte schon recht hohen Standpunkt 
der Weisheit nnd Bildung. Ein Ritter dem, ohne sein Rittertum 
zu schädigen, schon das Feuerrohr in der einen und das gedruckte 
Wort in der andern Hand lag, war wohl sehr ungewöhnlich; ein 
Fürst von solcher Erleuchtung und Thalkraft, der erst am Lebens- 
abende in die Fülle seiner Berufstätigkeit trat, um ihr den reichsten 
Erfahrungsschatz zuzubringen, stellt sich ganz anfserordentlich dar. 
Mau erkennt wohl auch hier einen frühen Vorausgangsfall dessen, 
was in Albrecht's Geschlechte vierhundert Jahre «päter so grofsartig 
zum Vorschein kam. 

Alles erwogen zeigt, sich dieser ritterliche Fürst als eine ganz 
eminente Persönlichkeit. Er war nicht nur der erste Held, sondern 
auch ein überragender Feldherr und Staatsmann jener Zeit. Seine 
hohe markig»- Gestalt flöfste Bewunderung ein, seine Kundgebungen 
des Mutes und der Besonnenheit, der Einsicht und moralischen 
Festigkeit thaten das noch viel mehr. Feurig und zähe zugleich, 
besafs er mit der Waffenlust auch ein mächtiges Kriegstalent; da 
sie, von der Wurzel auf, unablässig geschult wurden, so fibertraf er 
hierin seine meisten Zeitgenossen. Die Turniere verjüngten ihn und 
er trug in siebenzehn solchen den Preis davon; jeder Zweikampf 
erprobte den ritterlichen Wert dieses Fürsten und jede Schlacht 
kennzeichnete sein volles Genie und Heldentum. Albrecht's Schwert 
blitzte in Polen und Schlesien, Böhmen und Baiern; die Nürnl)erger 
haben es gefühlt; Ludwig der Reiche von Baiern -Laudshut ist von 

1* 



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4 Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



ihm erschüttert und Carl der Kühne von Burgund aus dem Felde 
getrieben worden. Er war des Kaisers Anwalt und Kronfeldherr 
ringsum; — wie ist dadurch seine Reichstreue und hohe Begabung 
weithin anschaulich geworden! — 

Deu ihm gewordenen Vorteil einer Vereinigung der fränkischen 
Länder vertiefte Albrecht in allen politischen und kulturellen Hin- 
sichten; im Kurfürstentume Brandenburg entfaltete er ein grofses 
Banner und zerhieb die Knoten schwieriger Erbstreite. Das branden- 
burgische Lündergebiet wuchs durch ihn; die Landesschulden wurden 
getilgt, die Raubritter überwunden, — welch' eine Hebung des 
inländischen Kulturstandes entsprang schon aus diesen Mafsnahmen! 
Endlich verdankte man diesem Kurfürsten eine für die hohen- 
zollersche Aufstrebung sehr bedeutsame Erb- und Hausordnuug. 

Dafs Albrecht Achill prachtliebend war, schmälerte den in ihm 
beruhenden moralischen Wert nicht, und hat eben so wenig sein 
kriegerisches und politisches Vollbringen berührt. Sein Fränkisches 
Kadolzburg war kein Capua, sondern eine Stätte der Anmut und 
Kunst, wie sie hohen Standpunkten entsprechend ist. 

Albrecht Achill ist derjenige brandenburgische Hohen/oller, der 
das mittelalterliche Wesen, welches er repräsentierte, doch schon in 
ein Licht der Veredelung gestellt hat. Er richtete das urbildliche 
Rittertum, welches verloren gegangen war, wieder auf und durch- 
drang es mit dein Geiste; er hat zuerst den thaisächlichen Beweis 
geführt, dafs ritterliche und kulturelle Strebnngm zusammengehen 
können. 

Die an ihm bemerkten Fehler gingen meist in seinen Vorzügen 
auf; wo sie stehen blieben, waren es doch nur die das Licht des 
Bedeutenden hervorhebenden Schattenstriche. Er ist tiefer Studien 
wert und kann nicht genugsam durch ansehnliche Schriftwerke 
gefeiert werden; aber in einnr Wesenheit wie die seinige drückt 
sich so sehr das Einzelne im (tanzen und das Ganze im Einzelnen 
aus, dafs auch eine mir ihren Hauptzügen gewidmete Skizze schon 
eindrucksvoll werden kann. 

II. Auf den Vorstufen. 

In der Zeit Albrecht's und zumal während seiner früheren 
Kämpfe, mischte sich, was die Kriegsverfassung betrifft, zur Wirkung 
des Lehens in stets zunehmender Weise diejenige des Soldwesens. 
Die Keiterei war noch immer bevorzugt, und ihre, nach wie vor 
mittelalterlichen Trutzwaffen hatte man nur ein wenig erleichtert; 



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als Politiker and Kriegsheld. 



das Fufsvolk, in Scharen zu je 100 Mann auftretend,*) stand 
10 Mann tief und führte lange Spiefee und kurze Schwerter; die 
Hakenbüchse, als Urform des tragbaren Feuergewehrs, befand sich 
noch sehr in der Ausnahme. Das Geschütz kam selten vor und 
leistete wenig; die Befestigungen der Städte bestanden in hohen 
Mauern und Türmen. Die Überfalle und Leiterersteigungen wurden 
durchweg langwierigen Belagerungen vorgezogen, und so kam es 
bei der Befestigung einer Stadt hauptsächlich darauf an, dafs sie 
sturmfrei und zumal gegen Handstreiche gesichert war. Die merk- 
würdigsten Kämpfe dieser Zeit beruhten unbedingt in den Hussiten- 
kriegen, und gerade in diesen hat Albrecht seinen hauptsächlichsten 
.Jugendkursus der Kriegskunst gehabt. Diese Hussitenkriege machten 
einmal den vorhandenen Waffenapparat besonders anschaulich und 
trugen zweitens zu dessen allmählicher Veränderung das Meiste bei. 
Um den Vorstöfsen und Verwüstungen des Gegners, mit welchen 
man stritt, zu begegnen, mufsten an der böhmischen Grenze stehende 
Truppen bereit gehalten werden, und für diese brauchte es einer 
reit blichen Verstärkung durch Söldner. Die ungemeine Stärke der 
hussitischen Verteidigung schuf diesfeits vollkommenere Angrifl'smittel ; 
waren Zisca's Kriegswerkzeuge ganz ungewöhnlich, so leitete das zu 
einer vermehrten Anwendung der Feuertaktik. Dem hussitischen 
Fanatismus eudlich war nur mit der Übermacht beizukomuien und 
diese erschwang man lediglich durch immer zahlreichere Soldtruppen; 
so bekam in der Kriegsverfassung dieser Zeit das Soldwesen einen 
immer gröfseren Rang. 

Was Albrecht betrifft, so hat der eigenartige Hussitenkrieg ihn 
mehr geübt, gestählt und, selbst dem Ungewöhnlichsten gegenüber, 
standfester gemacht, als es jeder andere vermocht hätte. Schon als 
sechszehnjähriger Jüngling focht er, an der Seite seines Vaters, 
gegen jene wilden Feinde, und daran reihte sich Kampf um Kampf, 
stets Draug und Gefahr, eine unvergleichliche Schule der Umschau, 
Ausdauer und Geistesgegenwart. Als Albrecht 143S, beim Wieder- 
ausbruch des Krieges, Tabor belagern wollte, hatten sich die 
Böhmen um diese Stadt verschanzt und zwar auf beiden Ufern der 
von ihueu mehrfach überbrückten Luschnitz. Albrecht bot ihnen 
eine Schlacht, aber sie versagten sich derselben, und auch er bezog 
jetzt, ihnen gegenüber, ein verschanztes Lager. Zwischen diesen 
Lagern tobte täglich ein kleiner aber überaus schwieriger Kampf, 
in welchem Albrecht's Einsicht und Heldenkraft sich so hervorthat, 



*) Fähnlein oder auch „KumpaneY" genannt. 



6 Kurfürst Albrccht Achill von Brandenburg 

diifs ihn, mit Bezug hierauf tler Historiograph der Hussiten 
Theobald, hoch gerühmt hat. Auch würde er hier, wo man ihn 
trotz seiner damaligen Jugend schon als Heerführer auftreten sieht, 
inutinafslich durchgedrungen sein, wenn nicht ein Einfall der Polen 
in Schlesien ihu dorthin, wo er neuen Kriegsruhm erwarb, ab- 
gerufen hätte. 

Bald nach diesen Kämpfen übernahm Albrecht, erst 26 Jahre 

alt, das ihm von seinem Vater schon 1437 durch den Kadolzburger 

Hausvertrag vererbte Fürstentum Ansbach. Für dieses kleine Land 

brauchte es wenig Staatskunst, und ein grösseres stand unserem 

Helden vorerst nicht in Aussicht. Sein zweiter und jüngster 

Bruder herrschten in den Marken,*) der älteste besafs Baireuth**) 

und die Altersverschiedenheit dieser vier Brüder war nicht bedeutend; 

da überdies iu Brandenburg ein Kurprinz vorhanden war,***) so 

liefs sich damals nicht annehmen, dafs Albrecht's Herrschaft über 

Ansbach hinausgehen, noch weniger, dafs einst das ganze hohen- 

zollern'sche Besitztum in seiner Hand vereinigt werden würde. 

Dieses gegenwärtige Verhältnis gab seinen ritterlichen Neigungen 

viel Spielraum. Er flog vom Spiele zum Ernst und vom Ernst zum 

Spiele der Waffen; wenn dieser Abschnitt hier nur eine Einleitung 

zu Albrecht's kurfürstlicher Ära bildet, so ist es doch lohnend, 

auch aus ihr schon einige zur Charakteristik unseres Helden 

dienende Thatsachen hervorzuheben. 

Auf einem grofsen Turniere zu Augsburg that er sich u. a. 

ganz besonders hervor, und es steht darüber in Crusius Schwäbischer 

Chronikf) wörtlich: 

»Zu Augsburg wurde 1412 ein Turnier von 300 Edel- 

leuten und 54 Rittern gehalten; wobei bewaffnete 

Bürger von allen Zünften die Schraukeu bewahrten. 

Marggraf Albrecht, von Brandenburg kam in die Stadt 

am gailen Montag. Er rennete scharpff (d. h. allein mit 

einem Schild, Sturmhauben und spitzigen Lanzen, ohne 

weitere Waffen) mit Herr Hansen von Fronsberg (der 

bewaffnet warft) rtn ^ dem Fronhoff. Auf diesem Turnier 

ist niemand kein Unglück wider fahren. 1 : 

*) Friedrich II. als Kurfürst u Friedrich der Fette in der Altniark u. Priegnitz. 
**) Das war Johann der Goldinucher, welcher auf das Kurfürstentum ver- 
zichtet hatte. 

***) Johann, der einzige Sohn Kurfürst Friedrichs II. 

t) III. Teil siebentes Buch, cap. III. 
ff) Also aufser Ilelm, Schild und Lanze noch mit der Rüstung, dem 
Schwerte und Morgenstern. 



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als Politiker and Kriegaheld. 



7 



Aus dieser nur knappen Äufserung geht mindestens hervor, dafs 
Albrecht, da er seinem Gegner so viei voraussah, sich einer grofsen 
Überlegenheit in der Turnierkimst bewufst war, und diese ihm auch 
von dem Widerpart, wie von den Tumierrichteru zugestanden wurde. 
Auch dafs einem Festspiele mit scharfen Waffen hier kein blutiges 
Opfer fiel, kann nur der Kunstfertigkeit jener Turnierenden und 
zumal ihres Matadors zugeschrieben werden. Wie viel interessante 
Lebensgefahr bestand Albrecht in seineu siebeuzehn Turnieren, welche 
Pracht umgab ihn dabei, und mit welchen Preisen ist er gekrönt 
worden! Man begreift, dafs aus dieser Turnierglorie ihm ein immer 
höheres Selbstgefühl und eine immer gröfsere Sicherheit mit den 
Waffen hervorgehen mufste, und man sieht wohl aus unseren 
modernen Zuständen, auch bezüglich des Turuieres, nicht ungern 
auf einen Kriegsmaun zurück, «1er mit Schwert und Schild das Wort: 
»Selbst ist der Mann« in solcher Weise bewahrheitet hat. 

Trat in diesen Turnieren Albrecht nur mit der einzelnen Person 
ein, so hat er in seiner Markgräflichen Zeit (1440 — 1470) auch viel- 
fach wirkliche Kriege geführt und diese kennzeichneten sein Helden- 
tum und Führertalent sehr mannigfaltig. Am meisten ist er, nach 
diesen Richtungen hin, durch seinen Kampf mit den Nürnbergern 
charakterisiert worden. 

[)as Burggraftum Nürnberg überkam den Hohenzollern schon 
im 12. Jahrhunderte, die Stadt Nürnberg aber wurde 1210 zur 
freien Reichsstadt und trennte sich also zu dieser Zeit von ersterein; 
gleichwohl blieb die Burg von Nürnberg den Burggrafen und wurde 
erst 1417 von Friedrich VI. an die Reichsstadt verkauft. Oabei 
blieben aber ihm und seinen burggräflichen Nachfolgern urkundlich 
verschiedene Vorrechte, zumal diejenigen ihres Vorsitzes im Nürn- 
berger Stadtgericht und der Einziehung von Strafgeldern und ge- 
werblichen Steuern. Ks konnte nicht fehlen, dafs dies, und alles was 
damit zusammenhing, einer ohnehin zwischen diesen Grenznaehburn 
bestehenden Eifersucht reichliche Nahrung gab; auch war die Zeit 
des Kampfes zwischen Adel und Städten noch nicht ganz vorüber, 
und jede Partei wurzelte so fest in ihren Begriffen, dafs dies eine 
den alten Streit oftmals erneuernde Gereiztheit beider Teile ausgab. 
Hier speziell standen eine Reichsstadt, die so reich und angesehen 
wie übermütig war, und ein Fürst, der sich nie ein Recht vergab 
und den Kampf eher suchte als mied, hart an einander; — diese 
Bewandnisse schufen einen Zusammenstofs. Die Nürnberger wider- 
strebten jenen Privilegien, welche Albrecht für sich in Anspruch 



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Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



nahm, schon seit lange und schädigten ihn in Betreff derselben 
zuletzt so ansehnlich, dafs er sie 1449 bekriegte. 

Arn 2. Juli dieses Jahres sandte er ihnen durch einen in Schwarz 
und Weifs gekleideten Herold seinen Absagebrief, und ein solcher 
erging demnächst noch an viele andere Städte, welche zu Nürnberg 
hielten und ihn durch ihre ganze Haltung herausgefordert hatten.*) 
Xach diesem Vorgange stand er als Angreifer einem mächtigen 
Städtebündnis gegenüber, und wenn in Betrachtung kommt,* dafs 
sein Besitztum und also seine Streitmacht nur klein war und sich 
die von den benachbarten Fürsten ihm unmittelbar geleistete Hülfe 
nicht hoch veranschlagen Hefa, so stellt dies sowohl seine ritterliche 
Kühnheit, als sein Bewufstsein des eigenen persönlichen Könnens in 
das hellste Licht. 

Am 7. September 1440 nahm er den Nürnbergern, nach mehr- 
wöchentlicher Belagerung das Schlofs Lichtenau**), und wenig Tage 
später legte sein Feldhanptmann Heinrich v. Craylsheiin die Stadt 
Hafsfeld in ^ Asche. Die Nürnberger erhielten Zuzug und nahmen 
Baiersdorf, aber der Markgraf erstürmte Gräfcnberg***), welches von 
seiner Bürgerschaft und 500 Nürnberger Kriegsknechten tapfer ver- 
teidigt war. Bei dieser Gelegenheit that sich Albrecht aufser- 
ordeutlich hervor: er war der zweite Mann, welcher die Stadtmauer 
erstieg und der erste und in diesem Moment einzige, welcher in die 
Stadt herab und mitten nuter seine Feinde sprang. Friedrich der 
Grofse verglich ihn in Betreff dieser Kriegshandlung mit Alexander 
von Macedonien, welcher sich der Hauptstadt der Oxydracier in ganz 
ähnlicher Art bemächtigt hatte, f) Der kühne Markgraf war nach 
seinem Sprunge vorerst allein, und schien, von zahlreichen Gegnern 
bedrängt, eine sichere Beute des Todes zu seiu; aber ihn schreckte 
die so ungewöhnliche Lage nicht, und er behauptete sich in ihr, 
seinen Rücken sichernd, so lange, bis sein Kriegsvolk die Mauern 
überstiegen und die Thore gesprengt hatte. 

Im folgenden Jahre wurde der Kampf gegen Nürnberg und 
seine Partner eifrig fortgesetzt. Albrecht zog am 11. Mai 1450 
gegen sie, von Schwabach aus mit 000 Reitern, vielem Fufsvolk und 
Geschütz, indem er ihnen sagen liefs, dafs er den See bei Pitten- 



•) Crusius Schwäbische Chronik III. Th. 7. Buch Kap. VIH 
**) Im Ansbach'schen endaviert. 
***) 3'/i M. nordnordöstlich von Nürnberg, 
t) Friedrichs d. Grofsen Nachrichten zum Behuf der Branden- 
burg. Geschichte, in Betreff Albrecht Achill's. 



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als Politiker und Kriegsbeil!. 



0 



reuth*) fische« wollte**) und sie kommen möchten, um die dort 
gefangenen Fische mit ihm zu verzehren. Sie erschienen alsbald 
mit 800 Heitern und 3000 Mann Fufevolk auf dem Platze, und hei 
dem Zusammenstofse, welcher jetzt stattfand, wurde Alhrecht vom 
Glücke verlassen. Zwar stürzte er sich heldenmütig in das dichteste 
Kampfgewühl und focht, von seiner Umgebung getrennt, allein gegen 
zahlreiche Feinde, aber die Umstände waren gegen ihn und er konnte 
sie nicht bewältigen. Er eutrifs dem Standartenträger Nürnbergs 
sein Banner und widerstand mit seiner einzelneu Person 16 feind- 
lichen Reitern, aber das half Alles nichts, und man entzog ihn, mit 
Wunden bedeckt, nur mühsam der Gefangenschaft. Es war ein 
seltener und nur durch den Geist des Rittertumes erklärter Fall, 
dals derjenige, welcher als Feldherr weichen mufste, sich doch für 
seine Person den schönsten Lorbeerkranz erstritt. 

Albrecht litt in diesem Gefechte ansehnlichen Verlust, aber er 
brachte ihn wieder ein; er soll in diesen Kämpfen mit den Nürn- 
bergern und ihren Bundesgenossen achtmal gesiegt und nur diese 
eine Niederlage erlitten haben.***) Seinen Zweck erreichte er im 
Wesentlichen endlich doch, denn als nach des Kaisers Wunsche eine 
Friedensvermittelung eintrat und vermöge derselben 1451 dieser 
fränkisch -schwäbische Krieg zwischen Fürsten und Städten zu Ende 
ging, wurden ihnen von den Nürnbergern immerhin Zugeständnisse 
gemacht, durch welche er sich für befriedigt hielt. 

Seinen in diese Ansbacher Periode fallenden Krieg mit Ludwig 
dem Reichen von Baiern-Landshut hat Albrecht 1457 und 1402 
nicht im eigenen Interesse, sondern im Dienste des Kaisers geführt. 
Die Reichsstädte Wien und Augsburg unterstützten ihn dabei, aber 
das Kriegsglück wechselte hier, und wenn er seinem Gegner ver- 
schiedene Städte nahm, so ist dieser Vorteil doch wiederum verloren 
gegangen. 

Eine schwerwiegende Veränderung entsprang für Albrecht aus 
dem 1464 erfolgten Tode seines ältesten Bruders Johann, denn da 
dieser keine Erben hinterliefs, so fiel das Fürstentum Baireuth nun- 
mehr unserem Helden zu, und dieser ist damit auf eine höhere Stufe 
seiner Machtvollkommenheit getreten. Sie bildete nur einen Ueber- 
gang in Albrecht's gröfseres Zeitalter — ein Bindeglied zweier 
Hälften seines Lebenslaufes, die ihn beide als Kriegshelden und 

*) Etwa IV, M. nordöstlich* von Schwabaeh und 1 xM. südöstlich von 
Nürnberg. 

••) Crusius, III. Th., 7. Buch, Kap. IX. 
*•») Cruuius, HI. Th., 7. Buch, Kap. VIII. 



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10 Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 

Politiker zeigten, wo aber doch, sowohl den Altersproportionen 
als den dort und hier zu lösenden Aufgalien nach, in ersterer die 
kriegerische und in letzter die staatsmännische Arbeit überwog. 

III. Als Kurfürst von Brandenburg. 1470-148«. 

Fs war eine seltcue Fügung, dafs 1404 auch Friedrich der 
Fette starb und hierdurch, zu derselben Zeit wie das fränkische, 
so auch das brandenhurgische Besitztum der Hohenzollern vereinigt 
wurde; noch merkwürdiger, dafs Kurfürst Friedrich II. seinen ein- 
zigen Sohn 1460 durch den Tod verlor und er selbst 1470 die 
Regierung Brandenburgs niederlegte, um sich, dem Herrscherberufe 
ganz entsagend, nach Plassenburg im Fränkischen Fürstentume 
Cultubaeh zurückzuziehen.*) Er starb hier schon 1471 und wurde 
von Albrecht, der nur ein Jahr jünger war, um 15 Jahre überlebt. 

Das ganze Ländergebiet dieser Dynastie kam hierdurch unter 
Albrechts Zepter und dieser, einer solchen Steigerung seiner Macht 
und 1 'Hiebt nicht gewärtig, und für sie nicht vorbereitet gewesene 
Fürst, hat gleichwohl erstere weise zu brauchen und letztere 
bewunderungswürdig zu erfüllen gewufet. 

Die fränkischen Fürstentümer hatten einen Flächenraum von 
etwa 112 UM.; das brandenburgische Land war von Friedrich I., 
die Altmark, Priegnitz, Uckermark und Mittelmark einschliefsend, 
mit etwa 42ii DM. übernommen und dann durch Friedrich II. um 
1H5 □ M. vergröfsert worden, so dafs es also Albrecht Achill mit 
einem Areal von OOS GM. erhielt. Diesem das fränkische Besitztum zu- 
gerechnet, belief sich 1470 sein ganzes Gebiet auf 720 □ M., und 
er selbst vermehrte es noch um 48. Wenn man das kleine Ansbach, 
welches er ursprünglich nur besafs, hiermit in Vergleich ung stellt, 
so mufs anerkannt werden, dafs das in der Dauer - seit 1440 
stattgefundene Wachstum seines Herrschaftsbereiches ganz aufser- 
ordentlich war. 

Das Zweierlei dieses Besitztums, dessen ganz verschiedenartige 
Hälften auch ein beträchtlicher Zwischenraum trennte, hat seinen 
Beruf erschwert und ihm wegen seiner Bevorzugung des fränkischen 
Gebietes auch Mifsbilligung zugezogen, zumal als er den Kurprinzen 
Johann zum Statthalter Brandenburgs machte und für seine eigene 
Person in den fränkischen Ländern heimisch blieb. Aber dieser 
Tadel ist nicht ganz gerecht, denn AI brecht« Vorliebe für Ausbach 



*) Ks war das zumeist durch seine abnehmende liesuudheit und Lebenskraft 
verursacht. 



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als Politiker und Kriegsheld. 1 1 

und Baireuth, die durch eine dreifsigjährige Gewohnheit genugsam 
erklärt war, kann, da sie keine Vernachlässigung Brandenburgs 
bewirkte, nur für etwas privates und persönliches gelten. Einmal 
wufste Albrecht genau, dafs der von ihm eingesetzte Statthalter 
nichts versehen würde, zweitens forderte er von demselben stets 
Rechenschaft und ordnete, trotz seiner Entfernung, die grofeen 
Regierungsnmfsregeln stets, so wie es im Interesse des Landes lag, 
selbst an. Wenn er die Schulden Brandenburgs getilgt, seine Zu- 
stande geregelt, die inneren Ruhestörer besiegt, den braudenburgischeu 
Anspruch auf Pommern durchgesetzt und das Herzogtum Crossen 
erworben hat, so sind das grofse Handlungen zu Gunsten des Kur- 
fiirstentumes gewesen, und es erscheint diesen gegenüber nicht mehr 
wesentlich, ob Albrecht das Einzelne des Regierungsbetriebes selbst 
leitete, oder durch denjenigen, welcher ihm so ganz nahe stand, in 
seinem Geist und Sinne leiten liefs. Auch wurde Johann*) dadurch 
mit den brandenburgischen Ländern frültzeitig vertraut gemacht, und 
das hat nachmals segensreiche Früchte getragen; vom Kurfürsten 
Albrecht Achill aber ist, bei seiner Mafsnahme, dieser Vorteil offen- 
bar mit in Betrachtung gezogen worden. 

Als Kurfürst Albrecht 1770 die Regierung Brandenburgs über- 
nahm, war der Horizont dieses Landes ungemein bewölkt. Es 
schwebten Erbstreite, bei denen man in Nachteil gekommen war, 
die Finanzlage zeigte sich ungünstig, die branden burgischen Rit ter 
von Stegreif hatten wieder ihr Haupt erhoben; es gab kriegerisch 
und politisch an jeder Stelle sehr viel zu thun. 

Dieser Gröfse seiner Aufgabe war sich auch Albrecht vollständig 
bewufst, und als er 1471 das erste Mal in die Marken kam, stand 
es sehr klar vor seinen Augen, dafs sein Vollbringen hier in Branden- 
burg schwer, und bei unverminderter Sorgfalt für die fränkischen 
Länder um so schwerer sein würde. Wie er von vornherein eines 
mit dem anderen verband, das gab sich zumeist in seinem Brief- 
wechsel mit der damaligen stellvertretenden Regierung von Ansbach 
und Baireuth kund.**) Der neue Kurfürst erkannte genau, dafs es 
darauf ankam, einmal der unter dem jiebeujrten Friedrich ein- 
gerissenen Auflockerung gegenüber die Zügel der Regierung strammer 
anzuziehen, zweitens den vorhandenen l ebelständen, Zug um Zug, 
kräftig abzuhelfen. 



*) Nachher als Kurfürst (1480— 99) Johann Cicero. 
**) Hier kann als Quölle zumeist das „Fünft Merkisch Buch des Kur- 
fürsten Albrecht Achilles" in Betrachtung kommen. 



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12 



Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



Wenn er bei seinem ersten Eintritt in das Brandenburgische 
Land aussprach: 

> Wir wollen unnser dingk In dem Jar, als wir hynnen 
sind, aufsriehten mit gots hilf, das uunscr kinder sanft 
sitzen und ob got wil wir auch bifs in unser gruben«; 
und dann: 

>der alt got lebt noch, der wirt es unnsern halben, als 
wir getrawen, alles zum besten schicken, dann er ver- 
lefst die gerechtigkeit nicht.«*) 
so war das für ihn sehr charakteristisch. Er drückt darin einen 
starken Willen aus und vertraut auf Gott, er denkt auch an die 
Nachkommen etc. und man sieht, dafs hier Ordnung und Wohlstand 
geschaffen werden soll. 

Dem entsprechen auch schon seine ersten Schritte. 
Nachdem die Huldigung zu Berlin und Cöln stattgefunden 
und er eine weitere Rundreise gemacht hatte, wurde zuerst eine 
Tilgung der aus den Verhängnissen der Zeit erwachsenenen Landes- 
schulden ins Auge gefafst. Albrecht berief für diesen Zweck die 
Abgeordneten von Kitterschaft und Städten im Dezember 1471 auf 
einen Landtag nach Berlin, wo er sie bezüglich der Abstellung jenes 
> ötf entliehen Übels zur Mitwirkung aufrief. Sie verpflichteten sich 

zur Zahlung von 100,000 Gulden, von welcher Summe nach altem 
Brauch den Städten der gröfsere und der Standschaft der kleinere 
Teil zufallen sollte; aber Albrecht verlangte eine gleiche Verteilung 
und kam dann mit demjenigen, was so die Stände über die erste 
Reparation hinaus zu zahlen hatten, diesen aus eigenen Mitteln zu 
Hülfe. 

Für dieses Opfer, welches die Städte und Stände bringen 
mufsttn, wurde ihnen die sogenannte »Landbeude« zeitweise 
erlassen, und sie erhielten überdies das Privilegium zur Erhebung 
einer Kopfsteuer in ihren Ringmauern und Gebieten, durften auch 
jene 100,000 Gulden nur allmälig einzahlen. 

Schon in dieser ersten Mafsregel sprach sich eine sehr gesunde 
Politik nach Innen aus. Der Kurfürst erkannte eben sofort das an 
der Wurzel liegende und jede freie Bewegung hemmende Haupt- 
übel. Indem er es zuerst angriff, schuf er sich freie Anne und, 
indem er selbst gab, was sich geben liefs und den Städten und 
Ständen Ersatz zufliefsen liefs, sind Mifsvergnfigcn und Zerrüttung 



*) Vergl. Dr. C. A. H. Burkhardt's: „Das fünft Merkisch Buch u. s. w." 
in der Vorrede, Ö. II. 



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als Politiker und Kriegsheld. 



13 



der Einzelnen, welche das Werk der Schuldentilgung leicht illusorisch 
machen konnten, fern gehalten worden. 

Albrechts Stellung zu den Marken und Märkeru kann 
nicht nach seinem äufseren Benehmen an dieser und jener Stelle^ 
sondern nur im Hinblick auf seine nach Innen wirkenden Regierungs- 
haudlungen beurteilt werden. Er gehörte durch Geburt uud Er- 
ziehung einer süddeutschen Region an und brachte deren Sitten 
und Gewohnheiten mit — kein Wunder, dafs die Art, mit welcher 
mau ihm bei seiner ersten Rundreise durch die Marken entgegen 
kam, ihn nicht ansprach ! Dies galt zunächst den brandenburgischen 
Städten gegenüber und hier fiel es ins Gewicht, dafs Albrecht durch 
seine Kämpfe mit den Nürnbergern und ihrer Genossenschaft mit 
Mifstrauen und Bitterkeit gegen das Städtetum überhaupt erfüllt 
worden war. Was den brandenburgischen Adel betrifft, so war die 
kühle Haltung, in welcher der neue Kurfürst ihm begegnete, wohl 
teilweise von jeuem selbst verschuldet. Die brandenburgische Ritter- 
schaft genofs damals noch keines so guten Rufes wie später, und 
Albrecht's Vater hatte sogar mit denjenigen Mitgliedern der ersteren, 
welche Wegelagerung trieben, einen recht schweren Stand gehabt. 
Jetzt tauchten sie, durch Friedrichs II. schliefsliche Duldsamkeit, 
ermutigt, neuerdings empor; da konnte es nicht fehlen, dafs dieser 
übel berüchtigte Bruchteil des brandenbnrgischen Adels einen 
Schatten auf das Ganze warf, — zumal da sich der Meinung, dafs 
ein emstlicher guter Wille der unbescholtenen Mehreahl, den Unfug 
Einzelner überwinden müsse, kaum widersprechen liefs. Albrecht 
wollte das Rittertum, schon um seiner selbst willen nur auf 
würdigen Standpunkten sehen; aufserdem aber wurde auch die 
Beseitigung eines inneren Feindes, welcher die öffentliche Ordnung 
und Sicherheit schädigte, von seiner landesherrliehen Pflicht dringend 
gefordert. 

Liefsen ihn solche Bewandnisse, bei seinem ersten Eintritt in 
Brandenburg, auf alle brandenburgischen Ritter, welche ihm be- 
gegneten, düster blicken, so ging Albrecht gegen die wirklichen 
Ruhestörer auch bald mit Mafsregeln vor, und diese bildeten, je 
erfolgreicher sie waren, desto mehr, einen wichtigen Bestandteil 
seiner inneren Politik. 

Schon 1472 am 10. Märe schrieb er an seine Räte zu Onolzbach, 
die ihm von gleichen Ausschreitungen in den fränkischen Ländern 
berichtet hatten, u. a.: 

— — »dann Wir wollen von unserm amtlewten ge- 
horsam haben, das sie rauberey Wem und den die 



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14 



Kurfürst Älbrecht Achill von Brandenburg 



rauberey pflegen, nicht glait geben, noeh vil inynder 
wider die unsern, sie sein wer sie wollen, und ob sie 
doruber vn wissen der Statthalter oder Rete, solchen 
lewten glait geben, etc.*) 
und es ist klar, dafs er in Betreff der brandenbnrgischen Wege- 
lagerer eine vielleicht noch strengere Gesinnung hegte. In Betreff 
dieser letzteren gingen ihm aber auch taglich die schlimmsten 
Nachrichten zu. Diese Raubritter nahmen Viehheerden weg, 
plünderten reisende Kaufleute u. s. w. und sperrten sogar, für solche 
Zwecke die Landstrafseu und Brücken. Zahlreiche Klageschriften 
ergaben hierüber Näheres. Die Wittwe des Herzogs Otto von 
Lüneburg, welche die an der Altniark liegende Vogtei Katzenellen- 
bogen besafs, meldete dem Kurfürsten 1476, dafs ihr in diesem, wie 
im vorigen und vorvorigen Jahre durch brandenburgische Wege- 
lagerer viel Vieh geraubt und auch 1474 ein Dorf verbrannt worden 
sei;**) andere Besitzer berichteten Ähnliches und Schlimmeres. Die 
Klagen bei den Amtshauptleuten oder beim Magdeburger Domkapitel 
fruchteten gewöhnlich nichts und die Notwendigkeit einer Mafs- 
regelnng der Ruhestörer durch den Landesherrn trat immer näher. 
Bei solcher Bewaudnis erliefs Albrecht schon 1472 ein scharfes 
Edikt gegen die Strafsenränber jeder Kategorie. Er verbot darin 
nicht.nur diesen Unfug ernstlich, sondern befahl auch die Verfolgung 
und eventuelle Bestrafung jeder gegen das Edikt handelnden Person. 
Nochmals wurde dieses Edikt mit Schärfung wiederholt, aber doch 
erwiesen sich diese Mafsnahmen noch unzulänglich. Albrecht sah, 
dafs er vor einem nur mit dem Schwerte zu zerhauenden Knoteu 
stand, und der Kurprinz Johann mufste sonach, im Auftrage seines 
Vaters einen förmlichen Feldzug gegen die Raubritter eröffnen. In 
diesem wurden 15 Raubschlösser zerstört und die Schuldigsten der 
in Gefangenschaft gefallenen Wegelagerer hingerichtet. Das war 
immerhin eine kräftige Aktion, durch welche doch für einige Dauer 
Ruhe und Sicherheit erkämpft wurden; nachmals erhob sich dieser 
innere Feind allerdings wieder, und es gelang erst Kurfürst Joachim I. 
ihn ganz zu vertilgen. 

Dienten solche Mafsregeln zur Schuldentilgung und gegen die 
Raubritter dem Lande ganz unmittelbar, so hat Albrechts innere 
Politik auch für die Vorwärtsstrebung und Hausmacht der Hohen- 
zollern, mit denen ja das Beste des Landes und Volkes in alter 



•) Burghardt, S. 65. 
•*) Gallus Brandenburgische Geschichte 11. 307. 



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als Politiker und Kriegsheld. 15 

Folgezeit eng zusammenhing, Bedeutendes gethan. Das geschah 
durch ein 1473 von ihm erlassenes hoheuzollernsches Hausgesetz, 
die sogenannte »Dispositio Achillea,«*) durch welche künftigen 
Zersplitterungen des hohenzollernschen Besitztumes vorgebeugt und 
namentlich die Zusainmenhaltung der brandenburgischen Lande ur- 
kundlich festgesetzt wurde. 

Das Zusammenhaltungsprincip dieses Gesetzes hat sich nachher 
im Interesse des Ganzen stets bewährt, und es kann so der in ihm 
beruhenden weisen Politik Albrecht Achills ein belangreicher Anteil 
an den Grundursachen dieser stetigen Konservation und Fort- 
schreitung des brandenburgischen und preufsischen Staatswesens, 
welche sich nach ihm bemerkbar machten, zugeschrieben werden. 
Als es in Aussicht kam, dafs das iMarkgräflich Fränkische Haus mit 
dem Markgrafen Christian, Friedrich, Carl, Alexander, wahrscheinlich 
aussterben und alsdann das fränkische Land an Prenfsen fallen 
werde, suchte 1778 der Wiener Hof einem solchen Begebnisse vor- 
zubeugen und stellte im August dieses .Iah res dem Könige Friedrich II. 
die Forderung: die Markgraftümer Ansbach und Baireuth, so lange 
nachgeborene Prinzen dieses Hauses da wären, noch nicht an die 
Hohenzollern8che Kurliuie zu bringen. Die Verhandlungen hierüber 
wurden durch die Minister beider Höfe geführt und dem Könige 
gingen danach im Lager zu Welsdorf modificierte Vorschläge 
Österreichs zu, die aber ebenso wie die frühern unter Berufung auf 
die Achilleische Erbfolgeordnung abgelehnt wurden.**) Man sieht 
daran wie überaus weittragend jenes Hausgesetz war. 
_____ (Schlote folgt.) 

•) Gallus, II. 311 ff. — Fix, Territorialgeschichte des preußi- 
schen Staates 46. 47. 

**) Friedrichs des (irofsen liinterlassene Werke V, Briefwechsel 
des Kaisers Joseph und der Kaiserin Königin Maria Theresia, mit 
König Friedrich, in Betreff der baierschen Krbfolge. 



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• 

16 Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



Las italienische Heer nach den Gesetzen des 

Jahres 1882. 



Von 

Fr. Rhazcn, 



(Schiurs.) 

Die italienische Mobilmiliz ist, wie schon angedeutet, bestimmt, 
im Kriege möglichst Seite an Seite mit dem Heere 1. Linie zu 
kämpfen und soll, obwohl im Frieden Cadres für dieselbe nicht bestehen, 
bei einer Mobilmachung sich schleunigst in kriegsbereite Verfassung 
setzen. Die Bataillionsstäbe und Compagniecadres sollen in der 
Zeit zwischen dem Erlafs der Mobilmachungsordre uud dem Ein- 
treffen der ersten Mannschaften aufgestellt werden. Zu ihrer Bildung 
werden Offiziere di complemento, der Mobilmiliz und für höhere 
Stellen ausschliesslich solche des stehenden Heeres herangezogen, 
die im Frieden schon ihre Bestimmung erhalten. Die Distrikte bilden 
für die einberufene Mannschaft der Alpentruppen, Artillerie-, Ver- 
pflegungs- und Sanitäts-Conipagnien nur Durchgangsstationen zu den 
aktiven Truppenteilen, für die der Fufstruppen dagegen die Mobil- 
machungscentren, zu deren Ausrüstung sie das gesamte erforderliche 
Material besitzen. Das neue Organisationsgesetz brachte auch für 
die Mobilmiliz, wie schon früher bemerkt, wesentliche Änderungen. 
Dieses Heer 2. Linie soll nach den neuen Bestimmungen auf 12 voll- 
zählige Divisionen gebracht werden. Ob mau dieselben als operative 
Einheiten für sich betrachten, wie es nach einer bei Brusati ver- 
zeichneten Stärkeangabe scheint, oder ob man sie als dritte Divisionen 
den Liniencorps zuteilen will, darüber dürfte vorläufig das letzte 
Wort noch nicht gesprochen sein. Eine völlig selbstständige Ver- 
wendung der Mobilmiliz-Divisiouen würde wohl wegen gänzlichen 
Mangels au Kavallerie in diesem Heere 2. Linie auf grofse Schwierig- 
keiten stofsen und die Zuteilung von Guidenziigen der »Carabinieri 
reali« zu ihrem Ersatz doch wohl nicht ganz ausreichend sein. 



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Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



17 



Bestimmungsgemäß* soll nach dem neuen Gesetz»* die Mobilmiliz 
48 Regimenter Linieninfanterie zu 3 Bataillonen mit 4 Compagnien, 
18 Bataillonen Bersaglieri und 36 Compagnien Alpentruppen zählen. 
Die letzteren sind bestimmt, gleichzeitig mit den 72 Compagnien 
I. Linie mobil gemacht und mit ihnen zur Verteidigung der Alpen- 
barriere verwendet zu werden, ein Plan, der sich bei der bezirks- 
weisen Unterbringung und Ergänzung wie bei der Mobilmachung 
mit den aktiven Truppen als Centren unschwer durchführen läfst. 
Für die Artillerie der Mobilmiliz sind 13 Feldartilleriebrigaden zu 
je 4 Batterien mit .8 Geschützen und 1 Traincompagnie, 32 Com- 
pagnien Festungs- und Küstenartillerie und 4 Gebirgsbatterien vor- 
gesehen. Eine Brigade Feld- und 2 Compagnien Festungsartillerie 
sollen dabei von einem der Distrikt«* Siciliens aufgestellt werden. 
Material (meist stählerne 9cm, die bei den schweren Batterien durch 
Ocm aus komprimierter Bronce ersetzt wurden) und Ausrüstung 
lagern im Frieden in den Stabsquartieren der aktiven Regimenter. 

Die orgauisationsmäfsig aufzubringenden Genietruppen der Mobil- 
miliz wurden sich aus 5 Sappeurbrigaden mit 10, 1 Pontonnierbrigade 
mit 4, 1 Eisenbahnbrigade mit 2, 1 Telegraphenbrigade mit 3 Com- 
pagnien und 5 Compagnien Genietrain zusammensetzen. Aufserdem 
sind 12 Sanitäts- und 12 Verpflegungs-Compagnien, für jede Division 
eiue, vorgesehen. Die abgesonderte Lage der Insel Sardinien und 
die nicht völlig zweifellose Sicherheit des ÜWsetzens der Urlauber 
auf das italienische Festland haben für dieselbe einen besondere Miliz 
schaffen lassen, welche alle Urlauber der 1. und 2. Kategorie um- 
schliefst, die auf der Insel ausgehoben oder später dorWiin aus- 
gewandert sind. Diese Spezialmiliz Sardiniens umfafst 3 Regimenter 
Linieninfanterie mit je 3 Bataillonen zu 4 Compagnien, 1 Bataillon 
Bersaglieri zu 4 Compagnien, 1 Schwadron, 1 Feldartilleriebrigade 
zu 2 Batterien. 1 Train -Compagnie und je 1 Compagnie Genie-, 
Sanitäts- und Verpflegungstruppen. Man denkt damit den Kern einer 
Verteidigung der Insel sicher gestellt zu haben. Die vorgeschriebene 
Gliederung der Mobilmiliz wird erreicht werden, sobald die 
neuen Rekrutierungsbestimmungen ihren Turnus vollendet haben. 
Vorläufig ist der zur Aufnahme von 200,000 Mann der Mobilmiliz 
bestimmte Rahmen für die 154,000 Mann, welche das Heer 2. Linie 
an ausgebildeten Leuten zur Zeit umfassen dürfte, noch zu weit. 
Es wurden daher die am 13. Juli 1883 vom General Ferrero erlassenen 
Instruktionen für eine Ubergangsorganisation erforderlich. Nach 
diesen ist die Mobilmiliz heute wie folgt gegliedert: 41 Infanterie- 
regimenter zu je 3 Bataillonen = 123 Bataillone, 20 Bataillone 

Jfckrbäch*r für die Dentaca* Arme« and Maxis«. Bd. LH., 1. 2 



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18 



Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



Bersaglieri, 36 Alpen -Compagnien, 10 Brigaden Feldartillerie jede 
zu 3 Batterien und 1 Train-Compagnie, l Feldartilleriebrigade der 
Insel Sicilien zu 2 Batterien und 1 Trainsektion, 20 Compagnien 
Festungsartillerie, 2 Gebirgsbatterien. Genietruppen: 14 Sappeur-, 
je 2 Eisenbahn- und Telegraphen-, 3 Pontonnier- und 4 Gcuietrain- 
Compagnien. Für den Sanitäts- und Verpflegungsdienst sind 10, 
resp. 12 Compagnien in dem genannten Dekret vorgesehen. 

Die Spezialmiliz der Insel Sardinien wird zur Zeit aus 3 Regi- 
mentern Infanterie zu je 3 Bataillonen, 1 Bataillon Bersaglieri, 
1 Schwadron, 1 FeldartillHriebrigade zu 2 Batterien, je 2 Sektionen 
Festungsartillerie und Artillerietrain, je einer Sanitäts- und Ver- 
ptiegungs-Compagnie gebildet. — Es dürfte nicht uninteressant sein, 
hier einesteils nochmals hinzuweisen auf die oben schon angegebene 
Summe von 23,000 Pferden, deren das Heer 2. Linie, einschliefslich 
einer Reserve, bedarf, anderenteils nach Brusati's Aufstellungen, die 
Zahl der für die Mobilmiliz verfügbaren Offiziere, nämlich derjenigen 
»di complemeuto«, der »posizione ausiliaria« und »di riserva« anzu- 
geben, uud dieser Zahl den Bedarf gegenüber zu halten. Nach 
Brusatfs Angaben bedarf die Mobilmiliz an Offizieren für ihre sämt- 
lichen Cadres, abgesehen von Verwaltungs-, Verpflegungsdienst u.dergl. 
4803 Offiziere, eine Ziffer, welehe als mehr denn gedeckt angesehen 
werden kann. — Von schwerwiegender Bedeutung ist auch die durch 
das Heeresorgan isationsgesetz angeordnete organische Neugestaltung 
der Territorialmiliz. Für die grofse Masse der zur Territorialmiliz 
gehörenden Mannschaften war bis dahin eine Gliederung in Ba- 
taillone flicht vorgesehen, bezw. rechnete man mit Sicherheit auf 
ihre Mobilisierung nicht. Nach der im Orgauisatiousgesetz zum Aus- 
druck gelangten neueren Ansicht hält man die Aufstellung des gröfsten 
Teils der Bataillone der Territorialmiliz nicht allein für sicher, sondern 
glaubt sogar an den bedrohten Landesgrenzen sehr bald auf eine direkte 
Unterstützung durch die zunächst befindlichen Teile der Territorial- 
miliz zählen zu können. Unzweifelhaft werden die Einheiten der 
Territorialmiliz im Stande sein, das Heer 1. und 2. Linie von der 
Besatzung der Etappenlinie und, wenn nicht gerade ein Landungs- 
versuch zu fürchten, auch von Besatzuugsaufgaben zu entbinden und 
dadurch die für Operationen des Feldkrieges verfügbare Gesamtkraft 
nicht unerheblich zu steigern. In ihrer neuen Gestalt soll die 
Territorialmiliz 320 Bataillone Infanterie mit je 4 Compagnien, 
30 Bataillone Alpentruppen mit im Ganzen 72 Compagnien, 100 in 
20 Brigaden gegliederte Compagnien Festungsartillerie, 39 Com- 
pagnien Genie in 6 Brigaden, endlich je 13 Sanitäts- und Ver- 



i 



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Da« italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 19 

pflegungs-Compagnien umfassen. Das Ideal ihrer Zusammensetzung 
würde dann erreicht sein, wenn diese sämtlichen Einheiten durch 
Mannschaften gebildet wurden, welche 8 Jahre im stehenden Heere, 
davon 3 Jahre aktiv und 4 Jahre in der Mobilmiliz gedient haben. 
Nach den über die Rekrutierungsart gebrachten Angaben wird dieser 
Wunsch freilich wohl unerfüllt bleiben. Es werden vielmehr, da 
nach wit* vor Mannschaften aus Familienrücksichten sofort in die 
dritte Kategorie überschrieben werden und dort nur eine sehr kurze 
Ausbildung erhalten, ferner Leute der 2. Kategorie mit verschieden- 
artiger Schulung, nachdem sie aufgehört haben, zu der »riserva di 
complemento« des Heeres 1. Linie oder der Mobilmiliz zu zählen, 
endlich die der 1. Kategorie zu ihr übertreten, Elemente von sehr 
verschiedenem Werte darin vertreten sein. Die Neugestaltung hat 
aber fraglos den Vorteil, d;ifs die Mannschaften fast durchweg auch 
in diesen Laudsturmformatiouen hei den Truppenteilen zur Ein- 
reihung gelangen, bei welchen sie wirklich gedient haben. Die 
Kavalleristen würden wertvolles Material für die Trainformationen 
liefern und, wenn erst die Fabrikation der Bronce- 9 cm -Hinterlader 
etwas weiter fortgeschritten ist, der Aufstellung von Ausfallbatterien 
der Territorialmiliz — freilich mit Manltierbespannuug, keine be- 
deutenden Hindernisse im Wege stehen. Die Mobilmachung der 
72 Alpen -Compagnien der Territoriulmiliz erachtet man als voll- 
ständig sicher gestellt und darf dies auch, da für das vergangene 
Jahr eine Art partieller Mobilmachung derselben ganz glatt ver- 
laufen ist. Man rechnet dabei auf eine bedeutende Schnelligkeit 
dieser Mobilisierung, indem die Compagnien der Alpenterritorialmiliz 
als Mobilmachungscentren die Bataillone des aktiven Heeres zu- 
gewiesen erhielten. Als Centren für die Mobilmachung der übrigen 
Truppenteile werden die Militardistrikte angesehen. Jedem derselben 
wird, je nach der Höhe des von ihm aufzubringenden Kontingents 
1. Kategorie, die Zahl der bei der Mobilmachung zu formierenden 
Einheiten schon im Frieden zugeteilt; einzelne Distrikte werden mit 
der Aufstellung der Stäbe für die Artillerie- und Geniebrigaden 
betraut. Stammrollen der Mannschaften der Territorialmiliz und der 
zum Distrikt selbst gehörigen bezw. für die Mobilmachung dorthiu 
abzugebenden Offiziere liegen vor; die Kriegsrangliste wird so viel 
wie möglich auf dem Laufenden gehalten. Ganz dürfte der Bedarf 
an Offizieren für die Territorialmiliz nicht gedeckt werden; Brusati 
führt auch ein Manco von ungefähr 3500 an der auf 7293 an- 
gegebenen Sollstärke an. Die Bildung der Bataillone, bezw. Com- 
paguien der Territorialinfauterie findet mit Hülfe der vorhandenen 

2* 



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20 r> a * italienische Heer naeh den Gesetzen des Jahres 1882. 

Compagnien der Distrikte statt; die letzteren verwalten daher auch 
das Material. Für die Artillerie-, Genie-, Sanitäts- und Verpfiegungs- 
formationen stellen die Militärdistrikte nur die erforderlichen Mann- 
schaften zu interimistischen Verbänden zusammen, rüsten sie mit 
eiuigen (legenständen aus und senden sie dann an die zu nacht ge- 
legenen Artillerie-, Oenie-Territorialdirektionen, bezw. Festungsdepots, 
bezw. die Territorial - Sanitätsdirektionen , wo der ganze Rest der 
Ausrüstung aufgestapelt liegt und die Zusammenstellung der Bri- 
gaden u. s. w. stattfindet. Die Gesamtziffer der Mannschaften der 
Territorialmiliz wird als Nährungswert heute zu etwa 000,000 Köpfen 
angegeben. Da die Zahl der vorhandenen Vetterli-Gewehre (700,000 
mit etwa 145 Millionen Patronen Kriegschargieruug, die freilich 
baldigst auf 1 Million Gewehre gebracht werden sollen) nur für die 
Armee 1. Linie die Mobilmiliz und die Ersatztruppen ausreichen, so 
iunfs für die Bewaffnung der Territorial in iliz mit Hinterladern älteren 
Datums gerechnet werden. 

Es dürfte, ehe wir uns der Zusammensetzung des Heeres nach 
Einheiten zuwenden, hier der Platz sein, kurz der Lehrtruppen zu 
gedenken, über deren Einteilung in den Rahmen der mobilen Armee 
wir auch bei Brusati genauo Angaben nicht finden, von denen wir 
aber glauben möchten, dafs sie bei der Mobilmiliz eingereiht werden. 
Dieselben setzen sich aus 3 Bataillonen Infanterie, in Maddaloni, Asti 
und Verona disloeiert und mit einer Stärke von 78 Offizieren, 
2118 Mann, 12 Pferden; 2 Lehrbatterien mit 8 Offizieren, 004 Mann, 
100 Pferden (dem 10., bezw. 7. Artillerieregiment zugeteilt) einer 
Lehr-Compagnie der Festungsartillerie von 4 Offizieren, 107 Mann, 
1 Pferd (dem 15. Regiment zugeteilt), 1 zur Kavallerie-Nonnalschule 
Pinerolo gehörigen Lehrschwadron mit der aufserordentlichen Stärke 
von 30 Offizieren (einbegriffen die Kommandierten), 004 Mann, 
054 Pferden, sowie endlich je 1 Lehrpeloton beim 1., 2., 3. und 
4. Pontonuier-Genieregiment zusammen. Aufserdem bestehen zur 
Heranbildung von Unteroffizieren bei 13 Infanterie- und G Bersaglieri- 
Regiinentern sogenannte Lehrpeletons, welche jedoch in den Etat 
der betreffenden Regimenter eingerechnet sind. An Lehranstalten 
bestehen Militärkollegien in Mailand, Florenz, Rom, Neapel und 
Messina zur Vorbildung von jungen Leuten auf die Offizierkarriere, 
die »Scuola militare« zur Ausbildung von Infanterie-, Kavallerie- 
und Verwaltungs-Offizieren, die Militärakademie zu Turin desgleichen 
zur Heranbildung der Offizier- Aspiranten, der Artillerie und des 
Genies; im Sinne unserer Artillerie- und Ingenieurschule wirkt die 
»Scuola d'applicazione di artiglieria e genio«; die Infanterie- und 



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Das italienisch« Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



21 



Kavallerie-Normalschulen fordern Offiziere der Infanterie und Ka- 
vallerie in dem Dienste ihrer Waffen; die höchste Stelle endlich 
nimmt die »Seuola di guerra«, welche unserer Kriegsakademie ent- 
spricht, ein. Zu letzterer, die vorschriftsinäfsig einen dreijährigen 
Kursus umfafst, sollen jährlich 52 Offiziere der Infanterie, 8 der 
Kavallerie, 12 der Artillerie und 1 des Genies (letztere aus solchen 
gewählt, welche die Applikationsschule nicht besucht haben) zum 
1. Kursus und 9 Artillerie-, 1 Genieoffizier, welche die Applikations- 
schule besucht, direkt zum 2. Kursus einberufen werden. Dies 
Verhältnis hat bis vor kurzer Zeit jedoch stets eine Verschiebung 
zu Gunsten der Spezialwaften erlitten. 

Fassen wir kurz die Einteilung des Heeres 1., 2. und 3. Liuie 
nach Einheiten zusammen, wie sie sich für ersteres nach dem Re- 
organisationsgesetz von 1882 gestalten soll, wobei aber auf die vom 
General Ferrero am 6. März beantragte Erhöhung um 20 Batterien, 
12 Schwadronen und 6 Geniekompagnien (von welcher uns noch 
nicht ganz klar ist, ob sie ausschliefslich eine Steigerung des stehenden 
Heeres oder die Bildung von Stämmen der Mobilmiliz bezweckt und 
die aufserdem erst binnen Jahresfrist ausgeführt werden dürfte) 
nicht berücksichtigt ist, so ergiebt sich: 

1) Stehendes Heer: 344 Bataillone (288 Infanterie-, 36 Bersaglieri-, 
20 Alpen-Bataillone), 132 Schwadronen, 120 Feld-, 4 reitende, 
8 Gebirgsbatterieu, 30 Compagnien Artillerietrain, 00 Compagnien 
Festungsartillerie, 5 Artillerie- Arbeiter-Gompagnieu, 18 Sappeur-, 
10 Pontonnier-, 4 Eisenbahn-, 6 Telegraphen-, 8 Train-Compagnieu 
des Genies, je 12 Sauitäts- nnd Verpflegungs-Compagnien. 

2) Ersatztruppen: 06 Compagnien Linien-Infanterie, für jedes 
Regiment eine, 12 Compagnien Bersaglieri, 6 Compagnien Alpen- 
truppen, 44 Schwadronen (2 für jedes Regiment) 12 Feldbatterien, 
h Compagnien Festungsartillerie und 4 Compagnien Genietruppen. 
Die Compagnien würden, nach den oben angegebenen Ziffern der 
Ersatzreservisteu zu schliefsen, von vorn herein einen verstärkten 
Etat erhalten können, ja, es stände nichts im Wege, sie zu Ba- 
taillouen zu erweitern, wenn der Vorrat an Offizieren dazu aus- 
reichte. — 

Die Mobilmiliz würde, nach der durch kriegsmiuisterielle Ver- 
fügung angeordneten vorläufigen Gliederung, mit derjenigen der Insel 
Sardinien heute stellen: 132 Bataillone Linien-Infanterie, 21 Ba- 
taillone Bersaglieri, 36 Compagnien Alpentruppen, 1 Schwadron 
(Sardinien), 34 Batterien Feldartillerie nebst 10 Compagnien und 
2 Sektionen Train, 20 Compagnien und 2 Sektionen Festungsartillerie, 



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22 



Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahre» 18K2. 



2 Gebirgsbatterien, 14 Compagnien Sappeurs, je 2 solche von Eisen- 
bahn- und Telegraphenarbeitern, 3 Pontonnier-, 4 Genietrain, 

11 Sanitäts- und 13 Verpflegungs-Compagnien. 

Für das Heer 3. Linie endlich wären 320 Bataillone Linien- 
Infanterie, wovon jedoch zunächst wohl nur V3 niit Stäben besetzt 
werden könnten, 72 Alpen-, 100 Festungsartillerie, 30 Genie- und 
je 13 Sanitäts- und Verpfleguugs-Compagnien zu verzeichnen. 

Die Gliederung in höhere Verbände ist so vorgesehen, dafs das 
Heer 1. Linie in das grofse Hauptquartier, 4 Armeen zu 2, bezw. 
mehr Armee-Corps, 2 Kavalleriedivisionen, die Alpentruppeu und 
die Gebirgsartillerie, die Mnbilmiliz in 12 Divisionen, eine gemischte 
(sardinische) Brigade, die Alpentruppen und die Gebirgsartillerie 
zerfallen würden. Zur Zeit kann man jedoch nicht auf mehr als 
10 Divisionen Mobilniiliz rechnen. Alpentruppeu und Gebirgs- 
artillerie dürften von vorn herein aus den Corpsverbänden ausscheiden, 
um selbstständig die Verteidigung der Grenzen zu übernehmen, und 
zu diesem Zwecke rund 40—42,000 Maun mit 60—72 Gebirgs- 
geschützen zur Verfügung stehen. — 

Wie schon früher bemerkt worden, tritt die Schwäche der 
italienischen Kavallerie recht grell hervor. Planmäfsig kommen bei 
4 Armeen nur 2 Kavalleriedivisionen zur Aufstellung. Nimmt man 
selbst an, dafs eine dieser Armeen mit der Verteidigung Italiens 
gegen Angriffe von der Seeseite her als Kern der Territorialformationen 
betraut würde, so sind 2 Divisionen Kavallerie für 3 Operations- 
armeen durchaus nicht ausreichend. Da diese Kavalleriedivisionen 
planmäfsig nur je 4 Regimenter erhalten, so erübrigen allerdings 
nach Abgabe eines Regiments an jedes Armee-Corps noch 2 Kavallerie- 
Regimenter. Die von General Ferrero beantragte Steigerung um 

12 Schwadronen kann nur den Zweck haben, die beiden restieren- 
den Kavallerie-Regimenter zu einer vollen Division — der Dritten — 
zu ergänzen. 

Die Zusammensetzung der grofsen Einheiten giebt Brnsati wie 
folgt an: 

Die Infanteriedivision des aktiven Heeres setzt sich aus 3 ver- 
schiedenen Teilen, dem Divisionsstabe, den Truppen und den Branchen 
zusammen. Zum Stabe im engeren Sinne gehören 12 Offiziere, 

3 Nichtkombattanten (einschl. Stabswache) 63 Pferde, 8 Fahrzeuge, 
der Stab der Artilleriebrigade mit 4 Offizieren, 8 Mann, 6 Pferden, 
der Sanitäts- und Verpflegungsdirektion mit 0 Offizieren, 22 Mann, 
8 Pferden und 2 Fahrzeugen, im Ganzen 25 Offiziere, 130 Mann, 
3 Nichtkombattanten, 77 Pferde, 10 Fahrzeuge. Die Truppen 



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Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



23 



bestehen ans 2 Brigaden Infanterie = 12 Bataillone mit 310 Offizieren, 
11,162 Mann, 150 Pferden, 1 Feldartilleriebrigade zu 3 Batterien 
mit 15 Offizieren, 5G4 Mann, 301 Pferden, 24 Geschützen, 3(5 Fahr- 
zeugen. — Die Branchen umfassen einen Artilleriepark der Division 
(etwa 1. Staffel der Muuitionskolonnen mit 3 Offizieren, 173 Mann, 
183 Pferden, 39 Fahrzeugen, 1 Sanitätsdirektion mit 0 Offizieren, 
260 Mann, 34 Pferden, 10 Fahrzeugen; 1 Verpfleguugssektion mit 
4 Offizieren, 55 Mann, 13 Pferden, 4 Fahrzeugen. Summa der 
Division: 366 Offiziere, 12,356 Mann, 708 Pferde, 173 Fahrzeuge, 
unter denen 27 Geschütze. Von diesen können 12,000 Mann mit 24 Ge- 
schützen als kombattant betrachtet werden. Die italienische Division 
ist nach dem Gesagten nicht operationsfähig, weil ohne Kavallerie. — 

Die Divisiou der Mobilmiliz weist im Stabe dieselbe, in Truppen- 
teilen und Branchen eine etwas veränderte Zusammensetzung auf. 
Die Division hat zwar, wie diejenige des stehenden Heeres, keine 
Kavallerie, dagegen sind ihr die beim stehenden Heere zu den 
Suppletivtruppen des Corps gerechneten Bersaglieri- und Genie- 
formationen (2 Bersaglieri-Batterien, 1 Sappeur-Compagnie) über- 
wiesen, und besitzt sie an Branchen einen Divisions-Artilleriepark, 
1 Sanitätssektion, 1 Verpflegungssektion, 1 Feldlazarett, dieses mit 
6 Offizieren, 61 Manu, 20 Pferden, 0 Fahrzeugen und eine halbe 
Feldbiickereikoloune mit 4 Offizieren, 105 Mann, 40 Pferden, 10 Fahr- 
zeugen. Ihre Gesamtziffer beläuft sich auf 433 Offiziere, 14,251 Maan, 
706 Pferde, 203 Fahrzeuge, unter denen 24 Geschütze. Von diesen 
können rund 14,000 Mann und 24 Geschütze als kombattant an- 
gesehen werden. Multipliziert man die als Gesamtsumme gegebene 
Ziffer mit 10, fügt die Alpeutruppen der Mobilmiliz und die Gebirgs- 
artillerie hinzu, erstere mit 9648 Köpfen, 300 Tragetieren, letztere 
mit 1116 Mann, 506 Reit- bezw. Tragetieren, 24 Geschützen, 00 Fahr- 
zeugen, zählt endlich noch die gemischte Brigade Sardiniens mit 
10,605 Mann, 553 Pferden, 16 Geschützen, 111 Fahrzeugen hinzu, 
so ergiebt sich als Summe der höchsten Leistungsfähigkeit der 
gesamten Mo bilmiliz heute 4500 Offiziere, 164,000 Köpfe, 0415 Pferde, 
2201 Fahrzeuge, unter denen 280 Geschütze. 

Die planmäfsig zusammengesetzte Kavalleriedivision zu 4 Re- 
gimentern finden wir in folgender Stärke verzeichnet: Stab mit 
einer §anitäts- und Verpflegungs-Direktion: 21 Offiziere, 125 Mann, 
71 Pferde, 10 Wagen. Truppen: 24 Sehwadronen mit 178 Offizieren, 
3382 Maun, 3168 Pferden, 78 Fahrzeugen, 2 reitende Batterien mit 
12 Offizieren, 308 Mann, 326 Pferden, 34 Fahrzeugen, unter denen 
12 Geschütze. Branchen: 1 Sanitäte-, 7a Verpflegungssektion und 



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24 



Das italienische Ueer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



1 Verpfleguugsreservepark mit zusammen 7 Offizieren, 132 Maun, 
91 Pferden, 23 Wagen. Gesanitziffer der Kavalleriedivision: 
218 Offiziere, 3048 Manu, 3659 Pferde, 145 Fahrzeuge, von denen 
3500 Mann und 12 Geschütze als kombattant betrachtet werden 
können. 

Was «las Armee-Corps anbetrifft, so soll sich dasfelbe aus dem 
Stabe, wozu auch der Artillerie- und Geniecominandeur des Corps, 
1 Sanitäts- und 1 Verpflegungsdirektor gehören, den Truppenteilen 
und zwar 2 Infanteriedivisionen in der oben gegebenen Stärke, den 
Snppletivtruppen, bestehend aus 1 Kavallerie-Regiment zu 6 Schwa- 
dronen, 1 Bersaglieri-Regimcnt, 1 Brigade Feldartillerie zu 4 Batterien, 
1 Geniebrigade zu 2 Oompagnien mit Corps-Geniepark, sowie eudlich 
den Branchen: Artilleriepark, Brückentrain des Corps, je eine Sanitäts- 
und Verpflegungssektiou, 1 Proviantkolonne (7 Offiziere, 308 Mann, 
490 Pferde, 134 Fahrzeuge) und dem Reservelebensmittelpark des 
Armee-Corps zusammensetzen. Die G esain tstarke des Corps belauft 
sich dann auf 900 Offiziere, 31.217 Mann, 4573 Pferde, 909 Fahr- 
zeuge, unter denen 80 Geschütze, 28,500 Mann, etwa 800 Pferde 
und 80 Geschütze können davon als kombattant angesehen werden. 
(Treten nach der Vorlage vom 0. März 2 aktive Batterien hinzu, so 
90 Geschütze.) 

Zum Schlufs der Angaben über die Gliederung der höheren 
Einheiten sei hier noch die Zusammensetzung eines Armeekommandos 
erwähnt. Dasfelbe würde sich aus dem eigentlichen Hauptquartier 
(quartiere generale d'armata) d. h. Generalstab, Artillerie- und 
Geuiekommando der Armee und der sogenannten Intendanz der 
Armee, welcher alle technischen und Verwaltuugs-Aufgaben, sowohl 
bezüglich ihrer Leitung als ihrer Ausführung zufallen, zusammen- 
setzen. Zu letzterer gehören 1 Stab, je 1 Direktion für Artillerie-, 
Genie-, Sanitäts-, Verpflegung«-, Veterinär- und Transportdienst der 
Armee, sowie die sogenannten Etablissements zweiter Linie, bestehend 
aus den Centraidepots für Artillerie-, Genie-, Sanitäts-, Verpflegung!*-, 
Bekleidungs- und Ausrüstung«- und Veterinärvorräte, welche ihrer- 
seits als sogenannte »vorgeschobene, bewegliche Etablissements« einen 
Artilleriepark der Armee mit 8 Offizieren 307 Mann, 401 Pferden, 
135 Fahrzeugen, einen Geniepark der Armee mit 4 Offizieren, 
106 Mann, 97 Pferden, 19 Fahrzeugen, 9 fahrbare Feldlazarette, 
von denen jedes 200 Betten zählt; vorgeschobene Verpflegungs- 
etablissements (vielleicht Fuhrparkkolonnen?) mit 33 Offizieren, 
1093 Mann, 1152 Pferden, 570 Fahrzeugen; ein Bekleidungs- und 
Ausrüstungsdepot und für jede Armee, 3 Pferdedepots in den Rücken 



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Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. 



25 



der operierenden Armee nachschieben. Den Verpflegungsetablissements, 
zu welchen eine vorgeschobene Feldbäckerei mit 3 Bäckersektionen 
und einigen fahrbaren Feldbaeköfen gehören, soll für gewöhnlich 
1 Bataillon Mobilmiliz als Bedeckung beigegeben werden. Die Stärke 
eines Armeeoberkommandos giebt Brusati auf 230 Offiziere, 
4229 Mann, 2433 Pferde, 970 Fahrzeuge an. Das Gesagte dürfte 
genügen, um den erheblichen Unterschied in der Zusammensetzung 
eines italienischen und deutschen Armeeoberkommandos, speziell 
auch in den Branchen, hervortreten zu lassen. 

Wenden wir uns nunmehr zunächst der Feldchargierung zu, 
so ergeben sich für den Munitionsnachschub folgende Staffeln: 
Der Mann trägt bei sich 88 Patronen im Tornister und Patron- 
taschen; im Artilleriepark der Division befinden sich 50 Patronen 
für jedes Infanteriegewehr, dieselbe Zahl ist für jeden Infanteristen 
im Artilleriepark des Armee-Corps vorhanden, während für jeden 
Infanteristen und Bersaglieri der Snppletivtruppen 100 vorhanden 
sind; der Artilleriepark der Armee endlich führt mit sich 50 Pa- 
tronen für jedes Gewehr des Corps, im Ganzen 238 Patronen, von 
denen bis am Nachmittage eines Schlachttages etwa 188 zur Stelle 
sein könnten. Über die in den Centraidepots, bezw. in Zwischeu- 
depots und Reserveetablissements (Artilleriedepots der Heimat, 
Patronenfabrikeu) lagernde Patronenzahl fehlen natürlich die An- 
gaben. 

Für die Artillerie bringt Brusati übereinstimmend mit der 
»Rivista di Artiglieria e Genio« (auf deren 1. und 2. Nummer wir 
behufs genauer Orientierung über das italienische Artilleriematerial 
verweisen möchten) bezüglich ihrer Munition folgende Daten: 
7,5 cm Geschütz, Protze und Lafette: 20 Granaten, 

18 Shrapnells, 4 Kartätschen im Ganzen 
in den Munitionswagen 50 Granaten, 48 Shrapnels, 

2 Kartätschen 
im Divisions-Artilleriepark 58 Schufs 
im Artilleriepark des Corps 100 Schufs für jedes 

7,5 cm Geschütz der Divisions- Artillerie 
im Artilleriepark des Corps 158 Schufs für jedes 

7,5 cm Geschütz der Snppletivtruppen 
in dem Artilleriepark der Armee 100 Schufs für jedes 

7,5 cm Geschütz 

Im Ganzen für jedes 7,5 cm Geschütz «= 558 Schufs. 
Über den Munitionsvorrat in den rückwärtigen Depots und in 
den heimischen Munitionsfabriken mangeln die Angaben. 





42 Schuk 




100 » 




58 > 




100 » 




158 » 




100 > 



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26 



Da« italienische Heer nach deu Gesetzen Ars Jahres 1882. 



Munition des 9 cm Geschützes: 
Protze, resp. Lafette: 10 Granaten, K» Shrappnells, 

3 Kartätschen (2 an Lafette) 34 Schüfe, 

in den Munitionswageu 48 Gran., 47 Sehr., I Kart. = 96* » 
im Div.-Artilleriepark 72 Schul» für jedes 9 cm Ge- 
schütz der Division =72 » 
rn Artilleriepark des Corps 101 Schufs für jedes 9 cm 

Geschütz der Division = 101 • 

im Artilleriepark des Corps 173 Schufs für jedes 9 cm 

Geschütz der Suppletivtruppe =173 » 

im Armee-Artilleriepark 100 Schufs für jedes 9 cm 

Geschütz der Armee =100 » 

Im Ganzen für jedes 9 cm Geschütz 576 Schufs. 
Die Unterbringung der Feldchargierung von vorne nach rück- 
wärts giebt also folgende Staffeln: Taschen- bez. Protzmunition, 
Munitionswageu der Artillerie (der Patronen wagen fällt aus) als 
unmittelbar bei der Truppe. — 1. Staffel: Divisions- Artilleriepark 
(führt auch Infanterieschauzzeug). Dieselbe trifft nach vollzogenem 
Aufmarsch ein, soll dies wenigstens, so dafs dann für jedes Infanterie- 
gewehr 138, für jedes 7 cm Geschütz 200, jedes 9 cm Geschütz 
202 Schufs zur Verfügung ständen. — 2. Staffel: Artilleriepark des 
Armee-Corps (soll noch während des Verlaufes einer grofsen Schlacht 
hinter der Linie der Reserve, bezw. einige km hinter der Gefechts- 
linie des Corps aufmarschieren und wenn nötig, während, spätestens 
jedoch nach der Schlacht die Ergänzung der Divisionsparks, bezw. 
der Suppletivtruppen übernehmen). 3. Staffel: Artilleriepark der 
Armee als wandelndes Reservoir für die Corps-Artillerieparks be- 
stimmt. 

Dem grofsen Hauptquartier unterstellt sind das Ccntraldepot 
der Artillerie, welches Schanzzeug für Infanterie und Kavallerie, 
Schmieden, Brodwagen, Waffen zum Ersatz u. s. w. enthält, 
bezw. von diesem vorgeschobene Zwischen depo ts. In der Heimat 
liegen, dem Kriegsministerium unterstellt, die Reserveetablissements 
der Artillerie mit ihren Vorräten an Artilleriematerial, Fahrzeugen, 
Munition, Waffen, kurz alledem, was zum Nachschub erforderlich 
ist. Die spezielle Aufsicht über dieselben übernehmen die betreffenden 
Territorialkommanden der Artillerie. 

Genietruppen sind, wie oben schon gesagt, der Liniendivision 
ebensowenig wie ein Geniepark zugewiessn. Die nächste Vorrats- 
staffel bildet der Geniepark des Armee-Corps, welcher auch Schanz- 
zeug für die Infanterie enthält. In zweiter Linie wäre dann der 



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Das italienische Heer nach den Gesetzen de« Jahres 1882. 

« 



27 



Geniepark der Armee, dem Oberkommando unterstellt, zu erwähnen, 
der als ambulantes Magazin für den Geniepark des Corps dient und 
sich seinerseits aus dein, dein grofsen Hauptquartier zu geteilten 
Centraidepot bezw. aus den von diesen vorgeschobenen Zwischen- 
depots ergänzt. In der Heimat finden sich, Kriegsministerium und 
unter Aufsicht der betreffenden Territorialkommanden des Genies 
stehend, Reserveetablissements des Genies, denen eine derjenigen 
der Reserveetablisseiuents der Artillerie ähnliche Aufgabe zufällt. 

Was den Sanitätsdienst anbetrifft, so besteht das Personal des- 
selben aus 2 Ärzteu bei der Sanitätsdirektion des Corps und jeder 
Division, f> bei jeder der 3 Sauitätssektionen, je 7 bei Infanterie 
und Bersaglieri, 3 für jedes Kavallerieregiment, 1 bei jeder der 3 Feld- 
artilleriebrigaden, Corpsartilleriepark und Geuiebrigade, im Gauzeu 
95 Ärzte, 70 Krankenwärter, 402 Krankenträger. An Material hat 
jeder Mann Verbandzeug, jedes Bataillon einen Bandagetornister, 
jedes Infanterie-, Bersaglieri- und Kavallerieregiment, jede Feld- 
artilleriebrigade und jedes halbe Kavallerieregiment 1 Bandagetasche. 
Jedes Infanterie- und Bersaglieriregiment zählt 3, jedes Kavallerie- 
regiment 2 Krankentragen, während das Material der Sanitätssektion 
aus 2 Medizin-, C Krankentransportwagen und 48 Tragen besteht. 
Die Sanitätsaustalten bezw. Einrichtungen gliedern sich wie folgt: 
a. bei der Division: 1 Sanitätsdirektiou und Sanitätssektiou. Letztere 
kann sich eventuell in 2 Halbsektionen zerlegen, nimmt die Ver- 
wundeten auf, etabliert einen ersten Verbandplatz und sorgt für 
deren Evakuierung in die Feldlazarette. Sie eilt dann der vor- 
gegangenen Division, bei welcher stets eine Halbsektion zu verbleiben 
hat, nach. Die nächste Etappe bilden die 3 dem Corps zugeteilten 
Feldlazarette, von denen jedes 9 Transportwagen aufweist. Bei der 
Armee finden wir ein Sanitätsmaterialiendepot, 9 fahrbare Feld- 
lazarette zu je 200 Betten, jedes Lazarett in 2 Hälften teilbar, 
dann auch stabile Lazarette mit lokalen Mitteln eingerichtet, ferner 
improvisierte Transportkolonnen für Kranke und Verwundete, endlich 
Sanitätszüge. Der Sanitätsdirektion des grofsen Hauptquartieres 
unterstellt sind 1 Sanitätsmaterialdepot, 15 stehende Kriegslazarette, 
Privatkrankenpflege, während den immobilen Behörden territoriale 
Militärlazarette untergeordnet sind. 

Das Verpflegungswesen regelt sich wie folgt: 

Der Soldat trägt bei sich als eiserne Portion Brot oder 
Zwieback und Kouservefleisch für 2 Tage. Bei den Divisionen be- 
finden sich Verpflegungssektionen (bei der Kavalleriedivision eine 



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28 



Das italienische He^r nach den Gesetzen des Jahres 1«82. 



halbe) mit 4 Fahrzeugen, welche für den eintägigen Bedarf der 
Truppen Lebensmittel und' für Kavallerie und Infanterie auch Kourage 
transportieren. Denselben Dienst übernimmt die heim Corps vor- 
handene Verpthgungssektion für dir Suppletivtruppen. Die Lehens- 
mittel- (Proviant-) Kolonne enthält den Bedarf an Salz, Kaffee, 
Brod, frischem Fleisch (lebendes Vieh), Hafer für 3 Tage. Der 
Reservelebensmittelpark des Corps enthält im Durchschnitt 4 Salz- 
und Kaffee, 2 frische Fleisch portioneu und Hafer für einen Tag. 
Dem Oberkommando der Armee stehen zunächst vom Centraidepot 
vorgeschobene Magazine mit (Uägigem Vorrat, ferner von derselben 
Stelle ausgehende ReserveverpHegungsparks der Armee mit drei- 
tägiger Salz- und Brot-, zweitägiger Kattee-, eintägiger Konserve- 
Heisch- Portion und eintägiger Haferration zur Verfügung. Bei den 
vorgeschobenen Verpllegungsetablissements für die Armee befindet 
sich auch eine Feldbäekcreikolonne und 1 Ochsenpark. Im Kücken 
der Armee, an Sammelstationen belegen, befindet sich das Ceutral- 
depot, 1 Centraibäckerei und 1 Central -Ochsenpark. Natürlich 
erhalten die Ftappenhauptorte gleichfalls Magazine. In dem Centrai- 
depot sollen an Vorräten für 6 Tage Brot, für 5 Tage frisches, für 
4 Tage Konservefleisch , für 9 Tage Hafer aufgestapelt sein. In 
wichtigen Handels- und Produktionscentren werden Reserve-Ver- 
pflegungsmagazine angelegt, die zum Teil durch freihändigen An- 
kauf, zum Teil durch Verträge mit Lieferanten gefüllt werden uud 
der Territorialdirektion des Verpflegungswesens der betreffenden 
Hegion unterstellt werden. 

Bezüglich des Ersatzes an Offizieren des stehenden Heeres wie 
>di complemento«, »di riserva« und »di posizione ausiliaria« gelten 
im Grofsen und Ganzen noch die früheren Bestimmungen. Ein 
neues Avancements- und Pensionsgesetz sind wiederholt in den 
Kammern zur Vorlage gebracht uud dürften in diesem Jahre zum 
Abschlufs gelangen und damit einerseits die bedeutenden Unter- 
schiede, welche das heute geltende A vancementsgesetz vom 13. No- 
vember 1853, umgeändert durch Gesetz vom 20. Januar 1854, vom 
4. und 30. April 1855, bei den einzelnen Watten hervortreten läfst, 
wegfallen, andererseits eine etwas reichlichere Pension als bisher 
gewährt werden. Um einen Begriff von den heutigen niedrigen 
Pensionssätzen zu geben, sei bemerkt, dafs der Generallieutenant 
selbst als Corpskommandeur mit 40 Jahren Dienstzeit den Höchst- 
betrag von 8000 Lire, der Generalmajor nach derselben Dienstdauer 
(>500, der Major 3200 Lire erhält, 

Über die Landcsbefestuug Italiens haben einesteils die »Mit- 



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Das italienische Heer nach tlen Gesetzen des Jahres 1882. 



20 



teilungen des Artillerie- uml Geniewesens« (Österreich) und Aufsätze 
in den »Jahrbüchern«, darunter vor Allem ein vor wenig Monaten 
veröffentlichter über die westliche Verteidigungsfront genugsam 
unterrichtet. In dem letzteren wurden besonders die noch un- 
erfüllten Wünsche und die dringend erforderlichen Neuanlageu, ins- 
besondere auch zum Schutz der Westküste gegen eine Invasion von 
der Seeseite hervorgehoben. In der Sitzung vom t>. März dieses 
Jahres beantragte der Kriegsminister, General Ferrero, die Be- 
willigung eines in G Raten zu erhebenden außerordentlichen Kredits 
von 243 Millionen Lire für Landes- und Küstenverteidigungs- 
zwecke.*) Diese Vorlage, die zwar noch nicht zum Gesetz geworden, 
an deren Bewilligung aber bei der mustergültigen Opferwilligkeit des 
italienischen 'Parlaments nicht zu zweifeln ist, steht im engen Zu- 
sammenhang mit der Heise der gemischten Kommission unter Führung 
des Generals Me/zaeapo, welche Ende vorigen Jahres Livorno, Elba, 
Spezzia, Pisa, Sardinien, Maddalona, Gaeta und Messiua in Bezug 
auf* Verteidigungsfähigkeit einer genauen Prüfung unterwarf. Von 
Victor Emmannel'B Ausspruch: »L'Italia dev'essere non solaniente 
rispettata ma anche temuta« ist, der Vordersatz heute zweifellos 
erfüllt. Gelichtet steht Italien da in der Reihe der Grofsmächte 
Europas. Opferfreudigkeit der Volksvertretung hat in dem Bewufst- 
sein, dafs heute ein starkes Heer dem Staate seine Stellung in der 
Politik anweist, ohne Widerspruch stets die Mittel gewährt, welche 
die äufserste Anspannung der Finanzkraft zu bewilligen gestattete. 
Sie bleibt ihren Grundsätzen auch heute treu. Weise Mafsregeln 
von Seiten des Kriegsministers haben auf hinreichend breiter Basis 
systematisch nach und nach, je nachdem es die Mittel erlaubten, zu 
dem Ausbau der Heeresgliederung Stein auf Stein gefügt, einen 
zweckdienlichen Kompromifs zwischen militärischen und ökonomischen 
Forderungen geschaffen; die Vollendung der neuen Heeresorganisation 
ist auf gutem Wege, ja fast schon erreicht. Wie sachgemäfs wurde 
nicht die Ueberführnng aus der alten Heeresgliederung zu 10 in die 
neue zu 12 Armeecorps angelegt! Bildete doch das Uebergangs- 
stadium nicht eine Periode der Schwächung, vielmehr eine Zeitspanne 
der Stärkung der alten Organisation, indem durch Erhöhung der 
ELats als Vorbereitung für die Neuanfstellung von Einheiten die 

*) Die bis zum Jahre 1891 zu verteilende Summe von 243 Millionen soll, 
aufser zu Befestigungsanlagen, auch zur Neubeschaffung von Material für Feld-. 
Festungs- und Küstenartillerie, wie für Genieparks, zum Bau neuer Fabriken, An- 
lagen von Übung8- und Schiefspl&tzen, zur Steigerung der Fabrikation von Hand- 
waffen und zum Bau von strategisch wichtigen Bahnlinien die Mittel liefern. 



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30 



Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 18H2. 



Möglichkeit einer schnelleren Mobilmachung innerhalb der Grenzen 
des alten Rahmens gegeben war. In dem früher erwähnten Kom- 
promifs konnte bei der Notwendigkeit vorzeitiger Entlassung bezw. 
der Dienstverkürzung für etwas mehr als ein Viertel des jährlichen 
Kontingents erster Klasse das Fehlen einer Garantie für die Erziehung 
zu echt militärischem Geiste bei diesem Viertel gefunden werden. 
Diesem Einwände gegenüber läfst sich geltend machen, dafs eines- 
teils 8 Jahresklassen des nm dieses Viertel verringerten Kontingents 
erster Kategorie, also f>4,000 Manu, selbst nach Abgängen genügen 
dürften, um den Kombattanten Teil des Heeres 1. Linie auf den 
Kriegsfufs zu setzen, dafs anderntoils das im aktiven Dienst Ge- 
lernte durch die jährliche Einberufung von einer oder mehreren 
Klassen der Urlauber 1. Kategorie eine energische Auffrischung 
erfährt. Die soldatischen Eigenschaften des Italieners sind bekannt, 
die allgemeine Wehrpflicht ist ein fester Kitt zwischen Nation und 
Heer geworden; monarchische Gesinnung herrscht in dem heute 
eine weit bevorzugtere Stellung denn früher einnehmenden Offizier- 
Corps, das freilich eine noch gröfsere Homogenität vertragen könnte. 
Die letzten Antrage des Kriegsministers beweisen zur Evidenz, wie 
er erkennt, was dem italienischen Heere in organisatorischer Hinsicht 
noch fehlt. In Bezug auf Ausbildung ist man systematisch an- 
erkannt guten Mustern gefolgt; die Parade der verschiedenen Corps 
entnommenen 15,000 Mann auf den Feldern der Farnesina vor König 
Humbert und dem Kronprinzen des deutschen Reiches hat vor Allem 
einen Vorzug hervortreten lassen, der dem italienischen Heere mehr 
als dem französischen eigen gewordeu zu sein scheint: die Gleich- 
mäfsigkeit. Einige Jahre eifrigen Fortarbeitens, und das Heer des 
jungen Königreiches wird in all seinen Teilen das Zeugnis gründ- 
lichster Kriegsvorbereitung und Schlagfertigkeit verdienen, zumal 
wenn erst die neuen Bahnlinien Auginentations- und Koncentrations- 
Trausporte (die nebenbei bemerkt in Italien vielfach zusammenfallen 
werden) beschleunigen, neue Anlagen für Exerzierplätze und Schiefs- 
stände der taktischen Ausbildung bessere Bedingungen als heute 
stellen, die Vorräte an Waffen noch vermehrt worden sind, und der 
Abschlufs der gefährlichsten Laudungsstellen an der Küste im Verein 
mit der systematisch wachsenden Flotte das Heer 1. Linie von de- 
fensiven Aufgaben auf der eigentlichen Halbinsel mehr entlastet. 
Und alles dieses ist in energischem Werden begriffen. 



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Die theoretische und praktische militärische Vorbildung etc. 



31 



m. 

Die theoretische und praktische militärische 
Vorhildung, sowie die weitere militärische 
Ausbildung der russischen Kavallerie-Offiziere. 

Bearbeitet 

von 

Trost, 

Pr»mler-Lteawiuuit im lnf.-R.gt. Nr 71. 



»Der Geist des preufsischen Heeres sitzt in seinen Ofh'ziersc, 
sagte General Rüchel, und wohl läfst sich dieses Wort mit Reeht 
weiter ausdehnen dahin: einer jeden Armee, einer jeden einzelnen 
Waffengattung geben ihre Offiziere das Gepräge. 

Will man sich daher von der Leistungsfähigkeit einer Truppe 
ein richtiges Bild machen, so niufs man einen der wichtigsten 
Faktoren hierbei — die Tüchtigkeit ihrer Offiziere — in gebührende 
Berücksichtigung ziehen, sonst kommt man zu falschen Schlüssen. 

Diese Tüchtigkeit aber wird bedingt durch die Ausbildung, 
welche der junge Offizier sowohl vor seiner Beförderung zu dieser 
Charge, als auch später in derselben erfährt. 

Den Grad der militärischen Ausbildung des jüngeren russischen 
Kavallerie-Offiziers zu zeigen, und dadurch vielleicht auch ein 
Sandkömlein in die Wagschale der richtigen Wertbemessung der 
Leistungen der russischen Reiterei zu werfen, ist der Zweck dieser 
Zeilen. 

I. 

Da sich das russische Offizier-Corps, sowohl was den allgemein 
wissenschaftlichen Standpunkt, als auch was seine H erkunft 
anbetrifft, nicht derselben Gleichartigkeit erfreut, wie das deutsche, 
vielmehr namentlich zwischen den Offizieren der Garde und denen 
der Linie, aber auch selbst innerhalb der letzteren allein, sich recht 
erhebliche Unterschiede geltend machen, da ferner die militärische 
Vorbildung der Offizier-Aspiranten bis zu ihrer Ernennung zum 



32 theoretisch«? n. praktische milit. Vorbildung, sowie die 

Lieutenant durchaus nicht für alle die gleiche ist (wie sie sich bei 
uns in dem allgemeinen Besuch der Kriegsschulen bezw. Selekta 
des Kadetten-Corps ausdrückt), so sei es gestattet, zum besseren 
Verständnis des später Folgenden, zuerst noch auf diese Funkte 
etwas näher einzugehen. — 

Man hat die nissischen Offiziere, ingleichen wie alle anderen 
Wehrpflichtigen, in vier Kategorien zu scheiden. 

Die 1. Kategorie uiufafst die geringe Zahl derer, welche eine 
Universität»- oder akademische Bildung genossen haben. 

Der 2. Kategorie gehören diejenigen an, die ihre wissen- 
schaftliche Bildung auf mittleren Lohr-Anstalten genossen haben, 
zu denen die Gymnasien und Realschulen, von Militär- Lehr- Anstalten : 
die Kriegsschulen, das kaiserliche Pagen-Corps, das tinnländische, 
sowie die übrigen Kadetten-Corps zu zählen sind. 

In die 3. Kategorie zählt die überwiegende Mehrzahl von 
jungen Leuten; hierhin gehören alle diejenigen, welche die Stadt- 
und Ceineinde-Schulen, d. h. »Schulen niederen 0 nid es besucht und 
hier bezw. in den Militär-lVogymnasien eine Elementarbildung als 
Vorbildung für die Junkerschulen genossen haben. 

Die 4. Kategorie endlich begreift eine verhältnismäßig kleine 
Zahl solcher Individuen in sich, die sich durch Privatfleifs oder durch 
Besuch der Uegimentsschulen die zur Ablegung des Eintritts-Examens 
in die Jnukerschnlen erforderlichen, übrigens niedrig bemessenen, 
Kenntnisse erworben haben. 

Um sich einen ungefähren Begriff zu machen, wie sich nach 
Obigem die verschiedenen Bildungsstufen in Verhältniszahlen zu 
einander stellen, sei hinzugefügt, dafs im Jahre 1881 von 105 bei 
der »(»arde« eingetretenen Avautageuren (Freiwilligen): 
30 dem Bildungsgrade 1. Kategorie, 
128 » > 2. » und nur 

7 » » 3. 

angehörten, dafs dagegen von 5033 bei der »Armee« eingetretenen 
derartigen jungen Leuten, von denen übrigens nur die Hälfte bis 
höchstens etwa 2 /s dienen bleiben, nur 

03 dem Bildungsgrade 1. Kategorie, 
006 » 2. » und 

4874 » » 3. » angehörten. 

Nachstehende Tabelle mag als weitere Erläuterung zu den Ver- 
hältnissen der Herkunft und der allgemein wissenschaftlichen Bildung 
des russischen Offizier-Corps dienen. 

* 



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weitere milit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



33 



Im Jahre 1881 erhielten Unterricht: 



Söhne des Erbadels 

„ persönlichen Adels 

„ Ober-Offizier- u. Beamtenstandes . 

„ geistlichen Standes 

„ Kasaken Standes 

„ Soldaten Standes 

anderer Stünde 

In» Ganzen gestaltet sich das Vei 
richtet wurden: 

Söhne des Soldaten Standes °/, 

anderer Stände 



In Kriegs- 


In Militär- 


In Pro- 


schulen. 


gyranasien 


gymnasien 


54.12 


69,52 


41.15 


7,64 


10,78 


9,36 


27,12 


11,89 


30,60 


2,35 


0,89 


2,53 


4,25 


2,18 


9,57 




0,01 


3 55 


4.52 


4,59 


3,19 


hältnis derart, dafs unter- 


1 46,35 


54,12 


56,90 


| 53,65 


45,88 


43,10 



Es erhellt aus dieser Übersicht, dafs für die Kriegsschulen und 
die zu diesen vorbereitenden Militärgvninasien (die inzwischen ihre 
alte Bezeichnung »Kadetten-Corps« wieder erhalten hahen) der Erb- 
adel das überwiegende Kontinent stellt, wogegen auf den für die 
.Tnnkerschulen vorbereitenden Progymnasien der persönliche Adel im 
Verein mit dem Ober-Offizier- und Beamtenstande nur um Geriuges 
hinter dem Erbadel zurücksteht. 

Im Grofsen und Ganzen gesprochen, gestaltet sich die Sache 
nun derart, dafs in der Garde der Erbadel überwiegt, wogegen er 
in der Armee etwa nur die Hälfte aller Offiziere giebt, d. h. mit 
anderen Worten und auf die russischen Verhältnisse übertragen: 
die Erziehung und wissenschaftliche Bildung der Offiziere der Garde 
ist, trotz dem sich seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 
hierin Vieles gebessert hat, von derjenigen der Offiziere der Armee 
doch sehr verschieden, eine erheblich bessere; sie ist »so himmel- 
weit verschieden, wie der Bildungsgrad eines hochadligen russischen 
Fräuleins im Verhältnis zum Bauermädchen«, sagt ein russischer 
Korrespondent der »Internationalen Revue«. 

Von einer Homogenität des Offizier-Corps, von einem 

In eine Schnl' gegangen, eine Milch 
Hat sie ernährt, ein Herz belebt sie Alle 

im Sinne des deutscheu Offizier- Corps ist dort keine Rede, und 
deshalb auch immer noch der so viel bessere Avancements- Modus 
des Garde-Offiziers, der bekanntlich zwei Chargen höher steht, als 
Kamerad der Armee. Ahnliche Vorteile geniefsen die junge 



sein 



Garde, der Geueralstab, die Spezialwaften und auch die Kavallerie. 
Seitdem der Bildungsgrad des Armee-Offiziers sich al>er entschieden 
zu heben beginnt, ist natürlich das sein Gefühl Verletzende eines 



Bd. LH., i 



3 



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34 



Die theoretische u. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



solchen gewaltigen Unterschiedes immer mehr und mehr empfunden 
worden. Schon mehrfach ist man deshalb auch gegen diese wahr- 
haft chinesische Mauer Sturm gelaufen; noch siud indes ihre Ver- 
teidiger: die Träger hoher Staatsstellungen oder alter adliger Namen 
stets als Sieger aus diesen Kämpfen hervorgegangen, und so wird 
es voraussichtlich auch noch eine ganze lange Zeit bleiben. Darüber, 
ob es möglich ist, diesen aus der »Armee« hervordringenden 
Wünschen schon jetzt nachzugeben, ohne damit andere, grofse Nach- 
teile in Kauf zu nehmen, erlaube ich mir kein Urteil, dafs es aber 
wünschenswert wäre, alle Mitglieder des gesamten Offizier-Corps 
zu einem harmonischeren Ganzen zu verschmelzen, den Corpsgeist, 
das: »Einer für Alle und Alle für Einen«, zu heben und nach 
Kräften zu fördern, — das bedarf für uns deutsche Offiziere wohl 
keines weiteren Wortes. 

Nach dieser flüchtigen Skizze der allgemein wissenschaftlichen 
Vorbildung des russischen Offiziers komme ich zu seiner militärischen 
Vorbildung, und liegt es auf der Hand, dafs, wo so grofse Ver- 
schiedenheiten in der allgemein wissenschaftlichen Vorbildung der 
Mitglieder ein und desfeiben Corps herrschen, auch die militärische 
nicht eine so gleiche sein kann, wie beispielsweise bei uns. 

Der Baugrund ist, wie ich schon angedeutet habe, eben nicht 
der gleiche, und deshalb' auch das aufzuführende Gebäude danach 
verschieden. Wo die Festigkeit des Erdreichs grofs genug ist, um 
die Grundmauern eines Bauernhauses uud dieses zu tragen, genügt 
sie noch lange nicht immer auch zur Aufführung eines Herren- 
sitzes. — 

Wir haben zur Ausbildung von Avantageuren zu Offizieren in 
Russland zwei Arten von Anstalten zu unterscheiden: 

1. Die Kriegsschulen; 2. die Junkerschulen. Von ersteren be- 
steht für die Kavallerie, mit welcher wir uns nun weiterhin aus- 
schliefslich beschäftigen wollen, eine, von letzteren sind fünf ledig- 
lich der Ausbildung der Kavallerie- und Kasaken-Offizieraspiranten 
gewidmet; unter die Kategorie der erstgenannten Schulen zählen 
auch die 2 Spezialklassen des kaiserlichen Pagen-Corps und die 
finnländischen Kadetten-Corps. 

In diesen Schulen wird, so zu sagen, die militärische Elementar- 
ausbildung bewirkt, um dann zur eigentlichen Fachausbildung in 
der Front des Truppenteils überzugehen. 

Zunächst mag daran erinnert werden, dafe in Russland bereits 
in diesen oben genannten Schulen die Waffen getrennt sind, also 
schon der allgemein militar-wissenschaftlichen Ausbildung mehr oder 



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weitere milit. Ausbildung der rasa. Kavallerie-Offiziere. 



35 



minder der Charakter der betreffenden Waffengattung aufgedrückt 
wird, im Gegensatz zu nnseru Kriegsschulen, in denen, wie bekannt, 
keine Trennung in Schulen der einzelne Waffengattungen erfolgt. 

Schon früher war gesagt, dafs die Vorkenntnisse für die Kriegs- 
und die Junkerschuleu durchaus nicht gleiche sind, es inufs daher 

— namentlich in Anbetracht der wirklich äufserst geringer Kennt- 
nisse, welche auf die Junkerschulen mitgebracht werden — auch 
der Umfang des militärischen Elemeutar-Ausbildungs- Kursus ein 
verschieden grofser sein. Die in die Junkerschulen eintretenden 
jungen Leute stehen in ihren Keuntnissen weit unter dem Niveau 
de« in unserm Einjährig-Freiwilligen-Examen Verlangten, die Junker- 
schulen werden also — trotzdem sie den in ihrer wissenschaftlichen 
Vorbildung gar zu weit Zurückgebliebenen während eines Jahres 
noch Unterricht in diesen allgemeinen Wissenschaften erteilen 
lassen — auch in ihren militär-wissenschaftlichen Leistungen hinter 
den Kriegsschulen zurückbleiben müssen, und sich gewissermafsen 
als Kriegsschulen niederer Ordnung charakterisieren. 

Da nun aber die Junkerschulen, und nicht die Kriegs- 
schulen diejenigen sind, aus welchen die gröfete Mehrzahl der 
russischen Offiziere hervorgeht, der hierhin mitgebrachte bezw. hier 
erlangte Bildungsgrad also kennzeichnend ist für das Gros des 
Offizier-Corps der Armee, so wollen wir in unserer weiteren Be- 
trachtung auch mehr auf erstere, als auf letztere rücksichtigen; 
wir können dieses übrigens auch ohne Nachteil, da die Hauptziele 
beider ja die gleichen und dem militärischen Leser bekannt sind, 
er also nur nötig hat, das weiter über die Juukerschulen Gesagte 
in ähnlicher Weise mit einer Neigung zu Besserem auch auf die 
Kriegsschulen anzuwenden. 

Auch werden wir uns nicht weiter mit der rein theoretischen 
Seite der Ausbildung der jungeu Leute beschäftigen, die natürlich 

— bis auf die sehr herabgeminderten Anforderungen — vieles 
unserem Lehrprogramm Ähnliches aufweist, wir wollen uns vielmehr 
der praktischen Seite zuwenden, die, von dem bei uus Üblichen 
abweichend, mehr Interesse für den deutschen militärischen Leser hat. 

Es ist bereits erwähnt worden, dafs die Kriegs- und Juuker- 
schulen, da sie eben keine für alle Waffen gemeinsame sind, mehr 
oder minder ausgeprägt den Typus ihrer Spezialwaffe tragen; dem- 
geniäfs bilden alle diejenigen Verrichtungen, welche dieser in Krieg 
und Frieden zufallen, und in denen sie ausgebildet sein mufs, auch 
die Grundlagen für die Beschäftigung der betr. Junker. 

Sehr richtig sagt daher ein im Wajenuyi Sbornik (Jahrg. 1883) 

3" 



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I 



30 Die theoretische u. praktische milit. Vorbildung, sowie die 

enthaltener Aufsatz »Bemerkungen über die Sommer- Beschäftigungen 
der Kavallerie- und der Kasaken-Junkerschulen« in seiner Einleitung 
Folgendes: 

»In Anbetracht der Wichtigkeit, welche heutzutage die strate- 
gische Thätigkeit der Kavallerie auf dem Kriegstheater hat, — die 
sich in einzelnen selbstständigen Handlungen der mehr oder minder 
weit über die Armee hinausgeschobenen Reiterei ausdrückt — in 
Anbetracht ferner des Umstandes, dafs selbst der jüngste Kavallerie- 
Offizier, um von den Schwadronschefs garnicht zu reden, bei Aus- 
führung der verschiedenen in das Gebiet des strategischen Dienstes 
seiner Waffe fallenden Aufträge oft zu einer völlig selbstständigen 
Thätigkeit berufen sein wird, scheint es erforderlich, der Ausbildung 
der Junker in dieser Beziehung eine ganz besondere Aufmerksamkeit 
zu schenken, mit anderen Worten: die Bestimmungen über die 
Sommerbeschäftigungeu der Junker während der Zeit der Lager- 
übungen genau zu prüfen und zu sehen, wie man in der Praxis 
diese im vorigen Jahre erschienene Instruktion am Besten zur 
Ausführung bringt.« 

Diese Instruktion setzt nämlich fest, dafs nach Beendigung der 
im Monat Mai abzuhaltenden theoretischen Prüfungen die Be- 
schäftigungen im Terrain zu beginnen haben, und zwar: 

1) Aufnahineübungen in der Dauer von 20 Tagen für die 
jüngere, 4 Tagen für die ältere Klasse; 

2) Taktische Uebungen mit der älteren Klasse 17 Tage; 

3) Uebungen im Selbsteingraben, Kenntnis der Eisenbahn- und 
Telegraphen-Einrichtungen und Zerstörung derselben je 4 Tage 
für jede Klasse, 

so dafs für alle diese aufgeführten Lehrgegenstände der jüngeren 
Klasse 24 Tage, der älteren 25 Tage zur Verfügung stehen würden. 

Nach Beendigung dieser Übungen nehmen die Lagerfibungen 
ihren Anfang. 

Die »Bemerkungen« sagen zu dieser Zeiteinteilung: Mangel au 
Lehrkräften gestattet es nicht, obige Übungen in der älteren und 
in der jüngeren Klasse gleichzeitig vorzunehmen, so dafs dieselben 
sich also, der Instruktion gemäfs, auf 49 Tage erstrecken würden, 
während wolcher Zeit in beiden Klassen noch ein Schiefskursus 
durchgemacht wird, jedenfalls aber können die Sommerübungen im 
Verbände der Schwadron nicht früher, als nach Ablauf dieser Zeit, 
von der Beendigung Her Prüflingen an gerechnet, beginnen. Da 
uuu ferner der Abmarsch in das Lager und damit der Beginn der 
Übungen im Terrain nicht vor Ende Mai, etwa am 25., erfolgen 



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weitere milit. Aasbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



37 



kann, und da weiter: in den ersten Tagen des August bereits die 
Entlassungen aus der Schule erfolgen, so ergiebt sich hieraus, dafs 
für die Schwadronsübungen im Terrain etwa nur 14 Tage übrig 
bleiben, welche Zeit die * Bemerkungen« nicht für ausreichend 
erachten, denn man mufs 2 — 3 Tage in Anrechnung bringen auf 
das, nach einer zweimonatlichen Pause durchaus notwendige Exer- 
zieren in der Schwadron, um diese wieder einmal ein wenig zu- 
sammeuzuschweifsen. 3— 4 Tage fallen auf Übungen im Regiments- 
exerzieren im Skelett, um jedem der Junker der älteren Klasse 
Gelegenheit zu geben, mehrere Male einen Zug zu kommandieren; 
es müssen ferner Übungen im Gefecht zu Fufs, wie auch im 
Vorposten- und Patrouillen - Dienst vorgenommen werden, und 
schliesslich nehmen auch noch Besichtigungen, Feiertage uud die 
den Pferden, namentlich nach den taktischen Übungen der Junker, 
durchaus notwendigen Ruhetage einige Zeit für sich in Anspruch, 
die demnach an der Übungszeit ausfällt. So leidet also die Aus- 
bildung der Junker im Terrain unter dem Mangel an Zeit, »und 
doch ist es erwünscht, gerade diesen praktischen Übungen eine 
möglichst grofse Ausdehnung zu geben, da es mit der theoretischen 
Übung im Lösen von taktischen Aufgaben nicht genug ist. Auch 
wünscht die »Instruktion«, dafs für diese Übungen vier Wochen 
verwendet werden, aber es ist, wie gezeigt, kaum möglich, diese 
Zeit für dieselben zu erübrigen.« 

In Anbetracht dessen nun, dafs es wünschenswert ist, mit den 
Junkern möglichst viel taktische Übungen im Terrain vorzunehmen, 
dafs es hierzu aber an Zeit mangelt, und »da man zu der Ueber- 
zeugung gekommen ist, dafs die bisher für Lösung von taktischen 
Aufgaben im Terrain allgemein angenommene und üblich gewordene 
Art und Weise nicht zureicht, um den Junker gründlich in den 
im Falle eines Krieges von ihm geforderten Dienstverrichtungen zu 
unterweisen, dafs es vielmehr unbedingt erforderlich ist, diesen 
Übungen eine möglichste Entwicklung nach der praktischen Seite 
hin zu geben,« hat im vorigen Jahre bei der Kasakcn-Junkerschule 
in Orenburg eine Abweichung von der »Instruktion« bei Abhaltung 
der Übungen im Terrain stattgefunden und zufriedenstellende 
Resultate ergeben. 

Es ist bereits gesagt worden, dafs für die taktischen Übungen 
durch die Instruktion 17 Tage zur Verfügung gestellt sind. Man 
verfuhr in der Orenburger Kasaken-Junkerschule nun in der Art, 
dafs diese Übungen mit den Schwadrousübungen verbunden wurden. 

Die Junker der älteren Klasse waren in einzelne Abteilungen 



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38 



Die theoretische n. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



eingeteilt, und wurde damit begonnen, sie leichte taktische Aufgaben 
lösen zu lassen, bestehend in der Auswahl eines Biwaksplatzes, 
einer Verteidigungsstellung, einer Vorpostenstellung, Rekognoszierung 
eines Terrainteils zu einem bestimmten Zweck u. s. w. Die im 
Laufe des betreffenden Tages anzufertigenden, von einem Krokis 
zu begleitenden Arbeiten wurden dann den Abteilungsführern ab- 
geliefert und seitens dieser, soweit möglich, in Gegenwart aller 
Junker der betreffenden Abteilung besprochen. Diese, wenn man 
so sagen will, vorbereitenden Uebungen nahmen einschl. Kritik 
6 Tage in Anspruch, so dafs gegen die hierfür durch die »In- 
struktion« festgesetzte Zeit 11 Tage erübrigt wurden. 

Die weiteren taktischen Uebungen wurden in Verbindung mit 
denen im Felddienst ausgeführt, zu welchem Zweck nach Beendigung 
der Lagerübungen von den Junkern der älteren und der jüngeren 
Klasse gemeinsam eine etwa 14 Tage dauernde Uebungsreise unter- 
nommen wurde, die sich 350 Werst weit in das Land der Basch- 
kiren hinein erstreckte. 

An den ersten beiden Tagen führte man kaum mehr wie 
gewöhnliche Reisemärsche von 37—40 Werst aus, da einmal das 
offene Terrain in der Umgebung von Orenburg für die Vornahme 
von Uebungen sich nicht als günstig erwies, und da es ferner auch 
darauf ankam, namentlich die Junker der jüngeren Klasse, sowie 
auch die Pferde erst wieder ein wenig an die kommenden An- 
strengungen zu gewöhnen. An den anderen Tagen fanden, mit 
Ausnahme von drei Ruhetagen, Uebungen in Form von ein- und 
zweiseitigen Manövern statt, so dafs also die gestellten Aufgaben 
auch wirklich praktisch, nicht nur auf dem Papiere, gelöst wurden. 

Dieselben bestanden im Aussetzen von Tages- und Nacht-Vor- 
posten, Vornahme einer Fouragierung und Ueberfall der letzteren, 
Nachtraarsch, der als Rückzug einer Kavallerie- Abteilung gedacht 
war, Marsch in den Rücken des Feindes behufs Ueberfalls eines 
Transportes, ein Rückzugsgefecht, bei dem die (Schule, eine) Ssotnie 
(bildend) den Nachtrab einer gedachten Arrieregarde vorstellte; 
Hinterhalt. 

Daneben wurden dann noch mündlich kurze Aufträge gegeben, 
wie: Auswahl einer Stellung für das Arrieregardengefecht einer 
Ssotnie, Auswahl eines kleineren Biwaksplatzes, Rekognoscierung 
eines Ortes sowie von Fufsübergängen , Aufsuchen von Fürthen. 
Ebenso wurden Hebungen im Ueberbringen von Meldungen und 
Befehlen vorgenommen, Uebungen im Dienste von Verbindungs- 
patrouillen entfernter Abteilungen, Uebungen im Orientieren zur 



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weitere milit. Ausbildung der rass. Kavallerie-Offiziere. 



39 



Nachtzeit und im Einprägen des Bildes einer bestimmten Ge- 
gend u. a. m. 

Die allgemeine Leitung dieser Übungen lag in der Hand des 
Direktors der Schule, dem zur Unterstützung noch 2 Generalstabs- 
offiziere, der Commandeur und 3 Offiziere der Ssotnie zur Seite 
standen. Den Befehl über die Feldwachen, Patrouillen u. s. w. 
führten die Junker der älteren Klasse. Taglich nach dem Einrücken 
wurden die Übungen des Tages in Gegenwart der gesamten älteren 
Klasse besprochen, wobei an Einzelne noch Fragen allerlei Art ge- 
stellt und sofort beantwortet wurden, sodafs auf diese Art im Ver- 
lauf der Übungszeit jeder Junker eine mehr oder minder grofse 
Zahl von Aufträgen ausgeführt hatte und, wie aus Obigem ersichtlich, 
mit den Junkern die hauptsachlichsten Kapitel des Kavallerie-Feld- 
dienstes praktisch geübt worden waren. 

Dafs ein derartiges Betreiben von taktischen Übungen den 
Vorzug verdient vor einem lediglich theoretischen, liegt auf der 
Hand. Das Interesse der Teilnehmer wird gesteigert und dauernd 
dadurch wachgehalten, dafs eine jede Aufgabe bei ihrer Lösung so 
zu sagen Leben gewinnt, ein jeder Fehler seine nachteiligen Wir- 
kungen sofort geltend macht; nicht nur das geistige, sondern auch 
das körperliche Auge sieht etwas. Auch das mehr Mechanische bei 
gewissen Verrichtungen des Felddienstes lernt sich in Verbindung 
mit anregenden taktischen Aufgaben schneller Und leichter, denn 
ein Jeder ist mehr bei der Sache, und vor Allem gewöhnen sich die 
jungen Leute, denen eine Patrouille, ein Halbzug oder sonst eine 
Abteilung anvertraut wird, an ein selbständiges Denken und Handeln, 
dessen Folgen vor ihnen sofort wirklich in Erscheinung treten. 
Schliefslich aber wird auch die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht 
und gestärkt; denn während der ganzen Dauer der Übungen wurde, 
bei Tagesritten von 30—60 Werst, nur biwakiert, und fiel Wartung 
und Pflege der Pferde, Reinigung des Zaum- und Sattelzeuges den 
Junkern allein zu. Gleichzeitig erhielten sie Anleitung und Übung 
im Koppeln der Pferde und im Passieren von Gewässern durch 
Fürthen und schwimmend. 

Mit diesen aufgeführten Übungen will der Verfasser der 
»Bemerkungen« noch die Übungen in der Feldbefestigung verbinden; 
die betr. Anleitung sei zwar noch nicht erschienen, »natürlich aber 
müfsteu die Übungen sich lediglich auf die Anlage ganz leichter 
Schützenaufwürfe, Geschützemplacements, Dorfbefestiguugen (!), Wege- 
zerstörungen und den Bau leichter Brücken beschränken.« Dann 
bliebe nur noch übrig, die im theoretischen Vortrage in dem Be- 



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Die theoretische u. praktische milit. Vorhildung, sowie die 



festigungswrsen besprochenen, sich auf das Eisenhahn- und Tele- 
graphenwescn beziehenden Fragen in die Praxis zu übertragen, und 
die Junker mit dem Bau und der Zerstörung beider Kommunikations- 
mittel ganz im Allgemeinen, und soweit es für den Dienst der Ka- 
vallerie erforderlieh, bekannt zu macheu, wozu 1 — 2 Tage ge- 
nügen werden. Indem ich die in den 9 Bemerkungen c enthalteneu 
Hinweise auf die aus obigen praktischen Erfahrungen sich ergebende 
beste Einteilung der Sommerübungszeit hier übergehe, will ich doch 
nicht unterlassen, noch einige von dem Verfasser der »Bemerkungen« 
berührte Punkte den verehrten Lesern vorzuführen; sie betreffen 
Preisschiefsen, Preiswettrennen mit Hindernissen, Preishiebfechten 
und Preisstechen nach ausgestopften Figuren und bei den Kasaken- 
schulen auch Dschigitowken, worunter man eine Produktion der 
Kasaken in ihren Leistungen im Reiten, Voltigieren, Handhabung 
der Waffen u. s. w. versteht. Es ist bekannt, dafs viele russische 
Offiziere, im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen, diese 
Uebu ngen nicht als »Akrobatenkunststücke«, sondern als febungen 
ansehen, die im hohen Grade dazu geeignet sind, in den Kasaken 
die für einen jeden, namentlich aber leichten Kavalleristen erforder- 
lichen, ihn als solchen kennzeichnenden, Eigenschaften zu wecken 
und zu entwickeln. »Der Preiskampf — ganz im Allgemeinen 
gesprochen — ist eine sehr gute Mafsregel, um in der Jugend den 
Wetteifer anzufeuern und die besten Junker zu immer neuen 
Leistungen anzuspornen; er erweckt Lust und Liebe zum militärischen 
Beruf und wird, wie die an der Orenburger Schule gemachten Er- 
fahrungen beweisen, nicht ohne wesentlichen Nutzen sein.« 

Von den vorgenommenen l'bungen interessieren uns am 
meisten die Reunen und die Dschigitowken. Bezüglich der ersteren 
sagen die »Bemerkungen«: »Da es bei diesen Hennen nicht darauf 
ankam, über die Leistungen der Pferde ein Urteil zu gewinnen, 
sondern vielmehr darauf, dafs die Junker ihre Reitfertigkeit zeigten, 
so war denjenigen unter ihnen, welche sich an dem Rennen be- 
teiligen wollten, gestattet worden, sich die Pferde aus der Ssotnie 
nach tiefallen auszusuchen. Grundsätzlich sind die Renneu solche 
mit Hindernissen, die in der Zahl von fiinfen auf die 3 Werst be- 
tragende Reundistanz verteilt sind, und in den allgemein üblichen 
bestehen. Als Rennplatz war ein mit Hebungen und Senkungen 
versehenes Terrain ausgesucht worden, und da auch scharfe Wen- 
dungen ausgeführt werden mufsten, so bot die Rennbahn der Be- 
dingungen genug für einen guten und gewandten Reiter, sich durch 



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weitere inilit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



41 



eine richtige, kunstgerechte Führung des Pferdes vor dein weniger 
geschickten auszuzeichnen.« 

»Was die Dschigitowken angeht, so niufs man diese selbst- 
redend auf jede Art unterstützen; sie sind keine völlig nutzlosen 
Beschäftigungen, keine Akrobatenkunststücke, als welche sie von 
Vielen angesehen werden. Es niufs einem jeden Kasaken Gelegenheit 
zur Teilnahme an schneidigen und gewandten Dschigitowken geboten 
werden, denn sie sind der Ausdruck jener ungebundenen Kühnheit, 
Verwegenheit und Wagehalsigkeit, welche keine Hindernisse kennt — 
der Ausdruck dieser unschätzbaren Keitereigensehaften , die dem 
Kasaken von der Natur mitgegeben sind, die ihn von der Geburt 
an kennzeichnen. Dschigitowken erfreuen das Herz eines tüchtigen 
Kasaken, deshalb aber, so meinen wir, sind sie erforderlich — nicht 
um ihrer selbst willen, sondern weil sie eine erzieherische Be- 
deutung haben, und aus diesem Grunde halten wir es auch für un- 
zweifelhaft notwendig, sie unter den Kasakeu mit allen Mitteln zu 
erhalten und zu fordern.« 

Bereits oben habe ich angeführt, dafs auch einige Kenntnis des 
Eisenbahn- und Telegraphen wesens in das Programm der Junker- 
und Kasakenschulen aufgenommen worden ist. Welchen hohen 
Wert man der Kenntnis des letzteren namentlich zuschreibt, mag 
der Umstand lehren, dafs bereits die Frage erörtert wird, ob es 
notwendig und — wenn dieses — oh es möglich ist, den Unterricht 
in der. elektrischen, sowie auch in der optischen Telegraphie (Helio- 
graphie) in das gesamte Lehrprograuini der Schule, nicht also nur 
in den Sommerübungs-Kursus hineinzuziehen. »Bei der heutigen 
Bedeutung des strategischen Dienstes der Kavallerie auf dem Kriegs- 
theater, beBouders aber bei der Wichtigkeit, welche deren Thätig- 
keit im Rücken des Gegners in einem künftigen Kriege gewinnen 
wird, ist die Kenntnis des Telegraphenwesens und das Verständnis 
der Benutzung von Telegraphenlinien ohne Zweifel eine Frage von 
der gröfsten Wichtigkeit.« 

Es wird nun weiter in den »Bemerkungen« in Erwägung 
gezogen, ob es genüge, das Telegraphenwesen in das Progranini der 
Offizier-Kavallerie-Schule aufzunehmen; hiergegen spräche sowohl die 
in den Schwadronen nur vorhandene geringe Zahl von Offizieren, 
welche jene besucht hätten, als auch der Umstand, dafs dieses alles 
ältere Offiziere wären, es aber von Wert sei, gerade die jüngeren 
mit obigen Dienstzweigen vertraut zu machen. Führe man aber die 
Telegraphie als Lehrgegenstand in den Stundenplan der Kavallerie- 
nnd Kasaken -Junker- Schulen ein, so gewänne man dadurch den 



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42 Die theoretische n. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



Vorteil, dafe alle Kavallerie-Offiziere allmälig mit diesem Gegen- 
stände vertraut würden, natürlich je nach ihrem Fleife und Anlagen, 
die einen eingehender, die anderen weniger gut. Selbstredend 
müfsten diese Kenntnisse dann später im Regiment weiter gepflegt 
und praktisch verwertet werden, was schon an und für sich um so 
notwendiger sei, als das Telegraphieren eine Fertigkeit ist, welche 
nur durch stete Übung erhalten werden kann. »Jedenfalls erfordert 
bei einer derartigen Vorbereitung dieser Gegenstand beim Regiment 
dann weniger Zeit, und werden alle Offiziere mehr oder weniger 
vertraut mit demselben sein.« 

So wenig wünschenswert daher auch eine Vermehrung der Lehr- 
gegenstande auf den Junkerschulen an und für sich ist, so ist der 
Verfasser der »Bemerkungen« in Anbetracht der hohen Wichtigkeit, 
welche man in Russland für die Reiterei in der Fertigkeit im Tele- 
graphieren sieht, doch für eine Aufnahme dieses Gegenstandes in 
das Lehrprogramm der genannteu »Schulen, und will, dafs »im Hin- 
blick auf die Bedeutung, welche die Anwendung der Heliographen 
in der Kriegführung habe«, die Junker auch in der Kenntnis dieser 
unterwiesen werden. 

Wenn ich es zum Schlufs dieses ersteu Teils meiner Betrachtung 
unternehmen soll, ein Urteil über die militärische Elementarvorbildung 
des russischen Kavallerie-Offiziers auszusprechen, so glaube ich, dafs 
die praktische Vorbildung der Junker eine gute und gründ- 
liche genannt werden kann. Denn ähnlich, wie es hier für 
die Orenburger Schule näher ausgeführt worden, wird auf allen 
anderen auch verfahren, von der Schulbank geht aufs Pferd, und 
umgekehrt, und das giebt Leben, weckt das Interesse der Schüler; 
die graue Theorie, die man im Schulzimmer studiert hat, wird im 
Sattel probiert, das Wissen ins Können umgesetzt. Die theoretische 
Vorbildung angehend, will ich mich eines eigenen Urteils hier 
enthalten ; ich habe über dieselbe zu wenig Positives augeführt, um 
meine Meinung dem Leser gegenüber als begründet erachten zu 
können. Um aber den Leser auch in dieser Hinsicht nicht ganz 
unorientiert zu lassen, führe ich ein Urteil an, welches A. v. Dry- 
galski, ein hervorragender Kenner russischer Armee-Verhältnisse, in 
seinem 1882 erschienenen verdienstvollen Buche »Die russische 
Armee« aufstellt, und das dahin lautet: 

»Die theoretischen Vorkenntnisse in der Taktik (dasfelbe gilt 
in ähnlichem Mafse auch von den anderen Unterrichtsgegenständen 
d. V.), welche das Gros der russischen Offiziere in den Junkerschulen 
erlangt, sind äufserst gering und bewegen sich nur in q en elemen- 



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weitere milit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



43 



tarsten, kaum den früheren Anforderungen des Exerzierplatzes ge- 
nügenden Grenzen. Für die heute an die Selbständigkeit und Um- 
sicht auch des unteren Führers erhobenen Ansprüche sind diese 
Vorkenntnisse anerkanntermaßen so ausreichend, dafs man daran 
denkt, die wissenschaftlichen Anforderungen für die Avantageure zu 
erhöhen, um dadurcli in den Schulen mehr Zeit zur Beschäftigung 
mit der Taktik zu gewinnen.« Ganz gleich spricht sich v. Drygalski 
noch an mehreren anderen Stellen seines Werkes aus. und entspricht 
solches auch durchaus vielen, in russischen Fachjournalen enthaltenen 
bezüglichen Meinungsäußerungen. 

II. 

Haben wir uns in dem ersten Teil dieser Betrachtung mit dem 
Junker, dem Offizier-Aspiranten beschäftigt, so soll uns der zweite 
Teil die auf die Ausbildung der jüngeren Offiziere gerichtete 
Thätigkeit in der russischen Kavallerie vorführen, welche bekanntlich 
seit dem letzten Jahre eine aufserordentlich rege ist. Oft zwar 
liegen auch hier, wie so vielfach im Leben, Ideal und Wirklichkeit 
sehr weit von einander ab; die Instruktionen selbst, als gut vor- 
ausgesetzt, wirken sehr verschieden, meist aber nach der Seite ihrer 
schematischen Befolgung hin, die Form wird über das Wesen 
gestellt, in den Geist der Instruktionen einzudringen erfordert eben 
mehr als nur Routiniers und Troupiers! 

Wollte man daran zweifeln, dafs namentlich die auf Grund 
der Instruktion für die Übungen mit den Offizieren c mit diesen 
vorgenommenen geistigen Beschäftigungen im Allgemeinen nicht 
von jenem Geiste getragen werden, der sie durchwehen mufs, sollen 
sie wirklichen Nutzen bringen, d. h. schon im Frieden im Offizier 
diejenige Selbstständigkeit im Denken und Handeln ausbilden, die 
ihm eigen sein mufs, um im Kriege, unter der Last der Verant- 
wortung, gleichsam unbewußt, schnell und ohne Zaudern das Richtige 
zu befehlen — weil es ihm eben im Frieden anerzogen, ihm durch 
die Übung zur zweiten Natur geworden ist — wollte man, sage 
ich, daran zweifeln, dafs das Schematisieren in Russland auch auf 
eben genanntem Gebiete üppig wuchert und mit seinem Unkraut 
die wenigen keimenden Früchte zu erdrücken droht, so braucht 
man nur den nachfolgend im Auszuge wiedergegebenen Prikas des 
General-Tnspekteurs der Kavallerie, Grofsfürsten Nicolaus, zu lesen, 
um zu einer anderen, richtigeren, Meinung zu kommen. 

Es handelt sich in demselben um die taktische Ausbildung der 
Offiziere. 

Unter dem 18. Februar 1880 hatte nämlich der General- 



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44 



Die theoretische a. praktioche milit. Vorbildung, sowie die 



Inspekteur in einem Erlasse sieh darüber ausgesprochen, welche 
Wichtigkeit er »lieser Ausbildung beimesse, wie er sie geleitet wissen 
wolle, und welches diejenigen Gegenstände seien, deren Kenntnis 
er von jedem Kavallerie-Offizier verlange. Der Grofsfürst hatte 
seitdem diesem Gegenstände seine dauernde Aufmerksamkeit geschenkt, 
und beauftragte im August vorigen Jahres den in seiner Suite 
stehenden, auch als Schriftsteller bekannten, General Lewitzki, die 
taktischen Beschäftigungen mit den Offizieren der 2. Brigade der 
7. Kavallerie-Division, sowie aller Regimenter der 8. und der 
9. Kavallerie-Division einer Prüfung zu unterziehen. Auf Grund 
des seitens dieses Offiziers erstatteten Berichts nun sagt der General- 
Inspekteur in seinem Prikas: 

» . . . Statt dessen ersehe ich aus dem mir vorgelegten Berichte, 
dafs sogar heute noch die Notwendigkeit solcher Übungen von vielen 
Regiments-Couimandeuren und selbst höheren Offizieren nicht nach 
Gebühr gewürdigt wird, und sich die Ansicht erhalten hat, dafs 
geringe taktische Kenntnisse ganz ohne Einfiufs auf den Ruf als 
guter dienstbrauchbarer Offizier und kein Hindernis für eine weitere 
Beförderung seien.« 

»Infolge solcher Auffassung wird dieser Dienstzweig von vielen 
Coraniaudenren nur betrieben, um der Form zu genügen, ohne dafs 
sie jedoch irgend ein Interesse daran zeigten. Daher schärfe ich 
den Divisions-Conimandeuren ein, der taktischen Beschäftigung mit 
den Offizieren ihre vollste Aufmerksamkeit zu schenken und für 
ungenügende Erfolge die (Kommandeure der betreffenden Truppenteile 
in gleicher Weise zur Verantwortung zu ziehen, wie solches für eine 
schlechte Verfassung der Regimenter in dienstlicher, ökonomischer 
oder sonst einer Beziehung geschieht « 

»Aus den mir in früheren .fahren und auch in diesem vorgelegten 
Berichten ersehe ich, dafs bei den taktischen Beschäftigungen im 
Hinter allgemeinen Betrachtungen die Ilauptaufmerksamkeit zuge- 
wendet, überhaupt die theoretische, in den Schulen übliche, Art 
der l'nterweisung angewendet wird. Diese Art taugt nicht für die 
Vornahme von solchen Übungen mit den Offizieren einer Truppe; 
bei diesen mufs die praktische Seite der Sache in den Vordergrund 
gerückt, es mufs ihnen Gelegenheit gegeben werden, sich im Dis- 
ponieren und im Führen von Truppen zu üben; hierbei aber ist 
bis in alle Einzelnheiten einzudringen, die der Dienst im Felde nur 
bringen kann.« 

Es folgen nun weiter Festsetzungen über die einzuschlagende 
Methode, und da diese also diejenige ist, nach welcher zur Zeit 



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weitere milit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



4. r , 



verfahren wird, so glaube ich in dem engen Hahmen meiner Be- 
trachtung kein besseres Bild von derselben entwerfen zu können, 
als indem ich diese vom General-Inspekteur gegebenen Bestimmungen 
hier folgen lasse. 

Sie lauten im Auszüge: 

1) Man darf sowohl bei der Lösung, als auch bei der Be- 
sprechung taktischer Aufgaben — gleichgültig, ob diese schriftlich, 
mündlich, auf Plänen oder im Terrain gelost werden — es nicht 
mit allgemeinen Betrachtungen genug sein lassen, sondern mnfs seine 
Aufmerksamkeit, soweit möglich, auch darauf lenken, wie ein 
gefafster Entschluß) nun in seinen Einzelnheiten zur Ausführung 
gebracht wird. Es mufs bei diesen Übungen dahin gestrebt werden, 
in den Offizieren die Kenntnis davon zu befestigen: Dafs sie wissen, 
auf welche Dinge der Führer einer Kavallerie -Abteilung sowohl 
im Kampfe, als auch im Aufkliiruugsdienst sein Augenmerk zu 
richten, welche Erwägungen er anzustellen, und welche Anordnungen 
er auf Grund ersterer zu treffen hat; was von diesen Anordnungen 
Sache der höheren Führer, was diejeuige der niederen ist; die 
Offiziere müssen lernen, klare und genaue Meldungen zu machen, 
und kurze, von den Untergebenen leicht zu verstehende, bestimmte 
Befehle zn geben; sie müssen damit vertraut sein, auf welche Punkte 
sie bei Uekognoscierungen zu bestimmten Zwecken zu achten, und 
was sie in die Melde-Krokis etwa aufzunehmen haben. 

Überhaupt sind mit den Offizieren in den taktischen Winter- 
Übungen hauptsächlich solche Dinge zu treiben, welche ihnen im 
Felde zur Ausführung zufallen. 

3) Es genügt nicht, wenn die Vorgesetzten die schriftlichen 
Arbeiten mit ihren Bemerkungen versehen, vielmehr sind letztere 
auch den anderen Offizieren mitzuteilen und mit Besprechungen zu 
verknüpfen. 

5) Es sind bei Vorlage von schriftlichen Arbeiten von den 
Offizieren nicht unnötig grofse Krokis zu verlangen, da diese nur 
dazu führen, dafs die Betreffenden einen grofseu Teil ihrer Zeit auf 
eine technisch-topographische Arbeit verwenden, anstatt, was wichtiger, 
diese Zeit zur Bearbeitung der taktischen Seite der Aufgabe zu ge- 
brauchen. Es ist richtiger, dafs sie die Truppenverteilung gleich 
auf dem Plane zeigen, der zu den Hebungen verwendet wird, und 
dafs, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich im Zeichnen zu üben, 
sie angehalten werden, nach Plänen kleineren Mafsstabes Krokis 
anzufertigen, da sie hierbei gezwungen sind, das aus dem Plane 
herauszusuchen, was für den gerade vorliegenden Zweck von Wich- 



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46 I>ie theoretische und praktische militärische Vorbildung etc. 

tigkeit ist, und dieses eine sehr gute Vorübung für das Krokieren 
im Terrain bildet. 

6) Da die Arlwiten der Offiziere im Terrain selten gleich an 
Ort und Stelle kritisiert werden, so gewöhnen sich diese daran, die 
zu besichtigende Gegend sich nur wenig sorgfältig einzuprägen, und, 
um ihrem Krokis ein möglichst schönes Äufsere zu geben, dasfelbe 
nach dieser flüchtigen Betrachtung des Terrains zu Hause auszu- 
führen; es ist daher zu verlangen, dafs eine jede angefertigte Arbeit 
auch gleich an Ort und Stelle besprochen werde, und dafe die 
Offiziere bei Rekognoszierungen ihre bez. Arbeiten auch wirklich 
drauCsen anfertigen. 

Die Divisions-Comniandeure haben die Chefs des Stabes der 
Division und die ältesten Adjutanten aus dein Generalstabe, sowie 
auch die von den Stäben der Armee-Corps oder des Militärbezirks 
zu den Divisionen zu kommandierenden Generalstabsoffiziere haupt- 
sächlich zur Beschäftigung mit den Leitern der Uebungen zu ver- 
wenden, um mit diesen, sowohl theoretisch, als auch durch Unter- 
suchungen auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte, diejenigen Lehren 
der Kriegskunst zu besprechen, welche zu ihrem Verständnis eine 
gründliche, wissenschaftliche Vorbereitung erheischeu, und um, 
hauptsächlich auch wieder mit den älteren Offizieren, Übungsreisen 
vorzunehmen. 

7) Die Commandeure der Regimenter haben an den taktischen 
Beschäftigungen der Offiziere, sowohl im Winter, wie auch im 
Sommer unmittelbaren und thätigen Anteil zu nehmen, um die 
Untergebenen zu einer möglichst hohen Stufe der Dienstkenntnis 
zu bringen. Hierbei haben sie auf die Unterstützung durch General- 
stabs-Offiziere nicht zu rechnen, denn für die Beschäftigungen der 
Art, wie sie in den Regimentern doch nur getrieben werden, niufe 
sich unter den Offizieren, welche zur frühereu Lehr-Schwadron und 
jetzigen Offizier-Kavallerie-Schule kommandiert waren, eine genügende 
Zahl geübter Leitender finden. 

»Zum Schlufs lenke ich die Aufmerksamkeit aller Divisions- 
Commandeure auf den Nutzen, welchen die unter Leitung der Chefs 
des Stabes der Divisionen oder anderer erfahrener Generalstabsoffiziere 
vorgenommenen Übungsreisen für die Entwickeluug militärischer 
Kenntnisse unter den älteren Offizieren haben, und empfehle ich 
daher, solche Übungsreisen nach Möglichkeit jedes Jahr vorzunehmen 
und hierzu abwechselnd die ältesten Schwadrouschefs und Divisions- 
Comraandeure (d. h. Commandeure von 2 Schwadronen) zu komman- 
dieren. An diesen Reisen haben auch die Regimeuts-Commandeure 



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Stadien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 47 

Teil zu nehmen, um sich sowohl persönlich duvon zu überzeugen, 
welchen Anforderungen die Teilnehmer au den Uebungen genügen 
müssen, als auch, um selbst diejenigen Arbeiten mitzumachen, welche 
ihnen in ihrer Stellung zufallen.« 

Es erhellt aus obiger Verfügung wohl zur Genüge, dafe zwar 
von höherer Stelle aus mit aller Entschiedenheit darauf gedrungen 
wird, die Leistungen des Kavallerie-Offiziers in wissenschaftlicher 
Beziehung (und, wie wir noch weiter unten sehen werden, auch 
nach der Seite der körperlichen Leistungen hin) zu heben; auch 
mufs lobend hervorgehoben werden, dafs namentlich die jüugeren 
Offiziere es auch im Allgemeinen an der nötigen Lust und Liebe 
nicht fehlen lassen, aber Wollen und Vollbringen ist in Russland 
mehr wie irgend wo anders — zweierlei. 

(Schluft folgt.) 



IV. 

Studien über Verwendung und frefechts- 
Mtigkeit der Kavallerie. 

Voa 

Freiherr v. Sazenhofen, 

k. b. Ot»rrt t. D. 

Ein Rückblick auf die Geschichte der Kriege zeigt die That- 
sache, dafs es nur äufserst selten Epochen gegeben, in welchen die 
Kavallerie hervorragenden Anteil an der Entscheidung der Schlachten 
genommen hat. Es ist somit auch ganz natürlich, wenn sich zu 
verschiedenen Zeiten Ansichten festsetzten, welche der Waffe die 
Befähigung absprachen, entscheidend in deu Kampf eingreifen zu 
können. Man suchte den Grund teils in der sich stets höher ent- 
faltenden Leistungsfähigkeit der Feuerwaffen, teils in der vervoll- 
kommneten Taktik der Infanterie, dann wieder in der Fähigkeit 
dieser Waffe, sich in jedem Terrain schlagen zu können, oder auch 
in der nicht zu läugnenden Schwierigkeit die Kavallerie gehörig 
vorzubereiten und Führer für dieselbe zu finden. Auf diese Art 
und Weise gab es immerhin Gelegenheit genug, die Nützlichkeit 



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48 Studien über Verwendung u. Ofechtsthätigkcit der Kavallerie. 



zahlreicher Kavallerie und deren Verwendbarkeit in gröfseren Massen 
anzuzweifeln. 

Nur höchst selten dagegen sehen wir der Frage die notige 
Aufmerksamkeit zugewendet: 

»ob die Kavallerie für solche Thätigkeit zweckmäfsig vorbereitet 
und erzogen war?« — 

Zur Lösung dieser Frage erscheint es nötig, Betrachtungen über 
die kriegerischen Ereignisse anzustellen, die Möglichkeiten der Waffen- 
Verwendung anzudeuten und die Grundlagen zu bezeichnen, auf 
welchen solches Auftreten allein basiert sein kann. — 

.Für die Geschichte der Kavallerie bleibt wohl Iiis zur heutigen 
Stunde die Zeit unter Friedrich dem Grofsen am interessantesten. 
Berufene Kräfte haben seit vielen Jahren, und auch in neuester Zeit 
zur Genüge dargethan, wie sich die Kavallerie damals aus einem 
keineswegs entsprechenden Znstande rasch auf einen bisher nicht 
mehr erreichten Grad der Verwendbarkeit erhoben hat. Ans jenen 
Schilderungen kennen wir auch ziemlich genau die Mittel und Wege, 
welche die Kavallerie in kurzer Zeit an dieses Ziel gebracht haben; 
es waren ebenso die wichtigen Prinzipien für ihre Erziehung, wie 
der thatkräftige Einflufs ihrer Führer. Das gleiche Verfahren mnfs 
auch noch heute seine vollste Bedeutung haben, ja diese Bedeutung 
desfelben hat noch ganz wesentlich gewonnen durch die Vervoll- 
kommnung der Bewaffnung und die Taktik der andern Truppen- 
gattungen, durch den Umstand, dafs eine ähnliche wesentliche 
Grundlage für die Thätigkeit der Kavallerie seit langer Zeit mehr 
oder weniger entbehrt worden war. 

Die Kavallerie der verbündeten Heere hatte während der Re- 
volutionskriege stets an solchen Gebrechen zu leiden. Die taktischen 
Einheiten dieser Waffe mögen noch so tüchtig und energisch sein, 
grofse Erfolge können mit der Kavallerie doch wohl nur dann 
erkämpft werden, wenn die taktischen Einheiten und Körper auch 
nach gleichen Prinzipien erzogen, wenn die zu grofsen Erfolgen 
nötigen Massen durch zweckentsprechende Übungen gut vorbereitet 
sind, wenn die Waffe überhaupt nach einem grofsen Style ver- 
wendet wird. 

Die deutschen Schwadronen nnd Regimenter waren sicher vor- 
trefflich, doch es fehlte wie Graf Bismark in seiner Tdeen-Taktik 
sagt: »ein leitendes Prinzip, ein Mittelpunkt, ohne welchen die 
Klagen über die Reiterei nicht enden werden.« — »Noch einige 
Tage vor jener unseligen Kanonade von Valmy lief ein ansehnlicher 
Teil der Armee Dumonriez's vor einem prenfsischen Husareu-Regimente 



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Stadien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 49 



auseinander. c - > 10,000 Mann« — schreibt dieser General - 
»flohen vor 1500 Husaren.« Was hätten die entsprechend orga- 
nisierten Kavallerie-Corps zu leisten vermocht?! Doch Rolche gröfsere 
Corps oder Divisionen bestanden nicht; dort, wo sie vorübergehend 
zusammengewürfelt wurden, fehlte es an Verständnis und Sicherheit. 
Schon damals machte sich die verderbliche Ansicht geltend, dafs es 
vorteilhafter sei, die Kavallerie in viele kleine Körper zu teilen, 
als in wenige aber grofse Corps zu vereinigen. Die mancherlei 
schonen Thateu, welche diese kleineren Truppenkörper mitunter 
aufzuweisen hatten, stechen überdies vorteilhaft ab von der Un- 
sicherheit und Unthätigkeit, in welche gröfsere Corps nicht selten 
verfielen, bei welcher eben jede Vorbedingung fehlte, um wirklich 
dem Geiste der Waffe entsprechend auftreten zu können. 

Wenn auch, wie bereits erwähnt, der Kavallerie schneidige 
Angriffe nicht mangelten, ja mitunter sogar bedeutendere Erfolge 
errungen wurden, so ist doch der grofse Zug bei Verwendung der 
Waffe überhaupt zu vermissen, welcher uns in früherer Zeit so klar 
entgegentritt. — 

Erzherzog Karl sagt in seinen Betrachtungen: »Die Schlacht 
von Würzburg gehört unter die wenigen aus den letzten Kriegen 
des 18. Jahrhunderts, die, selbst in offener Gegend, von Kavallerie 
entschieden wurde. Zahl und Güte der französischen Kavallerie 
hatte sich während der Revolution vermindert, und wenn ihr die 
österreichische in beiden Beziehungen überlegen war, so fehlte es 
nicht selten ihren Anführern an richtigen Begriffen über ihren 
Gebrauch.« — Wir möchten hier bemerken, dafs gerade diese 
richtigen Begriffe nur anerzogen werden können. Die besten 
Instruktionen, die richtigsten Theorien helfen zu Nichts, wenn 
dieselben nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind. Zweck- 
entsprechende Organisation und praktische Inningen können dies 
allein erreichen. Auch das Studium der Schlacht von Würzburg 
giebt, was das Auftreten gröfserer Kavallerie-Massen anbelangt, ein 
vollständig anderes Bild, als wir es in den Schlachten Friedrichs 
des Grofsen von dessen wohl vorbereiteter und geübter Kavallerie 
zu sehen gewohnt sind. 

Alle übrigen die Kavallerie berührenden Funkte dieser Be- 
trachtungen sind ebenso von höchstem Werte; sie umfassen die 
einflufsreichsten Grundsätze für Stellung, Bewegung und Angriffe, 
sie betonen die hohe Wichtigkeit des Zusammenfassens und Zu- 
sammenhaltens dieser Waffe: »der General, dem der oberste Feldherr 
am Tage der Schlacht die Kavallerie anvertraut, soll sich durch 

Jftkrktefcar ffir <U« DratoeU Arm«« und ItorU«. Bd. LH., 1. 4 

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50 Studien über Verwendung u. Gefcchtsthätigkeit der Kavallerie. 



keine Vorstellung anderer Generale verleiten lassen, seine Masse zu 
verteilen, und mit ihren Bruchstücken unzweckmäfsigen Beistand zu 
leisten u. s. w.« — Nur Eines blieb, wie es scheint, übersehen, 
dafe nämlich solche Massen für zweckmäfsigen Gebrauch ohne jeden 
Zweifel einer gründlichen Vorbereitung bedürfen, ebenso für den 
Führer, wie für die Truppen. — 

Auch für die Folge bleiben der Reiterei die Mängel, welche 
eine unzweckmäfsige Organisation und Erziehung im Frieden mit 
sich bringen, keineswegs erspart. Während der Kriege des Kaiser- 
reiches haben diese Truppen zwar manchen denkwürdigen und glor- 
reichen Tag zu verzeichnen, doch ihr prinzipielles Auftreten in 
gröfseren, geschlossenen Massen nach den alten kavalleristischen 
Grundsätzen, wird vergebens gesucht. Selbst die Schlachten an der 
Katzbach und bei Möckern liefern lediglich den Beweis, dafs die 
Kavallerie auch bei andern Gelegenheiten grofse Erfolge hätte 
erringen können, wäre sie grundsätzlich zusammengehalten worden, 
wäre Organisation und Erziehung im Staude gewesen, eine zweck- 
entsprechende Basis für solches Auftreten zu geben. 

Die Kavallerie war zu jener Zeit au die Divisionen oder Armee- 
Corps verteilt; wollte mau eine grötsere Kavallerie- Aktion veranlassen, 
mufste diese Organisation zerrissen werden, und der neuen Formation 
mangelte jede Grundlage, ohne welche eine entschiedene energische 
Aktion nicht denkbar ist. 

Unter Napoleon I. ward die französische Kavallerie zwar in 
immer gröfsere Massen vereinigt, welche in Divisionen gegliedert 
waren, allein die Vorzüge seiner Kriegführung der rücksichtslosen 
Energie brachten auch der Kavallerie zwar ruhmreiche Tage, ohne 
jedoch ein Vorbild für ihre Verwendung sein zu können. Diese 
Kultivierung rücksichtsloser Verwendung und immerhin bewunderns- 
werter Tapferkeit hatte aufser jenen ruhmreichen Tagen eine un- 
geheuere Kraftversch wendung im Gefolge, welche mitunter bis an 
die Grenze der Vernichtung reichte. 

Tin Jahre 1812 zählte die Ende Juni in Russlaud eindringende 
Armee 60,000 Pferde. Anfang September war die Kavallerie durch 
übertriebene Anstrengungen auf die Hälfte herabgesunken; die 
Schlacht von Borodino am 7. September hat ihr ebenso bedeutende 
Verluste gebracht. Die sächsische Brigade Thielmann, beim Anfang 
des Feldzuges 1800 Pferde stark, war am Morgen der Schlacht 
bereits auf 1000 geschmolzen und verlor in derselben 42 Offiziere 
und 506 Pferde. 

Der folgende 50jährige Friede, war für die Kavallerie in keiner 



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Studien über Verwendung u. Gefechtsth&tigkeit der Kavallerie. 



51 



Weise günstig. Man war teilweise nicht zufrieden mit ihren 
Leistungen und trachtete keineswegs solche Einrichtungen zu treffen, 
welche hoffen liefsen, ihre Kräfte in Zukunft besser verwertet zu 
sehen. Die Kavallerie blieb im Allgemeinen in Brigaden vereinigt 
den Divisionen attachiert, war bei den Übungen zumeist nur in 
kleinen Körpern verteilt; es fehlte ihr das leitende Prinzip, 
das Zusammenfassen der einzelneu Glieder zum fest ge- 
schlossenen Ganzen. 

Die Gefechte der neueren Zeit konnteu in Folge des Aufgebens 
der Lineartaktik und wegen der Unmöglichkeit von Massenformationen 
ganz gut in Gefechte der einzelnen Compaguien und Bataillone neben 
einander zerlegt werden, welche schon den hier thätigen Faktoren 
der Führung einen bedeutenden Einflute auf deren Verlauf gestatteten. 
Dieser Umstand ist aber für die Kavallerie keineswegs zutreffend; 
der alte Grundsatz, dafs sie nur in grofsen Körpern bedeutende 
Erfolge zu erringen vermag, ist aus der Geschichte mit zunehmender 
Sicherheit klar zu verfolgen. Dennoch hatte sich gerade die Kavallerie 
sorgfältigst angelegter Übungen in solchen gröfseren Verbänden 
nicht zu erfreuen. Diese Vorbereitung für einstige Kriegsthätigkeit 
war höchstens Gegenstand gelegentlicher Versuche, welche aber ohne 
zweckentsprechende Organisation und Weiterführung von einer 
wesentlichen Bedeutung nicht sein konnten. So waren denn die 
Kavallerie-Corps des vorletzten Krieges auf den Schlachtfeldern ohne 
hervorragenden Nutzen und auch die Kavallerie-Divisionen des letzten 
Feldzuges haben nicht jene Erfolge zu erringen vermocht, welche 
ihnen unter andern Voraussetzungen kaum hätten entgehen können. 

Natürlich sind wir weit davon entfernt, hier irgendwie tadelnde 
Urteile oder Kritiken aussprechen zu wollen, im Gegenteile wir 
betonen mit aller Bestimmtheit , dafs wir allein in der nicht voll- 
ständig entsprechenden Organisation und Erziehung deu einzigen 
Grund für manche Erscheinungen finden. Indem wir vor Allem 
und au erster Stelle erwähnen, dafs auch für die Kavallerie todes- 
mutige Pflichterfüllung unter allen Verhältnissen die Grundlage 
ihrer Handlungen bleiben mufs, geht die Absicht der nachstehenden 
Betrachtungen lediglich dahin, jene Prinzipien festzustellen, welche 
für die Waffe von Wert sein müssen. Wenn wir mit den jüngsten 
Ereignissen beginnen, so erscheint dies dadurch gerechtfertigt, dafs 
dieselben für unseren Zweck naturgemäfs die Wichtigsten sind, ganz 
abgesehen von der zu Gebote stehenden überaus klaren Darstellung 
dieser Ereignisse. — 



4» 

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52 Studien über Verwendung u. Gefechtsthitigkeit der Kavallerie. 



Bei dem Vormärsche der III. Armee und dem (Je fechte hei 
Weifsenburg waren am 4. August auf dem rechten Flügel ein- 
schliefslich Divisions- Kavallerie 34 Schwadronen und 1 Batterie in 
erster Linie, 44 Schwadronen und 3 Batterien in 2. Linie, diese 
auf *J A — 2 Meilen nördlich der Lauter. Trotzdem konnten an jenem 
Tage nur 4 Schwadronen zur Verfolgung des schon Nachmittags 
2 Uhr geschlagenen Gegners verwendet werden. Die Kavallerie- 
Division, welche in 2. Linie zur Verfügung stand, traf, mehrfach 
aufgehalten durch biwakierende oder marschierende Truppen, erst 
um l'/j Uhr an ihrem Bestimmungsort ein, obgleich sie um G Uhr 
aufgebrochen war und nur 2 Meilen zurückzugelegen hatte. 
Bemerkungen. Es mufs immerhin auffallen, wenn von 78 Schwa- 
dronen nur 4 zum Verfolgen gelangen; bei der hohen Tüchtig- 
keit aller Organe uud Truppen, kann die Ursache dieser 
Erscheinung doch nur in einzelnen Mängeln der Organisation 
und Erziehung gefunden werden. Bei den Truppenübungen 
im Herbste eines jeden Jahres werden zur Verwendung ge- 
langende gröfsere Kavallerie-Körper die Notwendigkeit erkenuen, 
dafs sie, um das gesteckte Ziel bei solchen Koncentrierungs- 
Märschen zu erreichen, stets Offiziere voraussenden müssen, 
welche die Mittel ausfindig machen werden, derartige Hinder- 
nisse zu umgehen, und zwar durch Aufsuchen von Neben- 
oder Kolonnen-Wegen. Einige organisatorische Einrichtungen 
und entprechende Übungen werden sodann auch erreichen 
lassen, dafs mindestens die gesamte disponible Divisions-Kavallerie 
nach einem siegreichen Gefechte zur Verfolgung schreiten 
kann. 

Im Verlaufe der Schlacht bei Wörth hatte das V. Armee- 
Corps um I 1 /, Uhr allmählich alle seine Kräfte eingesetzt, war 
mühsam und unter schweren Verlusten bis an den Rand der Wein- 
berge vorgedrungen, welche die Berghänge westlich und nordwestlich 
von Wörth bedecken. 

Die Stellungen von Morsbronn und dem Albrechtshäuser-Hofe 
waren zwischen 1 und 2 Uhr durch die preußische Infanterie des 
XI. Armee-Corps genommen ; 4 Bataillone und 2 ITalb-Bataillone 
hatten bei Spachbach die Sauer überschritten, den Ostrand des 
Niederwaldes erreicht und waren im östlichen Teile dieses Waldes 
bis zum Nordrande vorgedrungen. 

Bei Morsbronn waren 2. 4./32 auf der Höhe nordwestlich dieses 
Ortes, 1.3./32 in den Dorfstrafsen ; links neben den erstbezeichneten 
Compagnien 11/32 in nebeneinander marschierenden Halbbataillonen, 



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Studien über Verwendung n. Gefechlsthätigkeit der Kavallerie 53 



dann 11/94 in Compagniekolonnen, endlich die 3. Pionier-Compagnie 
angelangt. Die Füsilier-Bataillone beider Regimenter waren noch 
südlich des Ortes; 0.12/80 näherten sich dem Nordeingange. Die 
auf der Höhe nördlich Morsbronn eingetroffeneu Abteilungen erhielten 
heftiges Feuer aus den Waldabschnitten südöstlich Eberbach, welches 
ihr Vorschreiten hemmte. Der Albrechtshäuser Hof und die nächst- 
liegenden Höheu waren durch das 11. Jäger-Bataillon, 6' Compaguien 
Regt, 95, und 6* Compaguien Regt. 87 genommen und besetzt; 
von Günstedt im Anrücken F./95, I und II./83. 

Um 1 Uhr gab der auf dem rechten französichen Flügel kom- 
mandierende Divisions-General Befehl, dafs die im Grunde östlich 
Eberbach aufgestellte Kürassierbrigade Michel ein Regiment in die 
Flanke des Angreifers senden sollte, um ein weiteres Vordringen 
der preufsischen Infanterie über Morsbronn zu verhüten. General 
Michel formierte die 8. Kürassiere auf dem buken Flügel in Esca- 
drous-Kolonne, rechts folgten die 9. mit 3 Schwadronen in Liuie, 
die 4. in Zugkolonne dahinter, noch weiter rechts rückwärts die 
Lanciers. Ohne einen Feind zu sehen, bewegte sich diese 
Kavallerie aufs Gerathewohl gegen Morsbroim. Heldenmütig 
erduldete sie das Feuer in der linken Flanke vom Albrechts- 
hauserhofe her und eilte in schnellster Gangart vorwärts. 

Kurze Zeit nachdem die preufsische Infanterie nördlich Mors- 
bronn durch das Feuer des Feindes im Vorschreiten gehemmt 
war, stürmte die französische Kavallerie auf sie ein. Die Infanterie 
empfing den verwegenen Angriff, wie sie gerade stand; die 8. Kü- 
rassiere gerieten in das Feuer von 1.3./32 und des entwickelten 
11/32, welches halb rechts geschwenkt hatte; rechts und links 
an der Infanterie vorbeistürmend, eilte der Rest durch Mors- 
bronn oder nördlich des Ortes vorüber, stiefs aber auf die dort 
befindlichen Abteilungen; 9. 12./80 fielen allein der Regimen ts- 
Commandeur, 17 Offiziere, zahlreiche Mannschaft und 130 unverwun- 
dete Pferde in die Hände. Die 9. Kürassiere wurden von der 
Pionier-Compagnie auf 300 Schritt mit Schnellfeuer empfangen; eine 
Ecke der Compagnie wurde von der vorbeistürzenden Kavallerie ab- 
getrennt. Der Rest der Kürassiere suchte durch oder um Morsbronn 
herum zu entkommen, stiefs ebenfalls auf die genannten Infanterie- 
Abteilungen, welche mit Schnellfeuer verfolgten. Die Lanciers trafen 
auf den linken Flügel der preufsischen Infanterie; S./32 schwenkte 
links nnd gab auf die vorbeijageuden Reiter wirksames Feuer ab; 
diese drängteu ebenfalls an Morsbronn vorüber und folgten d<-n 
Kürassieren in der Richtung auf Dürrenbach. 



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54 



Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



Bemerkungen. >Die Bodenverhältnisse des Attacken feldes seheinen 
nicht rekognosziert gewesen zu sein und waren sehr un- 
günstig. Einzelne Baumreihen, dicht über dem Boden ab- 
geschnittene Stämme und tiefe Gräben hinderten die Bewegung, 
während die Infanterie auf den sanften Hängen der sonst un- 
bedeckten Höhenzüge freies Schufsfeld hatte, c 

>Nicht rekognoszierte Attackenfelder«, wie oft kommen 
sie bei Kavallerie- Angriffen vor, wie oft wird die Kavallerie 
in Lagen kommen, dafs ihre Eclaireurs im Vorrücken zugleich 
die Rekognoszierung machen müssen. Hier aber war natürlich 
diese Unterlassung ein grofser Fehler, obgleich unter den 3 
angegebenen Hindernissen für die Bewegung das Letzte inso- 
fern gelten kann, wenn nämlich die tiefen Gräben auch zu 
breit zum Überspringen waren. Nichts kann die Bedeutung 
und den Einflufs solcher Hindernisse und Unterlassuugen leichter 
klar machen, als die Formation der Kavallerie in gröfsere 
Körper und zweckentsprechende Verwendung bei den Truppen- 
übungen. Bei solcher Gelegenheit wird sich das Bedürfnis 
nach Rekognoszierung darlegen, ebenso wie jenes, nach der 
Fertigkeit möglichst viele und mannigfache Hindernisse über- 
winden zu lernen. 

Die Attackenrichtung war entschieden ungünstig; sie ward 
noch ungünstiger durch das freie Schufsfeld der gegnerischen 
Infanterie und durch das flankierende Feuer aus der Richtung 
vom Albrechtshäuser Hofe. Dafs aber überdies gerade diesem 
immerhin als möglich vorauszusehendem Feuer ein Regiment 
in Escadronskolonne als willkommenes Ziel geboten wurde, 
ist ein zweiter grofser Fehler. War es nicht möglich, im 
Grunde des Eberbaches fortzukommen, hinter den dortigen 
Hängen sich zu formieren, so hätten die 10 Schwadronen wohl 
in 3 Treffen gegliedert vorgehen müssen. Im ersten Treffen 
4 Schwadronen Kürassiere; im zweiten Treffen 2 — 3 Schwa- 
dronen Lanciers, die Schwadronen auseinaudergezogen in Zug- 
kolonne, endlich hinter dem rechten Flügel im 3. Treffen 
4 Schwadronen Kürassiere zusammengehalten. Diese Form 
hätte überdies den Intentionen des gegebenen Befehles mehr 
entsprochen, welcher die Angriffsrichtung nach der Flanke des 
Feindes ganz zweckmäfsig bestimmte; weniger entsprechend 
erscheint jedoch die Absicht, nur ein Regiment zu diesem An- 
griffe zu verwenden. 

Recht praktisch angelegte Gefechtsübungen werden übrigens 



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Stadien über Verwendung u. Gefechtath&tigkeit der Kavallerie. 



der Kavallerie die Notwendigkeit klar legen, dafs Bewegungen, 
welche einen Angriff vorbereiten , anch häufig in schmalen 
Kolonnen unbedingt ausgeführt werden müssen. 

Gleich bei diesem ersten Kavallerie- Angriffe des Feldzuges 
sehen wir die Truppe schon bei dem Albrechtshäuser Hofe in 
schnellster Gangart vorüberstürmen, was nur in ganz beson- 
deren Fällen und auf kürzere Strecken thunlich erscheint, 
sonst aber ganz und gar verwerflich ist. Vom Niederwalde 
bis zu den genannten Höfen beträgt die Entfernung 500, von 
da bis auf die Höhe nordwestlich Morsbronn noch immer 
1500 Schritte. Bei solchen Entfernungen aber kann man 
sich leicht vorstellen, in welchem Zustande diese Kavallerie 
zur Attacke gekommen ist, nachdem sie schon im Beginn der 
Bewegung in den heftigsten Galopp gerathen war. 
Kurz nach dem eben geschilderten Kavallerie- Angriffe begann 
der linke Flügel der preufsischen Schlachtlinie die Vorrückung gegen 
den Niederwald; Regiment 32 mit der Pionier-Compagnie im ersten 
Treffen, dahinter 0. 12./80; F./94 mit je 2 Conipagnien zu beiden 
Seiten des Eberbaches. Hinter dem rechten Flügel II und 1/94 auf 
der Strafee Morsbronn-Fröschweiler. 

Die Franzosen- hatten ebenfalls gleich nach dem Angriffe der 
Kavallerie starke Infanterie-Reserven gegen die Stellung am Albrechts- 
hänser Hofe vorgehen lassen, welche die preufsische Infanterie aus 
derselben vertrieben.*) Die eingetroffenen 3 frischen Bataillone jedoch 
greifen energisch an, die übrigen Abteilungen gehen wieder vor, 
stellen die Verbindung mit dem rechten Flügel des von Morsbronn 
kommenden Regiments 32 her, und die Franzosen ziehen sich 
an den Südrand des Niederwaldes zurück, denselben verteidigend. 
Auch das besetzte Eberbach wird vom linken Flügel genommen, und 
die französische Besatzung geht auf die Höhe nordwestlich dieses 
Ortes. Beim weiteren Vordringen der preufsischen Bataillone gegen 
den Niederwald ziehen sich die Franzosen unter zähem Widerstände 
durch diesen Wald und in dem Thale des Eberbaches zurück. Das 
Regiment 32 war über den Eberbach in der Richtung auf Reichs- 
hofen gegangen. 

Um 27a Uhr waren die Preufsen bis au den Nordrand des 
Niederwaldes gelangt; die schon früher im östlichen Teile des Waldes 
eingedrungeneu Bataillone beteiligten sich bei diesem Vorgehen, und 



*) Ein Vorbrechen der Kavallerie im Vereine mit diesem Angrifle der Infanterie- 
Reserven hätte sicher weit mehr Aussicht anf Erfolg geboten. 



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56 Studien über Verwendung n. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



ebenso wirkte der linke Flügel des V. Armee-Corps, Abteilungen 
der Regimenter 7, 47 und 50, mit. 

Die Franzosen hatten das Waldstück besetzt, welches zwischen 
dem Niederwalde und Elsafshausen liegt, und hinter dieser Wald- 
parzelle starke Reserven aufgestellt; ein Augriff dieser Reserven auf 
den Niederwald war zwar von kurzem Erfolge, wurde aber bald ab- 
geschlagen; die verfolgenden preufsischen Bataillone drangen mit 
den Franzosen in jenes Gehölz ein und besetzten dasfelbe. Man war 
nunmehr dicht vor der französischen Stellung von Elsafshausen an- 
gelangt, in welcher sich zahlreiche Truppen und Reserven zeigten. 

Der kommandierende General des XI. Armee-Corps hatte bereits 
die Artillerie vorgezogen; bald traten östlich und südöstlich Elsafs- 
hausen 8 Batterien in Thätigkeit, Elsafshausen wurde in Brand 
geschossen. Auf das Signal zum allgemeinen Angriffe stürzten die 
Schützenschwärme aus deu Waldungen, sowie die zunächst befind- 
lichen Abteilungen unter kräftigem Hurrah auf den Feind und 
warfen ihn zurück. Die preufsische Infanterie war im Allgemeinen 
in Elsafshausen und an der Strafse von da nach Gundershofen, alle 
Brigaden durch das Waldgefecht und den Sturm bunt durcheinander 
gemischt; die Bataillone der vorderen Linie erschienen kaum noch 
als taktische Körper, neben und hinter denselben befanden sich 
Teile aller übrigen Regimenter; die Offiziere waren überall bemüht 
die Verbände wieder herzustellen. — 

Bemerkungen. Es scheint denn doch, dafe gerade dieser Moment 
ein ganz vorzüglich geeigneter Zeitpunkt für einen Angriff 
der nicht übermäfsig entfernt fallenden Kavallerie gewesen 
wäre. Die geschilderten Verhältnisse gestatten überdies der 
Kavallerie auch die heftigeren Gangarten, wie sie namentlich 
bei der französischen Kavallerie sehr viel vorkommen. Der- 
artige Hurrahs fesseln die Anspannung und Aufmerksamkeit 
der Führer beider Teile in eine bestimmte Richtung, bringen 
wohl stets Erregung in die beteiligten Truppen, voraus- 
gegangene Kämpfe haben zumeist die taktischen Verbände • 
gelockert. Solche Hurrahs an entscheidenden Stellen können 
also wohl für die Kavallerie als ein Signal zum »Losreiten« 
gelten. Die geschilderten Verhältnisse sind für ihre Aktion 
in jeder Hinsicht günstig zu nennen. — 
Die preufsischen Batterien waren zum Teile weiter vorgegangen, 
und auch die bei Elsafshausen angehäuften Truppen begannen die 
Richtung auf Fröschweiler einzuschlagen. Jetzt aber setzen sich 
von diesem Orte aus starke Infanterie- Massen auf Elsafshausen und 



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Stadien aber Verwendung n Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 57 

den weitöstlieh gelegenen Teil des Schlachtfeldes in Bewegung. 
Oer Stöfs traf zuerst die preufsisehen Abteilungen bei Elsafshausen. 
»Ohne geschlossene Soutiens, fast ohne Führer im langen, heifsen 
Kampfe aufgelöst und ermattet, vermochten diese Truppen den 
anstürmenden Massen nicht zu widerstehen und suchten Schutz im 
Niederwalde; die nächststehenden Abteilungen sahen sich in diese 
rückgängige Bewegung mit hineingerissen.« Der bis dahin erfolg- 
reiche französische Vorstofs kam aber zum Stehen, als nun Teile 
des Regiments 91 vom linken Flügel der neuen Stellung gegen seine 
rechte Flanke vorgingen.*) Mehrere Batterien um Elsafshausen und 
östlich dieses Ortes traten in Thätigkeit und IT/58 näherte sich der 
Ostseite des Dorfes. Der Feind sah sich zur Umkehr gezwungen. 

Die preufsisehen Bataillone hatten sich nach Abweisung der 
französischen Infanterie gröfstenteils wieder gesammelt und 
folgten zum Teil durch Elsafshauseu dem auf Fröschweiler zurück- 
weichenden Gegner. Zu beiden Seiten Elmshausens waren 7 Batte- 
rien in Stellung; die Bataillone westlich dieses Ortes müssen sich 
wohl an dem Wege nach Gundershofeu formiert haben. 

Der nun an die Kürassier-Division Bonnemains (2. der Kavallerie- 
Reserve, 1(5 Schwadronen 1 Batterie) erteilte Befehl zum Angriff, 
traf diese brigadeweise in einer Terrainfalte südwestlich Frösch- 
weiler haltend; in der Nähe scheint auch die Brigade Septeuil ge- 
standen zu haben. 

Das Attackenfeld, welches diese Kavallerie vor sich hatte, war 
ein äufserst ungünstiges, weil zahlreiche Gräben mit mannshohen 
Baumstämmen an denselben die Reitermassen hinderten, während 
die Infanterie des Gegners in den mit Zäunen eingefafsten Wein- 
und Hopfengärten Deckung fand. Diese bildete deshalb beim 
Anreiten der Kavallerie nur an weuig Stellen Knäule; die Mehrzahl 
blieb in ihrer augenblicklichen Formation und empfing die Kürassiere 
mit verheerendem Schnellfeuer, in welches die Batterien zuerst mit 
Granat-, dann mit Kartätsch feuer wirksam eingriffen. 

Die Attacken selbst wurden regimenterweise ausgeführt. Das 
erste Kürassier-Regiment attackierte schwadronsweise und erlitt 
grofse Verluste, das 4. Regiment durchjagte weiter links den ganzen 
Raum, wurde aber ebenfalls durch das preufsische Feuer aus- 
einander gesprengt, ohne den Gegner überhaupt zu Ge- 

*) Hätte sich an diesen Voretofs der französischen Reserve ein flankierendes 
Vorbrechen der Kavallerie angereiht, so wäre auch dieser Moment günstig gewesen 
und hätte aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens den Flankenangriff des Re- 
giments 04 verhütet. 



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Studien über Verwendung q. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

sichte zu bekommen. Das in halben Regimentern attackierende 
2. Kürassier -Regiment verlor , r > tote, viele verwundete Offiziere, 
120 Mann und 250 Pferde; das 3. Regiment kam nur zur Hälfte 
ins Feuer und verlor 7 Offiziere, 70 Mann und 70 Pferde. Der 
Rest jagte nach allen Richtungen hin auseinander. 
Bemerkungen. Die Kavallerie-Angriffe in der Schlacht von Wörth 
waren zwar ebenso tapfer ausgeführt wie sie verlustreich 
waren, doch deren Nutzen kann in jeder Hinsicht nicht hoch 
angeschlagen werden. Oberstlieutenau 1 Bonie sagt ungefähr: 
»Diese Angriffe deckten auch keineswegs den französischen 
Rückzug, ja sie erleichterten ihn nicht einmal, da überhaupt 
ein Rückzug nicht statt fand, sondern vollständige Auflösung.« 

Die Infanterie hat in harten Kämpfen bereits schwere 
Verluste erlitten, der Gegner bleibt in stetem energischem 
Vordrängen. Jetzt geht die Infanterie zum Teil in Auflösung 
zurück, Reserven sind keine mehr zur Hand; in solchen 
schwierigen Fällen wird der in der Nähe verdeckt haltenden 
Kavallerie der Befehl zum Angriffe überbracht. Häufig ohne 
Kenntnisder allgemeinen Gefechtslage, öfters die nähere Gefeehts- 
lage nicht kennend, von der Unsicherheit der ganzen Verhältnisse 
angesteckt, eilt sie ohne weitere Überlegung mit voller Kraft 
in dasjenige Terrain, welches von der Stellung aus für ihre 
Bewegungen einigermafsen geeignet erscheint, denn der Befehl 
fordert bestimmt den Angriff, und die ganze Lage ist bereit* 
höchst kritisch geworden. Dies mag so ungefähr die Vor- 
geschichte solcher Angriffe sein, welche wenn auch noch so 
tapfer und verlustreich ausgeführt, doch den Stempel von 
unbesonnenen Verzweiflungs-Coups an der Stirne tragen. Ver- 
hütet können sie nur werden, wenn der Führer der Kavallerie 
den Befehl zum Angriffe nicht auf diese Art erhält, sondern 
alten Grundsätzen entsprechend, sich entweder Zeit und 
Richtung des Angrittes selbst zu wählen in der Lage ist, oder 
aber wenn er diesen Befehl unter ruhiger Würdigung und 
Abwägung aller Verhältnisse persönlich entgegennimmt. Sach- 
gemäfse, belehrende Verwendung gröfserer Kavallerie-Körper 
bei den Friedensübuugen, wird auch für entsprechende 
Thätigkeit im Kriege von wesentlichem Nutzen sein. 

Mit vollem Rechte werden solche Angriffe der Kavallerie 
Verlegenheits-Attacken genannt; die günstigsten Momente für 
Angriffe — wie solche mehrfach vorhanden waren — gehen 
vorüber; wenn :ann so ziemlich Alles verloren ist, wird uoch 



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Studien über Verwendung u. Geft-chtsthätigkeit der Kavallerie. 59 



die Kavallerie, ohne Rücksicht auf die obwaltenden Vorhält- 
nisse, ausgespielt. Auch in solchen Lagen kann die Kavallerie 
durch blindes, unbesonnenes Drauflosstürzeu nur ganz zufällige 
Erfolge erringen; sie wird aber in jedem Falle auch ohne 
solche Ergebnisse bedeutende Verluste erleiden, wenn für ihren 
Angriff ein erreichbares Objekt eigentlich gar nicht besteht. 

Selbst für das immerhin unter Umständen notwendige 
Opfern einer Waffe scheint gerade wieder der hier gewählte 
Moment zum Angriffe nicht unbedingt zwingend gewesen zu 
sein, und hätte die Kavallerie wohl auch jetzt noch das Vor- 
brechen der Infanterie aus ihren vorerst unerreichbaren 
Stellungen abwarten können. So viel steht fest, dafs der 
Moment des Augriffes, wie die Augriffsrichtung nicht un- 
günstiger zu wählen waren. Hier wie bei der ersten Attacke 
war die Kavallerie mangelhaft verwendet und geführt; in 
beiden Fällen war das Attackenfeld mindestens ungünstig für 
die Waffe, bei etwa 1000 Schritte im Gevierte auf 2 Seiten 
durch zum Teil nicht erreichbare Infanterie oder Artillerie 
verteidigt. Diese Angriffe hätten auch scheitern müssen, wenn 
es selbst möglich gewesen wäre, die Räume noch weit schneller 
zu durcheilen, wie es wirklich geschehen. 

Diese Beispiele, welche die Schwäche der Waffe gegen- 
über der heutigen Feuerwirkung zu - bekräftigen scheinen, sind 
nur ein neuer Beweis für die altbekannten Lehren über die 
Verwendung der Kavallerie. Die Schlacht von Kunersdorf 
aber gab hierüber schon hinreichende Aufklärung. 

Da die Truppe ihre Aufgabe im Allgemeinen brav 
und todesmutig gelöst hat, so kann nur die keineswegs ent- 
sprechende Führung oder Verwendung die Ursache solcher 
Erscheinungen sein. Es ist ferner durchaus nicht anzunehmen, 
dafs bei den Führern die alten Regeln über Verwendung der 
Waffe überhaupt nicht bekannt waren, dafs die neueren überall 
vorhandenen Theorien und Instruktionen in gleicher Richtung 
dort gar keine Berücksichtigung gefunden hätten; wohl aber 
dürften diese Erscheinungen in einem vollständigen Mangel an 
Erfahrungen in der praktischen Verwertung dieser Theorien 
begründet liegen, wie solche heute mehr wie je nur bei ganz 
zweckmäfsig durchgeführten Friedensübungen zu gewinnen 
sind, und zwar ebenso für die Führung der Kavallerie, wie für 
ihre Verwendung im Allgemeinen. 

Die französische Kavallerie war 24 Schwadronen Kürassii re, 



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Studien aber Verwendung n. Oefcchtsthätigkeit der Kavallerie. 



in einer Division und einer Brigade, und 20 Schwadronen 
Linien- und leichte Kavallerie stark. 

Die deutsche Kavallerie zählte auCser 46 Schwadronen 
Divisions-Kavallerie etwa 58 Schwadronen mit 30 Geschützen 
in Brigaden und aufserdem in einer Kavallerie -Division ver- 
einigt; die entferntesten Regimenter befanden sich 2 — 2 Va Meilen 
vom Seh lach tfelde. Der Kampf hatte um 8V 2 Uhr ernstlich 
begonnen und war um 5 Uhr beendigt. Es war somit immer- 
hin denkbar, dafs in den Nachraittagstunden eine zahlreiche 
Kavallerie mit ansehnlicher Artillerie auf dem linken Flügel, 
vielleicht bei Morsbronn-Hegenev, hatte vereinigt seiu können 
und bereit gewesen wäre, sowohl in der Richtung Forstheini- 
Gundershofen auf die Höhen westlich von Reichshofen, oder 
über Guwbrechtshofen gegen Ziusweiler jederzeit in Ver- 
wendung zu treten. 

Von diesen 101 Schwadroueu kamen bei der Verfolgung 
nur gegen 24 in Thätigkeit; auch hier, wie bei Weifsenburg, 
war die Fühlung mit dem Feinde bald verloren und erst am 
andern Tage gesucht und gefunden worden. Hätte die 
Kavallerie einheitlich geleitet zur Verfolgung kommen können, 
so wären derselben ohne jede Frage mindestens das ganze 
Material der französischen Armee in die Hände gefallen. 
Abgesehen von entsprechenden, die Verwendung im Felde 
berücksichtigenden Friedensübungen, dürfte es sich empfehlen, 
einen Commandeur der beiden Divisions-Kavallerie-Regimenter 
dem kommandierenden General zu attachieren. Derselbe 
könnte nicht sowohl als kavalleristischer Beirat, wie nötigen 
Falles als Commandeur der disponiblen Kavallerie des Armee- 
Corps jeder Zeit in Thätigkeit treten, sobald dies die Umstände 
erfordern würden. Aus der gleichen Rücksicht kann es nur 
empfehlenswert sein, dafs dem Kommando jeder Armee ein 
Commandeur der Kavallerie beigegeben werde, der auf dem 
Schlacht fehle, vor oder nach der Schlacht, jeden Moment den 
Befehl über die vereinigte oder zu vereinigende Kavallerie 
übernehmen kann, volle Gewähr für deren zweckmäfsige Ver- 
wendung im Sinne des oberen Kommandos bieten würde. -- 

Die Schlacht von Mars la Tour liefert ein schönes Beispiel, 
wie Artillerie und Kavallerie den anrückenden Truppen vor- 
auseilend, schon wesentlich früher an Ort und Stelle eintreffen 
können, wie die Corps oder Divisionen, zu welcher sie ge- 
hören. Allerdings wird dies kaum geschehen, wenn die 



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Vorschläge för die Nen-Organisation etc. 



61 



Kavallerie unter allen Verhältnissen in der Marschkolonne 
eingeteilt, ihre besten Kräfte in erschöpfenden Märsehen 
abnutzt. Ein Marsch von 5 — G Meilen ist in keiner Weise 
ermüdend, wenn die Kavallerie ungehindert ist, in den Gang- 
arten abwechseln kann; er wird schon anstrengend, wenn er 
in einer Marschkolonne mit den anderen Waffen ausgeführt 
werden mnfs, und sind derartige Märsche mehrere Tage an- 
haltend, so ruinieren sie die Truppe. (Fortaetzung folgt.) 



V. 

Vorschläge für die Neil-Organisation der Pionier- 
Truppe und des Ingenieur-Corps. 



Das Septemberheft 1883 dieses Blattes brachte einen Aufsatz 
>Grundzüge für eine Neuordnung unseres Ingenieur- und Festungs- 
weseus.« Die Ausführungen des Verfassers weisen einerseits auf 
die Mifsstände der jetzigen Organisation des Ingenieur-Corps hin 
und geben andrerseits den Weg an, wie dieselben durch eine Neu- 
organisation zu beseitigen seien. 

Wir scbliefsen uns in vielem Wesentlichen den Ansichten und 
Vorschlägen der >Grundzüge« an, teilen aber auch in Manchem 
nicht den Standpunkt des Verfassers. 

Bei dem allgemeinen Interesse und der hohen Wichtigkeit der 
vorliegenden Frage für die ganze Armee kann es nur förderlich und 
zur Klärung der Anschauungen dienlich sein, wenn dieselbe wieder- 
holentlich nnd nach verschiedenen Richtungen bin zum Gegenstand 
der Erörterung gemacht wird. Wir hoffen, dafs auch diese Zeilen 
vielleicht zur weiteren Besprechung der Sache anregen nnd dazu 
beitragen werden, für die Zuknnft des Ingenieur-Corps fruchtbringende 
Ideen zu entwickeln. 

Die zu hohe Inanspruchnahme der Ingenieur-Offiziere nach 
zwei ganz verschiedenen Richtungen hin und die Unmöglichkeit für 
die grofse Mehrzahl derselben diesen Ausprüchen nach beiden Rich- 



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02 



Vorschläge fftr die Neu-Organisation 



tuugen hiu vollkoQimen gerecht zu werden, mufa ohne Weiteres 
anerkannt werden. 

Der Pionier-Offizier soll in hervorragender Weise ein praktischer, 
taktisch durchgebildeter Front-Offizier sein, der richtigen Blick und 
rasche Auffassung mit schnellem Entschlufs vereinigt. Von dem 
Pionier-Offizier -sind in Bezug auf seine militärische Durchbildung 
zweifellos alle Anforderungen zu erfüllen, die man an einen 
Infanterie-Offizier stellt; wenn überhaupt die Pionier-Truppe im 
iunigrii Gefüge der grofsen Truppenverbäude ein unentbehrliches 
Glied derselben bilden soll. 

Dazu kommen für denselben die mannigfachen, speziell technischen 
Zweige seines Dienstes, die gleichfalls volle und andauernde Hingabe 
und viel Übung erfordern, um die notwendige Routine darin zu 
erreichen. 

Es liegt auf der Hand, dafs ein Offizier-Corps, welches dem 
fortwährenden, jetzt bestehenden Wechsel zwischen Truppe und 
Fortifikation (also zwei Dienstzweige, welche in gar keinem Zu- 
sammenhange zu einander stehen) uicht unterworfen wäre, seiner 
schwierigen Aufgabe in sehr viel besserer Weise gerecht werden 
könnte. 

Wenn trotz der bis jetzt bestehenden Schwierigkeiten bei der 
Ausbildung des Offizier-Corps die Pioniere im letzten Feldzuge bei 
ihrer so mannigfachen Verwendung mit Recht volle Würdigung und 
Anerkennung ihrer Leistungen gefundeu haben, so ist dies freilich 
ein Beweis für die aufopfernde Hingabe, welche dieses Offizier-Corjw 
gezeigt hat, aber nicht dafür, dafs unser Pionierwesen nicht ver- 
besserungsfähig und die Leistungen desfelben nicht zu steigern wären. 
Im Gegenteil wird in einem kommenden Kriege bei anderer Aus- 
bildung der Pionier-Offiziere, wie auch namentlich bei gröfserer 
Vertrautheit der übrigen Truppen mit dem Piouierwesen, dieses 
sicherlich eine erhöhte Wichtigkeit und einen noch gröfseren Einflufs 
auf die Aktionen im Felde erhalten. 

So erscheint denn eine Loslösung der Pioniere von dem Ingenieur- 
Corps durchaus geboten, aber nicht nur eine solche, sondern auch 
eine vollständige Verschmelzung derselben mit der Infanterie. Dies 
wird einen doppelten Vorteil zur Folge haben. Einmal wird ein 
solchem Offizier-Corps, wie der erwähnte Aufsatz angiebt: »zweifels- 
ohne die Truppe zu höheren Leistungen für die Feldarmee führen 
und namentlich ein sichereres Gefühl für die Forderungen der je- 
weiligen taktischen Sachlage bekunden, als dies billiger Weise jetzt 
erwartet werden darfc; andrerseits wird das Verständnis und die 



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der Pionier-Truppe und des IiiRenieur-Corps. 



G3 



Würdigung der Wichtigkeit der Feldbefestigung bei der Infanterie 
in hohem Mafse wachsen. Und dieser zweite Vorteil ist wahrlich 
nicht der geringere. Der Feld-Pionier-Dienst soll nicht eine Spezialität 
der Pioniere bleiben, sondern soll und mufs von der Infanterie 
kultiviert werden. 

Eine etwa hieraus hergeleitete Annahme oder Befürchtung, dafs 
hierdurch die Pioniere überflüssig werden möchten, ist in keiner 
Weise begründet. Im (iegenteil die gröfsere Vertrautheit, namentlich 
der höheren Führung, mit der Pionier-Truppe wird dazu führen, 
die Pioniere selbst bei den Manövern als unentbehrlich erscheinen 
zu lassen, während dieselben jetzt wenigstens bei Friedensübungen 
nur zu oft als lästiges Anhängsel gelten. Der Detachements-Führer 
und Divisions-Commandeur wird sich nicht mehr die Frage vorlegen: 
»Was fange ich mit den Pionieren au?« und froh sein, wenn er 
endlich eine Verwendung für diese gefunden hat, sondern im (iegenteil 
die geringe Anzahl der Pioniere wird für ihn oft nicht ausreichen, 
um nicht nur das Notwendige, sondern wenn möglich auch das 
Wünschenswerte durch dieselben ausführen zu lassen. 

Wenn auch grundsätzlich die einfachen Feldbefestigungen und 
Terrain Verstärkungen von der Infanterie unter Leitung ihrer eigenen 
Offiziere und Unteroffiziere hergestellt werden sollen, so erübrigen 
für die Pioniere doch noch soviel Anfgaben und Arbeiten, welche 
eine gründlichere technische Durchbildung verlangen, als dies für 
die Infanterie möglich ist, dafs eine Verminderung der Feld-Pioniere, 
wie in den »Grundzügen« vorgeschlagen, uns nicht zulässig erscheint. 

Das Offizier-Corps der Pionier-Bataillone würde sich demnach 
am besten aus besonders geeigneten, fähigen Offizieren der Infanterie 
ergänzen, welche vor Allem als brauchbare Truppen-Offiziere sich 
erwiesen haben und durch eine mindestens 3jährige Dienstzeit als 
Offizier genügend vorgebildet sind, während Offizier-Aspiranten bei 
den Pionier-Bataillonen nicht mehr einzustellen wären. 

Die Offiziere mülsten später, bevor sie in die Stellung eines 
Pionier-Corapagnie-Chefs einrücken könnten, abermals mindestens 
3 Jahre praktischen Dienst in einem Infanterie-Regiment gethau 
haben. In gleicher Weise würden auch die Compagnie-Chefs und 
die Bataillons -Commandeure der Pioniere in die nächst höhere Charge 
dieser Truppe nur nach abermaliger mehrjähriger Kommandierung 
zur Infanterie einrücken können. 

In dieser Weise würden einerseits die Pionier-Bataillone ein 
militärisch und taktisch, wie pioniertechnisch tüchtig durchgebildetes 
Offizier-Corps erhalten uud andrerseits die Infanterie stets eine Anzahl 



ti4 



Vorschläge für die Nen-Organifiation 



mit dem Feld-Pionier-Dienst durchaus vertrauter Offiziere in ihren 
Reihen haben, was wesentlich dazu beitragen dürfte, die Wichtigkeit 
der Feldbefestigungen mehr wie bisher zum Bewufstsein der Infanterie 
zu bringen. 

Die Bataillons-Cominandeure müfsten in der Infanterie weiter 
avancieren und würde in gleicher Weise wie bei den Jägern und 
Schützen ein Inspekteur der Feld-Pioniere mit dem Range eines 
Brigade-Com man den rs gen ügen . 

Jedes Armee-Corps erhielte 1 Feld-Pionier- Bataillon zu 4 Com- 
pagnien mit gleicher Ausbildung, von denen im Felde jeder Division 
1 Coinpagnie nebst Divisions- Brücken -Train . und 2 Compagnien 
nebst Corps- Brücken-Traiu dem Corps zur speziellen Verfügung 
überwiesen werden würden. 

Bei der Mobilmachung wären von deu Feld-Pionier-Bataillonen 
je eine Ersatz- und nach Bedarf 2 bis 3 Reserve- Pionier-Compagnien 
zu formieren. 

Ein enger Anschlufs der Festuugs- Pioniere an die Fufs-Artillerie 
wie dies die »Grundzüge« vorschlagen, erscheint auch uns als die 
einfachste und zweckentsprechendste Lösung dieser Frage. Die 
Formierung der Festungs-Pionier-Compagnien beim Mobilmachuugs- 
falle seitens der Pionier-Bataillone mit der jetzigen Friedensausbilduug 
ist jedenfalls mifalich, und ist billiger Weise nicht zu verlangen, 
dafs eine solche neu formierte Truppe, die im Friedeu keine ihrer 
Kriegsbestimmung voll entsprechende Ausbildung erhalten hat, deu 
au sie herantretenden Aufgaben vollkommen wird gerecht werdeu 
können. 

Es würden demnach etwa 4 Festungs-Pionier- Bataillone neu zu 
formieren sein, deren Offiziere sich in gleicher Weise aus der Fufs- 
Artillerie ergänzen und in dieser weiter avancieren würden, wie 
dies für die Fehl-Pioniere bezüglich der Infanterie vorgeschlagen ist. 

Ebenso wird der Neuformierung eines Telegraphenbataillons und 
der Uberweisung desfelben an das Eisenbahn-Regiment zugestimmt, 
da auf diese Weise für die bei der Mobilmachung zu formierenden 
Telegraphen-Abteilungen im Frieden eine Staniint.ru ppn mit ent- 
sprechender Ausbildung geschaffen wäre. 

Sehliefslich wäre ein besonderes Mineur-Regiment zu 2 Bataillonen 
zu formieren, dessen Ausbildung sich sowohl auf den Minenkrieg, 
wie auch auf das Seeminen wesen zu erstrecken hatte, und deren 
Offiziere sich in gleicher Weise wie die der Fest ungs- Pionier- Bataillone 
aus der Fufs-Artillerie ergänzten. 

Nach obigen Vorschlagen würden also im Ganzen 7 Bataillone 



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der Pionier-Truppe and des Ingenieur-Corps. 



65 



technischer Trappen neu zu formieren sein und dürfte der dadurch 
verursachte Kostenaufwand nicht zu hoch erscheinen in Hinsicht 
auf die augenscheinlichen Vorteile, welche dieselben für die bessere 
Ausbildung, gröfsere Leistungsfähigkeit und erhöhte Bedeutung der 
Pionier-Truppe haben würde. Wesentliche Schwierigkeiten in per- 
soneller und sachlicher Beziehung würden aus diesen Neuforrnationen 
und aus der Überführung von der bisherigen in die neue Organisation 
nicht erwachsen. 

Etwa die Hälfte der für die Festungs-Pionier-Bataillone er- 
forderlichen Offiziere konnten zunächst von der Fuls-Artillerie, die 
andere Hälfte vom Ingenieur-Corps abgegeben werden. Letztere 
würden allmählich zur Infanterie zurücktreten und durch Offiziere 
der Fufs-Artillerie ersetzt werden. 

Die Offiziere des Telegraphen-Bataillons, wie des Mineur- 
Regiments würden aus dem Ingenieur-Corps zu entnehmen sein. 
Dieses würde um so eher in der Lage sein, das notwendige Offizier- 
Personal für etwa 5 Bataillone abzugeben, als wie später gezeigt 
werden soll, ein grofeer Teil der bisherigen Fortifikations-Offiziere 
verfügbar wird. 

Verhältnismäßig mit mehr Schwierigkeiten, als die Neubildung 
der Pionier-Truppen, ist die Neuorganisation des Ingenieur-Corps 
verbunden. Betreffs dieser schliefsen wir uns den Ausführungen der 
>Grundzüge« insofern an, als auch wir eine vollständige Trennung 
desfelben vou der Pionier-Truppe und eine Entlastung der Ingenieure 
in bautechnischer Beziehung fordern, einen Ingenieur-Stab, der ein 
dem General-Stab nachgebildetes Corps bildet zur Aufstellung der 
generellen Entwürfe für Festungs- Neubauten, zum Versehen des 
Stabsdienstes in den Festungen und zur Ausbildung des Festungs- 



Dagegen treten wir nicht der Ansicht bei, dafe dieser Ingenieur- 
Stab in der Regel aus der Fufe- Artillerie oder Festungs-Truppe 
hervorzugehen habe, sondern erscheint es uns wünschenswerter, 
diesen ohne Rücksicht auf die Waffe, in gleicher Weise wie den 
General-Stab aus der ganzen Armee hervorgehen zu lassen. 

Bedingung für die Versetzung in den Ingenieur-Stab würde nur 
sein der vorhergegangene Besuch der Kriegs-Akademie und ein 
mehrjähriges Kommando zur Fuls-Artillerie. Die jetzt bestehende 
Ingenieur-Schule konnte eingehen und als Ersatz für dieselbe eine 
entsprechende Erweiterung des Unterrichtsstoffes auf der Kriegs- 
Akademie bezüglich der allgemeinen Ingenieur-Wissenschaften und 
des Festungskrieges eintreten. 

Jahrbüch« fir di« Dtirttth« AmM and Mwiil. Bd Hl.. 1. 5 




06 



Vorschläge für die Nea-Organisation 



Die Ergänzimg des Iiigenieur-Corps aus der ganzen Armee und 
nicht ausschließlich aus der Fuß-Artillerie, erscheint namentlich aus 
zwei wichtigen Gründen wünschenswerter und zweckentsprechender. 
Zunächst darf die Anordnung und der Neubau der Festungen nicht 
in einseitiger Welse nur den spezifisch artilleristischen Rücksichten 
Rechnung tragen, sondern muß auch den Anforderungen, welche 
die Verteidigung durch die Infanterie und die dieser Truppe eigene 
Karapfweise an dieselbe stellt, gerecht werden. Diese Gefahr würde 
aber nahe liegen bei einem Ingenieur-Stabe, der nur aus der Fuß- 
Artillerie hervorgegangen ist. 

Bei Neuanlagen sind vor Allem die allgemeinen taktischen Ge- 
sichtspunkte zu wahren, bedingt durch die offensive Verteidigung 
durch die Infanterie, welche namentlich bei großen Festungen vor- 
aussichtlich immer mehr in den Vordergrund treten wird. 

Dann aber soll das Ingenieurwesen aufhören, für die übrige 
Armee mehr oder weniger eine Geheimwissenschaft zu sein, die dem 
Nicht-Fachmann wegen ihrer, wenn auch nur vermuteten Zunft- 
geheimnisse verschlossen bleibt. 

Wenn aber, wie beabsichtigt, der Ingenieur-Stab aus der ganzen 
Armee hervorgeht, so wird entschieden bei dieser das Interesse und 
das Verständnis für das Ingenieur- und Festungswesen wachsen, und 
das ist es, was wir erstreben, damit dasfelbe die Wichtigkeit und 
die Bedeutung erhält, welche ihm der Natur nach innewohnen. 

Dieses vorausgeschickt würde das Ingenieur-Corps in Zukunft 
aus einem nur aus Stabs-Offizieren zusammengesetzten Ingenieur- 
Stab der Armee« zu bestehen haben, welcher sich teilte in den 
»großen Ingenieur-Stab«, eine Central- Behörde, ähnlich dem heutigen 
Ingenieur-Comite, doch mit erweitertem Wirkungskreise, und den 
»Ingenieur-Stäben der Armee-Corps.« 

In dem »großen Ingenieur-Stabe« mußten sämtliche generellen 
Projekte für Festungs-, Neu- und Umbauten bearbeitet und die 
Spezial-Projekte nach erfolgter Revision genehmigt werden. 

Die die Bautechnik betreffenden Fragen und Arbeiten würden 
hierbei durch Ci vil-Baumeister , welche dieser Behörde zuzuteilen 
wären, erledigt werden. 

Die Ingenieur-Stäbe der Armee-Corps hätten aus je einem Chef 
des Stabes mit Regiments- oder Brigade-Commandeur-Rang zu be- 
stehen und außerdem aus je eiuem Ingenieur-Offizier vom Platz für 
jede Festung. Der Chef des Stabes stände direkt und allein unter 
dem kommandierenden General und bildete eine vermittelnde bezw. 
verbindende Instanz zwischen dem Ingenieur-Offizier vom Platz und 



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der Pionier-Truppe and des Ingeniear-Corps, 



67 



dem kommandierenden General einerseits, wie dem groüsen Ingenieur- 
Stabe andererseits. 

Jedem Ingenieur-Offizier vom Platz wurden je nach Bedürfnis 
1 oder mehrere Festun gs- (Civil-) Baumeister für die Bearbeitung 
der Spezial-Projekte und die gröfseren Bauleitungen zu unterstellen 
sein und aufserdem eine Anzahl von Wall-Offizieren für die laufenden 
Unterhaltungen und kleineren Bauten u. dergl. 

Das Wall-Offizier- Corps würde aus den Wallmeistern hervor- 
gehen und in ähnlicher Weise wie das Zeug-Offizier-Oorps organisiert 
sein. Um den Wallmeistern eine bessere und sicherere Vorbildung 
für ihren Beruf in bautechuischer Beziehung zu geben, als dies jetzt 
in den Aspiranten-Schulen der Pionier-Bataillone möglich ist, müfsten 
besondere Wallmeister-Schulen eingerichtet werden, in welche nach 
Malsgabe der vorhandenen Vakanzen Unteroffiziere der Festungs- 
Pionier-Bataillone von tadelloser Führung und der nötigen Intelligenz 
nach mindestens 8jähriger Dienstzeit aufzunehmen waren. 

Die Wallmeister-Schulen erhielten 2 Abteilungen mit je ein- 
jährigem Kursus. Zöglinge, welche nach beendetem Kursus der ersten 
Abteilung die Wallmeißter-Prüfung bestanden, würden die Anwart- 
schaft auf eine Wallmeisterstelle erhalten, diejenigen, welche das 
Examen mit »gut« bestanden, in die die Selekta bildende 2. Ab- 
teilung aufrücken und nach Absolvierung derselbeu die Wall- 
Offizier-Prüfung ablegen. 

Durch die Wallmeister-Schulen würden die Wallmeister zu 
höheren Leistungen befähigt werden wie bisher, und die Wall- 
Offiziere, welche selbstverständlich möglichst wenig ihre Festungs- 
garnisonen zu wechseln hätten, würden für den kleinen Baudienst 
in den Festungen ein aufserordentlich wertvolles Personal bilden und 
dazu jedenfalls besser verwendbar sein, als die jetzigen, so häufig 
wechselnden jungen Fortifikations-Offiziere, welche sich im günstigsten 
Falle erst nach mehrjähriger Praxis, also gerade dann, wenn sie 
gewöhnlich wieder abgelöst werden, eine gewisse Routine im Bau- 
wesen anzueignen vermögen, die ihnen später nach mehrjähriger 
Dienstleistung bei einem Pionier-Bataillone mehr oder weniger wieder 
verloren gegangen. 

Dazu kommt, dafs vielen der jungen Ingenieur-Offiziere das 
nötige Interesse für die Bautechnik und Baupraxis fehlt, da ihre 
Neigungen, wie dies nicht nur erklärlieh, sondern im Interesse des 
militärischen Geistes des Offizier-Corps sogar wünschenswert erscheint, 
mehr ihrer Truppe zugewendet sind. 

Im Gegensatz zu diesen würden die Wall-Offiziere, welche nur 

5* 

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68 Nochmals die ZSumung des Pferdes in Theorie und Praxis. 

den Ehrgeiz kannten, tüchtige und pflichttreue Festungs-Bau-Beamte 
zu werden, um so brauchbarere Stützen für den Ingenieur-Offizier 
vom Platz werden, als dieselben bei ihrem langjährigen Verbleiben 
auf demselben Posten in der Lage wären, sich die so nötige Ver- 
trautheit mit den lokalen Verhältnissen ihrer Festung anzueignen 
und für den Dienst zu verwerten. 

Was nun den Übergang zu der neuen Organisation des Ingenieur- 
Corps betrifft, so müfste zunächst natürlich der neue Ingenieur-Stab 
aus dem jetzigen Stabe des Ingenieur-Corps unter entsprechender 
Zuteilung einiger Stabs-Offiziere der Fufs-Artillerie gebildet werden 
und demnächst allmälig, wie oben angegeben, die angestrebte Zu- 
sammensetzung erhalten. Die bisherigen Stabs-Offiziere des Ingenieur- 
Corps müfsten je nach Neigung und Befähigung später entweder in 
dem neuen Ingenieur-Stabe belassen, oder in die Infanterie ein- 
rangiert werden. Letzterer entstände dadurch kein Nachteil im 
Avancement, da ja auch in demselben Verhältnis Stabs-Offiziere der 
Infanterie in den Ingenieur-Stab versetzt werden würden. 

Die bei den Fortifikationen verfügbar werdenden Hauptleute 
und Lieutenants des Ingenieur-Corps würden etwa zur Hälfte die 
Stellen bei den vorerwähnten 5 neu zu formierenden Bataillonen 
besetzen, zur anderen Hälfte in die Infanterie versetzt werden. 



VI. 

nochmals „Die Zäumung des Pferdes in 
Theorie und Praxis". 

Eine Schlufsenriderung mit einschlägigen Betrachtungen über Zäumung u. Reiterei. 

Motto: „Wer die Wahrheit liebt, der mufs — 
Sein Pferd am Zügel haben. 
Wer die Wahrheit denkt, der mufs — 
Den Fufs im Bügel haben. 
Wer die Wahrheit spricht, der mufs — 
Statt der Püfse Flügel haben." 

Mirza-Schaffy. 

Au vorstehende Worte Mirza-Schaffy's wurde ich lebhaft er- 
innert, als ich die im Juni-Heft der Jahrb. enthaltene Entgegnung 



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Nochmals die Zftamung des Pferde« in Theorie and Praxis. 60 

des Herrn Hauptmann Schoenbeck auf meine im Märzheft ver- 
öffentlichte Recension des obigen Buches las. 

Als Eckermann einst Goethe fragte, ob ein Schriftsteller zu 
einer Kritik seiner Werke unter allen Umständen stillschweigen 
müsse, bejahte Goethe diese Frage. Und als Eckerraann dann 
weiter fragte: »Auch dann, wenn der Kritiker mich des Diebstahls 
beschuldigt«, erwiderte der grofee Dichter gelassen: »Ja, auch 
dann!« 

Diese glücklichen Zeiten für Recensenten und Kritiker sind 
vorüber — ich sage dazu: »Gott sei Dank!« und huldige in dieser 
Beziehung moderneren Anschauungen, als der grofee Dichter. 

Iu der That, warum sollte ein Schriftsteller, Eründer, Künst- 
ler u. s. w. seine Geistesschöpfungen wehrlos verurteilen lassen, 
selbst dann, wenn er der Ansicht ist, dafs das Urteil ein — sei es 
absichtlich oder auch vielleicht nur aus Unwissenheit — ungerechtes 
und unbegründetes ist? Nur, meine ich müsse auch die Wehr 
und Abwehr, wie scharf auch immer, doch eine rein sachliche, 
lediglich gegen die Darlegungen und Gründe des Kritikers, nicht 
gegen seine Person oder persönlichen Eigenschaften gerichtete sein. 

In dieser Beziehung aber scheint ebenfalls eine Änderung gegen- 
über jenen altern Zeiten eintreten zu sollen — und nicht zum 
Bessern. Schreibt mir doch einer der ersten Verleger Deutschlands: 
»Ja, wer schreibt heutzutage noch wirkliche Kritiken? Autoren 
und Publikum sind nur noch an Reklamen gewöhnt. Wer eigent- 
liche Kritiken schreibt, wird so lange angefeindet, bis ihm die 
Sache verleidet ist.« 

Nun ich meine, auf solche Anfeindungen mufe man gefafst 
sein und sich das, was man im Interesse der Wahrheit und des 
Publikums unternommen, nicht so leicht verleiden lassen. 

Eben in diesem Interesse halte ich es auch für nötig, auf die 
»Entgegnung« des H. H. S. zu antworten, weil sie doch auch 
mehreres Sachliche enthält, was einer weiteren Aufklärung bedarf. 

Zunächst aber darf ich wohl fragen: was haben meine Person 
»ob Theoretiker, ob Praktiker«, was haben »die Gäule, auf denen 
ich gesessen«, die »Fäuste« mit denen ich reite, mit der Sache 
zu thun? Habe ich irgend eine andere Autorität für mich in 
Anspruch genommen als die, welche mir meine Darlegungen und 
Gründe etwa zu verleihen vermochten? Habe ich mich in Ver- 
mutungen über Reitverständigkeit oder Reitkunst des mir damals, 
bis auf den Namen, völlig unbekannten Herrn Verfassers ergangen? 



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70 



Nochmals die Zäumnng des Pferdes in Theorie and Praxis. 



Wie irrig aber II. II. S.'s und seines Korrespondenten Ver- 
mutungen sind, dürfte das Weitere vielleicht ergeben. 

Hätte H. H. S. z. B. nur eben so viele Hunderte von Pferden 
in Bezug auf den Sitz von Zäumungen u. s. w. dienstlich zu 
revidieren gehabt, als ich deren Tausende und zwar stets zur 
vollsten Zufriedenheit höherer Vorgesetzten revidiert habe, so wäre 
er vielleicht in Manchem zu andern Ansichten gelangt, als sie nun- 
mehr in seinem Buche zu finden sind. 

Unsere vorschriftsmäfsige Zäumung hat Mängel (welche irdische 
Einrichtung hätte die nicht!), aber ein so grundverwerfliches, blofses 
Bremsinstrument, wie das, wozu sie H. H. S. stempeln möchte, ist 
sie doch nicht. Doch zur »Entgegnung«! 

Auf die mir von H. H. S. vorgeworfenen vielen »Unrichtig- 
keiten und überwundene Standpunkte« kann ich natürlich nur in 
so weit eingehen, als er sie in seiner Entgegnung thatsächlich zu 
begründen versucht hat. Da man indessen wohl annehmen kanni 
dafs er hierzu diejenigen meiner »Unrichtigkeiten und überwundenen 
Standpunkte« gewählt haben wird, welche am deutlichsten hervor- 
treten und am zweifellosesten als solche zu erkennen sind, so wird 
deren Beleuchtung gewife ausreichen, jedem sachverständigen Leser 
dieser Blätter auch ein allgemeines Urteil über das mehr oder 
weniger Zutreffende jenes Vorwurfs zu ermöglichen. 

Die in der »Entgegnung« gegebenen Auseinandersetzungen über 
»Theorie und Praxis« sind zum Teil zutreffend, zum Teil sich wider- 
sprechend. Sicher ist, dafs es eine »Theorie ohne Praxis« so 
wenig giebt, wie eine »Praxis ohne Theorie«. Wer es aber 
unternimmt, nachzuweisen, dafs die »Tochter Theorie« nicht immer 
mit der »Mutter Praxis« Hand .in Hand geht, hat meiner bescheidenen 
Ansicht nach doch auch die Verpflichtung, sich mit der »Tochter 
Theorie« eingehend bekannt zu machen, und kann sich, wenn ihm 
in dieser Beziehung Mangel an Bekanntschaft nachgewiesen wird, 
nicht darauf berufen, sein Buch sei »eben nur aus der Praxis 
und für die Praxis geschrieben.« 

Noch weniger möglich aber erscheint es mir, die Kandare, 
ein Instrument, welches die mechanischen Gesetze des Hebels zur 
Grundlage hat, richtig und gründlich zu beurteilen, wenn man sich 
über diese Hebelgesetze im Unklaren befindet. In welchem Grade 
das aber bei H. H. S. der Fall sein dürfte, beweist er wohl am 
besten selbst dadurch, dafs er in seiner »Entgegnung« meine ganz 
elementaren, eben so einfachen, wie genau zutreffenden Auseinander- 
setzungen über das durch den verschiedenen und zuweilen auch zu 



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Nochmals die Z&uroung des Pferdes in Theorie and Praxis. 71 

wenig fixierten Sitz der Kinnkette (meiner Ansicht nach der erheb- 
lichste Mangel der bisherigen Zäumung) bedingte veränderliche Ver- 
hältnis der Hebelsarme (Märzheft S. 368—70) »sehr gelehrt klingend« 
findet, und sie in Bausch und Bogen damit abthun zu können 
glaubt, dafs er sagt: »Beim Zügelanzug schiebt sich das Gebife 
eben immer in die Höhe, weil der Oberbaum sich auf das 
Backenstück stützt — die Kinnkette bleibt, wenigstens in 
normalen Fällen, liegen, und der Kiefer sitzt, von innen und 
von aufsen gequetscht, dazwischen.« 

Letzteres geschieht aber eben nur in dem Falle, welchen ich 
im Märzheft S. 368 unter 2. als einem bei Racepferden nicht selten 
vorkommenden bezeichnet habe, nämlich, wenn die Kinnkettc mit 
ihrem Stützpunkte tiefer liegt, als das Gebifs. Dafs dieser Fall 
aber den normalen bildet, mufs ich ebenso bestreiten, wie dafs er 
dadurch hervorgerufen wird, dafs das »Gebifs sich in die Höhe 
schiebt, weil der Oberbaum sich auf das Backenstück 
stützt.« Das letztere kann doch nur dann eintreten, wenn der 
Oberbaum nicht schon früher durch die Kinnkette gestützt wird, 
was er gerade in dem von H. H. S. geschilderten Falle, nämlich, 
wenn die Kinnkette liegen bleibt, also eine auch nach oben 
durch vorspringende Uuterkieferknochen markierte Kinnkettengrube 
vorhanden, und die Kinnkette richtig angepafst ist, ganz sicher 
der Fall sein wird. Dann aber kann jenes Vorherrschen der Kinn- 
kette, welches H. H. S. mit Graf Münster nicht unpassend als 
»Eisenpresse« bezeichnet, nur dadurch hervorgerufen werden, dafs 
das Mundstück von Hause aus tiefer, als die Kinnkettengrube 
bezw. der in ihr befindliche Stützpunkt der Kinukette, gelegen hat. 

Ein Stützen der Oberbäume* auf die Backenstücke kann 
dagegen nur dann eintreten, wenn eben die Kinnkette, sei es, weil 
sie unrichtig augebracht, zu lang eingehängt, oder weil die Kinn- 
kettengrube nach oben nicht markiert, sondern nur in annähernd 
der Stirnlinie parallel laufende Unterkieferknochen übergeht, oder 
endlich, weil mehrere dieser Umstände zutreffen, sich ebenfalls in 
die Höhe schiebt. Dann aber bleibt die Kandare immer ein 
einarmiger Hebel, wenn auch mit einem durch das in die Höhe- 
rutschen der Kinnkette vielleicht sehr verlängerten Hebelsarme 
der Last und einer, dadurch unter Umständen bis auf Null ver- 
minderten Kraftersparnis. Mit anderen Worten: es tritt 
gerade dann keine »Eisenpresse«, sondern im Gegenteil ein 
mehr oder minder starkes Durchfallen der Kandare ein. 

Ich meine, diese mit meiner Kritik in genauester Überein- 



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72 Nochmals die Zänmnng des Pferdes in Theorie und Praxis. 

stimniuDg befindlichen und schwerlich zu widerlegenden Darlegungen 
beweisen mindestens, dafs man sich mit so generellen Behauptungen, 
wie sie H. H. S. aufstellt, etwas vorzusehen hat, indem es sich sonst 
leicht ereignet, dafs man die Ausnahme für die Regel ansieht und 
auch sonst sich in leicht nachzuweisende Widersprüche verwickelt. 

Nun sieht sich H. H. S. ferner »leider gezwungen, zu kon- 
statieren — und das ist für ihn die Hauptsache — dafs ich mit 
meiner Lehre der Schmerzerzeugung für die Gehorsam- 
machung des Pferdes, und mit dem dafür angeführten Zweck 
der Zungenfreiheit mich auf einem Standpunkte befinde, den ich 
wohl nur allein einnehmen dürfte.« Ich denke, was »die Schmerz- 
erzeugung für die Gehorsammachung« des Pferdes betrifft, so 
wird es mir nicht schwer fallen, zu beweisen, dafs im Grunde Alle, 
welche Pferde dressieren, ja auch H. H. S. selbst und sein Gewährs- 
mann, der Mann, welcher den bruchstückweise angeführten Brief 
(S. 341 im Juniheft) geschrieben, wenn auch vielleicht unbewufst, 
ganz auf demselben Standpunkte stehen. 

Zunächst, wie lautet meine Theorie? 

»Wenn es nun möglich wäre,« so heilst es S. 373 im März- 
heft, »dem Pferde jeden Schmerz zu ersparen, und es dabei 
dennoch zum Verständnis und Gehorsam (das ist zweierlei) 
bezüglich des Willens des Reiters zu veranlassen, dann — wäre das 
Alles recht schön und gut.« 

»Nun giebt es aber keine unbestreitbare Wahrheit, als die, 
dafs wir uns bei der Dressur der Tiere niemals lediglich durch 
Belohnungen verständlich machen, noch viel weniger deren Ge- 
horsam erzielen können, sondern nur in Verbindung mit Drohung 
und Zufügung von Schmerz. Die rationelle Anwendung des 
letzteren, die auch zugleich die sittliche ist, bedingt, dafs er als 
ein minimaler allmählich beginne und dafs das Tier ihn durch 
Gehorsam sofort wieder beseitigen könne.« 

Einen Irrtum scheine ich nun allerdings begangen zu haben, 
den nämlich, dafs ich diese Wahrheiten für unbestreitbar hielt. 
Denn II. H. S. und sein Gewährsmann bestreiten sie in der That! 
Hören wir zunächst den letzteren. 

»Wenn er aber«, so steht es auf S. 342, »mit der sittlichen 
Anwendung der Furcht so sehr rechnet, dafs er die Belohnung 
so gering anschlagen kann, so möchte ich ihm rathen, diese 
für Sporn und Peitsche aufzusparen, aber nicht für Hand und 
Zügel und Mundstück zu kultivieren!« »Vorne Liebe, hinten 
Hiebe«, so schliefst diese Auseinandersetzung. Wenn nun Hiebe 



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Nochmals die Zaumung des Pferdes in Theorie and Praxis. 



73 



Schmerzen zufügen, welcher Meinung, ihrem Gebahren nach zu 
schliefsen, die Pferde zu sein pflegen, so liegt hierin doch eine ganz 
unzweideutige Anwendung der Theorie von der Schmerzerzeugung. 
Dafs diese Schmerzerzeugung durch »Sporn und Peitsche« (davon 
abgesehen, dafs doch auch wohl diese nur eine Steigerung der 
Schenkel Wirkung , wenigstens beim gerittenen Pferde, dar- 
stellen sollen) ein Pferd zum Gehen bringt, ist mir erklärlich, 
weniger dagegen, dafs es sie, auch ohne Schmerzerzeugung 
durch das Gebif9, zum Stehen bringen soll. Die Parade mit 
einem eisernen Gebifs auf die mit weichen Schleimhäuten bekleideten 
Laden ist aber doch sicher auch eine Schmerzerzeugung? Und 
weshalb die Schmerzerzeugung hinten eine an und für sich sitt- 
lichere sein soll, als vorne, vermag ich allerdings auch nicht ein- 
zusehen. 

Ich finde, die eine ist so nötig und so sittlich, wie die 
andere, wenn sie im minimalen Mafse beginnt und sich nur dann 
steigert, wenn dies unbedingt erforderlich ist. Inwiefern aber 
hätte ich das System der Belohnungen gering geschätzt? Ich 
fand doch nur, dafs mau nicht lediglich mit Belohnungen aus- 
komme, was ebenfalls wohl der Ansicht des Briefstellers entsprechen 
dürfte, wenn man auch nach der Stylisierung seines obigen Satzes 
fast vermuten könnte, dafs er auch unter ? Sporn und Peitsche« 
»Belohnungen« verstehe. 

Doch, was man vermutet, trifft nicht immer zu. Das zeigt 
eben der Anfang des Briefes, in welchem der, welcher ihn ge- 
schrieben, sich in Vermutungen ergeht über »die dummen und 
geduldigen Bauerngäule, auf welchen ich gesessen und die mir nicht 
einmal klar zu machen wufsten, dafs man durch Kraft der Fäuste 
und scharfe Kandaren wohl im Stande ist, einem Gaul den Kiefer 
zu brechen, vom Parieren aber bei einem gelernten Durchgänger 
gar keine Rede sein kann, und der hat doch wohl genügenden 
Schmerz im Maule.« Diese Vermutungen stimmen eben so weuig, 
wie die Ausführungen. 

Ich habe allerdings auf vielen Hunderten von Pferden gesessen, 
dem Grundsatze folgend, dafs man jedes Pferd, welches man dressieren 
oder reiten läfst, auch selbst probieren inufs, und ich habe daher 
eine grofse Menge der verschiedensten Pferde vom Vollblutpferde 
edelster Zucht bis zu solchen, vom preufsischen, schlesischen u. s. w. 
Bauern gezogenen Pferde geritten, wie sie die Remontieruug der 
Armee zuzuführen pflegt, und das waren keineswegs weder die 
schlechtesten noch die »dümmsten« oder »geduldigsten«. Ich habe 



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Nochmals die Zäuraung des Pferdes in Theorie nnd Praxis. 



aber auch schwere und massive, nicht gerade zum Reitdienst gezogene 
Pferde kaltblütigen Schlages sowohl selbst geritten, als von Anderen 
reiten sehen. Gerade diese hätten dem, der dessen bedurfte, klar 
raachen können, dafs eine unverständige Gewaltanwendung mittelst 
des Gebisses ihre Absicht nicht immer erreicht; denn nur sie haben 
mir zuweilen den amüsanten Anblick gewährt, dafs sie mit einem 
so verfahrenden, sie in schärfster Weise mit scharfer Kandare 
bearbeitenden Reiter — im Trabe, ja im Schritt durchgingen 
und zwar unaufhaltsam, bis sie ihr gestecktes Ziel, in der Regel 
den Stall, erreichten. Racepferde pflegen es dagegen für gewöhnlich 
bis zum »Kinnbackenbrechen« nicht kommen zu lassen, sondern ent- 
weder zu gehorchen, oder einen aktiveren, für den Reiter gefähr- 
licheren Widerstand zu leisten. Nur einmal erlebte ich, dafs ein 
herkulischer, sonst keineswegs schlechter Reiter einem durchgehenden 
Vollblutpferde mit gewaltsamer Parade ein Stück aus der Kinnlade 
brach — aber dies durchgehende Pferd parierte! 

Wie der Briefsteller aus meinen obigeu Darlegungen ersehen 
haben wird, bin ich weit entfernt, für unbedingte Gewaltanwendung 
zu sein, vielmehr deren entschiedener Gegner, obgleich sich andrer- 
seits sicherlich so gewaltig einwirkende Kandaren konstruieren liefsen, 
dafe ihnen selbst ein »gelernter Durchgängert gehorchen müfste, 
ganz ebenso, wie ich noch stets auch das stetigste Pferd auf eine 
genügende Anzahl rechtzeitig und von allen Seiten beigebrachte 
Prügel vorwärts gehen sah. Das eine wie das andere scheint 
mir deshalb doch kein Grund zu sein, weder Marterkandaren zu 
erfinden oder anzuwenden, noch eine Anzahl wacker gehandhabter 
Besenstiele und Peitschen als beste oder gar einzige Korrektur für 
s tätige Pferde zu empfehlen. 

Das entgegengesetzte Extrem bildet freilich die Theorie der 
möglichst gänzlichen Schmerzersparung. 

Was die übrigen Auseinandersetzungen des Briefschreibers über 
»Hinterm Zügelt und »vor dem Schenkel« (ein für die Sache 
durchaus treffender Ausdruck, dessen auch ich mich schon seit 
30 Jahren bediene) befindlichen Pferde, über »Tummeln« u. s. w. 
betrifft, so sind sie zum Teil richtig; aber gerade so weit sie dies 
sind, stehen sie zu meiner Kritik in gar keiner Beziehung,*) 

*) Anmerkung. Der Brief, welcher ja Einzelnes sachlich durchaus richtige 
enthalt, macht üherhaupt fast den Eindruck, als ob dem Schreiber meine Kritik 
in extenso gar nicht vorgelegen, sondern nur bruchstückweise ad hoc vielleicht 
sogar in mifsveretandener Form mitgeteilt worden wäre. (Vgl. meine obig* 
Theorie unter Belohnung, Schmerzerzeugung und die Äufserungen des Briefes.) 



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Nochmals die Zftnmung des Pferdes in Theorie and Praxis. 75 



sintemalen diese durchaus keine Veranlassung hatte, sich über 
allgemeine bekannte Reitregeln, wie sie in jeder Reitinstruktion zu 
finden sind, zu verbreiten. 

Dafs man aber auch »hinter dem Zügel« befindliche Pferde, 
wenn sie eben nur gut »vor dem Schenkel« sind (diese beiden 
Eigenschaften bedingen sich nämlich niemals in der Art, dafs sie 
notwendig zusammen gehörten, wenn dies auch oft der Fall ist) 
nicht nur im Circus, sondern auch sehr gut im Freien zu tummeln 
im Stande ist, beweisen neben den Orientalen auch manche inländische 
Reiter, sowohl sich dessen bewufste, geschickte Reiter, wenn sie sich 
eben momentan in der Lage befinden, ein hinter dem Zügel be- 
findliches Pferd reiten zu müssen, als sogar solche, die nicht wissen, 
dafe ihr Pferd sich »hinterm Zügel befindet«, eben weil sie der 
völlige Schenkelgehorsam darüber hinwegtäuscht. Andrerseits aber 
ist es auch nicht selten, dafs Pferde für tüchtige Reiter völlig 
genügende Anlehnung (denn dieser Begriff ist ja nach der Faust 
und dem Schenkel sehr relativ) haben, welche für eine härtere 
Faust »hinterm Zügel« zu sein scheinen oder auch wirklich 
sind. Ich erinnere mich, dafs ganz passable ältere Reiter seiner 
Zeit bezüglich der von Oberst v. Krane (und der konnte reiten und 
zureiten) dressierten eigenen Pferde eingestanden, sie könnten sie 
nicht reiten, weil sie nichts in der Hand hätten, v. K. ritt freilich 
mit »Lothen«, was andere Leute mit »Centnern« machen, und 
bediente sich eben darum auch einer recht wirksamen Kandare. 
Wenn ihm Jemand bei eiuera sonst gehorsamen Pferde klagte »er 
habe nichts in der Hand« (und diese Klage kam und kommt öfter 
vor) so hatte er stets gründlichen Verdacht, dafs das Gefühl dieser 
Hand nicht gerade fein oder ausgebildet bzw. der Schenkel des 
Betreffenden nicht sehr fühlig oder thätig sei. 

v. Kranes und des alten Majors v. W. (dessen vom Briefsteller 
bespöttelte Reitkunst, damals d. h. vor etwa 30 — 35 Jahren in weiten 
Kreisen von Kennern Bewunderung erregte) oft betonter Grundsatz 
»Respekt vor dem Mundstück!« raufs doch der »Liebe vorne«, 
wenn sie acht und dauerhaft sein soll, vorausgehen. Dafs diese 
aber von Major v. W. acht und dauerhaft erzeugt wurde, bewies er 
dadurch, dafs er dazu geeignete Pferde so zuritt, dafs nicht nur er 
selbst, sondern auch andere tüchtige Reiter sie im Freien ohne 
jeden Zaum und Zügel, lediglich auf Schenkel und Gesäfshülfen, 
zu tummeln vermochten. Ich meine, das war doch wohl »vorne 
höchste Liebe«, sogar »hinten ohne Hiebe«. Ehe es aber so weit 
kam, waren, das kann ich versichern »Respekt vor dem Mund- 
Di jk 



76 



Nochmals die Z&umung des Pferdes in Theorie und Praxis. 



stück« ebenso wie »Gehorsam vor dem Schenkel« durch 
Schmerzerzeugung mittelst »Gebifs und Sporn« gründlich vor- 
ausgegangen. 

Ob auch der geschickteste Reiter mit der S. 'sehen Kandare 
allein ohne Anwendung eines wirksamem Instrumentes ein Pferd 
so zuzureiten im Stande ist, dafs es demnächst auch ohne Zaum im 
Freien geritten werden kann, mufs ich vorläufig bezweifeln. 
Schmerzen aber würde er auch mit ihr jedenfalls erzeugen müssen! 

In der Theorie tritt H. H. S. der Schmerzerzeugung, wie ich 
das schon iu meiner Recension hervorgehoben, ganz konsequent 
entgegen. Aber anders verfahrt er in der Praxis. Obgleich er seine 
Kandare möglichst auf Schinerzverminderung zu konstruiren bemüht 
ist, verändert er doch die Länge der Unterbänme im Verhältnis zu 
den Oberbäumen wie 3 : 2 oder 2 : 1 und 5 : 2 >je nach der 
Empfindlichkeit des Pferdes« und erlangt dadurch eine Kraft- 
ersparnis von 5 : 2 bzw. 6 : 2 und 7 : 2. Was braucht es aber 
der Bemessung der Kraftersparnis nach der Empfindlichkeit 
des Pferdes, wenn gar kein Schmerz erzeugt, also die Em- 
pfindlichkeit des Pferdes gar nicht in Anspruch genommen wird? 

Nicht besser bestellt ist es bezüglich der Schmerzerzeugung mit 
der S/schen 3 teiligen, an den Ringstücken gewinkelten, Trense. 
Beim Gebrauch derselben bringt jede geringe seitliche Bewegung 
des Pferdekopfes auch ohne die Absicht des Reiters, die Gelenke 
dieser Trense mit Laden und Zunge und die gewinkelten Enden mit 
den Lefzen in eine gewifs schmerzende Reibung. Ich wenigstens 
möchte letztere für empfindlicher halten, als den von dem Gelenk 
der 2 teiligen Trense vorübergehend gegen den obern Gaumen aus- 
geübten Druck, den das Tier schon durch Nachgeben mit dem 
Unterkiefer, also mit den Kaumuskeln, welches Nachgeben der 
Anfang alles Nachgebens ist, sofort wieder heben kann. Wenigstens 
habe ich durchweg die Nachgiebigkeit der Pferde gegen Trensen 
mit dicken Mundstücken, wenn diese nur lang genug waren, 
um eben jene Hebelwirkung mit dem Gelenk gegen den Oberkiefer 
zu gestatten, weit gröfser gefunden, als die gegenüber scharfen und 
so kurzen Unterlagetreusen, dafs jene Wirkung des Gelenks gegen 
den oberen Gaumen kaum oder gar nicht eintreten konnte. Dafs 
sich die Pferde auf letztere fester auflegen, als auf erstere, beweist 
nicht das Gegenteil, sondern nur die alte Erfahrung, dafs die Tiere 
sich gegen einen Schmerz, dem sie nicht entgehen können — und 
Anlehnung auch an dieses scharfe Gebifs will ja der Reiter haben 



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Nochmals die Zäuranng des Pferdes in Theorie und Praxis. 



77 



— abzustumpfen suchen, wobei sie, wie man zu sagen pflegt, tot 
im Maule werden. 

Dafe ein gewandter, fuhliger Reiter, der sein Pferd vor dem 
Schenkel zu halten versteht, dieses Totwerden mit jedem Gebifs, 
ja auch mit dem gewils schmerzenden Strick als Zäumung wirksam 
verhindern kann, habe ich schon in meiner Beurteilung gesagt. 

Weshalb aber konstruirt man überhaupt Kandaren, also 
Instrumente mit Hebel Wirkung, Kraftersparnis? Offenbar, weil 
es Momente giebt, in welchen auch der geschickte Reiter mehr oder 
weniger der Kraftersparnis bedarf, und solcher Momente giebt es 
wohl gerade beim Militärpferde sehr viele, z. B. wenn nach der 
Attacke zum Sammeln geblasen wird und aus langer Gangart kurz 
pariert und kehrt gemacht werden mute, wenn man sich im Hand- 
gemenge tummelt u. s. w. In solchen Fällen ist aber auch dem 
gewandten Reiter eine grofse Kraftersparnis erwünscht, dem gemeinen, 
in der Regel mittelmäfsig reitenden und fechtenden Soldaten aber 
um so mehr, je mehr seine Kraft andrerseits durch Führung der 
Waffe in Anspruch genommen wird. Da ist daun keine Zeit, die 
Pferde auf hunderte von Schritten einzufangen und darauf zu denken, 
ihnen jeden Schmerz zu ersparen. Käme es aber wirklich auf 
letzteres allein an, so stände gewifs jene, seit einigen Jahren auf- 
gekommene und bei einzelnen besonders empfindlichen Pferdemäulern 
zu vorübergehenden Dressurzwecken ganz nützliche Trense mit einem 
in dicker Hülle von vulkanisiertem Kautschuck steckenden Kettengebifs 
dem Ideal am nächsten. Dieselbe ist auch, obwohl sie grolse Ringe 
von 8 cm Durchmesser besitzt, die also wohl das Querdurchziehen 
oder wenigstens in's Maul ziehen nicht verhindern, wie dies auch 
alle Erfahrung lehrt, gegen letzteres noch durch Knebel von 23 cm 
Länge (wodurch das scharfe Einsetzen der Enden in die Muskulatur 
der Nase und des Unterkiefers, wie dies kurze Knebel mit sich 
bringen, verhindert wird) gesichert. Ich zweifle aber sehr, dafs 
irgend eine Armee dasfelbe als Dienst- oder gar als Kriegszäumung 
einfuhren wird. 

Was nun endlich die angefochtene Theorie der Wirkung von 
Trensengelenk und Zungenfreiheit gegen den Oberkiefer des Pferdes 
anbelangt, so gesteht der Briefschreiber, dafs sie ihm »ganz neu« 
war. Ja, dafür kann ich doch nicht! 

Dafo meines Wissens noch keine erschöpfende, wissenschaftliche 
Theorie der Kandarenwirkung im Druck erschienen, scheinen seine 
Geständnisse und die Anführungen von H. H. S. zu bestätigen. 

In ein 9m Buche aber, welches den Titel trägt: »Die Zäumung 



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Nochmals die Zäumung des Pferdes in Theorie und Praiis. 



des Pferdes in Theorie und Praxis c war mau eine solche doch wohl 
zu suchen berechtigt. Und dafs ich nicht fand, was ich zu suchen 
mich für berechtigt hielt, hat mein Urteil vielleicht mehr geschärft, 
als sonst wohl geschehen wäre, z. 8. wenn der Titel nur gelautet 
hätte: »Etwas aus der Praxis über die Zänmung des Pferdes«. 

Auf das Verdienst, die von mir betonte Wirkung der Zungen- 
freiheit erfunden oder auch nur neu aufgefunden zn haben, mufs 
ich leider verzichten. Mir wurde sie vor vielen Jahren vorgetragen 
und, wenn ich nicht irre, ist davon sogar schon im Buche des 
Herzogs v. Newcastle, welches mir leider gegenwärtig nicht zur Hand 
ist, die Rede. Jedenfalls aber tragen die von H. H. S. selbst in 
seinem Buche abgebildeten vielen mittelalterlichen und orientalischen 
Kandaren in ihren Zungenfreiheiten den Stempel dieser Absicht zu 
deutlich, als dafs solche irgend verkannt werden könnte. Bliebe 
demnach nur übrig, dafs sie einem der von H. H. S. mir vorgerückten 
»überwundenen Standpunkte« angehörte. 

Nun, dann würde ich es mir zum ganz besondern Verdienst 
rechnen, zu beweisen, dafs dieser Standpunkt zu sehr überwunden 
sei und cum grano salis doch seine Berechtigung habe. Praktisch 
hat dies Graf Münster schon durch seine sogenannte Universal- 
Kandare mit 5 cm hoher und 3 cm vorspringender Zungenfreiheit, 
hat es Pelham durch das nach ihm benannte Instrument, bat es der 
Erfinder des »mors regulateur«, der nur wieder zu weit gegangen ist, 
gethan u. s. w. 

Ist es aufserdem etwas so sehr »Ungeheuerliches«, dafs auch 
vortreffliche Einrichtungen einige oder auch lange Zeit in Ver- 
gessenheit geraten, besonders, wenn man sie früher übertrieb? Ist 
nicht auch der Nasenriemen vor wenigen Jahren, ungeachtet des 
Abmahnens einzelner erfahrener Fachmänner, ganz allgemein in 
Bann gethan und heute ebenso allgemein wieder angenommen 
werden? Und endlich hat H. H. S. oder sein Gewährsmann irgend 
einen von den zu Gunsten meiner Ansicht im Märzheft dieser 
Blätter dargelegten Gründe widerlegt? 

Er führt von der Marwitz an, welcher aber au der erwähnten 
Stelle sich hauptsächlich gegen »Verletzung« des Oberkiefers 
durch Austofsen des Gebisses verwahrt. Und dazu hatte er guten 
Grund, denn zu seiner Zeit und teilweise (z. B. in den Mobil- 
machungsbeständeu der Armee) noch bis 1866 gab es eine Kandare, 
welche in ihrer ziemlich hohen Zungeufreiheit zugleich gebrochen 
und an dem obern Arm dieses Gelenks noch dazu sehr eckig kon- 
struiert war. Diese Kandaren verursachten allerdings nicht selten 



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Nochmals die Zäuraung des Pferdes in Theorie und Praxis. 



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Verletzungen im Maule und in Folge dessen tagelanges Futter- 
versagen der Pferde. Beweist das aber etwas z. B. gegen die runde, 
glatte und feste Zungenfreiheit des Grafen Münster? 

Dals ich Herrn v. d. Marwitz oder irgend wen als »Autorität« 
angeführt haben soll, ist wieder ein Irrtum. Ich habe sein, Seidler's, 
Krane's und andere Bücher nur als solche angeführt, in denen 
einzelnes Richtige, was das S.'sche Buch enthält, besser dargestellt 
sei. Und das beweist auch II. H. S. mit seiner Anführung. Im 
übrigen stütze ich meine Ansichten auf Gründe, nicht auf Autoritäten, 
und wo ich mit v. d. Marwitz etwa auch nicht übereinstimme, 
habe ich auch diesem gegenüber raeine Grüude. »Autoritäten« 
reichen doch überhaupt nur so weit, als ihre Gründe reichen, es 
sei denn, dals man nicht in der Lage wäre, letztere selbst zu 
prüfen. Dazu bin ich aber in vorliegender Materie vollständig im 
Stande. Deshalb wird es mir auch H. H. S. hoffentlich nicht 
allzusehr verargen, wenn ich seine blofse Versicherung, dals ich »zu 
Schlüssen über seine Kandare gekommen sei, von denen auch nicht 
Einer richtig ist« nicht hoch anschlage. Die indirekt an mich 
gerichtete Frage, ob ich seine Kandare selbst probiert, muls ich 
allerdings verneinen, wie das auch zwischen den Zeilen meiner 
Kritik so deutlich zu lesen ist, dafs es einer Schlufsfolgerung aus 
dem Inhalt derselben gar nicht bedarf. Die Zeit, wo auch ich mir 
jedes vom Erfinder selbst empfohlene Instrument zur Bearbeitung 
des Pferdemauls sofort beschaffte, ist schon lange vorüber. Vor 
Zeiten hingen allerdings aufeer einzelnen recht brauchbaren Zäumen, 
wie z. B. dem Pelham, der Schreckeustein'schen Kandare u. s. w. 
noch ein Dutzend mehr oder minder unbrauchbarer dergl. in meiner 
Sattelkammer, welche mit ebenso grofsen oder gröisern Ansprüchen, 
wie jetzt die S.'sche in die Welt getreten, schon nach wenig 
Monaten, wenn es hoch kam, nach ein paar Jahren den Schauplatz 
ihres Wirkeus wieder verlassen hatten. Halte ich auch immer noch 
fest an dem Grundsatze: »Probieren geht über Studieren«, so ver- 
stehe ich mich doch schon seit lange zu ersterein erst dann, wenn 
mir das Letztere wenigstens die Ansicht verschafft, dafs sich mög- 
licher Weise ein günstiges Resultat der Probe ergeben könne. 

Die sehr deutliche in dem betreffenden Buche gegebene Be- 
schreibung und Abbildung dieser Kandare war aber nicht im Stande, 
mir diese Ansicht beizubringen. Dafs andrerseits, ein guter Reiter 
sein Pferd auch mit der S.'schen Kandare zu reiten im Staude ist, 
bezweifle ich ja durchaus nicht. Das geht sogar mit weit ■ — 
weniger guten Instrumenten, aber, dals sie eine Kandare für den 



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Nochmals die Zäumung des Pferdes in Theorie und Praxis. 



gemeinen Soldaten und überhaupt ein Kriegsinstrument sei, das 
bezweifle ich und dafür habe ich meine — bis jetzt nicht wider- 
legten — Grunde angegeben. 

Wenn mir endlich H. H. S. die Lektüre von H. v. Oeyn- 
hausen^ Zäumungslehre mit den Worten anrät, »ich würde dort 
finden, was ich in seinem Buche habe nicht finden wollen«, so 
verfehlt diese Einladung gerade durch die gewählte Form ihren 
Zweck insofern, als ich in der That in dem S.'scheu Buche Alles 
habe, finden wollen, was darin zu finden ist. Steht demnach in 
dem älteru Oeynhausen'schen Buche nichts mehr, als in dem neuen 
S.'scheu, so wüfste ich nicht, was mich bewegen sollte, es zu lesen. 
Stünde etwas darin, — so darf ich wohl schliefeen, — was die von 
mir angeführten Gründe zu widerlegen im Stande wäre, so würde 
es H. H. S. in seinem Buche oder doch mindestens in seiner Ent- 
gegnuug angeführt haben. 

Einen »lapsus calami« aber, der mich in der That etwas ganz 
Anderes hat sagen lassen, als ich sagen wollte, mufs ich hier 
berichtigen. Er bezieht sich auf die Wirkung der Winkelstellung 
der Kandare zur Maulspalte, die nach H. H. S. bezw. Oeynhausen 
30 — 35° betragen soll. Dieser Winkel würde eine rechtwinklige 
Zügel Wirkung bei richtiger Fauststellung doch von Hause aus nur 
dann ermöglichen, wenn die Maulspalte bezw. die mit ihr im All- 
gemeinen parallele Stirnlinie des Pferdes einen Winkel von 55 — 60° 
mit der horizontalen bildete, also das Pferd den Kopf noch ziemlich 
erhoben trägt. Es würde aber gerade dann, wenn die Kandare am 
schärfsten in Wirksamkeit tritt, nämlich beim Parieren aus langen 
Gangarten srhon eine stumpfwinklige, also ungünstigere Zügel- 
wirkung eintreten. Von Hause aus aber würde letztere in allen 
denjenigen Fällen vorhanden sein, und deren sind doch die meisten, 
wo die Stirnlinie der Pferde sich mehr der senkrechten nähert, also 
Winkel von mehr nls 60, etwa 70—80—90° mit der wagerechten 
bildet, und erst recht, wenn sich das Pferd völlig überzäumt. 
(Es würden stumpfe Zügel- Winkel von bezw. 105, 115, 125° und 
mehr entstehen.) In allen diesen Fällen würde dann, und das ist 
es, was ich habe sagen wollen, allerdings die Herstellung einer 
rechtwinkligen Zügelwirkung durch Vor- und Höhergehen 
mit der Faust die von H. H. S. so sehr betonte direkt hebende 
Einwirkung seiner Kandare ermöglichen, welche ich für fehlerhaft 
halte. Ich bin daher der Ansicht, dafs der Winkel, welchen die 
Unterbäume der Kandare zu durchlaufen haben, ehe das Oebife in 
Wirksamkeit tritt, sich nach der, dem Pferde normalen Kopfhaltung 



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Ans ausländischen Militär-Zeitschriften. 



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zu richten hat, im Allgemeinen aber entschieden kleiner sein mufs, 
als 30 — 35°, damit der rechtwinklige Zügelanzug erst dann eintritt, 
wenn er am meisten nötig ist, nämlich beim Gebrauch der Kandare 
zur Parade aus starken (tan gurten. 

Daher halte ich dafür, dafs von Hanse ans eher eine in ge- 
ringem Grade spitzwinklige Führung vorzuziehen ist, eine so stumpf- 
winklige aber, wie sie der besprochene Winkel von 30 — 35° meist 
ergiebt, niemals eintreten sollte. 

Wenn H. H. S. zum Schlüsse versichert, dafs meine Ausführungen 
ihn und viele Andere nur darin bestärkt, »dafs er sich auf durchaus 
richtiger Basis befinde,« so möchte ich hinwiederum darin nur eine 
Bestätigung dafür erblicken, dafs die Voraussicht 0. v. M/s, welcher 
am Schlüsse seiner in der Ileereszeitung erschienenen Kritik des 
S.'schen Buches sagt, »dafs dasfelbe mehr zur Verwirrung als zur 
Klärung der Ansicht beitragen würde,« bereits angefangen, in Er- 
füllung zu gehen. Jedenfalls ist die Herrn IL S. und mir gemein- 
schaftliche Basis nicht grofs genug, um eine Verständigung erhoffen 
zu lassen, weshalb ich auf das Vergnügen, mich Herrn H. S. vor- 
zustellen, wohl um so eher verzichten darf, als es sich ja lediglich 
um die Sache, nicht um Personen handelt, und ich mich auch nicht 
für die Lektüre fremder, nicht an mich gerichteter Briefe interessiere, 
zumal solcher, von welchen ich mir, nach den gegebenen Proben 
zu urteilen, Belehrung kaum zu versprechen vermag. 

10. Juni 18S4. 



VII. 

Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 

Journal des sciences militaires. März -lieft. Wie kann Paris ange- 
griffen und wie kann es verteidigt werden? Vom General Cosscron de 
Villenoisy. Um einen festen Platz zu nehmen, giebt es vier ver- 
schiedene Methoden. 1. Durch Überfall, 2. durch Bombardement, 3. durch 
förmliche Belagerung, 4. durch Einschließung. Bei einem Platze wie 
Paris müssen die beiden ersten Arten gänzlich ausgeschlossen bleiben. 
Eine förmliche Belagerung setzt eine ganz bedeutende numerische Über- 

Jabrbüchar tit die Denucho Arme« ud Marine IM III. 1. <} 

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Aus» ausländischen Milit&r-Zeitschriften. 



legenheit des Belagerers sowohl an Mannschaft wie an Geschütz-Material 
voraus. Hierbei ist zu berücksichtigen, dafs eine Stadt wie Paris eine 
grofse Zahl kampffähiger Elemente in sich birgt, die in Verbindung mit 
einer tüchtigen Armee einen beachtenswerten Faktor bilden. Gleichfalls 
besitzt Paris einen sehr grofsen Vorrat an Kriegsmaterial jeder Art. Bei 
der Riesen -Ausdehnung der Verteidigungsfront ist ein übermächtiges, 
koncentrisches Artilleriefeuer seitens des Angreifers nicht möglich, und 
kämpfen somit die beiderseitigen Artillerien unter gleichen Verhältnissen. 
Auch die für den Angriff erforderlichen Tranchee- und Batterie-Bauten, 
die Anlagen von Kommunikationslinien zur Heranschaffung des Materials 
u. s. w. müssen riesige, bisher unbekannte Verhältnisse annehmen. 

Alle diese Schwierigkeiten, zusammengenommen mit den Wechselfällen 
des Krieges, geben einer förmlichen Belagerung keinen wesentlichen 
Vorzug vor einer Einschliefsung. Diese ist ein zwar langsames aber 
sicheres Mittel, das 1870 zum Erfolg geführt hat, und unter ähnlichen 
Verhältnissen wohl wieder Anwendung flnden würde. Es ist dabei aller- 
dings nicht daran zu denken, dafs eine solche Einschliefsung in Zukunft 
eine ebenso hennetische wie damals werden wird, denn es kann nur 
darauf ankommen, zu verhindern, dafs Verpflegungszüge in die Stadt 
einlaufen können. Das Einschmuggeln einzelner Wagen- oder Schiffs- 
ladungen kömmt hierbei nicht in Betracht. Dafs durch die Erweiterung 
des Fort-Gürtels eine grofse Strecke ertragfähiges Land zum Unterhalt 
genommen ist, kann nicht in Anrechnung für die Verpflegung kommen, 
da die Bevölkerung dementsprechend zugenommen hat. Im Übrigen war 
auch 1870 die Einschliefsung nicht so dicht, dafs nicht einzelne Nach- 
richten nach oder von aufsen befördert werden konnten; derartige Dinge 
sind aber für die Widerstandsfähigkeit im allgemeinen unwesentlich. Bei 
der nunmehrigen Ausdehnung der Befestigungs-Linie kann und braucht 
der Belagerer nur daran zu denken, einen Kreis von Positionen fest- 
zuhalten. Diese Positionen sind die um Paris liegenden strategisch und 
taktisch wichtigen Punkte, die der Belagerer befestigen und durch Kom- 
munikationen mit einander verbinden müfste. An derartigen Punkten ist 
in dem wellenförmigen Terrain und den bewaldeten Höhen um Paris kein 
Mangel, als Mittelpunkt dieser Stellungen werden speziell Meulan, Poissy, 
Pontoise, Chantilly, Dammartin, Lagny, Meaux, Corbeil, Melun, Montbery, 
Chevreuse, Montfort-l'Amaury und Rambouillet erwähnt Jede einzelne 
Position wird vom Verfasser eingehend geschildert; eine Wiedergabe dieser 
Schilderung würde jedoch hier zu weit führen. Die meisten der genannten 
Stellungen haben schon seit der Zeit des Mittelalters wiederholt Mittel- 
punkte von Schlachtfeldern abgegeben. Es mufs nun seitens der Ver- 
teidigung daran gedacht werden, diese Punkte nicht zu leicht in die 
Hände des Angreifers gelangen zu lassen. Es ist für den Angreifer 
immerhin eine schwierige Sache, seine Streitkräfte auf eine Strecke von 
200—220 Kilometer auszudehnen, und hierin liegt die Überlegenheit der 
Verteidigung. 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



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Nachdem hiermit die Frage des Angriffs beantwortet ist, erörtert der 
zweite Teil die Frage, wie Paris za verteidigen ist, wie die Vorteile der 
Verteidigung und die Nachteile des Angriffs ausgenutzt werden müssen. 
Die einzige und richtige Methode kann nur darin bestehen, eine grofse 
Truppenmasse auf einen Punkt zu vereinigen, und den Feind so rasch 
zu überfallen, dafs er keine Zeit hat, eine genügende Streitkraft zum 
Widerstande zu versammeln. Wie weit die Erfolge dann auszunutzen 
sind, hängt von der Ausdehnung der Verfolgung ab. Diese Überfälle 
werden dann an anderen Punkten wiederholt, um hierdurch den Angreifer 
allmählich zu vernichten. Dazu ist aber erforderlich, dafs das Terrain 
d. h. die Lager für den Kriegsfall, sowie auch die Ausfalls-Kommunikationen 
in jeder Weise vorbereitet sind. Dafs eine rein passive Verteidigung 
vollständig ausgeschlossen sein mufs, bedarf keiner weiteren Erörterung. 
Jede Armee, die in einer Festung Schutz gesucht hat, darf ihren Aufenthalt 
dort nur als vorübergehend ansehen, sie soll sich dort erholen, die ge- 
lockerten Verbände wieder herstellen, das Material ergänzen, um sich dann 
mit um so gröfserer Energie auf den Feind stürzen zu können. Für diese 
Verhältnisse würde Paris einer Armee von 100,000 Mann genügenden 
Schutz zur Retabherung gewähren. Gleichzeitig mufs dann sofort mit 
der Bewaffnung und Organisation des kampffähigen Teils der Bevölkerung 
vorgegangen werden; diese werden in Corps eingeteilt und kantonieren 
nun aufserhalb der Enceinte, um sie hier zu disziplinieren und zu 
exerzieren. 

Noch in einer anderen Hinsicht »oll die Verteidigung eine möglichst 
aktive sein. Der neu errichtete Fortgürtel hat einen rein defensiven 
Zweck, es mufs daher von anfang an darauf Bedacht genommen werden, 
eine Verteidigungslinie zu schaffen, die zum Vorbrechen gegen die Ein- 
schliefsungslinien des Feindes dienen kann. Die für diesen Zweck ge- 
eigneten Positionen müssen im voraus bestimmt sein, und werden ein- 
tretenden Falls mit Feld-Befestigungen versehen und stark besetzt. Von 
den hierzu geeigneten und wichtigen Positionen sei nur eine in Kürze 
erwähnt. Die naturgemäfse Annäherungslinie der Belagerer ist die durch 
das Thal der Marne. Gegen diese bildet die Höhe von Vaujours-Carnetin 
eine vorzügliche Stellung, die vor allen anderen zuerst besetzt werden 
mufs. Die Flanken -Anlehnung findet sich rechts an den W T inkel der 
Marne bei Lagny und links an die Wildungen von Raincy und Bondy, 
sowie an den Ourcq- Kanal. Die Artillerie hat hier ein weites Schufsfeld, die 
Infanterie kantoniert in den geschützt dahinter liegenden Ortschaften, 
während nur die Vorposten die Ränder der Höhen besetzen. Die Kavallerie 
patrouilliert weit über die vorliegende Ebene hinaus, um den Feind zu 
beobachten. In gleicher Weise entwirft der Verfasser eine Bezeichnung 
der Positionen, die in ähnlicher Seite für den Offensiv -Zweck der Ver- 
teidigung vorzubereiten sein würden. Die für den Belagerer nötige aus- 
gedehnte Unterbringung seiner Streitkräfte erleichtem und begünstigen 
derartige Unternehmungen, sei es bei Beginn oder nach vollzogener 

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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



Einschliefsung. Nur auf diese Weise kann die Verteidigung von Paris 
mit Erfolg gefuhrt, werden. — 

Journal des sciences militaires. April-Heft. Das französische Bataillon 

und das deutsche Bataillon. Der Verfasser, der sich als höherer fran- 
zösischer Infanterie-Offizier unterzeichnet, stellt eine vergleichende Be- 
trachtung des Infanterie-Bataillons in beiden Armeen, sowohl nach den 
bestehenden Reglements und Instruktionen, wie auch nach eigener Anschauung 
bei den Manövern an. Das Ganze ist einem noch nicht veröffentlichten 
gröfscren Werke, Itetitelt: „Die französische Armee und 10 Jahre gröfserer 
Manöver" entnommen, wie uns in einer Anmerkung mitgeteilt wird. Wir 
müssen von vornherein bemerken, dafs die umfangreiche Studie durchweg 
sachlich gehalten ist, und dafs die darin erwähnten reglementarischen Vor- 
schriften, Formen u. s. w., soweit sie die deutschen Verhältnisse betreffen, 
richtig angeführt sind, so dafs der Artikel Anspruch auf Beachtung 
verdient. 

Die l>eiden Haupt-Abschnitte, von denen der erste: „Das französische 
Bataillon" und der zweite „Parallele zwischen dem französischen und 
deutschen Bataillon" betitelt sind, seien hier in Kürze wiedergegeben. 

I. Die Feuerarten in der Offensive und Defensive. Die 
Prozentzahl der Treffer bildet die Grundlage für die Feststellung der ver- 
schiedenen Kampfes-Phasen, und zwar I. die Einleitung, II. die Durch- 
führung, III. die Entscheidung, IV. der Anlauf. Für den ersten Teil, 
die Einleitung, wird das Salvenfeuer auf den Entfernungen von 1100— 800 m 
mit etwa 20 Procent Treffer als wirksamstes empfohlen. Der Verfasser 
gibt diese Resultate als Ergebnis der letzten Jahre an; es ist nur zu be- 
dauern, dafs dabei nicht gesagt ist, wie diese Resultate erzielt sind, welcher 
Anschlag, welche Ziele, ob die Distancen bekannt waren oder nicht, denn 
dafs derartige Resultate nicht als Basis für die im Gefecht zu erwartende 
Trefferzahl dienen kann, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Autlallender 
Weise, werden für die Defensive die Treffer auf dieser Entfernung geringer, 
nämlich nur zu etwa 15 Procent veranschlagt, während auf den kürzeren 
Entfernungen das Feuer der Defensive wiederum dem der Offensive über- 
legen ist. Als Erklärung für diese uns doch sehr eigentümlich scheinende 
Behauptung werden nur die moralischen Eigenschaften der Kämpfer 
angegeben. 

Den Entfernungen nach werden die schon genannten Gefechts- Phasen 
eingeteilt in 

L die Einleitung 1400—700 m, 

II. die Durchführung 700—400 m, 

III. die Entscheidung 400—200 m, 

IV. der Einbruch 200—0 m. 

Für die erste Phase schreibt das Reglement wörtlich vor: „Diese 
erste Phase zerfällt in Rekognoszierung, Deployement und Vorrücken bis 
auf 700 m. Diese drei Operationen finden statt unter dem Schutze des 
Fenei-s auf weiten Entfernungen, das von den besten Schützen des 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften 



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Bataillons nicht weniger als 20 und nicht mehr als 30 Mann, die eine 
oder zwei Batterien von Gewehren bilden, abgegeben wird. Diese Schützen 
haben sich auf seitwärts gelegenen oder erhöhten Punkten festzusetzen." 
Wo wird sich ein Termin finden, dafs für jedes angreifende Bataillon die 
Errichtung einer solchen Batterie von Gewehren gestattet?! — Bei dein 
ersten Vorgehen des Bataillons ist dieses in zwei Treffen entwickelt, die 
erste und dritte Compagnie entwickeln je zwei Schützenzüge , die beiden 
übrigen Züge folgen als Soutiens, die zweite und vierte Compagnie folgen 
in Reserve. Die autgelösten Schützenzüge sollen bei diesem Vorgehen 
grundsätzlich nicht schicken, nur ausnahmsweise und im durchschnittenen 
Terrain, gegen besonders günstige Ziele darf zug- oder halbzugsweiso 
gefeuert werden. Wenn auf 700 m das Feuer des Gegners an Wirksamkeit 
zunimmt, kommt diese erste Phase des Angriffs zum Halten, und es 
beginnt die 

II. Phase, die Durchführung von 700—400 m. „Hier" sagt 
die französische Schiefsinstruktion „kommt es darauf an, eine koncentrische 
Feuerwirkung zu erzielen, die Überraschung inufs dabei wesentlich mit- 
wirken, die moralische Wirkung ist wichtiger wie die in der kurzen Zeit 
zu erwartende Treffenzahl." Die beiden Compagnien des ersten Treffens 
gehen in Sprüngen von je 1U0 Meter vorwärts und verstärken allmählich 
die Feuerlinie, so dafs sie, auf 400 m angekommen, nur eine Linie bilden. 
Es folgt nun die 

III. Phase, die der Entscheidung von 400—200 m. Angekommen 
auf 400 m Entfernung wird das Feuer der Verteidigung furchtbar. Tritt 
hier ein Zaudern oder eine Unsicherheit ein, so ist Alles verloren. Um 
die Feuerlinie weiter vorwärts zu bringen bedarf es eines Impulses, einer 
Anregung, die durch das Vorziehen der ersten Compagnie der Koserve 
erreicht wird, die bis dahin auf 100 Meter der Schützenlinie gefolgt war. 
Diese rückt jetzt in die Feuerlinie ein, um die Lücke auszufüllen, die sich 
im Cent mm oder auf den Flügeln gebildet, hat, und eröffnet sofort ein 
lebhaftes Feuer. Hat dieses Feuer 2—3 Minuten lang gedauert, so stürzen 
sieb die alten wie die neuen Schützen zugweise oder gleichzeitig vor, um 
bis auf 200 Meter heranzukommen, wo dann also drei Compagnien in 
einer Linie entwickelt sind. 

IV. Der Einbruch. Von diesem Moment an tritt das Bajonett in 
Wirksamkeit. Nach lebhaftem Schnellfeuer, bei Magazingewehren nach 
AI >gabe des Magazinfeuers stürzt sich Alles mit dem Kufe: En avant! 
En avant! Vive la France! unter Trommelschlag und Hornsignalen auf 
den Feind. Es ist verständlich, dafs das zweite Troffen ebenfalls ununter- 
brochen mit vorrückt. Kine fast unverständliche Vorschrift für diesen 
Teil des Angriffs ist die in dem neuen Reglement von 1 883 und 1884 
enthaltene, dafs, wenn der Gegner nicht weicht, sondern stehen bleibt, es 
nötig wird, im Angriff einzuhalten, wieder 1—2 Minuten lang zu schiefsen 
und dann den Angriff weiter fortzusetzen. Auf der Strecke von 200 m 
ins zur feindlichen Stellung darf aber der Angriff nicht öfter als höchstens 



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Aus ausländischen Militär-Zeitschriften. 



zweimal unterbrochen werden. Die hierdurch an die Gefechts- und Feuer- 
disziplin gestellten Anforderungen sind geradezu unglaublich. 

Das folgende Kapitel enthalt eine Vorschrift für die bereits zu Anfang 
erwähnten sogenannten Batterien von Gewehren der besten Schützen, die 
zunächst auf den weiten Entfernungen das Feuer eröffnet halten. Diese 
sollen ebenfalls Ins auf etwa 600 Meter mit heranrücken, hin einen seit- 
wärts oder hochgelegenen Punkt aufsuchen, und von da aus das „äufserst 
wirksame, vielleicht noch wirksamere Feuer wie das auf 200 Meter 
abgegebene" fortsetzen. Diese Batterie soll stets von dem Officier de tir 
nach Anweisung des Bataillons-Commandcurs geführt werden. Für den 
Angriff im durchschnittenen Terrain, schreibt das neue Reglement vor, 
soll das Feuer überhaupt nicht früher als auf 400 m eröffnet werden, und 
soll dann so rasch als irgend möglich auf die näheren Distancen heran- 
gegangen werden. 

Als durchschnittliche Dauer für die obenerwähnten Gefechts-Phasen 
wird folgende Berechnung aufgestellt: 

I. Phase. Einleitung 1 Stunde (1400-700 m), 

II. „ Durchführung 30 Minuten (700—400 m), 

III. „ Entscheidung 15 Minuten, 

IV. „ Einbruch 5—10 Minuten. 

Im Ganzen somit etwa 2 Stunden. Als Grundsatz soll stets fest- 
gehalten werden, dafs, je näher herangekommen, desto rascher vorgerückt 
werden mufs. 

Angriff der zweiten Linie. Mit dem Eindringen in die Linie 
des Feindes ist diese nur in den seltensten Fällen genommen, mit Sicherheit 
nur dann, wenn der Gegner versäumt hatte, eine zweite oder Aufnahme- 
Stellung vorzubereiten. Auf diesen Fehler darf aber nicht gerechnet 
werden, daher folgender Grundsatz: Sobald in die Verteidigungs-Stellung 
eingedrungen ist, werden die taktischen Verbände gesammelt und wieder 
geordnet, dann wird sofort mit der Befestigung der Stellung begonnen, 
eine Arbeit, die in 20—25 Minuten beendet sein kann; in dieser Zeit läfst 
sich gut eine Befestigung herstellen, die sogar einem überlegenen Gegen- 
Angriff widerstehen kann. Zur Verfolgung genügt es, den achten Teil 
des Bataillons zu verwenden. 

Gelingt der Angriff nicht, so soll die abgeschlagene erste Linie 
200 — 250 m so rasch als möglich zurücklaufen, während die Reserve- 
Compagnie, die bisher auf 100 m gefolgt war, deployiert und ein lebhaftes 
Feuer eröffnet, dann geht dieselbe ebenfalls, aber langsam, zurück, bis zu 
einer etwa 500 — 600 m weiter znrüekgelegenen Position, in der sich die 
drei anderen Compagnien inzwischen gesammelt haben. Dieses ist wieder 
eine von den Vorschriften, die in der Praxis geradezu unausführbar 
erscheinen. 

Der zweite Teil der Studie enthält die reglementarischen Vorschriften 
des deutschen Reglements in Verbindung mit einer vergleichenden Charak- 
teristik derselben gegenüber den der Franzosen. Wir brauchen hier die 



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Aas ausländischen Militär-Zeitschriften. 



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erwähnten deutschen Vorschriften wohl nicht zu wiederholen. Was jedoch 
die Kritik des Verfassers betrifft, die sich lediglich an vorgeschriebenen 
Formen hält, so ist es zu bedauern, dafs ihm so wenig erinnerlich ist, wie 
wir es in Deutschland verstehen, die Form dem Geiste, das Reglement den 
jemaligen Terrain- und Gefechts -Verhältnissen anzupassen. Es sei hier 
als Beispiel nur erwähnt, dafs unser Avancieren in Linie eine scharfe 
Beurteilung, als zu sehr an die Lineartaktik des vorigen Jahrhunderts 
erinnernd, erfährt. Ferner meint der Verfasser, dafs wir, um der Gefahr 
der Verzettelung zu entgehen, zu sehr in den entgegensetzten Fehler, das 
allzulange Zusammenhalten der geschlossenen Abteilungen, verfielen, die 
dadurch entstehenden grofsen Verluste würden leicht eine Katastrophe 
nach sich ziehen, ebenso wie auch das nahe Heranbleiben der geschlossenen 
Abteilungen der zweiten Linie. Sehr t reffend ist hingegen das vom Ver- 
fasser aufgestellte Prinzip, dafs die zerstreute Ordnung vorzugsweise dazu 
dienen müsse, die Truppe mit möglichst wenig Verlust an den Feind 
heranzubringen, dafs der Einbruch selbst aber mit möglichst kompakten 
Massen geschehen müsse. Von diesem Gesichtspunkte aus zieht er seine 
Parallele zwischen den beiderseitigen Reglements, die natürlich sehr zu 
Gunsten dos französischen neigt, die taktischen Unter-Abteilungen sind 
kleiner, leichter zu führen, können vom Terrain besseren Gebrauch machen, 
und werden demgemäfs bessere Schiefsresultate erzielen. 

Zum Schlufs des langen Artikels wird eine Stelle aus Goltz's: „Volk 
in Waffen" angeführt, in der es heifst, dafs die militärische Organisation 
jedes Volkes dem National-Charakter entsprechen müsse. Daran knüpft 
der Verfasser die Bemerkung, dafs für die deutsche Armee das Scbiefsen 
Alles sei, dafs hingegen für die Franzosen das Bajonnet die Entscheidungs- 
Waffe sei, denn, so heifst die beigefügte unvermeidliche französische Phrase: 
„In dem Himmel Frankreichs steht es geschrieben: In hoc signo vinces!" 

Broad arrow. Ober Torpedo-Boote. Der Artikel enthält eine dringende 
Mahnung an die Admiralität, bei dem Bau von Torpedo-Booten nach be- 
stimmten Systemen mit den übrigen europäischen Mächten sich auf gleicher 
Höhe zu halten. Es herrscht gegenwärtig kein Zweifel mehr darüber, dafs 
der Torpedo in den Seeschlachten der Zukunft eine wesentliche, wenn nicht 
entscheidende Rolle zu spielen hat. Die englische Marine besitzt gegen- 
wärtig zwei Arten dieser Boote, .solche, die an Bord grofser Schiffe ge- 
nommen werden können, und solche, die selbstständig operieren können. 
Letztere sind vorzugsweise für Hafen- und Küsten- Verteidigung bestimmt, 
von ihrer Gröfse hängt es ab, wie weit sie sich in See hinauswagen dürfen. 
Es galt bis jetzt als allgemeiner Grundsatz, dafs Gröfse und Seetüchtigkeit 
in gleichem Verhältnis zueinander ständen, neuerdings sind jedoch Torpedo- 
Boote von kleinen Dimensionen gebaut, die bei nicht allzu schlechtem 
Wetter auch einige hundert Meilen weit in See gehen können. Es ist 
daher für die Admiralität von höchster Wichtigkeit, die Grundsätze für 
die verschiedenartige Verwendung von Torpedo-Booten festzustellen, um 
danach die Konstruktion der zu erbauenden Boote anordnen zu können. 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



Mag der Torpedo an Stelle von Sporn und Geschütz treten, oder, was 
wahrscheinlicher ist, mag er eine mächtige Hülfswaffe für beide sein, jeden- 
falls murs England eine Torpedo-Flotte besitzen, die in ihren verschiedenen 
Dimensionen und Konstruktionen nach den entsprechenden Verwendungs- 
arten auch verschieden sein mufs. 

Die Privat-lndustrio hat in letzteren Jahren ganz besondere Fortschritte 
in der Konstruktion dieser kleinen Torpedo-Boote gemacht und es dahin 
gebracht, solche mit einer Geschwindigkeit von 20 Knoten in der Stunde 
herzustellen, wobei sie nur eine Länge von 100 Fufs und ein Deplacement 
von kaum 50 Tons besitzen. Noch vor wenigen Jahren wurde eine der- 
artige Fahrgeschwindigkeit für Schiffe unter 400-500 Fufs Länge und 
7000—8000 Tons Deplacement geradezu für unmöglich gehalten. 

Im Gegensatz zu dem langsamen Vorgehen der englischen Admiralität 
spendet der Verfasser dem raschen und dal>ei systematischen Vorgehen 
Frankreichs und speziell Deutschlands besondere Anerkennung. Die in 
Havre erbauten Torpedo-Boote haben ein Deplacement von kaum 80 Tons 
und sollen im Stande sein, bei voller Seetüchtigkeit gegen 1000 Seemeilen 
mit eigenem Kohlenvorrat zurückzulegen. Die Ansichten über Seetüchtigkeit 
sind allerdings sehr geteilt, und bezweifelt der Verfasser die Fähigkeit 
dieser Boote, einen oder gar mehrere Stürme auszuhalten. 

Zum Schlufs kommt der Verfasser nochmals auf die Notwendigkeit 
zurück, die Flotte durch den Hau zahlreicher Torpedo-Boote den übrigen 
europäischen Flotten gleich zu bringen. Die Konstruktion und die Dimen- 
sionen dieser Boote mufs aber von dem jedesmaligen Zweck abhängig sein, 
mögen sie zur Küsten-Verteidigung oder zur Verwendung auf hoher See 
bestimmt sein. Ehe das aber erreicht weiden kann, müssen die taktischen 
Grundsätze für die Verwendung von Torpedo-Booten zuvor von der Ad- 
miralität festgestellt sein. Das ist aber bis jetzt vollständig versäumt. 



VIII. 



Umschau in der Mlitär-Litteratur. 



Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte 
im Militärwesen, X. Jahrgang 1880, herausgegeben von 
II. v. Löbell, Oberst z. Disp. — 

Mit gewohriter Pünktlichkeit und in bekannter Art und Weise aus- 
gestattet und zusammengestellt ist der 10. Jahrgang der Lübell'schen Jahres- 
berichte erschienen. Auch an Reichhaltigkeit des Inhalts steht der neue Band 



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Umschau in der Militär-Littcratur. 



SO 



hinter seinen Vorgängern nicht zurück. Am dritten Orte, in der von ihm 
redigierten Militär-Litteratur-Zcitung Nr. f>, hat der Herausgeber es des 
Längeren und breiteren auseinandergesetzt, aus welchen Gründen dio 
-Jahresberichte so verhältnismäfsig spät im Jahre und dio einzelnen Artikel 
in Bezug auf Inhalt, Gliederung u. s. w. nicht nach gleichen Grundsätzen 
bearbeitet erscheinen. Läfst man diese Gründe gelten, so darf es eben 
nicht l*efremden, dafs man in dem vorliegenden Bande unter den Be- 
richten Ul>er das Heerwesen bei der niederländischen Armee die Vor- 
schriften für das Tiraillieren und die neue Schiefsinstruktion eingehond 
l>esprochen findet, während andererseits der Bericht über die Taktik der 
Infanterie die Änderungen am französischen Exerzierreglement und Näheres 
über die neue französische Schicf-instruktion bringt. Das französische 
„Reglement sur le service des armees en campagne* ist in dem Bericht 
Uber die Taktik der Infanterie und auch in dem Bericht über das Heer- 
wesen Frankreichs näher besprochen. Tiefer eingreifend und lediglich 
dem Gebiete des Herausgebers angehörend erachte ich die Grundsätze, 
welche bei den Nekrologen von hervorragenden Offizieren anscheinend maß- 
gebend waren. Ich habe mich an dieser Stelle schon wiederholt darüber 
ausgesprochen, dafs es als eine ganz besondere Ehre und Auszeichnung 
gelten mufs, in dem biographischen Totenregister eines solch anerkannt 
tüchtigen Werkes wie die Jahresberichte, welche vor Allem die militärwissen- 
schaftlkhe Fortbildung des deutschen Offiziers im Auge haben, aufgenommen zu 
sein. Nach meiner Ansicht können Offiziere nur durch kriegerische Thaten, 
deren Ruhm über die Grenzen des Vaterlandes hinausgeht, durch wissen- 
chaftsliche Leistungen oder wichtige Erfindungen hervorragen. Nach Ansicht 
der Jahresberichte scheint alter schon der ein hervorragender Offizier zu 
sein, der, ohne besondere Leistungen in den bezeichneten Bichtungen, im 
Laufe einer langen Dienstzeit es zum General gebracht oder bei seiner 
Verabschiedung den Charakter als solcher erhalten hat. Einer nicht 
kleinen Zahl ausländischer Offiziere, auch einigen deutschen, welche in 
dem diesjährigen Nokrologe dor Jahresberichte aufgenommen sind, steht 
wenigstens hierfür nichts Anderes zur Seite. Acceptiert man diesen Grund- 
satz, dann liefso sich aber mehr wie ein halbes Dutzend im Jahre 1883 
verstorbener deutscher und zum Teil höherer Generale nennen, die in dem Ne- 
krologe nicht berücksichtigt sind, obwohl ein Teil von ihnen sogar im deutsch- 
französischen Kriege in Generals-Stellungen Tüchtiges leistete. Eine solch 
auffallende Thatsache fordert die Kritik heraus und führt die Gedanken 
unwillkürlich auf jene Zeiten zurück, da der Deutsche in unwürdiger 
Bescheidenheit ttbergrofse Anerkennung und unbegründete Hochachtung nur 
für die Verdienste Fremder hatte. Dafs Abd-el Kader, ein verstorbener hoher 
französischer, ein eben solch österreichischer General in dem Nekrologe 
ebenfalls keine Aufnahme gefunden, sei nebenbei erwähnt. Auch die 
«Militärische Chronik" steht nicht auf der Höhe der Situation, indem sie 
vielfach höchst unbedeutende und unwesentliche, zum Teil ^ogar Angaben 
enthält, die ohne eigentliche militärische Beziehung sind. Auf den Inhalt 



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00 



Umschau in der Militfr-Litteratur. 



des neuen Bandes der Jahresberichte näher einzugehen, kann ich mir 
diesmal um so mehr versagen, als dio einzelnen Berichte, zum Teil in 
bekannter Weise reichhaltig und eingehend, zu besonderen Bemerkungen 
keine Veranlassung geben, und es von untergeordneter Bedeutung ist, wenn 
nach persönlicher Anschauung der eine vielleicht zu kurz, der andere viel- 
leicht zu lang behandelt ist, oder hier und da ein zu einseitiger Standpunkt 
des Darstellers sich bemerkbar macht, Zweifelsohne sind und bleiben die 
.Jahresberichte ' eine Zierde der deutschen MilitUr-Litteratur; sie werden 
bekanntlich im In- wie Auslande nach Verdienst hochgeschätzt. 

Über Ausbildung der Compagnie im Felddienst. Von Ernst 
Freiherrn von Mirbach, Hauptmann a. D. 

Verfasser hat seine Erlebnisse und Erfahrungen im Felddienste, die 
er in zwanzigjähriger Dienstzeit bei den Garde-Füsilieren in Krieg und 
Frieden sammelte, zu einem Buche zusammengestellt, bestimmt für den 
jungen Offizier, um eine von Vielen in ihrer Ausbildung empfundene 
Lücke, wenn nicht auszufüllen, so doch zu verkleinern. 

Obwohl es an Werken dieser Gattung keineswegs gebricht, so wird 
die Mirbacb'sche Schrift dennoch auf Beachtung in dem vorerwähnten 
Kreise junger Offiziere rechnen dürfen. Sie verrät von Anfang bis zum Ende 
den praktischen Soldaten, den erprobten Front-Offizier und Coinpagnie-Chef. 
Sachlich wäre zu erinnern, dafs manche Ansichten des Verfassers zwar dem 
Usus bei vielen Regimentern entsprossen sein mögen, darum aber doch 
nicht reglementarische sind; es sei beispielsweise der, seiner Zeit auch vom 
Prinzen Friedrich Carl empfohlene, vielfach recht zweckmäfsige „Horch- 
Trupp", 100—200 m vor der Postenlinie, erwähnt. Stylistisch wäre zu 
erwähnen, dafs sich der Text nicht selten in behäbiger Breite gefällt, 
welche dem Zwecke der Belehrung nicht eben förderlich ist. Der bei 
Schriften dieser Art nicht unwillkommene populäre Ton streift zuweilen 
hart an die Grenze des Zulässigen, so Seite 118: „wenn eine Patrouille 
in die Nähe des Postens kommt und ruft ihm zu: „Du, Schulze, ick bin es" 
— so ist das ein so gutes Erkennungszeichen, dafs man kein anderes 
braucht." 

Verfasser, ein begeisterter Anhänger des „Felddienstes 4 ', schliefst mit 
den Worten: „Wo das Exerzieren und das Formenwesen übertrieben wird, 
mute die geistige Spannkraft auf die Dauer nachlassen ; die Form ermüdet, 
der Geist belebt — und erfrischend und neu belebend wirkt ein kriegs- 
gemäfser Felddienst." — Möge es der deutschen Armee an einem solchen 
und an Offizieren, die ihn so gründlich verstehen, wie der Verfasser, nie fehlen! 

Betrachtungen über die Treffen-Taktik der Kavallerie, von 

einem Verehrer des Generals Schmidt. Mit 15 Croquis. 

Zahlreiche Arbeiten und Schriften bekunden in höchst erfreulicher 
Weise, wie sehr man allerwärts in der Kavallerie bestrebt ist, Erfahrungen 
zu verwerten, vorwärts zu kommen. 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



91 



Die uns vorliegende Schrift „Betrachtungen über die Treffentaktik der 
Kavallerie von einem Verehrer des General Schmidt" hat sich ebenfalls 
dieses Ziel gesteckt, und stellt der Herr Verfasser nach einem kurzen 
geschichtlichen Rückblick in 8 Abschnitten interessante Betrachtungen Uber 
die Technik gröberer Kavallerie-Körper, über die Terrainbenutzung, über 
Führer der Kavallerie-Divisionen auf, und giebt endlich eine Rekapitulation 
der entwickelten Grundsätze. 

Wir Kavalleristen begrüben die erwähnte Arbeit mit vollster Sympathie, 
denn wir leben der Überzeugung, dafs nicht genug Tbätigkeit entwickelt 
weiden kann, um manches Versäumte nachzuholen, um der Kavallerie ihr 
altes Recht zu wahren, dafs sie nicht nur das Auge der Armee, sondern 
auch ein mächtiger Faktor zur Entscheidung.der Schlachten und Gefechte bleibe. 

Nur in aller Kürze wollen wir einige Punkte näher betrachten. 

In der Einleitung Seite 3 Absatz 1 beantwortet der Herr Verfasser 
die Frage: worauf beruht es, dafs die* schwerfällige und unbewegliche 
Kavallerie von Mollwitz nach wenigen Jahren unverwelkliche Lorbeeren 
sammelte? „In der Verwendung unddiesewiederinden Führern." 

Die Richtigkeit dieser Ansicht wird wohl Niemand bezweifeln ; dennoch 
aber möchten wir nicht unerwähnt lassen, wie vorausgegangen war, dafs 
Friedrich der Grofse seine Kavallerie unendlich erleichtert und vorzüglich 
beweglich gemacht hatte. Er gab bis zur Stunde unübertroffene Instruk- 
tionen für Truppe und Führer, er gab ausreichende Gelegenheit, dafs seine 
Instruktionen wie die Erfahrungen zahlreicher Feldztige in praktisch an- 
gelegten und durchgeführten Übungen geläufig und verwertet wurden; er 
gab seiner Kavallerie Führer, welche längere Zeit an deren Spitze standen 
und gerade wieder dadurch im Stande waren, die Truppe stets sicherer 
und gewandter zu machen, sie den gesteckten Zielen zuzuführen. 

Leider verschwanden solche Prinzipien späterhin, und es kann wohl 
nicht Wunder nehmen, wie bald darauf die französischen Reiter-Generale 
zwar mit vieler Kriegserfahrung ausgerüstet, doch ohne zweckentsprechend 
vorbereitete Truppe und mit einer höchst mittelmäfsigen Technik für 
gröfsere Verbände, sich dennoch entschieden überlegen zeigten. Diese Über- 
legenheit kam einzig aus der Kriegserfahrung und dem offensiven Geiste, 
welchen Napoleon seinen Schaarcn einzuhauchen verstand. Das massen- 
weise Losreiten, die Tapferkeit war damals beinahe der einzige maßgebende 
Faktor. Es gab zahlreiche Erfolge, aber auch verhältnismäßig grofse Ver- 
luste. Mit Massen und in rücksichtslosem Forcieren suchte die Kavallerie 
ihre Aufgabe zu lösen und im gleichen Sinne ward sie durch ihren 
Feldhcrm zur Entscheidung der Schlachten bestimmt. Auch diese Epoche 
fand natürlich ihre Verehrer; wir erinnern nur kurz an die Meinungs- 
verschiedenheit über den Wert der Kolonne als Angriffsform, welche sich 
noch längere Zeit nach dieser Epoche zwischen Heydebrandt und C. v. Decker 
kundgab. 

Friedrich der Grofse dagegen verlangte entschieden das Abwarten eines 
günstigen Momentes zum Angriffe für seine Kavallerie, organisierte seine 



92 



Umschau in der Militär-Litterat ur. 



großen Kavallerie-Massen in Treffen und Reserven und war bemüht, die 
Aufgaben der Kavallerie überhaupt, wie die Verwendung derselben beiden 
verschiedenen Aufgaben und für ihre eimeinen Gliederungen zu präzisieren, 
und gerade hier liegt die Basis für ihre großartigen Krfolge. 

Während auch heute noch die Kavallerie diese Prinzipien ganz und 
voll annehmen kann, wird sie die Schlachten-Taktik unter Napoleon nicht 
im Entferntesten verwerten können, dabei jedoch der hervorragenden 
Tapferkeit jener Kavallerie ihre Bewunderung nicht versagen. Dagegen 
wird sie im Vergleiche mit der Zeit Friedrichs des Großen ohne Mühe 
finden, dafs die Tapferkeit nicht allein in dem ungestümen, massigen — 
um nicht zu sagen unbesonnenen und brüsken Losreiten zu suchen ist. 
Was würde die Reiterei Napoleons geleistet haben, wenn sie vom Grunde 
aus so erzogen gewesen, wenn sie nach den gleichen Prinzipien verwendet 
worden wäre, wie die Reiterei Friedrichs. — 

Wir glauben somit, dafs für die Kavallerie nicht Alles von dem Genie 
des Führers erwartet weiden darf, sondern daß von der Erziehung des 
einzelnen Reiters bis zur Verwendung von Kavallerie-Divisionen in Ge- 
fechtsübungen kein Punkt übersehen werden darf, wenn die Kavallerie in 
Zukunft wieder das leisten soll, was sie früher geleistet hat und auch 
heute noch leisten kann. Die Führer sind dann allerdings von ebenso 
mächtigem Eintlusse für die Thütigkeit der Waffe und ihre Erfolge; sie 
werden aber wohl nicht fehlen, wenn keiner der anderen Punkte über- 
sehen winde. 

Der Gedanke in Absatz 5 Seite 5 scheint uns nicht ganz zutreffend. 
Warum es heute unmöglich sein sollte, einige Kavallerie-Divisionen an 
großen Schlachttagen zu gemeinsamem Handeln zu vereinigen, dafür 
können wir einen genügenden Grund nicht finden. Die Gegner solcher 
großen Massen sagen: ..sie sind nicht mehr möglich, denn man schlägt 
sich heute in jedem Terrain, und sie können sich in coupierterem Terrain 
nicht entfalten"; Andere glauben wieder, „daß die weittragenden Feuer- 
waffen und die größere Schwierigkeit, Rciter-Mas-en im Terrain verdeckt 
zu halten, ihre Unmöglichkeit bedingen". Es liegt aber in diesen beiden 
Gründen entschieden ein Widerspruch. Daß es in den neueren Schlachten 
an Raum zur Entwicklung der Kavallerie gefehlt, daß ihre Beweglichkeit 
durch ihre Menge gehindert war, muß bei flüchtiger Betrachtung der 
Thatsachcn zugestanden werden. Uns erscheint jedoch auch in dieser 
Richtung die Frage noch keineswegs gelö.-t, denn die Gegenfrage: „was 
war denn vorausgegangen, um die Kavallerie gewandt und sicher zu 
machen, sich in größeren Massen für ihre Thütigkeit vorzubereiten", muß 
in jeder Hinsicht mit: „so viel wie Nichts" beantwortet werden. Was 
kann es für eine Bedeutung haben, wenn der tüchtigste General einige 
Jahre an der Spitze einer Truppe steht und auch vielleicht ein oder 
zweimal diese seine Truppe einige Tage zur Übung vereinigt sah. Sollen 
in der Kavallerie gedeihliche Fortschritte gemacht werden, so ist es 
unbedingt notwendig, daß die tüchtigsten Offiziere längere Zeit an ihrer 



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Cmschiin in der Militär-Litteratur. 



Spitze stellen, dafs praktische Übungen angelegt und durcligefülirt weiden 
zur technischen und taktischen Ausbildung der Truppe, dafs auch der 
Heranbildung höherer TruppenfUhrer der Kavallerie die gleiche Beachtung 
geschenkt werde, wie dies für die allgemeine Truppenttihrung der Fall ist. 
Dafs gerade hier noch recht viel zu thun bleibt, ist doch wohl un- 
bestreitbar und bedarf keiner weiteren Beleuchtung. 

Auf Seite 7 bringt der Herr Verfasser eine Reihe von Beispielen, 
welche leicht noch recht ansehnlich auszudehnen wären, und welche zeigen, 
wie wenig Sorgfalt mitunter der Walle und ihrer Thätigkeit zugewendet 
wird, obgleich gerade ihre Eigentümlichkeiten ganz entschieden das Gegen- 
teil gebieterisch forclern. 

I. Zu dem Abschnitt I. möchten wir bemerken, dafs auch wir eine 
üU*rm;ifsige Ausstattung mit reglementaren Bewegungen keineswegs für 
nötig oder vorteilhaft halten; dennoch würden wir der angeregten Ein- 
teilung dieser Bewegungen nicht das Wort reden können. 

Dafs die Anschauungen über den Wert einer Bewegung sehr ver- 
schieden «ein können, zeigt überdies der Vergleich zwischen den beiden 
Arten wie ein Regiment, welches im Galopp in der Zugkolonne ein 
Engnis durchschreitet, die Linie in der Richtung der Bewegung formiert. 
Wir möchten hier /.. B. bemerken, dafs das Reglement ja auch ein Ent- 
wickeln rechts und links gestattet, dafs Zeit und Weg hierdurc h verkürzt 
wird, dafs die Teten- Escadron wohl zumeist, ohne die Entwicklung der 
Regimentslinie abzuwarten, in gerader Richtung vorwärts gehen wird u. s. w. 
- „Formen müssen dem Geiste dienen, sie sollen ihn nicht fesseln". 

II. Auch für diesen Abschnitt möge der vorstehende Satz gelten und 
wenn die vom Herrn Verfasser vorgeschlagene Gliederung gewifs unter 
(Tmstiinden ihre volle Berechtigung hat, so kann sie doch die bisherige 
kaum gänzlich aus dem Felde schlagen. 

Gerade der Seite 13 Absatz 4 angeführte Paragraph des Reglements 
gestattet ganz und vollständig das, was der Herr Verfasser verlangt, „zum 
Hauptstofse '/» der Trappe zu verwenden". 

Wenn aber auf den heutigen Schlachtfeldern „der Raum zur Ent- 
wicklung gröfserer Kavallerie-Massen fehlen soll", so bietet die Gliederung 
einer Kavallerie-Division in 3 Treffen zu je 2 Regimentern doch eine 
gröfsere Garantie, durch die Verhältnisse nicht beengt zu werden, wie die 
auf Seite 15 gegebene Form. Recht eng gezogene Grenzen in den regle- 
mentaren Formen aber könnten im Gefolge haben, dafs die Angriffsformen 
auf verschiedene Objekte stets dieselben -bleiben und doch müssen sie ohne 
jeden Zweifel nach diesen Objekten, nach dem vorliegenden Terrain und 
den Gefechtsverhältnissen eine gröfsere Mannigfaltigkeit gestatten. 

Auch der Seite 10 gemachten Berechnung und Aufstellung kann 
entgegengehalten werden: „warum soll das z. B. links del Kodierende 

2. Treffen auf den bedrohten rechten Flügel gezogen werden und 
800 Schritte Galopp reiten, um diese Bedrohung zu vereiteln, wenn das 

3. Treffen hinter diesen bedrohten Flügel durch gerade Vorbewegung nur 



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04 



Umschau in der Müitär-Litteratur. 



450 Schritte zurückzulegen hat. Welche Hindernisse stehen entgegen, 
dafs der Divisions-Commandeur einfach das rechts debordierende 3. Treffen 
als 2. vorzieht. Hat nicht der Commandeur dieses 3. Treffens ausserdem 
die Pflicht, mindestens ein Regiment dieser Flankenbedrohung entgegen 
zu senden. Zieht die auf selbst 300 Schritte und darüber einem Flügel 
folgende, sekundierende Abteilung nicht schon an und für sich den über- 
flügelnden Gegner auf sich u. s. f.V" 

Der Vorteil dreier Treffen erscheint uns gerade darin zu liegen, dals 
beim ersten Zusammenstoß nicht Alles zu gleich engagiert ist, dafs dem 
2. und 3. Treffen immer noch möglich wird, je nach den Verhältnissen 
entscheidend einzugreifen. Zusammenstöße von Heitermassen, welche in 
drei Treffen gegliedert statt fanden — und auch in dieser Gliederung 
geübt waren — haben wir bisher überhaupt in der Neuzeit nirgendwo 
finden können, dafs solche Gliederung „nutzlos" sich gezeigt habe, können 
wir somit keineswegs bestätigen. 

Die Figuren auf Seite 21 finden wir für besondere Zwecke ganz 
entsprechend; die 2. und namentlich die 3. Form aber möchte mit der 
Anschauung, welche Seite 5 Absatz 5 im Schlußsätze ausgesprochen, doch 
nicht vollständig in Einklang zu bringen sein, wenigstens nicht nur als 
Grundform gelten zu können, was insbesondere nach Absatz 2 Seite 22 
doch bezweckt scheint. Wenn es in den Schlachten an Raum zur Ent- 
wicklung größerer Kavallerie-Massen fehlte, so kann diesem Mangel durch 
so bedeutende Fronten, wie sie in der Figur Seite 15 und 19 angenommen 
sind, nicht abgeholfen werden. 

Fronten von weit Uber tausend Schritte zu formieren und zu bewegen, 
hat seine große Schwierigkeiten. Zwei Kavallerie-Divisionen nebeneinander 
oder in Staffelfonn zum Angriffe schreitend, bedürfen eines nicht viel 
gröfseren Entwicklungsraumes, erlauben aber jedenfalls eine freiere 
Bewegung. 

Dafs die Flankenangriffe des 2. Treffens nur dann wirksam sind, 
wenn sie zeitfg begonnen und die Vorbewegung verdeckt ausgeführt 
werden kann, lehrt die oberflächlichste Betrachtung. 

Wenn wir auch bisher nicht gewufst hatten, dafs Reserve-Kavallerie- 
Regimentcr in den Kavallerie-Divisionen eingeteilt sind, so glauben wir 
doch der Ansicht beistimmen zu sollen, dafs diese Regimenter sich eher 
zur Verwendung als Divisions-Kavallerie eignen, ja wir glauben sie als 
vollständig untauglich zu ersterem Zwecke bezeichnen zu müssen. 

Warum aber der Herr Verfasser im Gegensatze zu der Seite 5 Absatz 5 
geäußerten Anschauung die Kavallerie-Divisionen auf 7 und 8 Regimenter 
verstärkt wissen will, ist nicht erklärlich. 

IH. Was über die Treffen -Abstände Seite 27 gesagt ist, dünkt uns 
ganz zutreffend und namentlich auch der Schlufssatz, doch war es bei den 
Übungen der Kavallerie nicht selten Grundsatz; dafs die Treffen während 
der anfänglichen Vorbewegung die Abstände möglichst kurz nahmen, und 
würde sich vielleicht empfehlen auch reglementarisch festzustellen, dafs diese 



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Umschau in der Milit&r-Litteratnr. 



05 



Treffenabstände beim Angriffe nie gröfser wie 300 Schritte werden sollen, 
wie wir es uns aus praktisch geleiteten Übungen noch recht wohl zu 
erinnern vermögen. Neuere Kriegserfahrungen fehlen ja eigentlich noch 
gänzlich. 

Das Beispiel aus der Schlacht von Lützen scheint uns nicht zweck- 
entsprechend gewählt, dem Angriffe auf intakte Infanterie verlangen doch 
wohl eine andere Form, wie die hier angewandte. Diese Uberaus energisch 
und tapfer ausgefllhrten Angriffe waren in jeder Hinsicht doch eine 
zweifellose Bestätigung, dafs gröfsere Kavallerie -Körper ohne gründliche 
technische Vorbereitung höchstens indirekte Erfolge erringen werden. — 

IV. Zu diesem Abschnitt möchten wir bemerken, dafs das Verfolgen 
ganzer Treffen unter Umständen immer etwas Bedenkliches hat, ins- 
besondere aber dann, wenn bei dem Angriffe auch Teile des 2. und 
3. Treffens eingegriffen haben, um neu auftretende Abteilungen des 
Gegners zu vertreiben; es wird dann wohl nicht selten der Fall denkbar 
sein, dafs von der ganzen Kavallerie-Division nur noch 1 Regiment ge- 
schlossen bleibt, dafs alles Andere in wildem Verfolgen des geschlagenen 
Gegners ist. Das früher gebräuchliche Verfolgen durch die 4. Züge oder 
die Flügelzüge aller Schwadronen, noch besser vielleicht durch gerade 
oder ungerade Schwadronen wäre wohl weit entsprechender. Auch die 
Instruktionen Friedrichs des Grofsen über das Verhalten der im Handgemenge 
gewesenen Abteilungen dürften hierher gehören. 

Was das Debordieren der Treffen und Reserven anbelangt, so scheint 
mir hier mitunter übersehen zu werden, daTs Gefechts- und Terrain- 
verhältnisse ein grofses Wort mitsprechen werden. Alle unsere Gedanken 
und Arbeiten sind zu sehr auf die Kavallerie- Gefechte gerichtet und 
weniger auf andere Momente, welche den Angriff der Kavallerie ver- 
anlassen. Auch in dieser Richtung mnfs es wohl dem Führer der Truppe 
tiberlassen bleiben, je nach den Verhältnissen die entsprechende Form zu 
wählen. 

V. Unterstützungsschwadronen sind um so notwendiger, je unsicherer 
die höheren Gangarten geritten werden, je weniger Garantie einer besitzt, 
dafs diese Gangarten im wechselnden Terrain geritten in der Truppe 
keinerlei Schwankungen, Störungen, gröfsere Intervallen mit, sich bringen. 
Hinter jedem Regimente des ersten Treffens eine Schwadron als Unter- 
stützung kann sofort und recht günstig eingreifen. Solche Schwadronen im 
Bedarfsfalle aus dem debordierenden 2. Treffen erst detachieren zu wollen, 
wird kaum den Zweck in gleicher Weise erreichen. 

Friedrich der Grofse kannte doch wohl Unterstützungsschwadronen, da 
sein ganzes 2. Treffen der Formation vom 25. Juli 1744 (Seite 16 und 17) 
mit 60 Schritt Tntervalien als solche gelten kann; auch die Seite 32 unter 
Ziffer 6 gegebene Instruktion, wie die folgenden Teile der Instruktionen 
vom 25. Juli 1744 und vom 14. August 1748 deuten ganz untrüglich 
darauf hin. 

VL Wir verweisen auf das bereits bei Abschnitt II. über Flanken- 



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()C) Umschau in der Militur-Litteratur. 

angriffe Gesagte, sind jedoch auch hier dagegen die Verwendung des 
2. Treffens zu solchen Angriffen „allgemein" als fehlerhaft zu bezeichnen. 

Die Figuren auf Seite 34, 35 und 30 sind bestimmt unter gewissen 
Verhältnissen ganz verwendbare Formen, dafs sie nicht als Schablone für 
alle Fälle gelten sollen, geht ja schon aus dem Satze Seite 36 Zeile 14 v. u. 
hervor. 

Das Verhalten der Flankendeckung ist formell ganz richtig angegelwii. 
obgleich man wohl häutig sieht, dafs Flankendeckungen dem flankierenden 
Gegner frontal entgegengehen. Auch eine Abteilung, welcher die Flanken- 
deckung übertragen wird, kann sich nur nach den Verhältnissen richten: 
gerade aber dann, wenn diese Flankendeckung bereits in Linie deUirdiert, 
wenn der Angriff des Gegners auf die zu schützende Flanke erfolgt, wird 
diesen veranlassen, seine Angriffsrichtung zu ändern und sich frontal auf 
die Flankendeckung zu werfen. Gest hiebt dies auf grüfseren Kntfernung, 
so kann allerdings eine weitere Bewegung zur l'bertlügelung erfolgen. Poch 
alle diese „wenn" und „aber 1 * richten sich stets und immer nach den je- 
weiligen Verhältnissen; es lassen sich eben nur Regeln ganz allgemein auf- 
stellen, aber nie eine Schablone, wie ja auch in der vorliegenden verdienst- 
vollen Arbeit so oft betont wird. 

Das erfolgreiche Degagieren eines geworfenen Treffens wird Wi einem 
tüchtigen Gegner stets eine schwierige Sache bleiben, und gerade auch in 
dieser Richtung wird es von der höchsten Bedeutung sein, dafs wir Heiter 
uns so vorbereiten, dafs dieses Degagieren dadurch unnütig wird, dafs wir 
unsere Angriffe so ausführen, dafs sie unwiderstehlich werden. Dies aber 
wird der Fall sein, wenn wir durch unsere ganze kavallerist ische Ausbildung, 
vom Reitunterriehte angefangen, nie den Weg verlassen, der in kürzester 
Richtung zu diesem Ziel führt. Kraft und Geschlossenheit sind die beiden 
entscheidenden Momente für die Angriffe der Kavallerie. Mehr wie zu 
allen Zeiten ist es erforderlich, schon wegen der zurückzulegenden grüfseren 
Distanzen, daf- die Kavallerie grofse Sicherheit und Ausdauer in den 
r Ii innigsten Gangarten besitze, um eben den letzten Stöfs mit aller 
Heftigkeit ausführen zu können. Dann werden wir auch mit Friedrich 
dem Grofsen sagen können: „es ist nicht zu vermuten, dafs der Feind 
solche Attacke ausdauero wird, sondern eher zu präsumieren, dafs derselbe 
sieh auf sein zweites Treffen kulbütiercn werde. Ks mufs also die Attacke 
auf das 2. Treffen sondern Anhalten continuiren. Wenn beide Treffen 
des Feindes völlig über den Haufen geworfen sind, so soll das 
erste Glied vom ersten Treffen ausfallen und nachhauen, ingleichen 
die Husaren von den Flanken, welche nebst den Kürassieren den flüchtigen 
Feind verfolgen sollen, so dafs die Schwadrons nicht über 200 Schritt 
hinter ihren ausgefallenen Tieuten geschlossen und in guter Ordnung 
bleiben u. s. w. u Seite 24 und 25. 

Diese Prinzipien scheinen uns die einzig richtigen zu sein und weit 
schwerwiegender wie alles Andere, um das gleiche Ziel auf Umwegen zu 
erreichen. Angriffe auf Infanterie und Artillerie werden auch nur nach 



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Umschau ir. der Militlr-Litteratnr. 



97 



allgemeinen Regeln ausgeführt worden können; schmale Fronten taugen 
im ersten Falle bei Frontalangriffen mit Sicherheit ebenso wenig, wie 
hinter einander folgende Echelons, während Formen wie jene auf Seite 17 
in hohem Grade anwendbar erscheinen. Gröfsere Massen in schwierigem 
Terrain aufzustellen, zu bewegen und zum Angriffe zu führen, hat unbedingt 
ganz bedeutende Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten werden aber auch 
überwunden werden können. Entsprechende Übung und richtige Grund- 
sätze werden natürlich auch hierfür die beste Schule sein. Unsere bis- 
herigen Übungen haben aber der Reiterei nicht solche Gelegenheit geboten; 
sie war weder in grüfseren Massen bei denselben vertreten, noch hal>en die 
Verhältnisse bisher ermöglicht , dafs selbst bei dem Auftreten in kleineren 
Körpern jene Punkte Beachtung gefunden hätten, welche für solche Angriffe 
von ganz wesentlicher Bedeutung sind. Wo aber soll die Kavallerie die 
Gelegenheit hierfür wie für die Terrainbenutzung rinden, wenn nicht bei 
den gröfseren Truppenübungen. Spielt die Kavallerie hier eine neben- 
sächliche Rolle, so wird sie weder in der einen noch in der anderen Richtung 
ftir ihre Aufgaben gründlich vorbereitet sein. 

VIII. Dieser Abschnitt Über die Führer ist von besonderem Interesse. 
Wir glauben jedoch, dafs dieselben bei zweckmäfsigen Institutionen und 
Übungen, bei sorgfältigster Heranbildung der geeigneten Persönlichkeiten 
nicht fehlen werden. Je seltener die Kriege sind, von um so gröfserer 
Bedeutung erscheinen uns diese Punkte gerade für die Führung der Ka- 
vallerie — und gerade die Kavallerie entbehrt dieser Einriebtungen im 
hohen Grade. Wir wollen uns heute nicht weiter über diesen Punkt aus- 
lassen, doch können wir im Interesse der Warle nur wiederholt unsere 
Überzeugung in dieser Richtung aussprechen. Die grofse Masse der 
Kavallerie ist in Brigaden den Divisionen zugeteilt, es fehlt ihr die technische 
Spitze, es fehlt diesen Brigaden ein gleiches Prinzip für ihre Thätigkeit, 
es fehlt den Kavalleriedivisionen die gründliche technische Vorbildung, die 
zweckmäfsige taktische Ausbildung. Dort, wo sie vorübergehend zusammen- 
gezogen werden, wechseln die Führer beinahe für jede Zusamruenziehung, 
dort, wo wirklich Kavalleriedivisionen bestehen, wechseln die Führer in der 
Regel viel zu rasch, um ein gegenseitiges richtiges Verständnis zu erreichen. 
Bei den höheren Truppenkommandos sind im Felde zwar Commandeure 
der Artillerie und Pioniere vorgesehen, ein Commandeur der Kavallerie 
aber ist nicht vorhanden, und doch erscheint er uns sehr notwendig. 

Auch wir sprechen der Selbstständigkeit des Kavallerieführers voll- 
ständig das Wort, und doch erfordern es die Verhältnisse heut zu Tage 
bei den ausgedehnten Sehlachtfeldern weit mehr wie früher, dafs der 
Kavallerie aufser dieser Befugnis zum Eingreifen nach eigenem Ermessen 
(Selbstständigkeit) von der Oberleitung eine fortlaufende und eingehende 
Beachtung geschenkt werde. Die heutigen Gefechtsverhältnisse lassen es 
nicht zu, dafs die Kavallerie stets auf einem oder beiden Flügeln gestellt 
werde, sie lassen es nicht zu, dafs die Kavallerie ohne jeden Zusammenhang 
mit dem Oberkommando ganz und gar nach eigenem Ermessen handle. 

JfthrMchOT ttr die Dmtoeh* Arm« «ad Marin». Bd. LH., 1. 7 

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Umschau in der Militär-Litteratur. 



Gerade für die Kavallerie erscheint uns daher ein beim Oberkommando 
attachierter Commandeur von hoher Bedeutung. Wird dieser dem Truppen- 
kommando attaehierte Commandeur prinzipiell angenommen, so werden 
wir doch voraussichtlich die Interessen der Waffe mit den Allgemeinen 
für Truppen- und Gefechtsleitung in Einklang gebracht sehen; es wird 
die Möglichkeit angebahnt, dafs schon an jedem Gefechtsübungstage 
mindestens eine kavalleristische Thätigkeit zur Darstellung und Durch- 
führung gelangt. Unter solchen Verhältnissen wird os aber nicht fehlen, 
dafs die Waffe so vorbereitet ist, dafs sie sodann auch in wirklichen Ge- 
fechten und Schlachten — wo die im Frieden natürlich nur „angenommene 
Situation, welche den Angriff der Kavallerie veranlafst" auch mehr oder 
weniger deutlich erkannt zu werden vermag — nach kavalleristischen 
Grundsätzen verwendet wird. 

Die Kavallerie mufs allerdings erscheinen, attackieren und siegen. 
Wie aber soll dies unter den heutigen ausgedehnteren Gefechts- Verhältnissen 
möglich sein, wenn die Truppe- durch den Detail Unterricht nicht so vor- 
bereitet ist, dafs sie auch in grofsen Verbänden sich mit vollster Sicherheit 
des langen Galoppes bedienen kann, dabei Hindernisse des Terrains zu 
tiberwinden versteht und auf gröfsere Strecken die Pferde nicht aufser 
Athem bringt. Ich unterlasse die Beantwortung dieser Frage. Wie soll 
dies möglich sein, wenn die Divisions-Commandeure alle 2—3 Jahre wechseln 
und eben wegen der unkavalleristitchen Vergangenheit die mitunter ganz 
glücklich angelegte Arbeit wieder unterbrochen wird. Wie soll das möglich 
sein, wenn weder Excerzierübungen noch Gefechtsübungen Klarheit in die 
einfachste, aber eben darum so eminent schwere Technik grofser Kavallerie- 
Körper gebracht haben. Wie soll dies möglich sein, wenn somit weder 
in der Truppe noch in der Führung jene Sicherheit ist, welche für 
erfolgreiche Thätigkeit der Kavallerie ganz unentbehrlich ist. Wie soll 
dies möglich sein, wenn die größeren Übungen — und hier stimmen wir 
aus vollem Herzen mit dem Herrn Verfasser ein — uns so häufig wirk- 
liche Zerrbilder kavalierist ischen Eingreifens bringen? Wir haben in der 
Kavallerie noch viel zu lernen, wir haben aber auch in der Gefechts- 
verwendung der Kavallerie so recht und äebt kavalleristische Impulse 
notwendig und dürfen uns keineswegs verhehlen, dafs das, was wir bisher 
gesehen, recht oft weder praktisch noch kavalleristisch genannt werden 
kann. 

Auf solche Art werden wir in kurzer Zeit Kavallerie-Führer erhalten, 
namentlich, wenn auch im Generalstabe der Kavallerie mehr spezielle 
Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn zum rasehereren Avancement durch 
den Generalstab für Kavallerie-Offiziere, auch speziell hervorragendes 
kavalleristisches Talent erfordert wird. 

Die bei weitem grüfste Zahl von Schlachten und Gefechten wurden 
in neuer Zeit durch die Infanterie und Artillerie geschlagen; es ist auch 
ganz selbstverständlich, dafs von der jeweiligen Oberleitung hauptsächlich 
diese Waffen im Auge behalten werden. Wird sodann auf die Kavallerie 



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Umschau in der Milit&r-Litteratur. 



99 



gegriffen, so frägt es sich, ob die Waffe auch im Stande ist, sofort einzu- 
greifen ; Stellung, allgemeine Situation, Alles wird ihr mehr oder weniger 
fremd sein. Bei Friedensübungen fehlen zudem natürlich alle Anhalts- 
punkte, welche sich in dem wirklichen Gefechte für Angriffe der Kavallerie 
ergeben. Dahin zielende Einrichtungen und Annahmen sind aber um so 
empfehlenswerter und notwendiger, je weniger sie bisher Beachtung fanden. 
Ein derartiger Angriff der Kavallerie wird instruktiver sein wie 20 andere, 
welche lediglich den Zweck haben, die Kavallerie attackieren zu sehen. 
Darum halten wir Commandeure der Kavallerie, bei diesen Kommando- 
Stellen attachiert, für absolut notwendig. Wir hatten in langer Dienstzeit 
einmal das grofse Glück, den Einfluß kennen zu lernen, welcher durch 
solche Einrichtung angebahnt wurde. Schon hofften wir auf bessere 
Zeiten, doch es war leider nur eine vorüberziehende kurze Epoche. — 

Wir wollen diese Besprechung nicht schliefsen, ohne nochmals aus- 
zusprechen, wie dankbar wir jede Anregung wie die vorliegende begrüfsen 
müssen, welche Veranlassung giebt zur Erörterung kavalleristischer Fragen. 
Das energischste Streben nach weiterer Vesvollkommnung kann nirgend 
entbehrt werden: „am allerwenigsten aber in der Kavallerie". 

Das kurbrandenburgische Fort Grofs - Friedrichsburg in 
Guinea. Bericht über den Besuch desfelben durch die 
Offiziere S. M. Schiff Sophie, erstattet au deu Chef der 
Admiralität. 

Vorliegender Bericht ist ein Separat- Abdruck aus No. 51 des Bei- 
heftes zum Marine-Verordnungs-Blatt und machte, im Auszuge, die Runde 
durch alle Blätter. Die beigegebenon Abbildungen zeigen ein noch jetzt 
recht stattliches, umfängliches Festungs-Werk, von tropischem Baum wuchs 
überragt; Plan und Gröfse des Ganzen sind noch deutlich zu erkennen. 
Von den aufgefundenen 6 alten Geschützrohren ist eins mit heimgebracht 
worden und soll in dem Berliner Zeughause Aufstellung rinden. 

Bei dieser Gelegenheit möchten wir darauf aufmerksam machen, da Ts 
noch immer eine auf archivalische Quellen gestützte Geschichte der Marine 
des Grofsen Kurfürsten und seiner Kolonial-Politik zu den frommen 
Wünschen gehört! 

Zwanzig Jahre Ulan 1855—1875. — Aus meinem Tagobuche 
von F. v. Blücher, kgl. preufs. Oberst-Lieut. a. D. 

Das Buch darf keinen Anspruch auf besondere Beachtung erheben; 

es ist weder in kriegsgeschichtlicher noch sonst in militärischer Beziehung 

von Bedeutung. Der Herr Verfasser erzählt seine Erlebnisse während 

zweier Feldzüge in schlichter Weise und geht dabei nicht Uber seine 

nächste Umgebung und mit seinen Interessen nicht Uber die täglichen eines 

jeden jüngeren Offiziers hinaus. Verschiedentlich fällt es unangenehm auf, 

dafs der „mit einer Riesennatur" begabte Herr Verfasser mehr als gerade 

notwendig seiner Person Bedeutung zu geben sucht, besonders in Botreff 

7» 

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100 



ümgchan in der Miütfir-Litteratur. 



des Feldzuges 1866. Er spricht, des Grafen von Chanibord gedenkend, 
von einer Wiedereinsetzung Heinrich's VIII. und macht E. M. Arndt zum 
Verfasser des bekannten Becker' sehen Rheinliedes, „Sie sollen ihn nicht 
haben". Es wäre kein Verlust für die Militär- Litteratur gewesen, wenn 
dies Tagebuch ungedruckt geblieben wäre und nur im Kreise der nächsten 
Verwandten seine Freunde gesucht hätte. 

Zur Geschichte des Ersten und Zweiten Leih -Husaren- 
Regiments. — Das ungeteilte Regiment 1741 — 1812. Eine 
archivalische Studie. 

Auffallender Weise hat sich der Verfasser dieses Werkes, Major 
Blumenthal, aus unbekannten Gründen auf dem Titel nicht genannt, 
dahingegen das Vorwort unterzeichnet. Schon ein Blick in das umfang- 
reiche Werk (421 Seiten) legt klar, dafs es des Fleifses vieler Jahre und 
langen eifrigsten Forschens bedurfte, um ein Buch von solcher Genauigkeit 
und Gründlichkeit herzustellen. Das besondere Interesse, welches die 
preußischen Husaren seit Zieten für sich in Anspruch nehmen dürfen, 
welches die Sehwarzen-, die Totenkopf-Husaren, noch besonders durch ihre 
Uniform erwecken, berechtigten gewifs vollständig dazu, eine ausführliche 
Vorgeschichte der letztgenannten Regimenter zu schreiben. Diese ist aller- 
dings nicht im leichten flotten Husarenton, wie man vielleicht annehmen 
durfte, gehalten, sondern in ernster, gediegener Weise trügt sie den 
Stempel eines streng kriegsgeschichtlichen, wissenschaftlichen Werkes. Den 
Lesern der Jahrbücher sind die hauptsachlichsten kriegerischen Leistungen 
der beiden Leibhusaren-Regimonter aus der fraglichen Zeit durch besondere 
Veröffentlichung der einschlagenden Abschnitte des Buches bereits bekannt 
gemacht worden. Hoffentlich haben diese Veröffentlichungen das Interesse 
für das zusammenhängende Werk noch erhöht , welches in allen Kreisen, 
wo Teilnahme für die Armee-Geschichte herrscht, sicher volle Anerkennung 
finden wird. Für die grofse Anzahl von Offizieren, welche selbst oder 
durch Angehörige den beiden Regimentern und seinen Thaten in der Zeit 
von 1741 — 1812 näher stehen, hat das Buch natürlich noch einen ganz 
besonderen Wert. An Leichtheit des Styls, an Gewandtheit des Ausdrucks 
mag dasfelbe von anderen tibertroffen werden, an Gründlichkeit, Genauigkeit 
und augenscheinlicher Zuverlässigkeit aber sicher von keinem. 

Erinnerungen eines deutschen Offiziers 1848—71. — 

Ein hannoverscher Offizier, der die Katastrophe von 1866 durchlebt 
hat und in die preufsische Armee aufgenommen ist, zeichnet am Faden 
eigener Erlebnisse und deren seiner Freunde die politischen Zustünde und 
beeinflufsenden Persönlichkeiten , welche das Ende Hannovers bedingten- 
Zugleich schildert er das sociale und dienstliche Leben der hannoverschen 
Armee und stellt es in Vergleich mit dem preußischen, indem er offenen 
Auges die Eigentümlichkeiten unter richtigem Abwägen der durch ungleiche 
Gröfsen- und historische Verhältnisse beeinflufsten Zustände zu lebendiger 



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Umschau in der Militar-Litteratur. 



101 



Anschauung bringt. Die Schilderung trägt ein so ansprechend natürliches 
Gepräge und malt die Persönlichkeiten mit so anziehenden Zügen, dafs der 
Leser dadureh völlig gefesselt und unwillkürlich von dem Gefühl fort- 
gerissen wird, dafs selbst der Roman, an welchen die geschichtlichen 
Faden sich knüpfen, bis in die kleinen Falten durchlebt sei, alle mit- 
handelnden Personen der Wirklichkeit angehören. 

Der Hof des Königs Georg mit seinen verhängnisvollen Vorurteilen, 
der BüreaukratLsmus, der wuchernde Nepotismus und die Intriguen der 
zugehörigen Gesellschaft erhalten durch die lebensvolle Darstellung ein 
farbenreiches Relief, das zwar nicht erfreuliche Empfindungen hervorrufen 
kann, aber unter der gewandten pietätvollen Feder des Verfassers in einem 
wohllhuend mildernden Lichte erscheint. 

Von besonderem Interesse sind die gührenden Meinungen, deren 
Reibungen und Übergange im hannoverschen Offizier -Corps, aus den 
historischen englischen Sympathien zu den Überzeugungen von der Not- 
wendigkeit des nat ionalen Anschlusses an Proufsen und dessen Hegemonie. 
Gefühl und Vernunft liegen bis zum Ende im Kampfe, aber die letztere 
gewinnt erkennbar von Jahr zu Jahr an Übergewicht. 

Der zweite Teil der Erinnerungen behandelt den preufsischen Dienst, 
und zeigt sowohl anerkennend den Emst und die Folgerichtigkeit des 
herrschenden Systems, dessen der Altpreufse aus Gewohnheit sich oft kaum 
bewusft Ut, als auch andererseits die häufig niederdrückenden Empfindungen, 
mit welchen der bei gereiften Jahren Eintretende unter fremden Gesichts- 
punkten und nicht ganz erfreulichem socialen Verkehr heimgesucht war. 
In der Darstellung liegt eine Kritik, welche durchaus rücksichtsvoll, aber 
darum nicht weniger lehrreich gehalten ist. Wir entbehren mit dem 
Verfasser schmerzlich, was des Schönen aus der hannoverschen Zeit nicht 
auf den breiteren preufsischen Zuschnitt Ubertragen werden konnte, und 
freuen uns gleichzeitig mit ihm des versöhnend wirkenden Gedankens, wie 
die grofs angelegte zielbewufste Organisation das berechtigte nationale 
Gefühl hebt und befriedigt. 

Durch die Gesamtschilderung erweist sich der Verfasser als gewandter 
Menschenkenner und — neben fein empfindender idealer Richtung — als 
tüchtig und praktisch urteilender Mann. Seine Feder weifs gleich aus- 
drucksvoll die kräftigen Züge rauhester Konflikte wie die zarten Linien 
innersten Seelenlebens zu zeichnen. 

Das wesentliche Verdienst der Schrift liegt in dem charakteristischen 
Gemälde einer ebenso tragischen als fesselnden Geschichtsepoche, welches, 
in wohlwollend versöhnenden] Lichte und unter entsprechend novellistischer 
Form vorgeführt, vorzugsweise geeignet ist, die Schmerzen der alten 
Wunde zu lindern und eine weitere Brücke zu bilden von dem Erinnern 
an verlorene weite Verbindungen zu den aus der Asche erfolgreich hervor- 
gegangenen neuen Gebilden. Die preufsische Zeit wird demgemäfs ein- 
geführt mit dem Motto: Per aspera ad astra. — 



1 02 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Nach dieser durchweg beifälligen Beurteilung tragen wir nicht Be- 
denken und sind überzeugt, jedem Leser eine nur in dankender Aner- 
kennung zu stellende Frage zu beantworten, wenn wir unser Vennuten 
dahin aussprechen, dafs die Erinnerungen einen ungofHhr vor 3 Jahren 
aus dem Dienste geschiedenen Artillerie-General im Bunde mit einer ihm 
nahe stehenden weiblichen Feder zum Verfasser haben. Weitere Namen, 
nach denen daB Interesse des Lesers unwillkürlich sucht, wagen wir nicht 
zu geben; denn nur der Charakter der Schilderung ist wahr und zu- 
treffend, in den Pseudonymen Personen sind Wahrheit und Dichtung so 
geschickt vorflochten, dafs sie als Portraits festzulegen ein vergebliches 
Bemühen sein würde. 



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IX 



Verzeichnis 

der neu erschienenen Bücher und der grösseren, in den militär. 
Zeilschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze.*) 

(II. Quartal 1884.) 



Für das nachfolgende Verzeichnis sind benutzt: 

1. Militär-Wochenblatt. - AI. W. 

2. Neue militärische Blätter. — A T . AI. D. 

3. Allgemeine Militär-Zeitnng. — A. AI. Z. 

4. Deutsche Hecrcs-Zeitung. — D. II. Z. 

5. Militär-Zeitung für Reserve- und Landwehr-Offiziere. — AI. Z. R. 

6. Internationale Revue über die gesamten Armeen und Flotten. — /. R. A. 

7. Archiv für Artillerie- und Ingenieur-Offiziere. — A. A. I. 

8. Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. — A. II. AI 

9. Jahrbücher für die deutsehe Armee und Marine. — J. A. AI. 

10. Österreichische Militär-Zeitschrift (Streffleur). — 0. S. AI. 

11. Organ der militär-wissenschaftlichen Vereine. — 0. W. J. 

12. Österreichisch-ungarische Wehr-Zeitung. — 0. U. W. 

13. Österreichische Militär-Zeitung. — 0. AI. Z. 

14. Österreichisches Armeehlatt. — 0. A. D. 

15. Österreichisch-ungarische Militär Zeitung „Vedette". — O. U. V. 

10. Mitteilungen üher Gegenstünde des Artillerie- und Genie- Wesens. — O. A. G. 

17. Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. — O. AI. S. 

18. Le Spectateur militaire. — S. AI. 

19. Journal des sciences militaires. — F. J. S. 
10. Bulletin de la Reunion des officiers. — F. B. 
22. I* Progres militaire. — P. AI. 

22. L'Avenir militaire. — F. A. AI. 

23. L'Armee fraucaise. — F. A. 

24. La France militaire. — F. AI. 

20. Revue d'artillerie. — R. A. 



*) Die mit einem * versehenen Bücher sind der Redaktion zur Besprechung 
zugegangen und werden nach wie vor in der „Umschau in der Militär-Litteratur" 
besondere Berücksichtigung finden. Auch stellt die Redaktion diese Bücher, soweit 
sie nicht anderweitig in Gebrauch genommen werden mufsten, sowie die einge- 
gangenen Zeitschriften behufs Einsicht im Redaktiouslokal, Unter den Linden 21, 
täglich von 12—3 Uhr, gerne zur Verfügung. 



104 Veneichiiis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 



26. Berne maritime et colonial. — /. R. iL 

27. Russischer Invalide. — R. 1. 

28. Wajenny Shornik. — R. W. S. 

29. Russisches Artillerie-Journal. — R. A. J. 

30. Russisches Ingenieur-Journal. — & L J. 

31. Morskoi Shornik. — R. iL S. 

32. Rivista militare italiana. — LR. 

33. L'Italia militare. — /. if. 

34. L'Esercito italiano. — /. E. 

35. Giornale di artiglieria e genio. — I. A. G. 

36. Rivista raarittima. — L R. il. 

37. Colburn's united service. — E. U. S. 

38. Army and navy Gazette. — E. A. N. 

39. The Broad Arrow. — E. B. A. 

40. Army and navy Journal. — A. A. N. 

41. The united scrvicc. — A. U. S. 

42. Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung, Sch. iL Z. 

43. Revue militairc Suisse. — Sch. R. iL 

44. Schweizerische Zeitung für Artillerie und Genie. — Sch. A. G. 

45. De militairc Spectator. — Nd. iL S. 

46. De militairo Gids. — NJ. iL G. 

47. Revue militaire beige. — D. R. if. 

48. Rcvista militar espanola. — Sp. R. iL 

49. Revista cientifico militar. — Sp. R. C. 

50. Memorial de Ingenicros. — Sp. iL 1. 

51. Revista müitar. — P. R. iL 

52. Krigsvetenskaps Academiens Handliugar. — Schw. K. H. 

53. Norsk militaers Tidsskrift. — y. iL T. 

54. Militaers Tidsskrift. - D. iL T. 



I. Heerwesen und Organisation. 

♦Militärische Briefe I. Über Kavallerie, von Kraft Prinz zu Hohen- 

lohe-Ingelfingen, Gen. der Inf. u. Gen.-Adjut. — gr. 8° — 149 S. 

Mittler & Sohn - 3 M. 
♦Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte im 

Militär wesen. X. Jahrgang 1883. — Herausgegoben von H. v. Lobe 11, 

Oberst z. D. — gr. 8« — 537 S. — Berlin, Mittler & Sohn — 8£0 M. 
*Die Entwickelung der russischen Armee seit dem Jahre 1882. — 

Fortsetzung zu „die russische Armee in Krieg und Frieden" — von 

A. v. Drvgalski. — 8« — 72 S. — Berlin. Eisenschmidt. 
L'armee- suisse, son histoire, son Organisation actuclle par A. Heumann, 

capitaine instrueteur ä 1 ecolc de Samt-Cyr — 32 — 135 p. Paris, Charles- 

Lavauzelle. — 0,30 fr. 
L'Arm^c allemande sur le pied de guerrc, par le chef de bataillon 

d'infanterie hors cadre Rivit're. — 8° — 446 p. — Paris, Baudoin et Cp. 

- 7,50 fr. 



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tnilit. Zeitschriften de» In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 105 



Die russische Kavallerie, ihre Organisation, Bewaffnung, Ausrüstung und Aus- 
bildung. - AI W. 27, 28. 

Die französischen Marinetruppen. AI. W. 41 — . 

Die Truppen des Grofsffirstenthums Finnland. AI. \V. 46. 

Organisation der französischen Territorial-Kavallerie. — AI. W. 46. 

Die französische Instruktion über den Munitionsersatz im Felde vom 18. Febr. 
1884. — AI, W. 48. 

Friedrich der Grobe und sein Einflute auf die Entwickelung der preufsischen 
Kavallerie in den schlesischen Kriegen. — JV. AI. B. Juni. 

Unser Pionier- und Ingenieurwesen. — A. M. Z. 22—24. 

Die neueste Organisation der italienischen Armee. — A. AI. Z. 25. 

Der gegenwärtige Stand der Heeresorganisation in Frankreich. — A. AI. Z. 32. 33. 

Die Neuorganisation der russischen Kavallerie, deren muthmafsliche Beweggründe 
und Tendenz. — D. H. Z. 24. 

Der Gesetzentwurf über die Reserve in Belgien. — D. H. Z. 32. 

Die Reorganisation des preußischen Heeres in den Jahren 1859 und 1860. — 
AI. Z. R. 12. 13. 15. 

Das deutsche Offizier-Corps. — I. R. A. Ajrril. 

Das italienische Heer nach den Gesetzen des Jahres 1882. — J. A. AI. Juni. 
Der Vorschlag des Deputierten Delattre zur Erhöhung der Wehrkraft Frankreichs 

unter Abschaffung der bisherigen Conscription und zur Bildung einer 

Cadrerarmee. — J. A. AI. Juni. 
Unsere Infanterie Kadcttcnschulen. — O. S. AI. III. 

Rückblicke auf die wesentlichsten Neuerungen bei fremden Armeen im Jahre 

1883. — 0. W. V. XXV 111, 3. 
Die Kriegsformationen des deutschen Reichshecres. — 0. W. V. XX VIII, 3. 
Das Einjährigen-Freiwilligen- Wesen und das Rekrutierungsgesetz. — F. S. AI. XVI. 
Das Reglement vom 28. Dez. 1883 über den inneren Dienst. — F. S, AI. XVI. 
Der Unteroffizier und die Cadres der Subalternen. — F. J. S. IV, V. 
Bewaffnung, Instruction, Organisation und Verwendung der Kavallerie. — F. J. S V. 
Vergleichende Studie über die Organisation und die Gliederung der Feldartillerie 

in der französischen und deutschen Armee. — F. B. 12, 14, 15, 21. 
Die französische Mobilisirung. — F. P. M. 358, 359. 
Das Einjährig-FreiwiUigen-Wesen. — F. A. 932, 937. 
Das Frciwilligenwesen im Auslande. — F. A. 935. 
Das Reglement des Sanitätsdienstes. — F. A. 939, 940. 
Die Territorial-Kavallerie. — F. A. 940. 
Die Pontonnier-Regimenter. — F. AI. 334. 
Die deutsche Artillerie. — /'. Ii. A. Alai. 

Die neuen Avancements- und Rangverhältnisse des russischen Offizieicorps. — 

R. 1. 102, 103. 
Die Kasaken-Formationen. — R. W. S. V. 

Über die probeweise Mobilisirung eines Zuges der Feldartillerie. — R. A. J. IV. 
Vergleichende Tabelle der Feldartillerien in Russlaud, Deutschland, Oesterreich, 

England, Frankreich, Italien. — R. A. J. V. 
Das Richten von maskirten, in Festungen stehenden Geschützen. — R. A. J. V. 
Bemerkungen über das deutsche Ingenieur-Corps. — R. 1. J. 11. 
Versuche einer rationellen Bestimmung der Gröfse der Festungsbesatzungen. — 

& l J. IV. 



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106 Verzeichnis der neu erschienenen Bächer und der gröberen, in den 

Das neue französische Reglement Ober den Dienst im Felde. — /. R. März. 
Das Rekrutierungsgesetz und der erste Unterricht in Italien. — J. R. Mai. 
Die italienischo Feldartillerie nach den letzten Vorschlägen des Ministeriums. — 
1. E. 37. 

Die Geuieregimenter und die neuen Militärgesetze. — /. E. 43, 44. 
Die europäischen Feldartillerien im Januar 1884. — 1. A. ü. Ajml. 
Die Organisation und Städte der deutschen Festungs-Artillerie. — 1. A. G. Ajml. 
Die Rekrutierung in der englischen Armee. — E. A. iV. 1260. 
Grundsätze für die Regelung des Munitionsersatzgeschäftes bei der Infanterie. — 
Sch. A. G. UL V. 

Die Bestimmungen über die Dienstpflicht in den verschiedenen europäischen 

Staaten. - Ad. M. G. III. 
Das Offiziercorps in den verschiedenen Armeen. — Sp. R. C. 23. 
Die Veränderungen im Personal und Material des italienischen Officiercorps. — 

S P . M. I. 9. 

Die Reorganisation der {>ortugiesischcn Armee. — P. R. M 6. 
Die Veränderungen im Artilleriewesen. 1883 — Sch. K. U. IV. V. 



II. Ausbildung und Truppendienst. 

♦Strategisch-taktische Aufgaben nebst Lösungen. 1—8 Heft. — 2. durch- 

geseh. und vervollständ. Auflage. Mit 7 Karten — gr. 8» — 96 S. — 

Hannover, Helwing's Verlag. — 4,50 M. 
Katechismus für den Remonte-Reiter oder die schulgerechte Dressur des 

jungen Pferdes. Von J. Blanck, k. Wagenmeister a. D. 12» — 19 S. — 

Berlin, Chun. — 0,50 M. 
Kleines Exccrziorreglement für die Infanterie. — Auszug für Unteroffiziere 

und Mannschaften. — gr. 16° — 149 S. — Potsdam, Döring. — IM. 
I ber die Erziehung des Soldaten. Kine Studio von K. R. Feigel, Ob.-Licut. 

gr. 80 — 176 S. - Wien, Seidel k Sohn. — 2,80 M. 
nülfsbuch für den Infant.-Unteroffizier zum Gebrauch bei Ausbildung 

der Mannschaft im Turnen und Bajonettfechten. Zusammengestellt 

nach den bis 9. Novembr. 18S2 ergangenen Bestimmungen. — 24°— 56 S. — 

Potsdam, Döring. — 0.30 M. 
* A ph oristischc Manöver-St udien. Von Maj. 0. Maresch. Wien, 

Seidel & Sohn. - 1,60 M. 
*Anlcituu g zur Einübung des Felddienstes bei der Infanterie, von 

Feldmarschall-Lieut. Job. Freiherr von Waldstätteu. — gr. 8° — 

03 S. — Wien, Seidel & Sohn. — 0,60 M. 
*Die Ausbildung der Art ill er ie-Zugrcinont en von Burch. von Oettingen 

Prein.-Lieut — gr 8« — 59 S. — Berlin, Mittler & Sohn. — 1,80 M. 
'Zur Frage ei nes Zu ku n f ts- E xcer zie r-Reglenicn ts für die Infanterie. 

Von einem älteren Infanterie-Offizier — gr. 8» -84 S. - Berlin, Bath. 

1,20 M. 

♦Methodischer Leitfaden zum Gebranch für die Lehrer beim theore- 
tischen Unterricht. 3. Bdcbn: der Marschsicherheits- und Vor- 



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milit Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 107 



postendienst. Von W. v. E. Mit 5 Abbild, im Text — 80 — 96 S. - 

Berlin, Licbel. — 1,20 M. 
*Uber die Ausbildung der Compagnie im Felddienste von Ernst 

Freiherr von Mirbach, Hauptm. a. D. gr. — 80 — 154 S. — Berlin, 

Mittler & Sohn. - 2,50 M*. 
Der Infanterie-Zugführer im Felddienste Ton Neumann, Hauptm. z. D. 

2. umgearb. Aufl. Mit 86 Zeichn. in Text und 2 Tat — Hannover, 

Helwig. — 1,60 M. 

♦Systematischer Vorgang zur Ausbildung des Kavalleristen im 
Felddienste bei einer Escadron. Von einem Oesterreich. Kavallerie- 
Offizier. — gr. 8" —57a — Wien, Seidel & Sohn. — 1 M. 

♦Der Dienst des Goner alstabcs von Bronsart von Schcllendor ff, 
Generalmajor u. s. w. — Zweite Auflage neu bearbeitet von Meckel, 
Major im Generalstab, gr 8° — 513 S. — Berlin, Mittler & Sohn. — 
10 M. 

♦Der Kavallerie-Unteroffizier im inneren Dienst der Eskadron von 
v. Pelet-Narbonne, Oberstlieut. — 80 — 72 S. - Berlin, Mittler 
& Sohn. -IM. 

Cours des öcolos de tir. tora 1. — 8° — 302 p. aveo 138 fig. — Paris, 

Baudoin & Cp. — 5 fr. 
Essai d'un reglemcnt sur l'organisatiou et le functionnement du 

service des arbitres pendant les manoevres d'automne d'un corps 

d'armfo, propose par E. Koszarski, sous-lieut — 12° — 136 p. — Paris, 

Baudoin & Co. — 2,75 fr. 

Zu dem Aufsatz „Die numerische Stärke bei den Herbstübungen." — AI. }V. 25. 
Reglement sur le service interieur des troupes d'infanterie. — AI. W. 32. 
Über Ausbildung und Verwendung der Kavallerie im Feld-Telegraphendienst. — 
AI. W. 35. 

Gedanken über die Ausbildung unserer Offiziere des Beurlaubtenstandes. — AI. W. 36. 

Der theoretische Unterricht unserer Mannschaften. — AI. W. 37. 

Die neuen Reglements vom 28. Dezember 1883 über den inneren Dienst bei der 
französischen Kavallerie und Artillerie. — AI. \V. 40. 

Der Sappeurdienst in der russischen Kavallerie, insbesondere in der 1 Kavallerie- 
Division. — AI. W. 42. 

Noch ein Wort über die Ausbildung der Offiziere des Bcurlaubtcnstandes. — 
AI. W. 44. 

Ansichten Über die Ausbildung des einzelnen Mannes in der Verwendung des 

Gewehrs. — AI. W. 40. 
Über die einheitliche Behandlung der Waffen bei den Truppen. — N. AI. B. 

April, Mai. 

Kavallerie-Übungsmärsche in Russland. — iV. AI. D. April. 

Gedanken über die Ausbildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes. — ALZ. R. 19,20. 

Beitrag zur Ausbildung der Fursartilleric. — A. A. I. B. 91, II. 

Über die Bewaffnung, Ausbildung, Organisation und Verwendung der Reiterei. — 

J. A. AI. Juni. 
Gefechtsmafsiges Exerzieren. — 0. S. AI. IV u. V. 

Aphorismen über Schulung nnd Ausbildung der Truppen. — 0. S. AI. IV u. V. 
Aphorismen über Reiterei. — O. W. V. XX VIII, 3. 



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108 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfsercn, in den 
Die Ausbildung im Schicken. — 0. V. W. 34. 

Die Infanterie-Bewaffnung und die Schiefsausbildung iu Frankreich. — O. A. B. 12. 
Der innere Dienst der Kavallerie. — F. S. AI. VII. VIII. IX. 
Das französische und das deutsche Bataillon. — F. J. S. IV. 
Die Manöver gröfserer Artillerie-Massen. — F. I\ M. 363. 

Die Instruktion vom 31. Januar 1884 und die Brigade-Manöver. — F. A. AI. 030. 
Die Rckruteuausbildung in Deutschland und Frankreich. — F. A. Af. 031, 033. 
Die Ansbildungsmethoden der Offiziere in Deutschland und Frankreich. — /'. A.M.034. 
Die Kavallerie-Reglements. — F. A. AI. 930, 940. 

Die Instruktion für die General-Inspektionen der Kavallerie. — F. M. 316. 

Die französische Kavallerie im Jahre 1884. — F. M. 318, 322. 

Der Geniedienst in Frankreich. — F. M. 324, 325, 320. 

Einige Betrachtungen über die militärische Reitkunst. — F. AI. 33t. 

Die Ausbildung der Offizier-Aspiranten. — Ii. I. 65, 66. 

Über das Sappieren bei der Kavallerie. — Ii. I. 67. 

Neue Bestimmungen für die Schiefsprüfungen bei der Feldartillerie. — R. I. III 

Die Feldübungsreisen mit Front-Offizieren. — Ii. W. S. V. 

Das Versuchsschießen auf weitere Entfernungen mit dem 4 Linien-Gewehr und 

der neuen Zielvorrichtung. — R. W. S. V. 
Die 8appeur-artilleristischen Versuche auf dem Polygon von Wladikaukas. — R. 

I. J. VI. 

Das Lager von Ust-Ishora. — R. 1. J. VI. 

Der militärische Vorbereitungs- Unterricht in der Gymnastik. — Seh. R. AI. 4. 
Die Artillerie im Truppenzusammenzuge der IV. Division. — Srh. A. 0\ III, IV, V. 
Das Schcibeuschiefsen in den verschiedenen Heeren Europas. — Sp. R. C. 1. 
Die Reglement« des französischen Genie-Corps. — Sp. AI. 1. 10. 
Über die Ausbildung des Soldaten. — P. R. AI. 0. 
Über Regimentaschulcn. — P. R. AI. 0. 



III. Krieg-, Heer- und Truppenfuhrung. 

Über das Gefecht. Reglements-Studie vou C. Ritter Mathes v. Bilabruck, 
Oberstlieut — gr. 8« — 76 S. — Wien, Seidel & Sohn. — 0,60 M. 

*Betrachtungen über die Treftentaktik der Kavallerie von einem Ver- 
ehrer des Generals Schmidt. — Mit 15 Croquis. — 8° — 51 S. — Berlin, 
R. Wilhelrai. - 1,50 M. 

Compagnickolonne und unrangiertes Gefecht. — AI. W. 38. 
Die Entwickelung des zerstreuten Gefechts. — A. AI. Z. 28, 20. 
Die Bewaffnung und Kriegführung der Sudanesen. — A. AI. Z. 36. 
Französische Ideen über den Angriff moderner Festungen. — D. 11. Z. 30, 31, 40. 
Betrachtungen über Kriegsmärsche und was damit zusammenhängt. — AI. Z. R. 10. 
Kavalleristisch-taktische Studie. - AI. Z. R. 24. 

Die Artillerie beim Augriff und bei der Verteidigung von Küstenwerken. — 
/. R. A. Alai. 

Die Rolle der Infanterie des Angriffs und der Verteidigung bei der förmlichen 
Belagerung einer grofsen modernen Festung. — I. R. A. Mai. 



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milit. Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 109 

Über die taktisch-strategische Bedeutimg einer enggeglicderten befestigten Grenz- 
sperre. — J. A. M. Mai. 

Über das Verhalten der Infanterie beim Angriffe und der Verteidigung fluchtiger 
und Feldbefestigungen. — 0. S. M. IV u. V. 

Die neuen Vorschriften für das Gefecht in der französischen Armee. — 0. W. V. 
XXV III, 3. 

Der Gcfechtawert des Infanterie-Feuers. — 0. V. W. 46, 47. 
Über das Fenergefecht der Kavallerie. — O. A. B. 17. 
Die Offensive als Kriegsprinzip. — 0. A. B. 19. 

Tirailleur-Taktik und Phalanx in ihren Gegensätzen. — 0. A. B. 22, 23. 

Wie kann Paris angegriffen werden, wie mufs man es verteidigen? — J.S. III. 

Die Organisation befestigter Plätze und ihre Verteidigung. — F. J. S. III, VI. 

Die Verteidigung der Kolonien. — P. M. 355. 

Die deutsche Taktik. — F. A. 932. 

Die Artillerie-Manöver. — F. A. 934. 

Die Evolutionen der Kavallerie. — A. 949. 

Die Taktik der Verteidigung der Plätze. - F. R. A. Mär:, April. 

Der Parteigängerkrieg. — R. W. S. III, IV, V. 

Die Verwendung von Kavalleriemassen gegen Infanterie. — R. W. S. III. 
Die taktische Verwendung der Infanterie. — /. R. April. 
Die Verteidigung des Staats. — /. M. 35, 36, 37, 39. 
Über das Gefecht der Compagnie. — I. M. 38. 
Über nächtliche Angriffe im modernen Kriege. — A. A. N. 1073. 
Studie über die Frage der Landesverteidigung. — Seh, M. Z. 14, 17, 18, 19, 
22, 24. 

Über den Wert der Feldbefestigungen. — Seh. A. G. Hl. 

Die Panzerfrage für die Küstenverteidigung und der Schiefsversuch gegen eine Hart- 

gufspanzcrplatte auf dem Gruson'schen Schiefsplatze. — Sch. A. Ü. IV. 
Über das Feuer der Infanterie. — Nd. M. S. IV, V. 
Das Feuer der Infanterie. — Sp. R. C. 24. 
Der methodische Angriff von Festungen. — Sp. R. C. 1. 
Die Rolle der befestigten Plätze bei Verteidigung der Staaten. — Sp. R. C. 7. 
Über Minen. — P. R. M. 8. 

Die Schnelligkeit der militärischen Operationen auf indischem Gebiete. — AU. M.S. Y. 



IT. Befestignngsweaen, milit. Bauten. 

*Zur Theorie der Befestigungskunst. Eine milit.-analyt. Abhandlung von 
F. V. v. Wasserschleben, Oberstlieut. — gr. 8« — 51 S. — Berlin, 
Mittler & Sohn. — 1 M. 

Über die Notwendigkeit der Panzerdeckung für Küstenwerke. — 1. R. A. Juni. 
Die Befestigungen der Schweiz, Dänemarks, Skandinaviens, Grofs-Britaniens, der 

Balkan- und der iberischen Halbinsel. — J. A. M. April, Mai. Juni. 
Die neuen Befestigungen in der Krivosije und in den Grenzgebieten Bosniens und 

der Herzegowina. — O. S. M. III. 



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HO Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 



Vergleich der Befestungssysteme der grofsen Mächte in Europa. — F. B. 11, 17, 

Iii, 20, 24. 

Die neuesten Sperrfortstypen. — 72. 1. J. IL 

Die Geschichte des Kasernenwesens in Ruasland. — Ii. I. J. III. 

Die Verstärkungen der französischen Nordostgrenze. — AU AI. S. 1 V. 



V. Waffen nnd Munition 

(auch Theorie des Schiefsens und dergl.). 

Das Compagnic-Feucr der Infanterie. Ein Beitrag zur Repeticrgewehr-Frage 
von AI fr. Penecke. — gr. 8« — 24 S. — Wien, Seidel & Sohn. — 0,60 Bf. 

Die russischen Gebirgsgeschützc. — AI. W. 40. 

Der einheitliche Haltepunkt für die Infanterie anter Anwendung eines anderen 
Pulvers und Visiers und Ansichten über die grofse Klappe. — N. AI. B. April. 

Das neue prismatische Pulver. — D. II. Z. 29, 

Krupp'sche Schiefsversuche 1884. — D. II. Z. 34. 

Der Shrapnollschnrs der Feldartillerie. — M. Z. 72. 21. 

Über die zukünftige Bewaffnung der Feldartillerie. — A. A. I. Bd. 91, II. 

Betrachtungen über den Wert einer weiteren Leistungsfähigkeit der Geschütze. — 
A. A. I. Bd. 91, 777. 

Uber die Präzisionsleistung der Feldartillerie. — A. A. I. Bd. 91, III. 

Das Panklastit. - J. A. AI. April. 

Der gegenwärtige Stand der Repetier-Gewehr-Frage. — J. A. AI. Alai. 

Die Einführung der Kartätsch-Patrone, ein Mittel zur Steigerung der Kriegsleistung 
der Handfeuerwaffen. — 0. W. V. XXV III, 2. 

Die Bewaffnung der Infanterie in Frankreich. — 0. AI. Z. 27. 

Übersicht der vorzüglichsten Versuche auf dem Gebiete des Artillcricwcsens im 
Jahre 1883. - 0. A. G. II «. 777. 

Mitrailleusen und schnellfeuernde Kanonen. — O. A. G. IV u. V. 

Die Gatling-Mitrailleuse, ihre direkte Ladung, ihre Schufswinkel, ihre Anwendung 
im Kriegsfalle nnd Versuchsresnltate. — F. S. M. IX. 

Das Zukunftsgewehr. — J. S. V. 

Die Repetiergewehre. — F. B. 14. 

Die Magazingewehre. — F. A. AI. 923, 924. 

Der Munitionsersatz im Felde. — /•". A. 934. 

Theoretische Studie über die Kugelgcschosse. — F. R. A. März. 

Die Widerstandskraft fester Körper. — F. R. A. Alan, Alai. 

Über die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung bei artilleristischen Ver- 
suchen. — F. R. A. April. 

Vergleich der Schiefsmethoden der Feldartillcrie in Frankreich und den fremden 
Armeen. — F. R. A. April. 

Das indirekte Schiefsen. — Ii. I. 77. 

Die Verwendung der Artillerie-Geschosse als Fugassen. — Ä. 7. 10.5. 

Die Handfeuerwaffen kleinen Kalibers. — 72. 7. 109. 

Über das Konknrrenz-Schiefsen der Artillerie. — 72. A. J. IV 



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milit Zeitschriften des In- und Auslände* enthaltenen Aufsätze. \\\ 



Die Metallkartuschen und der hermetische Verechlufs der Munitionsvorräthe. — 
R A. J. V. 

Die Wirkung der Geschosse der Feld- und Gebirgs-Artillerie. — R. A. J. V. 
Die Nordenfeld 'sehe Granatkanone. — 1. E. 49. 

Das Feld-, Belagerung»- und Küsten-Material der italienischen Artillerie. — /. A. 

Ü. April. 

Betrachtungen und Vorschläge über den indirekten Schurs und die Panzerung der 

Feldstücke. — /. A. U. Mai. 
Die Wirkungen des Bombardements von Alexandrien. — /. R. M. März. 
Das Dynamit und die Kriegskunst. — A. A. N. 1075. 
Die Dynamit-Kanone. — A. A. N. 1076. 1079. 

Vergleichende Versuche Ober beständigen und Progressiv- Drall in Italien. — 
Sch. M. Z. 11. 

Die Versuche mit gezogenen Hinterladungsmörsern in Italien. — Sch. M. Z. 14. 
Das neue Gewehr. — Sch. R. M. H. 

Betrachtungen über Infanterie-Munition. — Nd. M. S. J F, V. 

Regeln für das Schieben und Werfen aus Festungsgeschützen aus fester Stellung. 

- Nd. M. S. VI. 
Der Kampf zwischen Panzer und Geschütz. - .V. M. T. IV, V. 



Tl. Militär-Terkehrswesen 

(Eisenbahnen, Telegraphen, Brieftauben, Telephon u. s. w.). 

•Organisation der elektrischen Telegraphie in Deutschland für die 
Zwecke des Krieges. Von v. Chauvin, Gen.-Major z. D. — gr. 8<> — 
109 S. — Berlin, Mittler & Sohn. — 2,50 M. 

Über den Einfluß der Telegraphie auf die heutige Kriegführung. — N. M. B. April. 

Das österreichische Eisenbahn-System in Galizien. — .(. M. Z. 20. 

Der Feldtelegraph während des Afghanistan-Feldzuges. — A. A. 1. Bd. 91, II. 

Die Brieftaubenpost. — 0. A. C II u. HI. 

Die Militür-Telegraphie. — F. Ii. 11. 

Studie über Eisenbahnen. — F. M. .Vit, HH2. 

Versuche mit dem Telephon in Kundscha. — R. A. J. III. 

Studie über Militär-Bahnen. — I. R. Mai. 

Der Kinflufs des Telegraphen auf die gegenwärtigen und künftigen Bedingungen 

des Krieges. — /. M. 59. 
Über Militär-Telegraphie. — Sj>. R. V. 2.1. 



TU. Militiir-Terwaltungswesen 

(auch Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung). 

Das Militärbudget Frankreichs pro 1884. — M. \V. 22. 
Tuch oder Drillich? - M. W. HO. 



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1 1 2 Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 

Einige Bedenken gegen die Schönbeck'sche Kandare und deren Theorie. — M. W. 31. 

Über den Wert des angeblich aus afrikanischen Erdnüssen bereiteten sog. Kraft- 
futters, sowie über bewährte Futterzulagen für Pferde. — M. W. 40. 

Die Tracht der Husaren in ihrer geschichtlichen Entwicklung und gegenwärtigen 
Gestaltung - J. A. M. Mai, Jwä. 

Sollen unsere Ulanen die Piken ablegen? — O. U. W. 33. 

Die Ernährung des Soldaten. — F. J. S. V. 

Das französische Heeresbudget. — F. P. M. 365, 366, 367, 369, 370. 
Die rationelle Fußbekleidung. — F. P. 31. 370. 
Die Ernährung des Soldaten. — F. A. M. 925, 927. 
Über Conservcn. — 1. R. März. 

Der heutige Standpunkt des französischen Remontewesens. — Sch. M. Z. 23. 



Till. Militär-Gesundheitspflege 

(auch Pferdekunde). 

Bericht Uber das Militär- und Marine-Sanitätswcsen auf der allge- 
meinen deutschen Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen zu 
Berlin 1883 von General-Arzt Prof. Dr. W. Roth. — gr. 8« — 108 S. — 
Braunschweig, Vieweg & Sohn. — 2,80 M. 

Einige Worte über Pferdo-Füttcrang. — M. W. 23. 
Das russische Heeres-Sanitätswesen im Feldzuge 1877/78. — M. W. 38. 
Die Reform des Militär-Sanitätswesens. — 0. M. Z. 42. 
Die Blessierten-Transportskolonnen des Rothen Kreuzes. — 0. A. B. 16. 
Hygiene und Rottungswesen mit Bezug auf die Explosivstoff-Industrie. — 0. A. G. 
IV. u. V. 

Das Reglement des Sanitätsdienstes. — F. P. AI. 360. 

Wert der Reinlichkeit für die militärische Gesundheitspflege. — Sch. iL Z. 12, 13. 



IX. Militär-Rechtspflege 

(auch Völkerrecht im Kriege). 
Das Kriegsrecht — F. B. 13, 18, 21, 22, 23. 

Die Reformen in der Organisation der Militärgerichte. — Sp. R. C. 8. 



X. Militärisches Aufnehmen, Terrainlehre, Geographie, Karten- 
wesen und Statistik. 

Das militärische Krokieren im Felde, nach den einfachsten Prinzipien 
bearbeitet v. P. Finck. — Mit vielen Holzschnitten. — Neue Ausgabe. — 
gr. 80 - 20 S. - Stuttgart, A. Koch. - 1,60 M. 



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niilit. Zeitschriften Jos In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. \\% 



•Kurze Anleitung zum praktischen Krokieren für militärische Zwecke 
von Schulze. Hauptmann. — gr. 8 - 34 S. — Berlin, Mittler & Sohn. 
- 1 M. 

Der Kaukasus. Militär geographische Skizze. — R. \Y. S. HI. 
Notizen und Bemerkungen über Topographie. — /. R. März. 
Die Geologie und die militärischen Studien. — 7. R. April. 



XI. Kriegsgeschichte 

(auch Regimentsgeschichten, Lebensbeschreibungen und Memoiren). 

Nunquam retrorsum. Ein Rückblick auf die Geschichte der braun- 
schweigischen Truppen, insbesondere des herzoglich braun- 
schweigischen Infanterie-Regiments, bei Gelegenheit dos 75 jährigen 
Bestehens des Füsilier- (Leib-) Bataillons von Prem.-Lieut a. D. Elster. 

— gr. 80 — 47 S. — Braunschweig, Wagner. — 0,60 M. 

Lübeck und Rattkau im November 1806. — Gedeukblatt in Aufzeichnungen 
von Augenzeugen. — gr. 8° — 64 S. — Lübeck, Gläser. — IM. 

Die 17. Division im Feldzuge 1870—71 von Ludw. Schapor. — gr. 8° — 
88 S. — Guben, Berger. - 1.50 M. 

Episoden aus den Kämpfen der k. k. Truppen im Jahre 1882. Mit Be- 
willigung und Unterstützung des k. k. Reichs-Kriegsministeriums zusammen- 
gestellt von K. Kandolsdorfer, Ob.-Lieut. — gr. 8° — 146 S. — Wien, 
Seidel & Sohn. — 2.40 M. 

Waldstein und die Pilsener Reserve 1634. Vortrag gehalten im railitär- 
wissenschaftlichen Vereine in Pilsen 1884 von Oberstlieut. L. G. Wetzer. 

— gr. 8° - 44 S. — Wien, Seidel & Sohn. — 0,80 M. 

*Zur Geschichte des 1. und 2. Leib-Husaren-Regiments. Das ungeteilte 
Regiment von 1741—1812. — Eine archivalische Studie. — gr. 8 — 421 S. 

— Berlin, Wilhelmi. — 8 M. 

Wallensteins kroatische Arkcbusiere 1623—1626. Aus unbenutzt archi- 

valischen Quellen von Prof. Dr. Aladar Bai lag i. — gr. 8« — 42 S. — 

Budapest, Kilian. — 1 M. 
•Zwanzig Jahr Ulan 1.H55 — 1875. Aus meinem Tagebuche Von F. v. 

Blücher, Oberstlieutenant a. D. — 8° — 146 S. — Berlin, Marquardt 

& Schenk. - 2,20 M. 
Marche d'Annibal des Pyrönees au Po, par Perrin, colonel d'artillerie 

1. fascicule. — 8° — 163 p. et 3 cartes coloriees. — Grenoble, Perrin. 
Lea Armees de Sambre et Meuse et du Rhin par Claude Desprez. — 18° 

— 162 p. et 5 cartes. Paris, Baudoin et Cp. — 2,50 fr. 
Carapagne de Tarmed francaise du Nord en 1870—71, par Axel de Rappe 

capitaine de Tarmee suedoise. Ouvrage publiee avec Kauterisation de 
lauteur et annote par Marcel Coramunal, ancien officier de cavalerie. 

— 18« - 247 p. et 4 cartes. - Paris. 

Die Bewegung im Sudan. — M. W. 21, 29, 30. 

Die kriegerischen Ereignisse in Tonkin. - M. W. 41, 4.1, 40, 48. 

**rfcüch«r für dl« Dertttbe Arm*« und Maria*. Bd. LR, 1 g 



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1 

III Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der gröfseren, in den 

Das Truppen-Aufgebot Frankreichs im Kriege 1870/71. — AI. W. 49. 
Die Schlachten von Colombey-Nouilly und Noisseville. — A. AI. Z. 1h. 
Die Schlacht bei Lauften. — J. AI. Z. 40. 
Die englische Expedition im Sudan. — D. II. Z. 26, 30, 31. 
Lennart Torstenson. — Eine kriegsgeschichtliche Studie — J. A. AI. April, 
Alai, Juni. 

General Gurko's transbalkanischer Feldzug im Juli 1877. — J. A. AI. April. 

Die französische Tonking-Expedition. — J. A. AI. AprU. 

Die letzten Tage der Rebellion. — J. A. AI. April. 

Das Paroles-Buch des Feldmarschalls Kalkreuth. — J. A. AI. Alai. 

Die englische Expedition nach Egypten. - F. S. AI. VI, VII., VIII, IX., XII. 

Militärische Erinnerungen des Generals J. L. Hulot — F. S. AI. VIII 

Materialien zur Darstellung derThaten de« Rufitschuck-Detachements. — R. W. S. III. 

Das Kobalet-Detachemont im Kriege 1877-78. - Ii. W. S. III, IV., V. 

Die Landoperationen im südamerikanischen Kriege. — Sch. AI. Z. 11, 12. 

Die Kampfe um Le Bourget 1870. — Xd. AI. ö. VI 

Die Kapitulation von Bailen. — Sp. Ii. C. 2. 

Der Sturm und die Einnahme von Rom durch die Spanier. — Sp. R. C. 3. 



XII. Marine-Angelegenheiten. 

Histoire de la marine francaisc par L. Le Saint. — 12° — 120 p. — 

Limoges, E. Ardant et Cp. 
La Marine francaise sous Louis XVI. par A. Moireau. — 8« — 222 p. — 

Paris, Hachette et Cp. — 1,50 fr. 

Die Kriegsflotte der Union. — D. H. Z. 23. 
Die Schiffsverpflegung der deutschen Marine. — D. II. Z. 37, 38. 
Die im deutschen Seeminenwesen bisher verwendeten Sprengstoffe. — /. R. A. ApriL 
Aus den Reiseberichten S. M. S. „Sophia". — A. H. AI. IV. 
Aus den Reiseberichten S. M. S. „Olga". — .1. //. AI. IV. 
Aus den Reiseberichten S. M. Kb. „Nautilus". — A. II. AI. V. 
Die wirtschaftliche Bedeutung unserer Kriegsmarine. — 0. AI. Z. 3ö. 
Das Beförderungsgesetz der königl. italienischen Marine. — 0. AI. S. III 
Über Wasserlinienschutz und Deckung der Geachützraannschaft auf den Kreuzern. 
— 0. AI. S. III. 

Über den Einflufs des Magnetismus auf den Gang eines Chronometers. — 0. AI. S. IV. 
Neubauten für die russische Flotte im Jahre 1884. — 0. AI. S. IV. 
Die deutsche Marine. — F. A. 02%. 

Die Werke über den Seekrieg, 1860-1883. — F. Ii. AI. Ajn-il. 

Die Entwickelung der russischen Flotte seit dem Krimkriege. — F. R. AI. April. 

Die Marine-Verwaltung. — F. R. AI. April, Alai, Juni 

Das englische Marine-Budget. — F. Ii. AI. Juni. 

Die maritimen Verbindungen und Kriege der Europaer mit China. — R. AI. 6". 
III, IV., V. 

Über die ausländischen Schiffswerfte und Fabriken im Frühjahr 1883. — R. AI. S. III. 



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milit. Zeitschriften des In- und Auslandes enthaltenen Aufsätze. 



115 



Die französische ungepanzerte Flotte. — R. M. S. IV. 

Praktische Mittel zur Berechnung des Wasserausmafses und der Widerstandsfähigkeit 
- R. M. S. V. 

Die Verwendung der Panzerboden für den Schiffbau. — R. M. S. V. 

Die Zusammenstötse auf dem Meere. — /. R. M. Märx. 

Das italienische Marinebudget. - 7. R. M. April, Mai. 

Studie über die Typen der modernen Kriegsschiffe. — 1. R. M. April. 

Die Flotten Österreichs, Deutschlands und Italiens. — E. A. X. 1260. 

Die Rammer im künftigen Seekriege. — E. A. X. 1261, 1265. 

Die künftige Seetaktik. — E. A. X. 1267. 

Über Torpedo-Boote. — E. A. X. 1268. 

Das englische und französische Marine-Budget — E. A. X. 1273. 
Torpedo-Boote mit Dampf-Führung. — A. A. X. 1080. 
Über Whitehead-Fischtorpedos. - Xd. M. G. 11. 



XIII. Verschiedeues. 

Dienst-Notiz-Buch für den Compagniechef für das Dienstjahr 1883/81. 
6. Jahrgang. — 16° — 93 8. mit 4 Anlageheften. — Potsdam, Döring. 

- 4 M. 

Das Infanterie-Gewehr M/71. — In Verse gebracht von M. J. R. — 4. Aufl. 
_ 160 _ 48 S. — Potsdam, Döring. — 2 M. 

*Das Mittelmeer vom militärischen Gesichtspunkt, insbesondere die 
Stellung der Engländer in demselben. Vortrag, gehalten zu Bromberg 
im Dez. 1883 von Major Wachs. (3. Beiheft zum MiL Wochenblatt.) - 
gr. 80 - 45 S. - Berlin, Mittler & Sohn. - 0,90 M. 

♦Was haben wir von der russischen Kavallerie zu erwarten? — gr. 8° 

— 76 S. — Hannover, Helwing — 1,26 M. 

Uniformen, DistinktionB- und sonstige Abzeichen der gesammten k. k. 
österr.-ungar. Wehrmacht, sowie Orden und Ehrenzeichen Österreich- 
Ungarns in übersichtlicher Farbendarstellung mit erläuternder Beschreibung. 
Nach authentischen Quellen zusammengestellt von Obcrlient. M. Judex. 
Ausgeführt u. herausgegeben von Aug. Strasilla. — 8» — 61 S. mit 
25 Chromolithogr. — Troppau, Strasilla. — 3,50 M. 

Beiträge zur Kenntnifs der russischen Armee. Mit 23 Zeichnungen. — 
gr. 8« — 162 S. — Hannover, Helwing. — 4M. 

•Die Civil-Vcrsorgung der Militär-Anwärter im Reichs- und Staats- 
dienst von Dreser, Geh. Rechnungs-Revisor. — 8° — 104 S. — Leipzig. 
C. A. Koch. 

♦Deutsche Geisterstimmen von Schulte - Schmidt (E. Oswald). — 8° — 
33 S. — Berlin, MitÜer & Sohn. - 0,75 M. 

Das Papier und seine Verwendung zu Heereszwecken. — M. W. 35. 
Ein Distanceritt von Saarburg nach Stuttgart und zurück. — M. W. 39. 
Zur Pferde-Unfallversicherung für Offiziere der Armee. — ML W. 43. 
Der Einflufs der Kämpfe in Nord-Afrika auf die französische Armee — X. M. B. 
Mai, Juni. 

8* 



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1 IG Verzeichnis der neu erschienenen Bücher und der größeren, etc. 



Die Gamisonschlächterei in Metz. — A. M. Z. 43. 
Pferde und Hufbeschlag. — D. U. Z. 39. 

Die aus deutschen Kontingenten in die preufsische Armee übernommenen Offiziere. 

- J. A. M. Mai. 
Über die Anfertigung von Regimentsgeschichten. — R. W. S. IV. 
Über die Stahlbearbeitung. — R. W. S. IV 
Über Pferdeerziehung und Bändigung. — Sch. J/. Z. lö, 17, 18. 
Die westliche und östliche Grenze Deutschlands. — D. R. M, 1. 



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Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 
als Politiker und Kriegsheld. 

Eine Skizze 

Ton 

A. y. Crousaz, 

Major s. D. 



(Schlafs.) 

Im Interesse von Land und Volk vollbrachte Albrecht Achill 
auch nach Aufsen Ausserordentliches. Aus dergrofsen Menge dessen, 
was so geschah, ragen zumeist der pommersche und der glogau- 
crossensche Erbstreit, welche beide das brandenburgische Besitztum 
und Ausehn mehrten, hervor; zwischen ihnen ist Albrechts Heerzug 
gegen Karl den Kühnen von Burgund eingeschaltet. Jede dieser 
Gruppen zeigt einen historischen Zusammenhang, in welchem sich 
Albrecht Achill als gleichzeitiger Kriegsheld und Politiker be- 
wahrt hat. 

Der pommersche Erbstreit hatte tiefe historische Wurzeln. 
Schon seit dem askanischen Waldemar (1308 — 1319) schwebten 
zwischen Brandenburg und Pommern, wegen der unsicher gewordenen 
Besitz- und Grenzverhältnisse in der Uckermark, sowie in Betreff 
einer von Brandenburg beanspruchten Lehen shoheit über sämtliche 
pommersche Lande, Streitigkeiten. Kaiser Friedrich II. hatte dem 
Markgrafen Johann L von Askauien-Stendal (1220 — 1205) 1231 
einen betreffenden Lehensbrief ausgestellt, und dieser war dann 121*3 
von dem deutschem Kaiser, Adolph von Nassau, bestätigt worden; auch 
hatten sich die pommerschen Herzoge wiederholt bereit erklärt, ihre 
Länder als brandenburgisches Lehen anzusehen. Hierauf nuu fufste, 
in dieser dann wieder streitig gewordenen Sache Kurfürst Friedrich L, 
als zwischen ihm und den Herzogen von Mecklenburg 1419 ein auf 

»d MirlM. Bd. Lll„ 9 9 



118 



Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



solchen Ursachen beruhender Krieg entstand. Der letztere wurde 
1427, durch den Frieden von Neustadt-Ebers walde, welcher aber 
die schwebende Differenz einer späteren gütlichen Einigung vor- 
behielt, beendet. Als nun 1464 die Linie Poramern-Stettin ausstarb, 
machte einerseits die Linie Pommern- Wolgast, aus Verwandtschafts- 
ursachen, andrerseits der Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg 
auf Grund seiner verbrieften Gerechtsame als Lehensherr Ansprüche 
auf das erledigte pommern-stettinsche Land. 

Friedrich II. behandelte diese Angelegenheit zunächst glimpflich 
und schlofe mit den Herzogen von Pommern — Wolgast 1466 den 
Vertrag zu Soldin, nach welchem Stettin jetzt an jene fallen, und 
Brandenburg das spätere Erbrecht auf ganz Pommern haben sollte. 
Da indessen der Kaiser diesen Vertrag nicht genehmigte, und sonach 
Stettin in den Händen der Wolgaster, die sich seiner schon bemächtigt 
hatten, blieb, während das brandenburgische Erbrecht illusorisch 
wurde, so entstand 1468 ein Erbschaftskrieg, welcher 1469 zum 
Nachteil Brandenburgs endete. Die Durchsetzung seines bezüglichen 
Rechtes hatte aber Friedrich II. auf seinen Nachfolger vererbt, und 
dieser war ganz der richtige Mann dazu. Er unterzog sich einer 
solchen Aufgabe desto williger, je schwerer sie war; doch begegneten 
ihm dabei mehr Hindernisse, als er erwartet hatte. Schon 1470 
wandte sich Albrecht in dieser Sache an den Kaiser und bewies 
diesem sein urkundliches Recht, worauf ihm dann auch baldigst die 
kaiserliche Belehnung mit dem Fürstentume Pommern-Stettin nebst 
Rügen zu Teil wurde. Aber Kaiser Friedrich III. wurde dann 
wieder waukelmütig und rieth Albrecht zu einem Vergleiche mit den 
Wolgastern. Dieser kam nun auch 1472 zu Prenzlau zu Stande, und 
nach ihm sollte an Albrecht dasjenige, was Friedrich II. von Pommern 
erobert hatte, das Übrige aber seinen Gegnern, welche dafür die 
brandenburgische Lehenshoheit auerkennen wollten, überlassen werden. 
Das vollzog sich vorerst genau, und der Kaiser sanetionierte 1473 
diese Übereinkunft; dennoch schuf das nur eine kurze Zwischenpause 
des Erbstreites. Denn als Herzog Erich von Pommern- Wolgast 1474 
starb und ihm sein Sohn Bogislaw folgte, wurde dieser von seinem 
Oheim Wratislaw zum Bruch des Prenzlauer Tractates verleitet, und 
dies führte zu kriegerischen Begegnungen. Bogislaw wurde bei 
Pyritz von Albrecht eingeschlossen und entging nur mühsam der 
Gefangenschaft; das brandenburgische Erbrecht wäre danach bei 
beharrlicher Fortführung dieses Krieges unzweifelhaft durchgesetzt 
worden, aber eine andere Katastrophe trat dazwischen. Albrecht 
mufste nämlich 1475 als kaiserlicher Oberfeldherr einen Kriegszug 



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als Politiker und Kriegsheld. 



119 



gegen Karl den Kühnen, Herzog von Burgund, unter- 
nehmen. 

Karl der Kühne, 1467—1477, war nicht nur streitbar, sondern 
auch prunkend und von übermäfsigen Ehrgeiz; überdies artete seine 
Kriegslust nicht selten in Gewaltthätigkeit aus. Solch eines Fürsten 
Nachbarschaft gefährdete Deutschland, an dessen Interessen er sich, 
da und dort vergriff, nicht wenig. Das mufste auch den saumseligen 
Kaiser Friedrich stacheln, und da Karl augenscheinlich eine Königs- 
krone gewinnen und Lothringen sowie die Schweiz zu seinem Reiche 
ziehen wollte, so führte dies grofse Kampfe herbei, welche auch den 
deutschen Kaiser mit beteiligten. Ehe dieser Sturm hereinbrach, 
kamen Kaiser Friedrich und Herzog Karl gegen Ende September 
1473, zu ihrer Verständigung über Mancherlei, in Trier zusammen. 
Sie überboten sich hier mit Pracht und Höflichkeit, ohne gleichwohl 
zum Ziele zu kommen. Der Herzog hatte es darauf abgesehen, vom 
Kaiser die Königskrone Burgunds und der Niederlande zugebilligt 
zu erhalten; des Kaisers Augenmerk richtete sich auf die burguudische 
Erbtochter Maria, die er, wegen ihres Reichtums für seinen Sohn 
Maximilian in Anspruch nahm. Aber die hierfür ganz unerläfsliche 
Bedingung der Erhebung Burgunds zum Königreiche, war, nach 
allen daran hängenden Konsequenzen, ganz unerfüllbar. So fand 
nun hier eine Trennung dieser beiden Fürsten statt, und ihre hieraus 
entstandene Verstimmung gegen einander gab schon ein Grundmotiv 
der Gegnerschaft. Die Ursache zum Kriege fand sich in diesen 
Umständen leicht. Karl der Kühne hatte dem Herzog Siegmund 
von Osterreich 80,000 Goldgulden geliehen und dafür den Sundgau, 
Breisach u. a. pfandweise empfangen; da aber von ihm diese Landes- 
teile hart bedrückt wurden, so wollte Siegmund sie wieder einlösen. 
Diesem Verlangen widerstrebte der Herzog von Burgund, und dies 
gab Veranlassung zu einem sich gegen ihn bildenden Bündnisse. 
Zog sich hiermit ein Wetter zusammen, welches ihn zwei Jahre 
später ruinieren sollte,*) so ging er doch jetzt noch angreifend vor 
und belagerte im Mai 1475 die kölnische Stadt Neufs, um den vom 
Domkapitel vertriebenen Bischof Ruppert gewaltsam wieder einzu- 
setzen. Kaiser Friedrich nahm jetzt für Köln, dem er verpflichtet 
war, Partei; doch gab diese Verwickelung seinem Unwillen, so wie 
seiner betreffenden Spekulation nur den letzten Antrieb. Das 
kaiserliche Heer, welches auf 80,000 Mann angegeben wird, wurde 
von Kurfürst Albrecht Achill befehligt. Dasfelbe rückte gegen Neufs, 



*) Er fiel 1477 gegen Herzog Bond von Lothringen. 



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120 



Kurfüret Albrecht Achill von Brandenburg 



und vor seiner Übermacht ging Karl der Kühne im Juni 1475 in die 
Niederlande zurück. Albrecht hatte keine eigentliche Schlacht ge- 
schlagen, aber klug geleitet und richtig demonstriert. Er war der 
einzige deutsche Fürst, welcher Karl dem Kühnen zu dieser Zeit 
imponierte und ihn auch durch sein diplomatisches Geschick dahin 
gebracht hat, dafs er in die Verbindung seiner Tochter mit dem 
Kaisersohne Maximilian willigte. Diese wurde einem etwas späteren 
Zeitpunkte, den Karl allerdings nicht mehr erleben sollte, vorbe- 
halten; aber prinzipiell stand der Kaiser durch Albrechts Verdienst 
schon jetzt vor dem von ihm erstrebten Ziele. Vielleicht hat der 
Kurfürst hier dasjenige Moment seines reichen Lebenslaufes gehabt, 
in welchem sein kriegerisches und politisches Geschick sich zumeist 
und ganz untrennbar für einen grofsen Zweck vereinigten. Die 
Gröfse dieses Zweckes kann nicht bezweifelt werden, denn es springt 
ja ins Auge: einmal, dafs damit der übermütigste Fürst dieser Zeit 
von der Antastung Deutschlands zurückgescheucht, zweitens, dafs 
ihm durch dieselbe kriegerisch-politische Aktion ein Zugeständnis 
von ungeheurer Tragweite abgerungen wurde. Die dann 1478 
vollzogene Verbindung Maximilians mit Maria von Burgund legte 
den Grund zu der unter Karl V. auf den Gipfel gekommenen Macht- 
stellung des Ilauses Osterreich; an letzterer würde es ohne jene 
erstere und an dieser ohne den Kriegshelden und Politiker Albrecht 
gänzlich gefehlt haben. 

Während Albrecht gegen Karl den Kühneu stand, führte der 
Kurprinz Johann jenen Krieg gegen die Herzöge von Pommern- 
Wolgast weiter; aber es gab in dieser Dauer keine belangreichen 
Kriegshandlungen, und man schlofs einen Waffenstillstand. Als 
dieser noch nicht beendet war, kam Albrecht von seiner bnrgundischen 
Kriegsfahrt in die Marken zurück und schlug nun vor, dafs Bogislaw 
seine — des Kurfürsten — verwittwete Tochter Margaretha heiraten 
und gleichzeitig seine 'Länder von Brandenburg zu Lehen nehmen 
möchte. Diesen Ausweg verschmähte Bogislaw zuerst und wurde 
dann nur durch die Vorstellungen der Herzoge von Mecklenburg 
zum Eingehen in denselben bewogen; da dies aber doch endlich 
stattfand, so schien der pomnrersche Erbstreit beendet zu sein, und 
Albrecht konnte sich einer anderen Angelegenheit, in der es sich 
um den Besitz der Fürstentümer Crossen und Glogau handelte, 
zuwenden. 

Der crossen-glogausche Erbstreit, 147G— 78, führte aller- 
dings zu einem Ländererwerb, welcher aber durch Anstrengungen 
und Opfer aller Art erkauft worden ist. Es war ein durch grofse 



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als Politiker and Kriegsheld. 



121 



Leidenschaften und wirre Verwicklungen gekennzeichneter Krieg, 
in welchem sich die mannigfachsten Ansprüche kreuzten und auf 
Seiten der Gegner Albrechts so viel Milsbrauch und Abenteuerei zum 
Vorschein kam, wie man es selten gesehen hat. Für Albrecht ist 
es charakteristisch, dafe er, in diesem Kampfe, wie lange vor ihm 
der grofse Askanier Waldemar und lange nach ihm der grofee 
preufsische Friedrich, eine zahlreiche und zum Teil überlegene 
Gegnerschaft überwand. Ungarn und Böhmen waren übermächtig; 
Hans von Sagan, ein Genie des Unfugs, scheute vor keinem Mittel 
zurück; der nun entbrennende Streit mit Pommern lenkte den Kur- 
fürsten ab und die brandenburgischen Städte unterstützten denselben, 
weil er ihnen zu fremd geblieben war, nicht genugsam; seine ganze 
Lage war also hier überaus schwierig. 

Der hier in Betracht kommende Zankapfel war das Herzogtum 
Glogau, zu dem auch Sagan, Priebus und Crossen gehörten. Dieses 
Land war um 1476 in mehrere Herrschaften zersplittert. Heinrich XI. 
besafs Glogau nebst Crossen, Freistadt, Schwiebus und Züllichau; 
Hans IL herrschte iu Priebus und sein Bruder Balthasar in Sagan. 
Als sich nun Heinrich mit Kurfürst Albrecht's noch sehr jugend- 
licher Tochter Barbara vermählte (1474), sicherte er dieser Prinzessin 
für den Fall seines vorzeitigen Todes ohne Leibeserben den vollen 
Besitz seiner Länder testamentlich zu, und als er in dieser Weise 
1478 wirklich starb, befand sich Barbara in einem vollständig be- 
gründeten Erbrechte, so dafs Kurfürst Albrecht das seiner Tochter 
gehörige Land für sie in Besitz nehmen durfte. 

Gegen diese Besitznahme aber und auch überhaupt gegen das 
Testament Heinrichs XI. erhoben sich drei wuchtige Gegner: 
Matthias Corvinus, König von Ungarn, Wladislaw, König von 
Böhmen, und Hans IL, Herzog von Priebus und Sagan. 

Matthias Corvinus begründete seinen Anspruch auf das glogausche 
Land durch die Lehenshoheit der böhmischen Krone, für deren 
rechtmäfsigen Erben er sich hielt, über die sch lesischen Fürstentümer. 
Diese Lehenshoheit hatte sich in der Mitte des gegenwärtigen Jahr- 
hunderts aus der Zersplitterung und Hülfsbedürftigkeit der schle- 
sischen Länder gebildet; doch war sie nicht so präcisiert wie anderwärts, 
und die schlesischen Fürsten, die sich ihre Hoheitsrechte vorbehielten, 
konnten eigentlich mehr für Beschützte, als für wirkliche Lehens- 
leute gelten. Georg Podiebrad, König von Böhmen, wurde, weil er 
der hussitischen Lehre anhing, 1465 vom Pahste in den Baun gethau 
und für abgesetzt erklärt; da das päbstliche Machtwort gleich- 
zeitig die Krone Böhmens dem Schwiegersohne Georgs, Matthias 



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122 



Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 



Corvinus, zusprach, so hielt sich dieser seitdem für den rechtmäfsigerj 
Herrn Böhmens. Indessen blieb Georg auf seinem Throne, und als 
er 1471 starb, entschied sich die Mehrzahl des böhmischen Volkes 
für einen anderen Herrscher. Gleichwohl beharrte Matthias bei 
seinem Anspruch und erklärte jetzt, auf Grund desfelben, dafe 
Heinrich XI. kein Recht zur Vererbung oder Verschenkuug seines 
Landes gehabt habe, sein Testament sonach ungültig und das 
Fürstentum Glogau als erledigtes Lehen der Krone Böhmen verfallen 
sei. Er zog dabei nicht in Betracht, dafs unter den Hoheitsrechten, 
welche sich die schlesischeu Herzoge vorbehalten hatten, dasjenige 
einer freien Vererbung ihrer Länder in erster Reihe stand. 

Wladislaw, der Sohn Casiinir's IV. von Polen, dem durch seine 
Mutter Elisabeth, Tochter Kaiser Albrecht's IL, ein Erbrecht auf 
Böhmen zustand, war deshalb, nach Podiebrad's Tode, König ge- 
worden, wurde aber eben als solcher von Matthias angefochten und 
bekriegt. Gleichwohl behauptete er sich und nahm jetzt, ebenso 
wie Matthias, das Fürstentum Glogau als erledigtes Lehen der Krone 
Böhmen in Anspruch; diese beiden waren also unter sich feindlich, 
machten aber, aus gleichem Motiv, einer wie der andere gegen 
Brandenburg Front. 

Hans von Sagau eudlich verlangte Glogau nur auf Grund seiner 
Verwandtschaft mit dem verstorbenen Heinrich XL, der nicht be- 
rechtigt gewesen sei, zu Ungunsten seiner Familie zu testieren. 
Wenn dieser Anspruch keinen anerkannten Rechtsgrundsatz, sondern 
eben nur eine individuelle Meinung für sich hatte, so wurde er, 
jeder Moralität gegenüber, auch noch durch das Verhalten dieses 
Fürsten gegen seinen eigenen Bruder lahm gelegt. Hans war nur 
Herr von Priebus gewesen und raubte das seinem Bruder Balthasar 
gehörige Sagan gewaltthätig; sodann verkaufte er 1743 sein ganzes 
Herzogtum zum Schaden seiner Familie und irrte seitdem als Aben- 
teurer umher. Er war gar kein schlesischer Fürst mehr nnd trat 
hier doch als solcher auf; er, der an seinem Bruder und seinen 
Erben gefrevelt, bekämpfte jetzt ein Testament, durch welches, 
seiner Meinung nach, gegen verwandtschaftliche Rücksichten ver- 
stofsen war. 

Hans von Sagan zeigte sich mit den Eigenschaften, die er 
besafe, und den Bewandnissen, die ihn unterstützten, in dieser An- 
gelegenheit als Albrecht's schwierigster Gegner. Er war unermüdlich 
und unversöhnlich, ränkevoll, grausam und treulos; kein Mittel 
wurde von ihm verschmäht und ein Abenteurer dieser Art hatte 
nichts zu verlieren. 



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als Politiker and Kriegaheld. 



123 



Von drei solchen Gegnern bedrängt suchte Albrecht vorerst, 
wie es seine Natar mit sich brachte, den Knoten friedlich zu lösen. 
Vorerst begünstigte es den Brandenburger, dafe die glogauschen 
Stände alle verschiedenen Erbansprüche genau prüfen und bis zum 
Austrag das streitige Land in den Händen der herzoglichen Wittwe, 
also der für sie eingesetzten brandenburgischen Regierung, lassen 
wollten; dann stiftete der staatskluge Kurfürst ein Eheversprechen 
zwischen seiner verwittweten Tochter und dem Könige Wladislaw. 
Hierdurch schien dieser Feind in einen Partner verwandelt zu sein; 
aber es blieb nicht dabei, denn Wladislaw liefs sich durch die 
Schwierigkeiten seiner neuen Parteistellung entmutigen und entsagte 
schließlich sowohl der Braut als dem Erbe. Immerhin aber war er 
hiermit neutralisiert und Albrecht hatte es also von da ab nur noch 
mit Hans und Matthias zu thun. 

Aber auch des Letzteren Gegnerschaft trat bald in den Hinter- 
grund, da seine kriegerischen Vorstöfee gegen das Fürstentum Glogau 
nicht glückten und ihn nachher die Einfälle der Türken in sein 
ungarisches Land fem hielten. Zwar entsagte er zwischenzeitig 
seinen Ansprüchen nicht und unterstützte den Saganer Prätendenten, 
mit dem er sich zu einigen hoffte, sehr nachdrücklich; doch stand 
jetzt, dem Kurfürsten gegenüber, nur Hans im Felde. Dieser traute 
wohl seinem ungarischen Gönner und Nebenbuhler nicht ganz, 
aber er liefs sich dessen Beistand gefallen und glaubte das mit ihm 
Gewonnene späterhin behaupten oder doch mindestens ausnutzen 
zu können. 

Hans von Sagau zeigte sich dem Kurfürsten als ein hartnäckiger 
Gegner. Er erschlich die Gunst der glogauischen Stände und nahm, 
während Albrecht anderen Geschäften obliegen mufete, 1476 die 
Städte Sprottau, Freistadt, Grünberg, Züllichau und Schwiebus mit 
bewaffneter Hand; an Crossen scheiterte seine Kriegskunst, aber er 
rächte sich dafür durch Verwüstung der ganzen Umgegend. 1477 
schlofs man einen kurzen Waffenstillstand, dann ergab sich Freistadt 
an Brandenburg zurück und wurde vou Haus hart aber fruchtlos 
belagert. Dieser Mifserfolg bewog ihn, mit Brand und Plünderung 
ins Brandenburgische und bis gegen Frankfurt a/O. zu streifen. 
Vor dieser durch den Kurprinzen Johann verteidigten Stadt aber 
prallte er zurück, und zog sich dann nach Drossen. Auch hier gab 
es für ihn keinen Erfolg; aber seines Unfugs war kein Ende, 
zumal da der Kurfürst zu dieser Zeit in seinen fränkischen Ländern 
weilte. 

Endlich kam Albrecht Achill um die hochgehenden Wogen des 



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12t 



Kurförst Albrecht Achill von Brandenburg 



pomraerscheii wie des glogauschen Erbstreites zu beschwichtigen, 
aus dem Süden zurück und machte nach einer und der anderen 
Richtung hin grofse Anstrengungen. 

Was Pommern betrifft, so hatten dessen Herzoge, während 
Albrecht mit dem Glogauer Erbstreite beschäftigt und in seinen 
fränkischen Ländern war, ihm die Treue wieder gebrochen, und es 
war sogar die brandenburgische Festung Garz von ihnen genommen 
worden. Auch Vierraden und Lökenitz gingen dem Kurfürsten 
verloren, und diese Fortschritte seiner Gegner bewogen ihn, sich 
zuerst gegen Pommern zu wenden. 

Für diesen Feldzug (1478) stellten Städte, Prälaten und Ritter- 
schaft zusammen dem Kurfürsten ein Aufgebot von 7080 Mann 
Fufsvolk, 2000 Reitern und 1335 Zugpferden, und wurden diese 
Streitmittel zumeist den Städten der Kurmark, Altmark und Priegnitz 
verdankt, welche in dieser Zeit schon vielfach adlige Lehne besafscn. 
Der Bischof von Havelberg und die märkischen Fürsten, Grafen 
und Ritter stellten nur Reiterei; dennoch brauchte man noch mehr 
Reiter und beschaffte sich noch 1400, teils durch Werbung, teils 
durch Schutz- und Trutz-Bündnisse mit benachbarten Fürsten. Dem 
Kurfürsten gelang dies, vermöge seines Kriegsruhmes und seiner 
Vertrauensstellung mit dem Kaiser, leichter, als jedem anderen; 
auch unterstützte ihn dabei sein fränkisches Besitztum und seine 
durch dieses bedingte Verbindung mit Süddeutschland. Wenn er 
nun mit 7080 Mann Fufsvolk und 3400 Reitern, also den Trofs und 
das Zubehör eingerechnet mit mehr als 11,000 Maun, gegen Pommern 
vorging, so war dies zu jener Zeit und in einem Kriege solcher 
Länder, die jetzt nur Provinzen sind, schon eine ansehnliche Streit- 
macht. 

Der Kurfürst eroberte jetzt Vierraden und Lökenitz alsbald 
zurück und nahm hierauf die pommerschen Städte Bernstein, Satzig 
und Bahn. Das zwang den Herzog Bogislaw zur Nachgiebigkeit, 
und da überdies zu dieser Zeit sein ihn auf üble Weise leitender 
Oheim Wratislaw starb, so bekam er auch Spielraum für seine 
Entschliefsuugen. Der Friede, den man nun 1479 schlofs, war fest 
und dauerhaft, und wenn Bogislaw darin die brandenburgische 
Lehenshoheit über Pommern anerkannte, so wurde dem Kurfürsten 
Albrecht damit auch der Aufall Pommerns an Brandenburg, für 
den Fall eines Aussterbens des Maunesstammes der Herzoge von 
Pommern, zugesichert.*) 

*) Als 1637 der pommersche Manngstamin erlosch, war Kurfürst Georg 



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als Politiker und Kriegsheld. 



125 



Was den augenblicklichen Besitzstand betrifft, so wurden Vier- 
radeu, Lökenitz, Bernstein, Torgelow u. a. an Brandenburg über- 
lassen, Garz und Satzig aber fielen an Pommern, Albrecht Achill 
allein hat diesen grofeen Knoten des pommerschen Erbstreites zer- 
hauen, und wer unser schönes und echt preufsisches Pommer- 
land betrachtet, wird jetzt sich stets erinnern müssen, dafs es den 
Grundursachen nach diesem grofsen Krieger und Diplomaten Albrecht 
Achill zu verdanken ist. 

Während Albrecht Achill 1478 noch mit Pommern beschäftigt 
war, sandte Hans von Sagan seinen Feldhauptmann Hans Huck mit 
einer grofeen Abteilung Reiterei durch die Lausitz und den sachsischen 
Kurkreis in die Mitteimark. Hier wurde von jenem die Stadt Belitz 
überrumpelt und sehr grausam behandelt; doch eilte der Kurprinz 
Johann herbei und nahm den Mordbrenner Huck gefangen, der 
dann wegen Verletzung aller Kriegsregeln zu Berlin enthauptet 
wurde. Hans von Sagan mufste im Sommer 1478 einen Waffen- 
stillstand erbitten, aber er warb während desfelben frische Truppen, 
und nach Ablauf dieser Ruhepause rückte er neuerdings vor Crossen 
und verwüstete, als er auch jetzt abgeprallt war, das benachbarte 
flache Land bis gegen Cottbus hin. 

Zu dieser Zeit kam der Kurfürst, nachdem im Norden sein 
Zweck erreicht worden, auf den gegenwärtigen Kriegsschauplatz, und 
zwang seinen schlesischen Gegner zwischen Crossen und Freystadt 
zu einer Schlacht. In dieser unterlag Hans von Sagan gänzlich 
und konnte sich seiner Gefangennahme nur durch die Flucht ent- 
ziehen; er wäre verloren gewesen, wenn nicht König Matthias, dem 
sein Türkenkrieg jetzt wieder Spielraum gab, das Glogausche Gebiet 
von Neuem besetzt und selbst die angrenzenden Teile Brandenburgs 
verwüstet hätte. Zwar nötigte ihn ein neuer Einfall der Türken 
in sein Land, Schlesien wieder zu räumen, aber Hans war durch 
jene Dazwischeukunft doch immerhin aufgerichtet worden und stand 
wieder streitbar im Felde. Wenn das nicht gewesen wäre, so würde 
dieser Erbstreit jetzt zu Ende gegangen sein, denn Matthias und 
der Kurfürst waren auf den Punkt gelangt, sich zu einigen. Bei 
dieser Einigung der Grofsen fürchtete Hans von Sagan übergangen 

Wilhelm zu schwach, um seinen Anspruch durchznsetzen , 1648 aher erhielt 
Friedrich Wilhelm, der grofse Kurfürst, im westphälischen Frieden einen Teil von 
Hinterpommern mit 280 □Meüen. Den zwischen Oder und Peene liegenden Teil 
Vorpommerns nehst Usedom und WoUin erhielt erst Friedrich Wilhelm I. 1720 
im Frieden zu Stockholm von Schweden, und Neuyorpommern nebst Rügen ist 
dem preufsischen Staate erst 1815 zugefallen. 



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126 Kurfürst Albrecht Achill von Brandenburg 

zu werden, und so schritt er denn, auf eigene Faust und selbst dem 
Könige Matthias trotzend, zu ferneren Feindseligkeiten. Er be- 
lagerte Glogau und bekam es, da er das niedere Volk für sich zu 
gewinnen verstand, in seine Gewalt; Albrecht und Matthias aber, 
denen beiden jetzt Hans feindlich gegenüberstand, waren durch 
andere Geschäfte zu sehr beansprucht, um nicht eine Concession an 
jenen hartnäckigen Gegner, den Mühen und Opfern fernerer Krieg- 
führung vorzuziehen. So schlössen zuerst Matthias und Hans von 
Sagan 1481 einen vorläufigen Frieden zu Hainburg, dem dann unter 
Vermittelung des ersteren am 16. September 1482 auch zwischen 
dem Kurfürsten und Hans zu Camenz in der Oberlausitz ein 
Friedensschlufe folgte. In diesem letzteren wurde festgesetzt, dafe 
der Herzogin Barbara und ihrem Vater, dem Kurfürsten Albrecht 
Achill, die Städte und Landschaften Crossen, Züllichau, Sommerfeld 
und Bobersberg, bis zur Auszahlung von 50,000 ungarischen Gulden 
pfandweise überliefert werden sollten. Haus II. erhielt für die 
Dauer seines Lebens das Fürstentum Glogau; nach seinem Tode 
sollte es an Johannes Corvinus, den Sohn des Königs Matthias, 
fallen. 

Da nun Hans, der überhaupt keine Verträge hielt, jenen 
Friedensbedingungen zuwider das glogausche Land seinen Töchtern 
zu vererben suchte, so wurde er deshalb 1488 in einen Krieg mit 
Matthias verwickelt, dessen für ihn ungünstiger Ausfall ihm das 
Fürstentum Glogau vorzeitig entzog. Dasfelbe kam nun an Johann 
Corvinus, der es aber 1400, uach dem Tode seines Vaters, an 
Böhmen verlor. König Wladislaw von Böhmen wurde überhaupt 
wieder Herr von Schlesien und verlieh das Fürstentum Glogau 
zunächst seinen beiden jüngeren Brüdern. 1506 fiel es an die 
Krone Böhmen zurück, und somit ging auch auf diese das Pfandrecht 
in Betreff Crossens über. Wladislaw verlieh das Glogausche Land 
1514 dem Herzoge Karl von Münsterberg und mit diesem, der uun 
auch das Crossensehe Pfandrecht übernahm, schlofs Joachim II. 1537 
einen Vertrag, nach welchem jener gegen Empfang einer Geld- 
summe auf sein Recht an Crossen verzichtete. Diesen Vertrag 
bestätigte 1538 der böhmische König Ferdinand, behielt sich aber 
die betreffende Lehenshoheit vor. Die letztere wurde endlich durch 
die Bestimmungen des am 28. Juli 1742 zwischen Preufseu und 
Osterreich abgeschlossenen Berliner Friedens, welcher gauz Schlesien 
an König Friedrich II. übergab, aufgehoben. 



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als Politiker und Kriegsheld. 



127 



Man hat gesehen, dafe Albrecht Achill nicht nur das branden- 
burgische Besitztum erweitert, sondern noch mehr die Wnrzeln 
künftiger Erweiterung geschaffen hat; dafs von ihm zuerst eine 
Hausmacht der Hohenzollern gebildet und das Zusammenhaltungs- 
prinzip urkundlich festgestellt wurde. Aus seinem persönlichen 
Ansehen erwuchs auch dasjenige Brandenburgs; in ihm haben sich 
die durchgängigen Haupteigenschafteu der Hohenzollern: ihr Wägen 
und Wagen, ihre schaffende und haushälterische Kunst, ihr Kriegs- 
und Friedenstalent sehr belangreich ausgesprochen. Die branden- 
burgischen Länder überlieferte Albrecht, trotz der zum Teil in ihr 
Mark greifenden Kriegsvorfälle während seiner Regierung, viel ge- 
ordneter an den Nachfolger, als er sie vom Vorgänger übernommen; 
wenn nach ihm Johaun Cicero gar keinen Krieg geführt hat, so war 
das nur vermöge des Zustandes und Ansehens, die sein Vater dem 
branden burgischen Staate geschaffen hatte, möglich. 

Albrecht war zweimal vermählt; zuerst seit 1446 mit der 
badenschen Prinzessin Margarete und, als diese 1457 gestorben, seit 
1458 zum zweiten Male mit Anna, Tochter des Kurfürsten Fried- 
richs IL von Sachsen. Aus beiden Ehebündnissen entsprangen acht 
Söhne, von denen aber bei Albrecht's Tode nur noch drei am Leben 
waren, nämlich aus erster Ehe der Kurprinz Johann und ans 
zweiter Ehe Friedrich und Siegmund, welche die fränkischen 
Ländern erhielten. 

Kurfürst Albrecht Achill starb am 11. März 1486 zu Frank- 
furt am Main während eines zu dieser Zeit dort stattfindenden 
Reichstages, auf welchem er die römische Königswahl Maximilians, 
des Sohnes von Kaiser Friedrich III., unterstützt hatte. 

Sein Ruhm folgte ihm nach; sein Vollbringen ist zumeist 
dadurch, dafs bei jeder öffentlichen Handlung entweder der Krieger 
und Politiker in ihm gleichmäßig beteiligt waren, oder er doch 
scharfblickend erkannte, was nur kriegerisch und was nur politisch 
zu behandeln sei, so grofs geworden. Auch hat Kurfürst 
Albrecht Achill nie aufgehört, in seinem Geschlechte ein leuchtendes 
Vorbild der gleichzeitigen Einsicht und Ritterlichkeit zu sein und 
in diesem Sinn auch moralisch nachzuwirken. 



12s 



Die französische Tonkging-Expedition. 



XL 

Die französische Tongking-Expedition .*) 

(Schlufs.) 

IV. Die Operationen gegen Sontay, ßac-ninh, Hung-hoa. 

Das bei Gelegenheit der Tongking Kredit-Debatten von der 
französischen Regierung aufgestellte Programm bezeichnete die 
möglichst schleunige Einnahme der Haupt-Centren des feindlichen 
Widerstandes, Sontay, Bac-ninh, Hung-hoa, als nächste Aufgabe des 
Expeditions-Corps. Im Besitz dieser, das nördliche Delta des roteu 
Flusses beherrschenden Punkte, wollte man mit China unterhandeln 
und hoffte dann einen durch die vollendeten Thatsachen nachgiebiger 
gestimmten Gegner zu finden. 

Admiral Courbet hatte, wie bereits mitgeteilt,**) den Beginn 
der Operationen auf den 20. November 1883 in Aussicht gestellt; 
da indessen die letzten Verstärkungen, welche der Transport dampfer 
Corriza brachte, erst am 7. Dezember 1883 in Hai-phong ausgeschifft 
wurden, so trat eine Verzögerung ein, welche daheim mit Ungeduld 
empfunden wurde. Ein am 17. November gegen Hai-dzuong ge- 
richteter Angriff der angeblich 1200 Mann starken Schwarzflaggen 
brachte die uur 60 Mann zählende französische Besatzung der 
Citadelle und das daselbst stationierte Kanonenboot Carabine in 
ernste Gefahr, und nur der zu Hilfe eilende Lynx (Kanonenboot mit 
4 Geschützen, mehreren Revolver- Kanonen, 77 Mann) rettete die 
Citadelle und die Carabine, und nahm die französische Besatzung der 
Stadt an Bord, bi9 die schleunigst aus Hanoi' und Hai-phong 
requirierten Unterstützungen herankamen. Der vom Feinde mit 
Hartnäckigkeit geführte Kampf dauerte eilf Stunden. Da dieser 
Uberfall zweifellos durch die Treulosigkeit der Mandarinen vou Hai- 
dzuong, welche im Einverständnis mit den Schwarzflaggen standen, 
herbeigeführt worden war, so wurde ein Teil der Stadt vou den 
Franzosen eingeäschert und der Belagerungszustand proklamiert. 

Statt des angekündigten Vormarsches gegen Sontay fanden Ende 
November und Anfang Dezember, während die Konceutratiou des 

♦) Vergl. April-Heft Nr. III. 
*•) Vgl April-Heft S. 57. 



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Die französische Tongking-Expedition. 



129 



Expeditions-Corps sich bei Hanoi vollzog, nur kleinere Rekognos- 
zierungen gegen Sontay und Bac-ninh statt, bei welchen es zu 
keinem ernstlichen Engagement kam. Die erstere Unternehmung 
wurde vom Oberbefehlshaber persönlich geleitet. 

Endlich am 11. Dezember trat das Expeditions-Corps in einer 
ungefähren Stärke von 4500 Mann*) den Vormarsch von Hanoi' aus 
an, überschritt ohne ernsten Widerstand zu linden die doppelte 
Barriere des Day und des ihm vorliegenden kleinen Aroyos und 
war am 13. Dezember westlich des Day versammelt. Von der 
Klotille waren die Kanonenboote Fanfare, Eclair, Pluvier, Trombe, 
Hache, Mousqueton, Yatagau im roten Flufs in Höhe der Day- 
Mündung vereinigt. 

Nur eine Entfernung von 8 km trennte das Angriffsobjekt 
Sontay vom Day. Das zwischenliegende Terrain ist eine weite 
Ebene, welche während der Gefechtstage sich nur wenig über den 
Wasserspiegel erhob; zahlreiche durch hohe Bäume versteckte Ort- 
schaften, und gleichfalls von Baumgruppen umgebene Pagoden be- 
decken dieselbe. Westlich Sontay wird jene Ebene durch einen von 
Süd nach Nord sich erstreckenden Gebirgszug abgeschlossen. Der 
Anbau besteht in Reis, Zuckerrohr und Mais. Aufser der von 
Hanoi" auf Sontay führenden sogenaunten »route postale« bildet der 
Damm des roten Flusses ein Annäherungsmittel vom Day auf Sontay. 

Letzteres wird durch eine Reihe etwa 3 km vor seiner östlichen 
Front liegender befestigter Ortschaften verteidigt. Die Citadelle 
von Sontay, 2 km vom roten FluCs entfernt, von der Grundrifsform 
eines abgestumpften Quadrats von 300 m Seitenlänge, ist von einer 
5 m hohen Steinmauer umgeben, deren Fraisierungen das Ersteigen 
sehr erschweren. Der hiuterliegende starke Erdwall ist zur Artillerie- 
Verteidigung bestens eingerichtet. Im Mittelpunkt jeder Face be- 
findet sich ein runder Turm von 30 m Durchmesser, in diesem ein 
Thor. Der umgebende 20 m breite, 3 m tiefe, mit Wasser und 
Schlamm gefüllte Graben hat Steinbekleidnng und ist den Türmen 
gegenüber überbrückt. 

Die um die Citadelle herumliegende Stadt besteht aus 4 Häuser- 
reihen, welche ihrerseits von einem 4 — 5 m hohen Erdwall umgeben 
sind. Die vorhandenen 4 Thore sind aus massivem Mauerwerk, der 
Wall selbst zur Geschütz- und Gewehrverteidigung eingerichtet. 

*) Betreffe der Zusammensetzung des Eipeditions-Corps mufs lediglich auf 
das S. 56 des April-Heftes letzte Zeile, und Anmerkung 2 zu S. 56 Gesagte 
verwiesen werden. Von den dort gegebenen Zahlen sind die Besatzungen von 
Hanoi und der übrigen festen Plätze des Deltas in Abzug zu bringen. 



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1 30 



Die französische Tongking-Eipedition. 



Der das Ganze umgebende, 5 m breite Graben wird von einem 
Aroyo des roten Flusses gespeist. Eine hohe und dicht auf der 
Berme des Grabens augepflanzte Bambushecke entzieht die Stadt 
dem Blick von AuCsen her und bietet der Verteidigung einen wesent- 
lichen Stützpunkt. 




M. 1: 755,000. 



0 10 20 30 Am. 

Nach Osten hin bildet abgesehen von befestigten Dörfern uud 
Pagoden, durch Erdanschüttuugen verstärkten Bambushecken eine 
mit dem Kollektiv-Namen Phu-Sa bezeichnete Reihe von Werken 
den direkten Schutz für 2 vom roten Flufs nach der Stadt führende 
Dämme. Der östliche dieser beiden Dämme ist als eine zusammen- 
hängende Batterie von aufserordentlicher Stärke, mit Hohlräumen, 
Traversierungen u. dergl. eingerichtet und durch ein Pallisadenthor 
in einen nördlichen und einen südlichen Abschnitt geteilt. Gegen 
dieses Thor, welches durch ein eigenes vorliegendes Werk noch 
besonders geschützt ist, richtete sich der Haupt-Angriff der 
Franzosen. 

Zur Armierung der äufsereu Befestigungen Sontay's waren über 
100 Geschütze, zum Teil leichteren Kalibers vorhanden, so dafe 



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Die französische Tongking-Kxpedition 



131 



bspw. hinter dem Damm ein häutiger Positionswechsel möglich war. 
Alles dies trug dazu bei die Befestigung von Sontay zu einem 
achtbaren Hindernis zu machen, welches bei gehöriger Verteidigung 
lange Zeit erfolgreichen Widerstand hätte leisten können. 

Der Vormarsch wurde am 14. Dezember iu zwei Kolonnen an- 
getreten. Die rechte Kolonne,*) welcher sich auch der Oberbefehlshaber 
anschlofe, folgte dem Laufe des roten Flusses, während die linke*) 
unter Oberst Belin längs des Flufedammes vordringend die anliegenden 
Dörfer und Wald -Parzellen säuberte. Die Flotille mit den anna- 
mitischen Tirailleurs an Bord segelte den roten Flufs stromauf. 
Ans Land gesetzt eröffneten die Tirailleurs am 14. gegen 1 Uhr 
Mittags das Gefecht gegen die Werke von Phu-Sa und traten als- 
bald in Verbindung mit den gleichfalls zur östlichen Kolonne 
gehörenden Turcos. Die Kolonne Belin blieb, ohne ernsten Wider- 
stand zu finden, im Vormarsch. 

Nach hartnäckigem und verlustreichem Kampfe, welcher durch 
die Kanonade der Flotille lebhaft unterstützt wurde, nahm die 
rechte Kolonne die Werke von Phu-Sa und das bereits vorher er- 
wähnte Pallisadenthor. Da die Dunkelheit inzwischen hereinbrach, 
so liefe Admiral Courbet, nachdem auch die Kolonne Belin heran- 
gekommen war, das gesamte Expeditions-Corps sich in den eroberten 
Positionen zur Verteidigung einrichten. Wiederholte Versuche des 
Feindes, die am Tage verlorenen Stellungen in der Nacht zurück- 
zuerobern, scheiterten an der Wachsamkeit der französischen Truppen. 
Auch das Kanonenboot Fanfare hatte mehrere nächtliche Angriffe 
abzuweisen. 

Am 15. Dezember trat in Folge beiderseitiger Erschöpfung 
Ruhe ein. Am 16. wurde zunächst ein Versuch des Feindes, den 
französischen rechten Flügel mit starken Kolonnen zu umgehen, 
durch die Turcos und das Feuer der Kanonenboote abgewiesen und 
demnächst zum Angriff der Stadt Sontay selbst geschritten. Nach 
einer umfassenden Bewegung der Kolonne Belm gelang es gegen 
5 Uhr Teilen der Fremden- Legion und der Marine-Füsiliere durch 
das Westthor in die Stadt einzudringen, welche vom Wall und den 
vorliegenden Bambushecken lebhaft verteidigt wurde. Der Feind 
hielt die Citadelle besetzt, gegen welche die Flotille ihr Feuer nun- 
mehr ausschliefslich richtete, räumte dieselbe jedoch freiwillig während 
der Nacht und zog unbehelligt ab, so dafs am 17. Dezember 9 Uhr 

•) Die rechte Kolonne war ans dem Marine-Marsch -Regiment gebildet, während 
die linke das unter Befehl des Oberstlieutenant Belin stehende algerische Marsch- 
Regiment (1 Bataillon Fremden-Legion und 2 algerischer Tirailleurs) umfafste. 



182 



Die französische Tongking-Expedition. 



Morgens die ungehinderte Besetzung durch franzosische Truppen 
stattfinden konnte. 

63 Bronzekanonen, 38 gewöhnliche Kanonen von starkem Ka- 
liber, 88 Wallbüchsen, 371 Gewehre und etwa 200,000 Patronen 
für verschiedene Gewehr-Modelle bildeten die Beute des Siegers. 
Daneben erhebliche Vorräte an ungeprägtem und geprägtem Gold 
und Silber. 

Die Verluste in den Kämpfen vor Soutay betrugen auf fran- 
zösischer Seite: 

am 14. Dezember 3 Offiziere 67 Mann tot, 

10 » 170 * verwundet, 
am 16. Dezember 1 > 14 > tot, 

5 » 55 • verwundet, 
im Ganzen also 85 Tote, 240 Verwundete, was einem Verlust von 
nahezu 8% des gesamten Expeditions-Corps gleichkommt. Mit 
diesen Opfern hatte man den angeblicb 20,000 Mann starken Gegner, 
dessen Verluste sich nach französischen Berichten auf 2000 Mann 
beliefeu , zwar aus einer starken Position vertrieben , ihn aber un- 
gehindert entkommen lassen, um ihn 3 Monate später in ähnlicher 
Weise hinter den Wällen von Hung-hoa und Bac-niiih zu begegnen. 
Der offizielle Bericht des Admiral Courbet enthält Nichts von einer 
geplanten Verfolgung des Gegners, welcher später überkommenen 
Nachrichten zufolge auf Hung-hoa abzog. Den in früheren Gefechten 
schon oft empfundenen Mangel an Kavallerie durch erhöhte Marsch- 
leistungen der Infanterie zu ersetzen, scheint das Expeditions-Corps 
auch dies Mal nicht im Stande gewesen zu sein. 

Admiral Courbet beliefs drH Bataillone nebst einiger Artillerie 
zur Besatzung von Sontay und führte das Expeditions-Corps in den 
letzten Tagen des Monat Dezember nach Hanoi" zurück. Zur Fort- 
setzung der Operationen gegen Bac-niiih und Hung-hoa mufste die 
Ankunft der neuen Verstärkungen abgewartet werden, deren Ab- 
sendung um die Jahreswende aus dem Mutterlande erfolgte. Der 
Admiral regelte die Besatzung der festen Puukte des Deltas, ernannte 
den Oberst Richot zum Ober-Kommandanten der Provinzen Hanoi*, 
Sontay und Nam-dinh, den Kommandant Beaumont zum Leiter der 
Operationen um Hai-dzuong und organisierte die Blockade der 
tongkinesischen und annamitischen Häfen durch das Geschwader, 
um die Nähruug des Aufstandes von der Seeseite durch China zu 
hindern. 

Die Provinz Nam-dinh wurde durch fliegende Kolonnen von 
den Rebellenbanden gesäubert, welche hie und da einen schwachen 



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Die französische Tongking-Expedition. 



133 



Posten zu überfallen gesucht hatten. In Hanoi' führte eine am 
28. Dezember im Artillerie-Magazin auagebrochene Feuersbrunst 
nicht unbedeutenden Schaden herbei, der von Saigon her so gut 
als möglich ersetzt wurde. Nam-diüh hatte in der Nacht vom 1. 
zum 2. Januar 1884 der Brückenkopf von Batang (4 km abwärts 
von Hanoi* auf dem liuken Ufer des roten Flusses gelegen) am 
4. Januar 1884 einen Überfall zu bestehen. In den übrigen Pro- 
vinzen herrschte vollkommene Ruhe. — 

So verging das Jahr 1883 und der Anfang von 1884. Um 
die telegraphische Verbindung des Kriegsschauplatzes mit Paris zu 
vervollständigen, legte man in dieser Ruhezeit ein unterseeisches 
Kabel von Saigon über Thuan-an bis zur Hafenstadt Hai-phong, 
wodurch ein wesentlicher Erfolg für die schnelle Kommunikation 
mit dem Mutterlande erzielt wurde. 

Inzwischen war der Kaiser von Annam, Hiep-Hoa, mit welchem 
man den Vertrag vom 25. August 1883 abgeschlossen hatte,*) Ende 
November 1883 einer Palast- Revolution zum Opfer gefallen und 
durch Gift getötet. Sein Nachfolger Thai Phu stand ganz unter 
dem Einflüsse eines sehr ehrgeizigen Mannes Nyeng-Tong-Phang, 
welcher thatsächlich die Regentschaft führte. Der im Spätherbst 
1883 von Peking abberufene französische Gesandte Herr Tricou 
begab sich nun zunächst nach Hue und setzte dort durch, dafs die 
neue annamitische Regierung den Vertrag vom 25. August 1883 
pure auerkannte. Tricou verblieb noch eine Zeit lang in Hue und 
kehrte mit Beginn des Jahres 1884 nach Frankreich zurück. Er 
wurde in Peking erst fünf Monate später durch Herrn Patenötre 
ersetzt. Da der chinesische Botschafter in Paris, Marquis Tseng, 
ungefähr um dieselbe Zeit nach Folkestone übersiedelte, so ruhten 
thatsächlich die diplomatischen Beziehungen Frankreichs mit dein 
Reiche der Mitte ohne offiziell abgebrochen zu sein; in Paris, wie 
in Peking, befanden sich nur die bezüglichen Missionen ohne ihre 
Chefs. Marquis Tseng hatte sich überdies durch eine Reihe bis 
dahin im diplomatischen Verkehr unbewohnter Handlungen der 
Jules Ferry 'sehen Regierung entfremdet, und so fand es die Letztere 
für gut, auf den unerspriefslichen und nie zum Resultat führenden 
diplomatischen Verkehr mit dem Reiche der Mitte zu verzichten. 
Die Ereignisse selbst wollte man später reden lassen, wenn Bac-ninh 
und Hung-hoa ebenso glänzend als Sontay erobert sein würden. 
Dafs mau hinter den Wällen dieser Städte mit chinesischen regulären 



♦) Vgl. S. 50 de« April-Hefte«. 




Bd LH.. 2 



10 



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134 



Die franiftsische Tongking-Expedition. 



Truppen kämpfte, ohne dafs der Krieg erklärt war, war eine That- 
sache, die weder von China geleugnet noch von Frankreich be- 
achtet wurde. 

In Paris hatten die Berichte des Admiral Courbet vom Spät- 
sommer 1883, sowie die durch den zurückgekehrten General Bouet 
gegebenen Aufklärungen die Regierung zu einer neuen und 
schleunigen Verstärkung des Expeditionscorps veranlafet. Die Un- 
möglichkeit im Wege der diplomatischen Vermittlung mit China 
Terrain zu gewinnen, hatte in gleicher Weise zu einem solchen 
Entschlüsse getrieben. Durch ein kühnes und entschlossenes Vor- 
gehen jetzt, honte man spätere Opfer an Menschen und Geld zu 
sparen und dem Vorwurfe halber Mafsregeln zu begegnen. In 
dieser Absicht war die Vorlage einer Kreditforderung von 20 Millionen 
erfolgt, und wie bereits erwähnt,*) unterm 20. Dezember 1883 
anstandslos genehmigt. Mit solchen Mitteln sollten die Kosten für 
das auf 15,000 Mann zu verstärkende Expeditionscorps im ersten 
Halbjahr 1884 bestritten werden. Schon am 28. November erklärte 
der Kriegsminister, General Campenon, in der Kammer, dafs alle 
Mafsregeln getroffen seien, um ohne partielle Mobilisierung zu einer 
sofortigen Absendung von 6000 Mann schreiten zu können, und in 
der That ging die Einschiffung der Truppen diesmal schneller vor 
sich als bei der Absendung der ersten Verstärkungen im September 
und Oktober 1883. 

Den Oberbefehl über das verstärkte Expeditionscorps übertrug 
man dem General Millot und unterstellte ihm als Brigade-Com- 
mandeure die Brigade-Generale de Ne"grier vom Generalstabe und 
Briere de Tlsle von der Marine-Infanterie, von denen besonders der 
Letztere, vermöge eines längeren Aufenthalts in Cochinchina und 
als Teilnehmer an den früheren Kämpfen in China, für ein solches 
Kommando befähigt erschien. Unter Millot sollte Admiral Courbet 
den Oberbefehl zur See führen und die »Flotille du Tonkin«, welche 
Fregatten-Kapitän Morel Beaulieu kommandierte, sowie die Schiffs- 
Division der chinesischen Gewässer, deren bisheriger Chef (Contre- 
Admiral Meyer) durch den Contre-Admiral Lespes ersetzt wurde, 
unter seinem Befehl vereinigen. Da die Flotille der kleinen 
Kanonenboote zumeist mit der Landarmee operierte und dann 
natürlich unter Millot's direkten Befehl trat, Admiral Lespes mit 
seinem Geschwader aber selbstständig in den chinesischen Meeren 
kreuzte, so war Admiral Courbet mit Millot's Eintreffen auf dem 



•) Vgl. S. 59 des April-Heftes. 



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Die frantösische Tongking-Expedition. 



135 



Kriegsschauplätze, welches wie vorgreifend bemerkt wird, am 
12. Februar 1884 stattfand, thatsächlich lahm gelegt, und befand 
sich Millot gegenüber in derselben Lage, wie seiner Zeit in Mexiko 
Admiral Jurien de la Graviere dem Marschall Porey gegenüber. 

Bei Auswahl der zur Verstärkung abzusendenden Truppen zeigte 
es sich, dafs die Marine-Infanterie zu weiteren Leistungen nicht 
mehr herangezogen werden konnte, vielmehr mit der Gestellung von 
Ersatzmannschaften genügend zu thun hatte. Man entnahm darum 
zunächst den afrikanischen Truppen drei weitere Bataillone, die zu 
einem Marsch -Regiment vereinigt wurden. Aus Freiwilligen der 
gesamten franzosischen Infanterie, die man den Cadres dreier Linien- 
Bataillone einverleibte, wurde ein zweites Marsch-Regiment formiert, 
welches man so schnell als möglich nach Art der Kolonial-Truppen 
bekleidete und ausrüstete. Nach Zahl und Zusammensetzung ge- 
langten in der Zeit vom 23. Dezember 1883 bis 11. Januar 1884, 
also in kaum 3 Wochen von Toulon bezw. von Algier aus znr 
Absendung: 

1. Das algerische Marsch-Regiment, bestehend 
aus dem 1. Bataillon der Fremden-Legion, 
2. Bataillon leichter afrikanischer Infanterie, 
1. Bataillon Turcos, jedes Bataillon zu 
800 Mann. Aufoerdem 600 Ersatzmann- 
schaften 52 Offiz. 3000 Mann 

Verladen auf dem Transportschiff Vinh- 
long, auf welchem sich auch die Stäbe des 
General Millot und der beiden Brigade- 
Commandeure einschifften. Ab Toulon 
23. Dez. 83. 

2. Das Freiwilligen-Regiment nebst den Cadres 
der 4. Bataillone des 23., 111. und 143. 
Linien-Regiments und einer Anzahl Ersatz- 
mannschaften. Verteilt auf dem Trans- 
portschiff Annamite und dem Transport- 
dampfer Saint Germain der Compagnie 

trans atlantique. 3 Bataillone zu je 800 Mann 52 i 2400 » 
Ab Toulon 10. Jan. 84. 

3. Zwei 80 mm Batterien vom 12. Feld- Ar- 
tillerie-Regiment nebst einem Infanterie- 
Munitions-Park. Verladen auf dem Saint- 

Germain 6__» 400 *_ 

110 Offiz. 5800 Mann 
10* 



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»Vit 



136 



Die französische Tongking-Eipedition. 



Transport 110 Offiz. 5800 Mann 

4. EineGenie-Compagnie.AbToulonlO.Jan.84. 2 » 80 » 

5. Eine Train-Compagnie. desgl. 3 » 135 » 

6. Ein Marine- Artillerie- Detachement (Park) 2 » 45 > 

7. Eine Sektion Luftschiffer aus Meudon 2 » 40 » 

8. Eine Telegraphen-Sektion — » 22 > 

9. Feld-Lazarett- Personal 12 Ärzte, 1 Geistl. 86 » 

10. Ein Gendarmerie-Detachement 1 Offiz. 13 » 

11. Ein Pontonnier-Detachement — > 16 > 

Im Ganzen 132 Offiz. 6237 Mann. 

Es dürfte von Interesse sein bei dieser Gelegenheit die Leistungen 
der französischen Kriegsflotte einer kurzen Prüfung zu unterziehen. 

Da nur drei Staats-Transportschiffe: Vinh-long, Annamite, 
Sarthe im Augenblick für Truppen -Transporte zur Verfügung, 
standen, so sah sich die Regierung genötigt eine Anzahl grosser 
Paketboote von der Compagnie transatlantique und jener der 
Messageries maritimes zu ermieten.*) Der Vinh-long, welcher aufser 
den Generalen Millot, Negrier und Briere de l'Isle eine erhebliche 
Truppenmacht an Bord hatte, wurde zuerst in Suez reparatur- 
bedürftig, schleppte sich dann langsam bis Kolombo auf Ceylon, wo 
er längere Zeit liegen bleiben mutete. General Millot setzte die 
Reise auf dem Paketboot Anadyr der Messageries maritimes fort, 
während zum Weitertransport der Truppen der »Mytho« von Hai- 
phoug requiriert werden mutete, was einem Zeitverlust von etwa 
14 Tagen gleichkam. Das für das Tongking-Gesch wader bestimmte 
Kanonenboot Chacal wurde schon am Cap Corse von einem Sturm 
erfafst, mulste, da es Wasser zog, wieder nach Toulon umkehren 
und verblieb im Hafen. Auch mit dem gemieteten Paketboot 
Cholon machte man schlechte Erfahrungen. Dasfelbe erlitt Be- 
schädigungen an der Maschine und mutete wie der Vinh-long in 
Kolombo einlaufen. Angesichts der grofeen Zahl von Schiffen, über 
welche die französische Kriegsmarine verfügt und der ungeheuren 
Summen, welche das Marine-Budget seit Jahren verschlingt, er- 
scheinen diese Leistungen keineswegs als bedeutende. 

Bis zum 18. Februar 1884 waren sämtliche Verstärkungen 

*) Es waren dies die Paketboote: Saint Gennain, Poitou, Coraorin und 
Cholon. Aufser den bereits genannten Staats-Transportschiffen brachte noch das 
Transportschiff Bien-hoa Material für 23 Lazarett Pavillons, sowie 2 kleine 
Kanonenboote neuer Konstruktion „Pistolet" und „Revolver", die auf dem roten 
Flufs Verwendung finden sollten, nach dem Kriegsschauplatz. Der Bien-hoa lief 
am 20. Februar 1884 voii Toulon aus. 



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Die französische Tongkinp-Expedition. 



137 



auf dem Kriegsschauplatze eingetroffen und am 1. März in zwei 
Gruppen um Hai-dzuong und Hanoi versammelt. Die Flotille der 
kleinen Kanonenboote war auf 16 Fahrzeuge verstärkt worden. 

Mit den schon auf dem Kriegsschauplatze vorhanden gewesenen 
Truppen verschmolz der Oberbefehlshaber die neu eingetroffenen 
Verstärkungen zu nachstehender Ordre de bataille: 

Brigade Briere de l'Isle. 

1. Marsch-Regt. Oberst- Lieutenant Belin. (1. Bat. 1. alg. 
Tir.-Regts., 1. Bat. 2. alg. Tir.-Regts., 1. Bat, 3. alg. Tir.-Regte.) 

2. Marsch-Regt. Oberst-Lieutenant de Maussion. (3 Bataillone 
Marine-Infanterie.) 

3. Marsch-Regt. Oberst- Lieutenant Brionval. (2 Bataillone 
Marine-Infanterie, l Bataillon auxil. tonkinois.) 

Brigade Negrier. 

4. Marsch-Regt. Oberst-Lieutenant Duchesne. (2 Bataillone» 
Fremden-Legion, 1 Bataillon leichter afrik. Infanterie.) 

5. Marsch-Regt. Oberst- Lieutenant Defoy. (Freiwillige. Cadres 
der 4. Bataillone des 23., III. und 143. Regte.) 

Aufoerdem zur Verfügung des Oberbefehlshabers: 

1 Bataillon Marine-Infanterie Freg.-Kapt. Laguerre. 

1 Bataillon annamitischer Tirailleurs Cdt. Berger. 

1 Landungs- Bataillon Freg.-Kapt. Beaumont. 

Va Schwadron Chass. d'Afrique. 

9 Batterien. 

1 Batterie Rev. Kanonen. 
1 Genie-Compagnie. 
1 Train-Compagnie. — 

Dem Plane des Oberbefehlshabers entsprechend wurde die 
Brigade Briere de l'Isle bei Hanoi, die Brigade Negrier bei Hai- 
dzuong koncentriert, und jedem der beiden Detachements eine kleine 
Anzahl Kanonenboote beigegeben. General Negrier hatte bereits 
am 20. Februar ein Bataillon der Fremden- Legion und eine Batterie 
in nördlicher Richtung vorgeschoben und mit diesen Truppen die 
in dem Winkel des Stromschnellen-Kanals und des Song-Cau ge- 
legene Position der 7 Pagoden besetzt. Ein in der Nacht zum 
25. Februar vom Feinde unternommener wiederholter Versuch zur 
Wieder-Einnahme dieser wichtigen Position wurde von den Franzosen 
abgeschlagen und dem Angreifer erheblicher Verlust beigebracht. 

Nachdem in den ersten Tagen des März auch die Koncentration 
des Materials vollendet war, konnten am 6. März die Operationen 
gegen Bac-ninh beginnen. 



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138 



Die französische Tongking- Expedition. 



Die im Januar und Februar unternommenen Rekognoszierungen 
hatten ergeben, dafe der Feind etwa 20-25,000 Mann stark in der 
Position von Bac-ninh stand und seine Kräfte in nachstehenden 
Richtungen und an nachstehenden Punkten verteilt hatte: 

1. Auf der direkten Strafee nach Hanoi', welche durch zahl- 
reiche bis an den Stromschnellen Kanal herangehende Werke eine 
Annäherung sehr erschwerte. 

2. Auf der Strafse nach Phu-Thuang-Thanh (Richtung nach 
Hai-dzuong), auf welcher besonders dieser Ort und der Marktflecken 
Chi nachhaltig befestigt war. 

3. Auf der von mehreren Werken gekrönten Position des 
Truong Berges, welche sich bis zur Schanze von Yen-dinh am 
Song-Cau fortsetzt. 

4. Auf der Strafse nach Lang-Son. Dieselbe war durch Ver- 
schanzungen an den Übergängen über den Song-Cau und Thuong- 
Giang gesperrt. 

5. Auf der Höhe von Doson in südöstlicher Richtung. Die- 
selbe war durch ein kleines Fort gekrönt. 

6. Endlich in den Sperrwerken von Lag-Buo\' und Dap-Cau im 
Song-Cau, welche auf beiden Ufern durch Batterien und angelehnte 
Werke gestützt waren. 




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Die franifeische Tongking-Eipsdition. 



139 



Die in der Ebene gelegene Citadelle von Bac-ninh ist 3 englische 
Meilen vom Song-Cau, 4'/ a vom Stromschnellen - Kanal entfernt, 
besitzt 6 Bastione mit Facen von 250 m Länge, einen nassen 
Graben mit festen Übergängen, und war mit Krupp'schen Batterien 
armiert. Sie soll von etwa 12,000 Mann verteidigt worden sein, 
während 10,000 Mann in den zahllosen Aufeen- Positionen verteilt 
waren. Unter den Letzteren erscheint die Stellung des Truong- 
Berges, welche sich etwa 3 km südlich des Platzes, nach Osten hin 
bis zum Song-Cau ausdehnt, als die bedeutendste. War diese einmal 
für den Verteidiger verloren, so konnte sich auch die in der Ebene 
liegende Citadelle nicht länger halten. Im Ganzen erscheint daher 
die Stellang von Bac-ninh der von Sontay bei Weitem unterlegen, 
einmal der Lage der Citadelle halber, dann aber der zu grofeen 
Zahl von Aufsen werken wegen und der damit verbundenen Zer- 
splitterung der Kräfte. Zur nachhaltigen Verteidigung einer solchen 
Stellung hätte es ganz abgesehen von der geringen Kriegstüchtigkeit 
der Verteidiger einer numerisch stärkeren Armee bedurft als die- 
jenige, welche unter dem Oberbefehl des chinesischen Generals 
Hoang-Ke-Han bei Bac-ninh versammelt war. 

General Millot entschlofs sich, da ein direkter Angriff Bac- 
ninh's von Hanoi' aus nicht ohne erhebliche Opfer ausführbar 
erschien, sich des Platzes durch eine umfassende Bewegung von 
Süden und Südosten her zu bemächtigen, und ist es wohl an- 
zunehmen, dafs dieser Plan ihm bereits bei der Koncentration des 
Expeditions- Corps um Hanoi' und Hai-dzuong vorgeschwebt hat. 
Diese Art des Angriffs, bot gleichzeitig die Chancen den Feind von 
seiner Rückzugslinie nach Lang-Son abzuschneiden. Mit der Brigade 
Briere von Hanoi' aufbrechend, wollte er aufserhalb des Bereichs 
des Feindes südlich des Stromschnellen-Kanals vordringen, während 
General Negrier, von der Position der 7 Pagoden ansetzend, zu- 
nächst durch eine flankierende Bewegung gegen die am Kanal be- 
findlichen Werke vorgehen und der Brigade Briere so die Übergänge 
über den Kanal öffnen sollte. Demnächst sollten nach erfolgtem 
Überschreiten des Kanals durch die Brigade Briere beide Kolonnen 
sich vereinigen und in frontaler Vorwärtsbewegung die beiden 
Verteidigungs-Linien des Truong-Berges bis zum Sperrwerk von 
Lag-Buo und demnächst von der Citadelle bis zum Sperrwerk von 
Dap-Cau erzwingen. Die Flotille sollte in gleicher Höhe mit der 
Brigade Negrier auf dem Song-Cau vordringen und die Anlehnung 
für den rechten Flügel der gesamten Angriffsbewegung bilden. 

Die Brigade Briere überschritt am 7. März von 5 Uhr Nach- 



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140 Die französische Tongking-Expedition. 

■ 

mittags ab den roten Flufs 4 km unterhalb Hanoi' bei Ba-Tang, 
vollendete den Übergang, welcher auf 3 Schleppdampfern und 
64 Dschunken bewerkstelligt wurde, in der Frühe des 8., und 
begann au diesem Tage um 8 Uhr Morgens den Vormarsch auf 
einer dem Stromschnellen- Kanal ungefähr parallel laufenden Strafee. 
Die Schwierigkeiten, welche das Terrain der Vorwärtsbewegung 
aller Truppen bot, sind nach dem Bericht des General Millot aufser- 
ordentliche gewesen. Nur so erklärt es sich, dafe die Kolonne zur 
Zurückleguug einer Strecke von etwa 30 km bis zu dem Dorfe 
Xam mehr als 3 Tage gebrauchte. Am 11. März 2 30 Nachmittags 
befand sich die gesammte Kolonne, einschliefslich der sie begleitenden 
2000 Coolies,*) auf dem nördlichen Ufer des Kanals. Der Übergang 
wurde auf den 2 Kanonenbooten Eclair und Carabine, welche die 
Expedition auf dem Kanal begleitet hatten, einigen verankerten 
Dschunken und einer schnell hergestellten Schiffbrücke, deren 
einzelne Teile man auf den genannten Kanonenbooten von Hanoi* 
mitgenommen hatte, in sechs Stunden bewerkstelligt, und vom 
Feinde, welcher sich in Folge der Bewegungen der Brigade Negrier 
auf den Truong-Berg zurückgezogen hatte, in keiner Weise gestört. 
Der Kanal hatte an der Übergangsstelle eine Breite von ungefähr 
90 Metern. — Am Nachmittag des 11. März war die Verbindung 
mit der Kolonne Negrier hergestellt, 

Letztere war bereits am 6. März zu Wasser von Hai-dzuong 
aufgebrochen, bei der Positioz der 7 Pagoden aus Land gesetzt und 
hatte am 7. und 8. März durch die auf dem Song-Cau vorgehende 
Flotille unterstützt, mehrere Erdwerke und Forts am Stromschnellen- 
Kanal und am Song-Cau, darunter das Fort Yen-Dinh und die be- 
festigte Höhe von Doson im raschen Anlauf genommen. Dieser 
Bewegung war die Räumung der Befestigungen am Nordufer des 
Kanals und der später stattfindende leichte Übergang der Kolonne 
Briere zu danken. Am 9. und 10. verblieb General Negrier in den 
erkämpften Positionen und richtete sich in denselben zur Abwehr 
eines feindliehen Angriffs ein. Rekognoszierungen bestätigten die 
Anwesenheit fies Feindes in der befestigten Linie vom Truong-Berge 
bis zur Sperre von Lag-Buoi. Schon vom Abend des 9. März ab 

*) Diese Coolies d. h. Lastträger, welche man vor Beginn eines Marsches 
aus der Bevölkerung aushob, bildeten hier wie bei allen anderen Gelegenheiten 
den Ersatz für den Train. Auf etwa 8 Mann rechnete man 1 Coolie, welcher 
gegen ein Kntgelt von CO— 75 Centimes täglich Mundvorräte, Munition und 
Bagage als Bündel »ni Bambusstock trägt. Da die Coolies immer nur zu Zweien 
hinter deu K-lonnen folgten, so verlängerten sie die Letzteren nicht unerheblich. 



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Die französische Tongking-Expedition. 



141 



versuchte General Negrier mit der Kolonne Briere in Verbindung 
zu treten, doch konnte die Vereinigung beider Kolonnen erst am 
Abend des 11. stattfinden, nachdem Briere den Kanal überschritten 
hatte. Für den 12. März ordnete nachstehender Befehl des Ober- 
befehlshabers den weiteren Vormarsch an: 

»Die Brigade Negrier bricht um 6 Uhr von Doson zum Angriff 
gegen die Stellung des Feindes auf. Die Flotille segelt von Yen- 
Dinh aus den Song-Cau hinauf, zerstört das Sperrwerk von Lag- 
BuoY und unterstützt den Angriff der Brigade Negrier. Die Brigade 
Briere verläfst um ß'/j Uhr ihr Cantonnement Xam, marschiert 
zunächst längs des Stromschnellen- Kanals auf Chi und wendet sich 
dann dem Truoug-Berg zu, um sich desfelben zu bemächtigen *. 

Die Ausführung dieser Bewegungen am 12. März verlief bei 
der Brigade Briere in einer den Absichten des Oberbefehlshabers 
vollständig entsprechenden Weise. Ohne bei seinem Vormarsch 
dem geringsten Widerstand zu begegnen, entwickelte gegen 1 Uhr 
General Briere seine Infanterie und nahm nach einer einstündigen 
vorbereitenden Kanonade in ununterbrochenem Anlauf, sämtliche 
Werke auf dem Abhang des Truong-Berges und die das Plateau 
desfelben krönenden Forts. Um 4 Uhr war der Feind in voller 
Flucht auf Bac-ninh. 

General Negrier vorsammeltc zunächst seine Brigade vorwärts 
des Forts Doson, dem Dorfe Xuam-Hoa gegenüber. Er entschlofs 
sich gegen die Sperrwerke bei Lag-Buoi zu demonstrieren, seinen 
Haupt-Angriff aber über Xuam-Hoa zu führen und demnächst das 
Sperrwerk von der Flanke zu fassen. Um 9 Uhr Morgens trat die 
Avautgarde der Brigade ins Gefecht, während die Flotille und ein 
Landungs-Detachement langsam stromauf gingen und ihr Feuer 
gegen das Sperrwerk und die dasfelbe auf beiden Ufern stützenden 
Erdwerke richtete. Um 1 1 Uhr draugen die Teten in Xuam-Hoa 
ein und der schon jetzt beginnende Rückzug des Feindes auf Bac- 
ninh wurde unaufhaltsam, sobald das Vordringen der Brigade Briere 
gegen den Truong-Berg fühlbar zu werden begann. Auch das 
Sperrwerk von Lag-Buoi wurde ohne Schwierigkeiten von der 
Flotille und den drei Landungs-Compagnien gewonnen, und an- 
gesichts der Auflösung, in welcher der Feind auf allen Punkten 
wich, sowie der Fortschritte, welche die Kolonne Briere gemacht 
hatte, warf General Negrier sofort einige Truppen gegen das Fort 
und die Stromsperre von Dap-Cau. So war bereits um 4 Uhr die 
Kückzugslinie auf Lang-son dem Feinde verlegt. 

Wenige gegen die Stadt gerichtete Kanonenschüsse genügten, 



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■ 

142 



Die französische Tongking-Erpedition. 



um den letzten Widerstand des Feindes zn brechen, und gegen 
5 Uhr rückten 2 Bataillone ohne Kampf in die Stadt ein. Gegen 
100 Geschütze, eine Krupp'sche Batterie, zahlreiche Hinterladungs- 
Gewehre, Munition und Kartuschen aller Art, sowie eine Menge 
Fahnen fielen in die Hände der Franzosen, welche die Kämpfe von 
Bac-ninh mit dem verschwindend geringen Verlust von 6 Toten, 
25 Verwundeten, zumeist der Brigade Negrier angehörend, bezahlten. 

Die blofse Darstellung der Kämpfe bei Bac-ninh genügt um 
darzuthun, dafs von einem ernstlichen Widerstande der Annamiten 
und Chinesen keine Rede gewesen ist. Sonst hätten die fran- 
zösischen Truppen schwerlich so leichten Kaufes eine Reihe fester 
Positionen, welche mit allen Mitteln moderner Kriegskunst aus- 
gestattet waren, im ersten Anlauf nehmen können. Man kann 
deshalb von einem Kampfe um die Position von Bac-ninh über- 
haupt nicht reden, sondern höchstens von einem Marsch-Manöver, 
dessen Endresultat insofern durchaus kein befriedigendes gewesen 
ist, als der Gegner abermals wie in allen früheren Gefechten entkam. 

Was die Ausführung des vom General Millot geplanten Manövers 
anlangt, so springt zunächst die Zeitdifferenz in den Bewegungen 
der Kolonnen Briere's und Negrier's in die Augen. Wufste der 
Oberbefehlshaber um die Beschaffenheit der Wegeverbindungen süd- 
lich des Kanals, welche General Briere zu seinem Vormarsch be- 
nutzen mufste, so durfte General Negrier nicht am 6. sondern erst 
am 8. aus Hai-dzuong aufbrechen. Wahrscheinlicher ist, dafs 
General Millot die Vereinigung beider Kolonnen schon für den 

9. März geplant hatte, und dafs ihm die Schwierigkeiten, welche 
das langsame Vordringen der Brigade Briere in einem unbekannten 
und unwegsamen Terrain zur Folge hatte, höchst unerwartet kamen. 
Auch in diesem Falle trifft ihn der Vorwurf ungenügender Re- 
kognoszierung, ein sicherlich nicht geringer bei einer Kriegführung, 
bei der, wie in jenem entfernten Gelände die Schnelligkeit der 
Vorwärtsbewegung die erste Vorbedingung des Erfolges ist. 

Die Brigade Briere kam nach fast 4tägiger Irrfahrt schliefslich 
an einem 6 km westlich von demjenigen Orte gelegenen Punkt an, 
welcher ihr als Übergangspunkt über den Stromschnellen- Kanal 
angewiesen worden war. 

Dadurch dafs General Negrier nun zwei volle Tage am 9. und 

10. März auf den Anmarsch Briere's warten mufste, wurden die 
raschen Erfolge der beiden vorhergehenden Tage wieder aufgehoben. 
Denn auch der Feind mufste über die Richtung des geplanten 
Angriffs zu früh aufgeklärt werden und Gegenmalsregeln treffen, 



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Die französische Tongking-Expedition. 



143 



ganz abgesehen davon, dafs eine richtige Benutzung der isolierten 
Lage Negriers am 9. und 10. März durch den Feind leicht zu einer 
Katastrophe für die Kolonne Negrier hätte führen können. — Dafs 
keine dieser ungünstigen Eventualitäten eintrat, und trotz der be- 
gangenen Fehler General Millot's Plan, so wie er beabsichtigt war, 
zur Ausführung kommen konnte, ist sicherlich nicht das Verdienst 
der französischen Heeresleitung. Ebenso wenig werden die Leistungen 
der französischen Soldaten im Kampfe gegen weichliche und kriegs- 
ungeübte Scharen, die sich thatsächlich kaum verteidigten, über- 
schätzt werden dürfen. Anerkennen mufs man dagegen die Leistungen 
des Expeditions -Corps im Überwinden von Strapazen in einem 
mörderischen, tropischen Klima bei schlechter, ungenügender Ver- 
pflegung. 

Die Hauptkräfte des Feindes zogen sich auf Thai-Nguyen *) 
zurück, nur Teile desfelben entkamen auf der direkten Strafse nach 
Lang-son. In beiden Richtungen führten die verfolgenden fran- 
zösischen Truppen in den der Einnahme Bac-ninh's folgenden Tagen 
unblutige Siegeszüge aus. General Briere de l'Isle, welchem die 
Verfolgung auf Thai-Nguyen übertragen wurde, nahm am 16. März 
die Citadelle von Yen-The**) und sprengte dieselbe in die Luft. 
Am 19. eroberte er die von den Chinesen nur schwach verteidigte 
Citadelle von Thai-Nguyen, in welcher eine grofse Menge von 
Munitionsvorräten und Fahnen, sowie 40 Bronce- Geschütze vor- 
gefunden wurden. Die Verteidiger von Thai-Nguyen, angeblich 
4000 Chinesen und 600 Annamiten, zogen auf Caobang und Thuyen- 
Quan ab; doch gab General Briere eine weitere Verfolgung auf und 
kehrte, der Weisung des Oberbefehlshabers entsprechend, nach 
Bac-ninh zurück, woselbst er am 25. März eintraf. In Thai-Nguyen 
wurde eine schwache Besatzung zurückgelassen. 

Die Brigade Negrier, welche in der Richtung auf Lang-son 
folgte, trieb am 15., 16. und 17. März einige Tausend regulärer 
chinesischer Truppen der Provinz Kouang-Si vor sich her und be- 
setzte die auf dem rechten Ufer des Thuong-Giang gelegenen Forts 
von Phn-Lang-Thuong und Phu-Lang-Gian. Der Feind hielt 
nirgends Stand. Eine grofse Menge Waffen und Munition, sowie 
Vorräte aller Art und eine Batterie von 4 Krupp'schen Kanonen 
wurde genommen. Mit so reicher Beute kehrte General Negrier am 
20. März unter Belassung einer kleinen Besatzung in Phu-Lang- 



•) Etwa 70 km nördlich Bac-ninh gelegen. 
»*) 30 km südöstlich von Thal-Ngnyen. 



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144 



Die französische Tongking-Expedition. 



Gian und Phu-Lang-Thuong nach Baonihh zurück. Sämtliche bei 
den Operationen auf Bac-ninh verwendete Kanonenboote und Schiffe 
kehrten nach Hanoi' zurück, wohin der Oberbefehlshaber vorangeeilt 
war, um den Marsch auf Hung-hoa noch vor Eintritt der Regen- 
periode ins Werk zu setzen. Die Erreichung dieses Ziels liefe den 
General Millot von weiteren Verfolgungen des bei Bac-ninh ge- 
schlagenen Feindes als Briere und Negrier sie ausgeführt hatten, 
abstehen, um so mehr als er ein weiteres Vordringen aus dem 
Delta weder seiner Aufgabe noch der Stärke des Expeditions-Corps 
entsprechend erachtete. 

Am 6. April waren beide Brigaden bei Sontay zum Vormarsch 
gegen Hung-hoa versammelt. Dort sollten 4000 Schwarzflaggen 
unter der Führung von Liong-Vinh-Loc und 6000 reguläre chinesische 
Truppen aus dem Vice-Königtum Yünnan versammelt sein und 
einen ernsten Widerstand vorbereiten. Das war Alles, was man 
durch eine frauzösischerseits bereits unterm 11. Februar mit 800 Mann 
unternommene Rekognoszierung, bei welcher einige Schüsse ge- 
wechselt wurden, in Erfahrung gebracht hatte. Die Befestigungen, 
des auf dem linken Ufer des roten Flusses, hart an demselben, etwa 
30 km stromaufwärts von Sontay, gelegenen Orts stehen denen 
Sontay's an Bedeutung nach. Der zwischen beiden Orten, in einer 
Entfernung von 10 km südöstlich von Hung-hoa, nach Süden sich 
abzweigende schwarze Flufs bildet eine Verteidigungs-Barriere, von 
welcher ein kriegsgenbter Gegner wirksamen Gebrauch zu machen 
verstanden haben würde. 

Der in den Tagen vom 7. bis 12. April unternommene Vor- 
marsch des General Millot gegen Hung-hoa, bei welchem die Brigade 
Negrier auf der Strafse von Sontay und dem Damm des roten 
Flusses vorging, während die Brigade Briere de lTsle nach Über- 
schreiten des schwarzen Flusses den Ort von der Seite der Berge 
her d. h. von Südosten umging, führte am 12. April Mittags zur 
Besetzung der Stadt und Citadelle, welche ohne Kampf vom Gegner 
verlassen wurden, nachdem derselbe zuvor die Artillerie fortgeschafft 
und die Häuser in Brand gesteckt hatte. Nur die Artillerie der 
Brigade Negrier that einige Schüsse. Von der Klotille konnten des 
niedrigen Wasserstandes wegen nur 2 Kanonenboote an der kurzen 
Beschielsung Teil nehmen. 

Eine Verfolgung liefs General Millot, da der Feind in vollster 
Auflösung zurückging, nicht eintreten. Die Schwarzflaggen zogen 
sich nach dem Norden Tongking's zurück, während 5000 Chinesen 
und annamitische Rebellen, Reste der Besatzung von Hung-hoa, 



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Die französische Tongking- Expedition. 



145 



durch das Gebirge westlich von Tongking die Provinz Than-hoa 
erreichten. Der franzosische Oberbefehlshaber ordnete die Besetzung 
und Schleifung der Befestigungen von Phu-Lam-Tram (an der Strafee 
von Sontay nach Tuyen-Quan, im Winkel zwischen dem roten und 
dem klaren Flufs gelegen) und Don-yan (an einem Aroyo des roten 
Flusses südöstlich Hung-hoa) an, welche bis zum 21. April auch 
erfolgte, beliefs 2 Bataillone der Fremden - Legion unter Oberst- 
Lieutenant Du Chesne als Besatzung in Hung-hoa und kehrte mit 
dem Rest der Brigade Negrier nach Hanoi* zurück, woselbst sein 
Hauptquartier verblieb. Den General Briere de l'lsle liefs er mit 
seiner Brigade den Day abwärts auf Nam-dinh marschieren und je 
ein Bataillon nach Phu-Ly uud Ninh-Binh detachieren. Diese Be- 
wegungen gelangten, ohne irgend welche Schwierigkeiten bis Anfang 
Mai zur Ausführung und waren somit die Hauptpunkte des Fluls- 
Deltas und das Letztere selbst in französischen Händen. — Das 
militärische Programm der Jules Ferry'scben Regierung konnte 
jetzt als erfüllt gelten. Es handelte sich nur darum die diplomatische 
Lage zu klären.*) — 

V. Der Vertrag von Tien-Tsin. 

Tn den obersten Regierungsbehörden des chinesischen Reiches 
brachten die raschen Erfolge der französischen Waffen gegen Bac- 
ninh und Hung-hoa starke Erschütterungen hervor. Der grofse 
Rat zu Peking versammelte sich und diskutierte über die politische 
Situation, ohne indessen zu einem Einverständnis über die Frankreich 
gegenüber einzuschlagende Haltung zu gelangen. Die Kaiserin- 
Regentin setzte fünf Mitglieder des Geheimen Rates darunter den 
Prinzen Kung, Vater des minorennen Kaisers, der als Führer der 



•) Eine genaue Übersicht der Verteilung der französischen Streitkräfte auf 
dem tongkinesischen Kriegsschauplätze um Mitte April 1884 vermögen wir nicht 
xu geben. Je 4 Bataillone der Brigaden Negrier und Briere befanden sich in 
Hanoi bezw. Nam-dinh, stärkere Detachierungen in den festen Plätzen der süd- 
westlichen Seite des Delta-Dreiecks: Hung-hoa, Sontay, Phu-Ly, Ninh-Binh. Im 
Norden des Deltas war Bac-ninh und Hai-dzuong mit den vorgeschobenen Posten 
von Phu-Lang-Thuong und Phu-Lang-Oian , im Nordosten Quang-Yen und die 
Hafenstadt Hal-phong von französischen Garnisonen verschiedener Stärke besetzt. 
Kleine mobile Kolonnen streiften auf den nach China führenden Strafsen, während 
die Flotüle den ganzen unteren Lauf des roten Flusses, den Kanal der Strom- 
schnellen und den Thai-binh beherrschte und die Verbindung unter den vor- 
genannten festen Plätzen aufrecht erhielt. — Ende Mai wurde noch Tuyen-Quan 
von einem Detachement Turcos und Fremden-Legion besetzt, auch noch dem bald 
nach der Einnahme verlassenen Thai-Nguyen wieder ein Posten vorgeschoben. 



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146 Die französische Tongking-Expedition. 

Kriegspartei galt, ab. Es gewann den Anschein, als ob die Stunde 
erfolgreicher Unterhandlungen für Frankreich in der That jetzt 
schlagen werde und als ob man im Reich der Mitte von der früheren 
Gepflogenheit starrer Passivität abgehen wolle. Das entschiedene 
Vorgehen der französischen Regierung fing an seine Früchte zu 
tragen. — In Folge desseu wurde die Abreise des neuen französischen 
Gesandten am Hofe von Peking, Herrn Patenötre, beschleunigt. 
Ende April schiffte sich der Nachfolger des Herrn Tricon ein, um 
zunächst nach Hue* zu gehen und mit der dortigen Regierung die 
Durchfuhrung des Vertrages vom 25. August 1883 ins Werk zu 
setzen. Nach Erfüllung dieser Mission, durch welche das Protektorat 
Frankreichs über Annam erst effektiv wurde, sollte der Gesandte in 
Hanoi' mit General Millot die Grenzen des französischen Okkupations- 
gebiets feststellen und erst nach diesen Vorbereitungen sich nach 
Shangai begeben, dort die Unterhandlungen mit dem Vicekönig 
des Tschili, Li-Hung-Tschang, einem der Chefs der Friedens-Partei, 
eröffnend. 

Aber noch lauge bevor diese Pläne zur Ausführung gelangen 
konnten, kam es in völlig unerwarteter Weise zu einer Verständigung 
mit dem Reiche der Mitte. Am 29. April erhielt der Contre- 
Admiral Lespes, welcher mit seinem Geschwader nach Besuch der 
Häfen von Amoy und Fou-Tcheou in Shangai eintraf, die Nachricht, 
dafs der Vicekönig des Tschili die Abberufung des Marquis Tseng 
von seinem Pariser Posten als erste Genugthuung für Frankreich 
durchgesetzt habe. Der Admiral war beauftragt, diese Nachricht der 
französischen Regierung zu übermitteln. Zu gleicher Zeit drückte 
der Vicekönig den Wunsch aus, den Fregatten-Capitain Fournier, 
Kommandanten des »Volta«,*) mit dem er während mehrerer 
Monate freundschaftliche Beziehungen unterhalten hatte, in Tien- 
Tsin**) zu sehen, um mit ihm über die Lage zu konferieren. Der 
Kommandant des Volta reiste sofort nach Tche-Fou ab. Schon am 
1. Mai erfolgte China's offizielle Mitteilung von der Ernennung eines 
neuen Botschafters bei der Pariser Regierung. Bis zu dessen Ein- 
treffen sollte Li-Fong-Pao, Gesandter China's in Berlin, das Reich 
der Mitte bei der französischen Regierung vertreten. Letzterer traf 
in der That am 2. Mai in Paris ein. 

Fournier's Unterhandinngen mit dem Vicekönig Li-Hung-Tschang 
nahmen einen so raschen Fortgang, dafs derselbe bereits am 8. und 



•) Stationsschiff in den chinesischen Gewässern. 
**) Tien-Tsin Sommer-Residenz der Kaiserin 100 km südlich Peking. 



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Die französische Tongking-Expedition. 



147 



9. Mai von seiner Regierung Vollmacht zur Abschlielsung einer 
vorläufigen Konvention verlangte, welche allen Ansprüchen Frank- 
reichs Genüge zu leisten verhiefe. Dieselbe wurde unverzüglich 
erteilt, und sonach unterm 11. Mai der Präliminar- Vertrag von 
Tien-Tsin abgeschlossen, dessen Hauptpunkte sich wie folgt zusammen- 
fassen lassen: Von Seiten China's sofortige Räumung Tong- 
king's, innerhalb seiner ganzen natürlichen Grenzen, das 
Versprechen jetzt und in Zukunft die von Frankreich mit 
Annam direkt abgeschlossenen oder abzuschliefsenden 
Verträge zu respektieren, die feierliche Verpflichtung 
für den freien Handelsverkehr zwischen Frankreich und 
Annam einer- und China andrerseits die ganze südliche 
Grenze China's an Tongking, d. h. die drei Provinzen 
Yünnan, Kouang-Si und Kouang-Tong zu eröffnen und 
auf dieser Grenze die Handelsfreiheit und den Zolltarif 
in einer für Frankreich sehr vorteilhaften Weise zu regeln. 
Von Seiten Frankreichs Verzichtleistung auf die pekuniäre 
Entschädigung, mit welcher die Pariser Presse seit den 
Erfolgen von Bac-ninh und Hung-hoa unablässig gedroht 
hatte, und welche nach der Ansicht der Regierung »un- 
bestreitbar und unbestritten«*) war, und das Versprechen 
keinen für das Prestige China's gefährlichen Ausdruck 
bei Abfassung des endgültigen Vertrages anzuwenden, 
welchen es mit Annam abschliefsen werde und der alle 
früheren Verträge aufser Kraft setzen sollte. Sofort nach 
Unterzeichnung dieser Konvention sollten beide Regierungen ihre 
Bevollmächtigten ernennen, welche sich binnen 3 Monaten versammeln 
und endgültig auf Grund vorstehender Festsetzungen verhandeln 
sollten. Von französischer Seite wurde der auf der Reise nach Hue 
befindliche Gesandte bei der kaiserlich chinesischen Regierung, Herr 
Patenötre, hierzu bestimmt. 

Die Räumung der noch von chinesischen Truppen besetzten 
festen Plätze des nördlichen Tongking, Lang-son, Chaobang, That- 
ke" sollte nach näherer Vereinbarung mit dem französischen Ober- 
befehlshaber in der Zeit vom 6. bis 26. Juni erfolgen. Bis zur 
Beendigung der Verhandlungen mit China sollte weder eine Ver- 
ringerung des französischen Expeditions-Corps noch der Kriegsschiffe 
eintreten. **) Zur Bestreitung der ferneren Kosten für die Expedition 

•) So iufserte sich wenigstens des ConseU- Präsident in der Kammer. 
•*) Nur ein Bataiüon Marine-Püsiüere wnrde am 20. Mai anf dem Binh-long 
nach Hadagascar eingeschifft. 



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148 Die französische Tonglring- Expedition. 

verlangte man von den Kammern neue 38 Vi Millionen. Da indessen 
die Rückkehr der Truppen nach Frankreich angebahnt werden 
mufste, so wandte General Millot sich sofort zur Organisation einer 
einheimischen Truppe. Ein Dekret des Präsidenten der Republik 
vom 12. Mai ermächtigte ihn zur Errichtung eines »tongkinesischen 
Tirailleurcorps«, d. h. zweier aus Eingeborenen bestehenden Infanterie- 
Regimenter mit der Bestimmung zur Verteidigung und zur inneren 
Sicherheit der Kolonie zu dienen. Die Organisation der aus 3 Ba- 
taillonen zu vier Compagnien und einer section hors rang bestehenden 
Regimenter ist derjenigen der 1880 errichteten annamitischen Ti- 
railleurs der Kolonie Cochinchina nachgebildet. Sie besitzen einen 
festgesetzten europäischen Cadre, dessen Auswahl bezüglich der 
Offiziere durch den Marine-Minister, bezüglich der Mannschaften 
von den Präfekten der Seebezirke aus der Marine-Infanterie erfolgt.*) 
Letztere wurde dementsprechend um 133 Offiziersstellen (4 Oberste, 
12 Bataillonschefs, 39 Hauptleute, 78 Lieutenants) vermehrt. 

Die Vorteile des Vertrags von Tien-Tsin liegen ganz auf fran- 
zösischer Seite. Frankreichs Protektorat über Tongking und Annam 
ist anerkannt, und drei Grenz-Provinzen des chinesischen Reiches 
sind dem Handel durch Vertrag eröffnet worden. Über die Gründe, 
welche China zu einer so plötzlichen Nachgiebigkeit bestimmt 
haben, lassen sich bis jetzt nur Vermutungen anstellen. Sah China, 
dafs es Frankreich im Ernste nicht entgegentreten konnte, und 
glaubte es, dafs eine Fortdauer der gegenwärtigen Lage Frankreich 
weiter führen und China am Ende noch schwerere Opfer auferlegen 
würde? Wir glauben dies schwerlich. Die leichtfertigen Rufe 
»ä Pe'kin«, welche nach der Einnahme von Bae-ninh sich mehr auf 
den Pariser Boulevards als im Expeditions-Corps selbst vernehmen 
liefsen, haben China ebensowenig einzuschüchtern vermocht. Wahr- 
scheinlicher ist wohl, dafs China sich von England verlassen fühlte, 
welches zu tief in die ägyptischen Wirren verstrickt war, um für 
die tongkinesische Frage Zeit zu haben. Schon nach der Einnahme 
von Sontay hatte Frankreich die englische Einmischung mit voller 
Entschiedenheit zurückgewiesen, wieviel mehr jetzt, wo man die 



*) Der europäische Cadre einer jeden Compagnie umfafst 1 Hauptmann 
2 Lieutenant«, 10 Unteroffiziere; derjenige der Eingeborenen: 2 Lieutenants, 
26 Unteroffiziere, 4 Hornisten, 220 Gemeine. Im Ganzen 5 Offiziere, 260 Köpfe. 
Dies ergiebt für die beiden Regimenter eine Kopfstärke von 120 Offizieren, 
6240 Mann und unter Zurechnung der Regimentsstäbe und der sections bore ran& 
(bei jedem Regiment 7 Offiziere, 14 Mann) 134 Offiziere, 6268 Mann. 



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Die französische Tongking-Expedition. 



149 



Waffen-Erfolge für sich hatte und England's Prestige durch die 
egyptische Frage so tief gesunken war. 

Wie dem auch sei, die plötzliche Aufgabe der von Seiten 
China's bisher mit hartnäckiger Zähigkeit festgehaltenen Ansprüche 
auf Annam-Tongking wurde zu einem Triumph für die Jules 
Ferry'sche Regierung und gab der Expedition einen unerwartet 
schnellen und günstigen Abschluß. Trotz aller begangeuen Fehler 
auf politischem, wie auf militärischem Gebiete, welche wir im 
Verlauf dieser Darstellung kennen gelernt haben, war der Erfolg 
auf Frankreichs Seite und fast hat es den Anschein, als ob mit der 
Annexion des Tongking — wie man das französische »Protektorat« 
richtiger bezeichnen wird — der Grundstein eiues französischen 
Kolonial-Reichs in Hinter-Indien gelegt sei, und damit der zu 
Eingang dieser Darstellung als Lieblingstraum der französischen 
Kolonial-Politik bezeichnete Plan sich seiner Verwirklichung nähere. 

Passen wir schliefslich noch die nächsten Konsequenzen der 
französischen Okkupation des Tongking ins Auge. Die militärische 
Besetzung der Haupt-Bollwerke des Deltas: Hanoi mit der schützenden 
Flankensteilling von Bac-ninh und Hai-dzuong, und Nam-dinh mit 
Phu-Ly und Ninh-binh allein, wird auf die Dauer keineswegs 
genügen. Um in Tongking thateächlich die bewohnte und kultivierte 
Gegend des Deltas beschützen zu können, wird es unumgänglich 
notwendig sein, in genügendem Abstände von dieser Zone jene Punkte 
zu besetzen, welche an sich wenig zahlreich und in einer fast 
unbewohnten Waldgegend zwischen Frankreich und China angelegt, 
die Verkehrslinien beherrschen. Früher oder später wird sich die 
Besetzung von Lang-son, Cao-bang und Lao-kai als eine notwendige 
Mafsregel der Pacificierung und der Defensiv-Politik anfdrängen. 
Die von China stets beanspruchte neutrale Zone zwischen seinen 
Grenzprovinzen und Tongking hat die Natur selbst zwischen jene 
Grenzen gelegt. Die genannten Orte bilden die Schlüssel zu den 
chinesichen Provinzen, und es wäre nach dem früheren Vorgehen 
der Mandarinen des himmlischen Reichs die höchste Naivetät, 
wollten die Franzosen sich diese Schlüssel nicht reservieren. Ein 
Blick auf die Karte genügt, um die Ausdehnung dieses Okkupations- 
Gebiets zu erkennen*) und die Kräfte zu bemessen, welche zur 
wirksamen Besetzung dieser entlegenen Punkte notwendig sind. 
Das ist es aber grade, was China bezweckt, und Marquis Tseng 



*) Lang-son und Cao-bang sind von Bac-ninh etwa 100 km, Lao-kaT von 
Hanoi beinahe 230 km entfernt. — 

JahrfctoW fftr dto Dtitaek* AiMt und Murin». B4 LH.. 2. j [ 



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150 



Die französische Tongking-Expcdition. 



spielte offenbar seiner Zeit auf jene Verlegenheiten an, als er von 
der Resultatlosigkeit sprach, welche selbst ein laugjähriger Kampf 
um das nordliche und nordöstliche Tongking im Gefolge haben 
würde. Ist die französische Okkupation einmal so weit gelangt, 
dann hat der schlaue Gegner einen negativen Erfolg in der 
Schwächung des Kindes erreicht. Es tritt dann in verstärktem 
Mafse das Verhältnis der Hülflosigkeit einer fremden, in so aus- 
gedehnten Gebieten operierenden Armee und dem in seinen Rückzugs- 
dispositionen nirgend und zu keiner Zeit behinderten Gegner hervor. 
Nichts hindert die Chinesen in jener von undurchdringlichen Wäldern 
und Sümpfen bedeckten Gegend ihr früheres Spiel von Neuem zn 
wiederholen.*) Ganz ähnliche Verhältnisse bestanden seiner Zeit in 
Algier, wo der Okkupatiouskrieg fast ununterbrochen 2 Jahrzehnte 
gewährt hat* Und doch stand hinter den Kabylen und Arabern 
nicht einmal eine grofse Macht, wie hinter den chinesischen Partei- 
gängern, welche die Franzosen in Tongking bekämpfen! 

In diesen Schwierigkeiten liegt die schwache Seite, die offene 
Wunde der französischen Erfolge. Zn ihrer Bekämpfung gehört in 
erster Linie die Schöpfung eines starken einheimischen Kontingents, 
denn die französischen Marine -Truppen werden trotz der bevor- 
stehenden Vermehrung solchen Anforderungen nicht gewachsen 
sein. — Die wichtigsten öffentlichen Verwaltungszweige auf einer 
festen Grundlage zn organisieren, wird eine fernere Aufgabe der 
Okkupation bilden, für deren Lösung man den Franzosen mehr 
Geschick wünschen möchte, als sie anderweitig im Algerien bewiesen 
haben. Zur Zeit ist von der Einsetzung eines Mi nister -Residenten 
in Hue' und eines Militär-Gouverneurs in Hanoi' die Rede, und wurde 
für letzteren Posten Admiral Courbet genannt. 

Wenn schließlich französische Blätter sich der Hoffnung hin- 
geben, dafs das Budget Tongkings in 2 Jahren 100 Millionen Ein- 
nahmen aufweisen wird, so erscheint diese Hoffnung etwas sanguinisch; 
die mit Cochiuchina gemachten Erfahrungen berechtigen zu einer 
solchen Voraussetzung keineswegs. 

») Bekanntlich ist es mittlerweile zwischen Franzosen und Chinesen hereits 
zu einem neuen Zusammenstofse gekommen, doch scheint dieser Zwischenfall seine 
Regelung auf diplomatischem Wege zu finden. 



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Die theoretische und praktische militärische Vorbildung etc. 



151 



Die theoretische und praktische militärische 
Vorbildung, sowie die weitere militärische 
Ausbildung der russischen Kavallerie-Offiziere. 

Bearbeitet 

von 

Trost, 

Pramicr-LtottMMAnl im Inf.-Itogt Kr. 71. 



(Schlafs.) 

Zwei Umstände wirken hanptsächlich nachteilig und hemmend 
auf die angestrebte Fortbildung der russischen Kavallerie-Offiziere: 
Einmal die immer noch vorhandene gröfeere Zahl in anderen Grund- 
sätzen erzogener älterer Offiziere, die dieser neueren (man nennt 
sie in Russland vielfach »deutschen«) Richtung keinen Geschmack 
abgewinnen können, und zweitens: Die höchst ungünstigen Garuison- 
verhältnisse, welche einer Vereinigung der Offiziere zu wissenschaft- 
lichen (und geselligen) Zwecken oft unüberwindliche Hindernisse 
entgegensetzen. Selbstverständlich läfet sich in Garnisonen wie 
Petersburg, Moskau, Kiew, Odessa u. a. m. manches erreichen. Wie 
steht es aber z. B. mit den an der russischen Westgrenze garni- 
sonierenden Regimentern? »Von nnsern Dragoner-Regimentern« — 
heiüsts in einer russischen Korrespondenz der »Internalionalen Revue« 
— »stehen in den an sich schon erbärmlichen Stabsgarnisonen, in 
denen sich die Räume für die Offiziersvereinigungen befinden, bezw. 
befinden sollen, meistens nur eine Schwadron, höchstens zwei. Die 
übrigen liegen auf 20 — 30 Werst in Dörfern zerstreut. Wie sollen 
die Offiziere derselben es möglich machen, ein- oder, wie es jetzt 
verlangt werden soll, zweimal in der Woche zu den Offiziers- 
versammlungen nach der Stabs- Garnison zu kommen? Zumal im 
Winter bei den fürchterlichen Wegen werden derartige Reisen um 
so unausführbarer sein, als sie viel Zeit in Anspruch nehmen, und 
die Offiziere zur Abhaltung des jetzt so sehr gesteigerten Dienstes 
in den Cantonnements nicht abkömmlich sind.« 

U» 

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152 



Die theoretische u. praktische miüt. Vorbildung, sowie die 



»Zwar bessern sich beide beregten Übelstände allmählich, aber 
der Fortschritt ist doch nur ein sehr langsamer und für eine ge- 
raume Zeit wird daher, wie ich glaube, auch bezüglich eines sicht- 
baren Fortschrittes in wissenschaftlicher Beziehung noch das Wort 
gelten, Wünsche lösen Wünsche ab.« 

Dafe augenblicklich in Russland selbst die Frage der besten 
Ausbildungsmethode noch keineswegs gelost ist, dafe man noch 
wankt und schwankt, und oft bei dem Greifen nach Besserem das 
Gute aus der Hand läfst, mag nachfolgende, dem »Russischen In- 
validen« entnommene, Darstellung näher beweisen. 

»Nicht eine Waffengattung mehr befindet sich in einer so 
unbestimmten Lage über das System ihrer Ausbildung, wie die 
Kavallerie. Während bei der Infanterie, der Artillerie und den 
Ingenieurtruppen sowohl die Elementar- Ausbildung, wie auch die 
Ausbildung zum Gefecht mehr oder minder feststehen, und nur 
Einzelnfragen zu den noch umstrittenen gehören, bilden bei der 
Reiterei die Fragen: »Was soll gelehrt werden?« und »Wie soll 
es gelehrt werden?« den Gegenstand der lebhaftesten Polemik und 
rufen diametral gegenüberstehende Schlüsse hervor. In der Haupt- 
sache erklärt sich dieses dadurch, dafs man sich über die Thätigkeit 
der Kavallerie und ihre Bewaffnung immer noch niebt genügend im 
klaren ist. Noch vor gar nicht langer Zeit war eine nicht geringe 
Zahl von Militärs, und darunter auch Kavalleristen, der Meinung, 
dafs auf dem Gefechtsfelde für die Reiterei kein Platz mehr sei, 
dafs ihre Thätigkeit sich auf deu Aufklärungs- und Sicherungs- 
Dienst, sowie Unternehmungen im Rücken des Feindes zu beschränken 
habe. Die jüngsten Kriege aber haben gelehrt, dafe eine unter dem 
Einflnls solcher Anschauungen erzogene und nach früherer Art be- 
waffnete Reiterei, nicht in der Lage ist, viel Nutzen zu bringen und 
in keinem Falle die Opfer deckt, welche sie für ihre Unterhaltung 
fordert. Dann wurden Stimmen laut für eine mehr aktive Thätig- 
keit der Kavallerie; mit dem Hinweis auf neue, sich ihr bietende 
Ziele verlangte man auch eine auderweite Bewaffnung, und weil der 
Charakter der Thätigkeit einer Truppe in hohem Mafse von der 
Eigenschaft der in ihren Händen befindlichen Waffe abhäugt, so 
liegt es auf der Hand, dafs dieser eine Umstand eine ganze Reihe 
von Fragen bez. des Ausbildungssystems der Reiter hervorrief, Fragen, 
welche bisher nicht nur noch nicht alle gelöst sind, sondern vielfach 
sogar noch ihrer eingehenden Erörterung harren.« 

Der Verfasser obigen Artikels geht nun zur weiteren Darlegung 
seiner Ansicht über einige ihm streitig scheinende Punkte über, 



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weitere milit, Ausbildung der rass Kavallerie-Offiziere. 



153 



indem er sich hierbei »auf die Meinungen einiger erfahrener 
Kavalleristen stützt, die auf Grnud ihrer bei der Ausbildung der 
Gardekavallerie gemachten Erfahrungen ihm beistimmen.« Das 
Ungenügende der augenblicklichen Praxis würde oft so fühlbar ver- 
anschaulicht, sagt er, dafs die älteren Com mand eure sich Mühe 
gäben, zu einer allgemeinen Verständigung und zu einer bestimmten 
Festsetzung die Grundprinzipien und Ausbildungsmethoden zu ge- 
langen; nach den kompetenten Meinungen vieler solcher Persönlich- 
keiten habe er die seinigeu gebildet, und stelle sie so der Erwägung 
der Leser anheim. 

Aus dem sich auf die Sommerthätigkeit der gesamten russischen 
Reiterei beziehenden Artikel greife ich nur das über die Beschäftigungen 
mit den Offizieren heraus. 

Es heifst darüber: Die Frage, wie sich das Niveau der 
taktischen Kenntnisse der Offiziere heben lasse und die Einsicht, 
dafe es notwendig wäre, hierfür etwas zu thun, erlitt den haupt- 
sächlichsten Anstofs vor 13 Jahren unter dem Einflufs der Siege 
Deutschlands, der Siege, »die man zum grofsen Teil dem taktischen 
Verständnis der deutschen Offiziere zuschrieb, ihrer Fähigkeit, ihre 
Truppen im Gefecht zu führen.« Seit dieser Zeit gingen die An- 
strengungen der höchsten nnd hohen Führer in der russischen 
Armee dahin, in den jungen Offizieren gute Taktiker zu erziehen; 
die Bestrebungen einzelner Persönlichkeiten kamen d"U Wünschen 
der Armeeleitung entgegen, und so entstand denn bald eine ganze 
Sammlung von Befehlen, Büchern, kartographischen und auderen 
Hülfsinitteln, welche alle diesem Zwecke dienen sollten. »Fügt man 
hinzu, dafs vielfach die höchstge.stellten Persönlichkeiten sich lebhaft 
für diese theoretischen Beschäftigungen der Offiziere erwärmten, so 
sollte man meinen, dafs diese Frage entschieden und zur endgültigen 
Lösung gebracht sein niüfste, dafs es nur noch darauf ankäme, das 
Geschaffene auch zu erhalten und die reichen, mit so vieler Mühe 
und Ausdauer grofe gezogeneu Früchte einzuheimsen. Thatsächlich 
aber zeigen die praktischen Resultate nichts Ahnliches, und man hat 
Grund, an dem Nutzen alles Geschaffenen und an dem richtigen 
Aufbau der Sache vollständig zu zweifeln. Dieses zeigt sich sowohl 
in der grundverschiedenen Meinung der einzelnen Commaudeure bez. 
des Charakters, des Umfangs und der Methode dieser Beschäftigungen, 
wie auch in der — trotz allen anscheinenden Erwärmtseins für 
die Sache — immerhin nur formellen Hinneigung zu ihr, welche 
demnach in dem ganzen System der Truppenausbildung bis heute 
ein rein äußerliches Moment darstellt, ohne jeden ernsten Einflufs.« 



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154 



Die theoretische u. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



Auf die Gründe eingehend, welche wohl die Veranlassung zu 
dieser unerfreulichen Thatsache seien, meint der russische Verfasser, 
sie müfsten — da auch die französische uud die österreichische 
Armee noch dabei seien, eine ganz ähnliche Krisis zu überstehen 
— eine allgemeine Veranlassung haben, nicht in irgend welchen 
nur speziell der russischen Armee eigentümlichen Bedingungen 
liegen. »Den Grund in Schwierigkeiten zu suchen, welche der 
Gegenstand als solcher bietet, ist ungereimt, dieser ist vielmehr 
nicht schwer und in seiner Hauptsache sogar höchst einfacher 
Natur, fürs Zweite hat es die russische Armee aber auch schon oft 
verstanden, sich ihr von Allerhöchster Stelle gestellten schwierigen 
Aufgaben mit Ehren zu entledigen.« Es wird an den peinlichen 
Gamaschendienst früherer Zeit erinnert, wo es gelang, jeden einzelnen 
Mann in einen Automaten zu verwandeln, der »in Verrichtung seiner 
Bewegungen in Bezug auf Genauigkeit und Regel mäfsigkeit dem 
Mechanismus einer Uhr nicht nachstand«, es wird hingewiesen auf 
die Leistungen im Turnen, und — um diejenigen Stimmen zum 
Schweigen zu bringen, welche sagen, diese Dienstverrichtungen wären 
fast ausschliefelich eine mechanische Arbeit gewesen, die keine 
geistige Anstrengung erfordert, und die Notwendigkeit mehr oder 
minder schwieriger Betrachtungen ausgeschlossen hätte, — auf die 
heutige Ausbildung im Schieisdienst. »Solche Erfolge wurden erzielt, 
weil einmal die Unterrichtsmethoden genau ausgearbeitet waren und 
auf rationellen Grundlagen beruhten, weil ferner haarscharf und 
streng feststand, was für die Praxis gefordert wurde, und weil 
schliefslich nicht theoretische Abhandlungen über einen Gegenstand 
gefordert wurden, sondern dieser selbst, wobei der Offizier wutste, 
dafs gute Resultate in dem einen oder anderen Dienstzweige von 
Einflufe waren auf die Beurteilung seiner militärischen Brauch- 
barkeit.« 

Es liegt mir nun zwar durchaus fern, gegen den russischen 
Herrn Verfasser polemisieren zu wollen, um aber dem: »qui tacet, 
consentire videtur« zu begegnen, möchte ich mich dahin aussprechen, 
dafe nach meinem Dafürhalten die von ihm angeführten Leistungen 
im Gamaschendienst, im Turnen und Schicfseu noch lauge keine 
Gewähr bieten für ähnliche Leistungen auf geistigem Gebiete. 
Ich meine, dafs dieses kühl ablehnende Verhalten gegen die »Theorie«, 
oder, wenn wir das Kind hier bei richtigem Namen nennen wollen, 
gegen die »geistige« Arbeit heute nicht mehr am Platze ist; die 
Zeit der Haudegen ist vorüber. Zwar geht für den Soldaten auch 
heute noch und immerdar, das Probieren über das Studieren, aber 



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weitere railit Aasbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



155 



ganz ohne letzteres kommt er denn doch nicht ab, und nur dasjenige, 
was der Offizier in oft angestrengter Thätigkeit in seinem »Arbeits- 
zimmer« sich zum geistigen Eigentum gemacht hat, ist ein Kapital, 
über das er auf dem grünen Felde jeden Augenblick verfügt und 
hier durch richtige Anordnungen und Befehle so zu sagen in bare 
Münze umsetzt. Theorie und Praxis sind bei unserm heutigen 
Kriegswesen unzertrennbar; nicht nebeneinander, sondern miteinander, 
Hand in Hand müssen sie gehen, soll Ersprießliches geleistet werden, 
und deshalb glaube ich, dafs bevor nicht dieses geistige Mitarbeiten 
mehr Gemeingut aller russischen Offiziere, hier speziell derjenigen 
der Kavallerie geworden ist, die beregten Übungen nie einen ge- 
deihlichen Fortgang nehmen, vielmehr immer ein totgebornes Kind 
bleiben werden. 

Sehr richtig stellt der russische Artikel dann weiter die be- 
kannte Wahrheit als Unterlage für die folgenden Betrachtungen hin: 
dafe ein gewandtes Führen von Truppen im Kampfe, sowie die 
Losung taktischer Aufgaben im Terrain, nicht so sehr reines 
Wissen, als vielmehr Können sei. Um es hierin aber zu einem 
möglichst hohen Grade der Vollkommenheit zu bringen, sind 
erforderlich: zuerst die gehörige theoretische Vorbereitung, und 
dann die Übung im Gebrauch von Truppen nach Lage 
der Verhältnisse. 

Erstere, die theoretische Vorbereitung, wird aber nun wieder 
völlig in die Schule verwiesen. 

»Die Theorie wird methodisch unter Leitung hierzu ausgebildeter 
Spezialisten erlernt; sie wird in einer folgerechten Ordnung vor- 
getragen und ihr Studium durch eine ganze Reihe, systematisch 
ausgeführter, praktischer Übungen unterstützt. Es ist klar, dafs 
dieser Teil der Ausbildung also nur der Schule angehören kann, die 
dementsprechend organisiert und dazu fähig gemacht ist, nie aber 
der Truppe, deren Aufgabe eine ganz andere ist, und die gar keine 
Mittel hat zur Einrichtung systematischer Kurse behufs Unter»- 
Weisung in den verschiedenen Zweigen der allgemeinen militärischen 
Ausbildung. Wenn bei uns die Theorie hinkt, so ist es erforderlich, 
die Aufmerksamkeit auf die Schule zu lenken, diese zu vervoll- 
kommnen, nicht aber soll man die Armee in ein Netz von Schul- 
anstalten verwandeln, um hier mit den der Schule entwachsenen 
Offizieren Kurse von Schulvorträgen zu wiederholen.« 

»Aufgabe des Truppenteils ist es, den Offizieren Gelegenheit 
zu geben, sich das praktische Können, die Kunst in der Führung 
von Truppen anzueignen, von der vorher gesprochen worden«, sagt 



156 Die theoretische u. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



der russische Autor weiter. »Um nun sowohl in den Offizieren, wie 
auch in den Commandeuren das Interesse zu erwecken daran: die 
einmal erworbenen Kenntnisse sich zu erhalten und sich in der 
praktischen Fertigkeit immer mehr zu vervollkommnen, [und in dem 
»Interesse« liegt ja der Kern der Frage], ist es notwendig, den 
Forderungen eine streng praktische Bedeutung beizulegen, d. h. die 
taktischen Beschäftigungen mit denen des Felddienstes zu verbinden. 
Dann wird es einem tüchtigen Offizier ebensowenig einfallen, bei 
diesen zu fehlen, wie es ihm jetzt in den Kopf kommt, selbst von 
den weniger wichtigen Dienstzweigeu fort zu bleiben wenn er nur 
weife, dals auch diese von den höheren Vorgesetzten bei den Be- 
sichtigungen und bei anderen passenden Gelegenheiten streng kon- 
trolliert werden, und dafs die hierin erzielten Resultate von Einflufs 
auf sein Dienstzeugnis sind.« 

Diesen seinen Ansichten entsprechend, verlangt der russische 
Autor, dafs die Beschäftigungen mit den Offizieren in der Haupt- 
sache in die Sommerperiode hineinverlegt und mit Truppen aus- 
geführt werden sollen, was letzteres sich schon allein aus den 
Forderungen des Dienstes ergäbe, da das Handeln einen Offizier 
verlange, der die Taktik nicht nur kenne, sondern die allgemeinen 
Grundsätze derselben auch auf den vorliegenden Fall anzuwenden 
verstehe, oder, besser gesagt, seine Truppe in allen Kriegslagen 
umsichtig zu gebrauchen wisse. 

Auch die Schule würde nicht unterlassen, ihre Zöglinge in dem 
Gebrauch wirklicher, und nicht nur durch Steinchen markierter, 
Truppen zu üben, vorausgesetzt, dafs sie über erstere verfügte. »Es 
ist daher sonderbar, dafs man den Offizier auf den Standpunkt des 
»Steinchen schiebenden« Schülers zurückversetzt, wo er doch lebende 
Truppen befehligen kann mit allem Nutzen und aller Kraft des 
Eindrucks, den ein wirklich auegeführtes Manöver hervorruft.« 

»Auch darf nicht übersehen werden, wie General Dragomirow, 
[der Direktor der Nicolaus-Generalstabs-Akademie und, wie bekannt, 
der hervorragendste Vertreter der altrussischen Richtung, im Gegen- 
satz zu der in der Armee auch viele Anhänger zählenden neu- 
russischen, auch wohl als »fremdländisch« bezeichneten Richtung. 
D. V.j sich über diesen Gegenstand iiufsert. Nach seiner Ansicht 
besteht die Aufgabe der Erziehung und Ausbildung der Offiziere in 
dieser Hinsicht darin, dafs sie: 

1) verstehen, die ihnen anvertrauten Truppen fest in der Hand 
zu behalten, dieselben zu gebrauchen, sie »herumzuwerfen«, so, wie 
es ihnen gerade beliebt; 



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weitere milit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



157 



2) Entschlußfähigkeit besitzen; 

3) es verstehen, einen gefafsten Entschluß mit eiserner Energie 
auch wirklich zur Aasführung zu bringen. Und da die taktische 
Ausbildung der Offiziere doch darauf gerichtet ist, sie in Lösung 
von Aufgaben des Krieges zu üben, so mufs auch schon das ganze 
System dieser Ausbildung die Entwicklung der eben genannten 
Fähigkeiten unterstützen.« 

»Es versteht sich von selbst, dafe man nur durch praktische 
Übung in der Truppenführung diesen Forderungen nachkommen 
kann, nicht durch Nachgrübeln über Pläne. Schnelligkeit des 
Entschlusses, energisches Kommando, gewandte Verwendung der 
Truppe, das Verstehen beim entscheidenden Schlage die Ordnung 
in der Truppe zu erhalten, Kühnheit der Ausführung u. s. w., alles 
dieses fällt fort bei der Lotung von Aufgaben auf Plänen. Da 
bildet eine kunstvolle Motivierung der gefafsten Entschlüsse, das 
Verständnis seine Gedanken zu entwickeln, pedantische Richtigkeit 
des Entschlusses u. a. die Hauptsache, d. h. also dasjenige, was 
in der Wirklichkeit entweder gar keine Bedeutung hat, oder doch 
nur in sehr begrenztem Umfange, da das Endresultat nicht allein 
durch einen richtig und gut gefafsten Entschlufs erreicht wird, sondern 
mit abhängig ist davon, ob dieser Entschlufs nun auch richtig, vor 
Allem energisch, zur Ausführung gebracht wird. Erkennt man die 
Richtigkeit des eben Gesagten an, so mufs man auch zugeben, dafe 
die praktischen Übungen mit den Offizieren im Sommer an erste 
Stelle gesetzt werden müssen, die Winterübungen dagegen hinter 
ihnen zurückzustehen haben, oder mit anderen Worten: man mufs 
ein System befolgen, das dem heutigen gerade entgegengesetzt ist.« 

Ich bin absichtlich auf diese etwas langatmige russische Aus- 
einandersetzung eingegangen, um zu zeigen, worin man in den 
russischen beteiligten Kreisen vielfach die Gründe für die beregten 
Mifserfolge sucht. Sollten dieselben aber nicht weniger in der 
»verdammten Theorie«, als darin liegen, dafs die bisher von den 
Junkerschuleu mitgebrachten taktischen Kenntnisse zu schwache sind, 
um darauf weiter bauen zu können? Ist nicht vielleicht der Mangel 
an solchen Offizieren, die es verstehen diese Übnngen in anregender 
Weise zu leiten, mehr Schuld an dem Unbefriedigtsein der Truppen- 
offiziere, als die bisher eingeschlagene Methode, d. h. wirkt nicht 
weniger die Methode, als der Umstand hemmend, dafs man sie 
nicht richtig anzuwenden versteht? — Der nissische Artikel 
stellt diese Frage nicht, dafs aber die Auffassung, welche sein Ver- 
fasser von dem Nutzen derartiger »theoretischer Beschäftigungen« 



158 



Die theoretische u. praktische railit. Vorbildung, sowie die 



hat, doch eine, wie mir scheinen will, allzu beengt« ist, mag aus 
dem Weiteren hervorgehen. 

Keineswegs wolle er, so drückt er sich aus, den Nutzen ab- 
leugnen, welche solche taktischen Winterbeschäftigungen mit sich 
brächten. Selbstredend sei es Pflicht eines jeden Commandeurs, 
der bei diesem oder jenem seiner Offiziere mangelhafte taktische 
Kenntnisse bemerke, nach Kräften dazu beizutragen, solche Unzu- 
länglichkeiten abzustellen. Die richtigen Mittel hierzu zu finden, 
sei aber lediglich Sache des für das Wohl seiner Offiziere nach 
jeder Richtung hin verantwortlichen Commandeurs. Mag er ihnen 
den Gegenstand bezeichnen, in welchem ihm eine Vervollkommnung 
notig erscheint, und die Hilfsmittel dazu angeben, oder lais er, 
wenn er es für notwendig hält, die Beschäftigungen selbst zu leiten, 
die sich schwach erweisenden Offiziere versammeln und sich mit 
ihnen speziell abgeben, »aber es ist nicht angebracht, dafs sich die 
höheren Vorgesetzten, zum Nachteil für die Selbstständigkeit des 
Commandeurs, in diese Dinge mischen; sie haben vielmehr nur bei 
den praktischen Übungen zu prüfen, welche Kenntnisse sich die 
unterstellten Offiziere in der »Elementar-Taktik«, den Reglements, 
Instruktionen u. s. w. angeeignet haben, und ihre Ansichten hier- 
über in entsprechender Weise kuudzuthuu, die alsdann den Com- 
mand euren als Anhalt für die Winterbeschäftigungen zu dienen 
haben. c 

Wie anders fassen zum Segen für die Armee hiergegen unsere 
höheren Offiziere den ihnen zustehenden Einflufs auf die geistige 
Entwicklung des Offizier-Corps auf, in welch hingebender Weise 
übernehmen es deren viele, den Offizieren ihrer Brigade oder Division 
durch geistreiche, anregende Beschäftigung mit ihnen zu zeigen, 
»wie« man zu arbeiten habe, um sich möglichst gründliche voll- 
kommene Kenntnisse anzueignen. Nicht also, dafs sie nur sagten, 
dieses oder jenes verlange ich, und so oder so verlange ich es, 
nein, sie lassen sich die Mühe nicht verdriefsen, ihren Untergebenen 
aus dem reichen Schatz eigner Erfahrungen und Kenntnisse die 
Mittel und Wege an die Hand zu geben, die man zu benutzen hat, 
um sich am Schnellsten und Besten das anzueigneu, was sie ver- 
langen. So flechten sie bei den Kriegsspielen oder sonstigen 
winterlichen Beschäftigungen ein geistiges Band mit ihren Unter- 
gebenen und erreichen dadurch, dafs wo diese dann im Sommer auf 
grünem Feld oder auch vor dem Feinde von dem Vorgesetzten 
einen Befehl erhalten, dieser aufgefafst und ausgeführt wird: nicht 
in toter Weise, nur seinem Wortlaute nach, sondern in dem Sinne 



■ 

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weitere milit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



159 



und Geiste des Befehlshabers, der ihn erteilte. Da kommt dann 
das geistige Zusammenleben zwischen Vorgesetzten und Untergebenen 
zum Ausdruck, und ersterer erntet, was er gesäet, er zieht den 
Nutzen daraus, dafs er seiner Untergebenen geistige Thätigkeit 
nicht nur belebt und gefördert, sondern auch jenes Band gewoben 
hat, das, unsichtbar, ihn mit den Vollziehern seiner Anordnungen 
verbindet! Eine solche Gemeinschaft kann aber nicht anbefohlen 
werden, sie ist vielmehr immer nur das Produkt gemeinsamen 
geistigen Wirkens und Schaffens, das Resultat gemeinsamer Arbeit, 
nicht das Ergebnis auch noch so vieler Inspizierungen! 

Folgen wir dem russischen Autor nun weiter und zwar bei 
Beantwortung der von ihm aufgeworfenen Frage: Worin sollen die 
praktischen Beschäftigungen der Offiziere bestehen, und in welcher 
Aufeinanderfolge sollen sie geführt werden? Auch hier wird wieder 
auf General Dragomirow als Autorität zurückgegriffen, der »das 
Unzulängliche des russischen Manövrierens umständlich auseinander- 
gesetzt und das Fehlen eines rationellen, pädagogischen Verfahrens 
dargelegt habe.« 

Während nämlich, sagt der Autor, alle anderen Übungen der 
Truppen nach genau ausgearbeiteten Methoden geleitet werden, 
wobei jeder Gegenstand der Übung in seine Grundelemente zerlegt 
und in seinen einzelnen Teilen gelehrt wird, werden die Offiziere 
bei den taktischen Felddienst-Übungen gleich vor sehr komplizierte 
Aufgaben gestellt, denen die sämtlichen Bedingungen eines Kampfes, 
den man als ein unzertrennliches Ganze ansieht, zu Grunde gelegt 
werden, und doch setzt sich schon ein ganz einfaches Manöver aus 
solchen und so vielen Elementen zusammen, dafs ein jedes einzelne 
derselben vorher notgedrungen erlernt werden mufs. So müfste 
man, bevor man zu manövrieren beginnt, die Offiziere und auch 
die Truppen mit den Aufgaben jeder einzelnen Waffengattung und 
den Beziehungen zu einander bekannt machen, sie das Verfahren 
beim Angriff, bei der Einnahme sowie bei der Verteidigung einer 
Stellung lehren, u. s. w., u. s. w., und dann erst zu schwierigeren, 
zu Übungen mit verbundenen Waffen übergehen. Alles dieses, 
einmal gezeigt und an Ort und Stelle mit den Truppen durchgemacht, 
eignet sich besser an und behält sich leichter, als wenn dasfelbe 
zwanzig Mal auf dem Plane ausgeführt wird. 

Auf ein, die Ausbildung der Compagnie und des Bataillons 
behandelndes Werk (Dragomirow's?) verweisend, sagt der russische 
Verfasser, die hieriu dargelegten Gedanken gelten auch für die 
Kavallerie. Selbstverständlich hätte in dem grofsen Gebiete der 



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Die theoretische u. praktische milit. Vorbildung, sowie die 



Taktik eine jede Waffengattung noch ihre speziellen Zweige der 
taktischen Ausbildung, und so müfsten mit der Kavallerie noch be- 
sondere Übungen vorgenommen werden, a) um sowohl die Truppen, 
als auch ihre Offiziere in dem weitesten Umfange zu einer weit 
ausholenden Aufklärungsthätigkeit befähigt zu machen; b) um sie 
an weitgehende Uberfälle, namentlich mit strategischen Zwecken, 
zu gewöhnen; c) um die Kavallerie in Reiteraugriffen auf die In- 
fanterie zu üben u. s. w. Es wird nun weiter ausgeführt, in 
welcher Weise schon bei den Escadrons-, namentlich aber bei den 
Regimentsübungen auf die Ausbildung der Offiziere zu wirken wäre, 
und wie sich die Divisions-Comiuandeure durch besondere Aufträge, 
welche sie den Offizieren erteilten, von deren taktischen Kenntnissen 
überzeugen sollten. Bei der Garde-Kavallerie werde schon seit 
Jahren bei Besichtigungen seitens der Divisons-Commandeure bei- 
spielsweise in nachfolgender Art verfahren: 

1) Einem Offizier wird irgend ein unzureichender, unklarer 
Befehl erteilt; der Vorgesetzte sieht nun, ob der Betreffende ihn 
um Erläuterungen bittet, oder ob er, ohne weiter viel zu fragen, 
davonjagt; dann überzeugt sich der Vorgesetzte, wie ein solcher 
Befehl übermittelt und wie er ausgeführt wird; 

2) dem Offizier wird auf der Karte ein Punkt bezeichnet, 
nach welchem er seine Schwadron, sein Regimeut auf dein kürzesten, 
oder auf dem am besten gedeckten Wege, hinführen soll; unter- 
wegs wird er über die Stelle befragt, an welcher er sich augen- 
blicklich befinde; 

3) um die Geistesgegenwart und die Auffassungsgabe zu prüfen, 
wird die Mitteilung gemacht, der Feind erscheine plötzlich in einer 
bestimmten Richtung, und verlangt, der Offizier solle sich sofort 
entscheiden, was er thun wolle, und dieses in Ausführung bringen; 

4) es wird eine kleine Abteilung formiert, und dem Offizier 
der Auftrag der Rekognoszierung eines Dorfes, einer Waldlisiere u. s.w. 
erteilt, mit schriftlichem oder mündlichem Bericht; 

5) eine Schwadron erhält den Auftrag zur Aufstellung einer 
Kette von Vedetten und Entsendung der nötigen Patrouillen behufs 
Sicherung eines bestimmten Abschnitts; 

6) Angriff einer Schwadron auf eine Batterie, mit und ohne 
Bedeckung. Heraushauen einer Batterie, die vom Feinde angegriffen 
wird, oder deren Geschütze er schon genommen hat; 

7) Passieren eines Defilees in der Nähe oder unter dem Nach- 
drängen eines Feindes; 



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weitere milit. Aasbildung der russ KaYallerie-Offiziere. 161 

8) Verteidigung und Angriff eines bestehenden Terrainab- 
schnittes. — 

Diese kurze Blumenlese von Aufgaben wird genügen, um dem 
Leser einen Einblick in den Stand der taktischen Ausbildung des 
russischen Kavallerie-Offiziers und, in Verbindung mit dem früher 
Gesagten, im Urteil über die taktische Leistungsfähigkeit desfelben 
zu ermöglichen. 

Eine allzu hohe ist dieselbe jedenfalls nicht, und sehr erklärlich 
ist es, wenn man russischer Seits über die mangelhafte Vorbereitung 
klagt, welche die Offiziere zu den Kavallerie-Übungsreisen 
mitbringen. Ich unterlasse es, auf dieselben näher einzugehen, und 
bemerke zum Verständnis des weiter Folgenden nur, dafs beispiels- 
weise bei einer auf 19 Tage Dauer bemessenen Übung allein 5 Tage 
zu vorbereitenden Beschäftigungen gebraucht wurden, und doch 
klagt der Berichterstatter des »russischen Invalident, dafs diese zur 
Einführung in die eigentlichen Arbeiten verwendete, verhältnis- 
mäßig lange Zeit von 5 Tagen, eben nur genügt hätte, den Mängeln 
in so weit nachzuhelfen, dafs die Offiziere zu selbstständigen Arbeiten 
verwendet werden konnten. Inzwischen ist durch die »Instruktion 
für die Beschäftigimg mit den Offiziereu« diese vorbereitende Frist 
auf 2 Tage herabgesetzt, »gerade nur ausreichend, um die Offiziere 
mit Zweck und Wesen derartiger Übungen bekannt zu macheu, 
nicht aber, sie in die vorzunehmenden Arbeiten einzuführen.« Nicht 
wunderbar auch nach allem Gesagten ist es, dafs vorgeschlagen wird, 
vier Abschnitte aus der Taktik genau zu bezeichnen, um diese 
während der Reise zu behandeln, »denn wollte man sich auf mehr 
Kapitel ausdehnen, so müfste die Durcharbeitung des Stoffes not- 
wendiger Weise eine sehr oberflächliche werden.« 

In ähnlichen Bahuen, wie die vorbezeichneten, scheinen sich 
auch die sonstigen Beschäftigungen der Offiziere zu bewegen. Zwar 
wird in den russischen Aufsätzen viel erzählt von strategischen 
Kenntnissen, welche ein Kavallerie-Offizier besitzen solle, um seine 
Aufgabe Auge uud Ohr der Armee zu sein, erfüllen zu können; 
auch sollen Episoden der Kriegsgeschichte vorgetragen, Ritte nach 
interessanten Schlachtfeldern unternommen werden, um das Interesse 
der Offiziere durch bezügliche Vorträge zu wecken, bei all 1 solchen 
Arbeiten ist aber stets der »Generalstabaoffizier« die Sonne, von 
welcher dieses Licht der Kenntnisse ausgehen soll, das beste Zeichen 
dafür, dafe unter den übrigen Offizieren keine für solche Aufgaben 
geeigneten Elemente zu finden sind. 

Die im Genoralstabe befindlichen oder durch diesen gegangenen 



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Die theoretische u. praktische milit. Vorbildnng, sowie die 



Offiziere sind in der Hauptsache noch die fast ausschließlichen 
Träger der militärischen Wissenschaft, und ist andrerseits wiederum 
die kastenartige Isolierung der Generalstabs-Offlziere von dem übrigen 
Offiziercorps keineswegs dazu angethan, in diesem »die Lust und 
den Wunsch zu erwecken, die gewöhnlich beschränkten, militärischen 
Kenntnisse durch fleißiges Studium der Militärwissenschaften zu 
erweitere, wie es in einem, »Streiflichter auf die inneren Zustände 
und Einrichtungen im russischen Heerec betitelten, Aufsatz im 
Februarheft 1884 der »Internationalen Ravuec heust. 

Fast scheint es, als ob von oben her zu viel Gewicht auf 
möglichste Vielseitigkeit gelegt wird; dadurch aber geht die nötige 
Gründlichkeit verloren, die bei der im Ganzen so mangelhaften all- 
gemeinwissenschaftlichen Vorbildung gerade in den Vordergrund 
gestellt werden sollte, und hierdurch wieder kommt es, dafs wirk- 
lich gediegene militärische Kenntnisse nur bei einer verhältnismäßig 
niedrigen Zahl von Offizieren, besonders aber bei wenig Armee- 
Offizieren zu finden sind. Die geistige Arbeit ist eine Pflanze, die 
bei der Mehrzahl von ihnen, wenn überhaupt, so doch nur kümmer- 
lich gedeiht, des geistigen Lebens entbehrt, der von innen her 
treibenden Kraft, und deswegen ist auch der geistige Standpunkt 
des russischen Offiziercorps im Allgemeineu, und damit auch der 
Kavallerie, durchaus noch kein den heutigen militärischen An- 
forderungen entsprechender. 

Habe ich bisher in dem 1. Teil dieses 2. Abschnitts mehr die 
geistige Seite der Ausbildung zu schildern versucht, so gehe ich 
jetzt zu der körperlichen Ausbildung der russischen Kavallerie- 
Offiziere über; ich werde mich bei Betrachtung dieser wesentlich 
kürzer fassen können, denn unsere militärischen Zeitschriften berichten 
seit Jahren so eingehend grade über die in dieses Gebiet fallenden 
Fragen, dafs ich für eine nähere Beschäftigung mit denselben auf 
die bez. Arbeiten hinzuweisen in der Lage bin. 

Zuerst mu£s vorausgeschickt werden, dafe die — Dank den 
Kasaken — vielfach verbreitete Ansicht, ein Russe sei auch ein 
geborner Reiter, eine grundfalsche ist; dies gilt nur für die Kasaken 
und die asiatischen Völkerstämme, keineswegs aber für den russischen 
Landmann; dieser reitet nicht, wie unser Litthauer, wie der Ungar, 
sondern er fährt viel lieber. Und was hier vom Volk gesagt isti 
gilt auch für den Offizier. Wenn bei uns schon der Infanterie- 
Offizier mit Freuden jede sich bietende Gelegenheit ergreift, um 
wieder einmal aufs Pferd zu kommen, unser Kavallerie-Offizier selbst- 
verständlich im Reiten seine Hauptbeschäftigung findet, so ruht für 



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weitere mflit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



163 



die grofee Mehrzahl der russischen Kavallerie-Offiziere die Glück- 
seligkeit der Erde nicht auf dem Rücken der Pferde. Natürlich 
kann ein derartiger Mangel au Liebe zu dem frischen, fröhlichen 
Reiterleben auch keine tüchtigen Reiter ausbilden und, wie bekannt, 
— wie es auch der letzte russisch-türkische Krieg noch von Neuem ge- 
zeigt, — steht das Reiten der Masse der russischen Kavallerie-Offiziere 
auf keiner hohen Stufe, obgleich die letzten Jahre mit ihren obli- 
gatorischen Renneu, den Entfernungsritten u. a. m. Manches ge- 
bessert haben, die höheren Vorgesetzten auch in die Lage versetzt 
worden sind, auf Grund der Gewährung eines Dienstpferdes und 
einer zweiten Ratiou an die jüngeren Offiziere, von diesen bessere 
Leistungen zu verlangen. 

Auch die an Stelle der früheren Kavallerie-Lehr-Escadron ge- 
tretene »Offizier-Kavallerie-Schule«, wird mit der Zeit ihre 
guten Wirkungen nicht verfehlen. Bestimmt, angehenden Escadrons- 
und Ssotnien-Commandeuren die Mittel zur Vervollkommnung ihrer 
theoretischen und praktischen Ausbildung auf den verschiedenen 
Gebieten des Kavalleriedienstes zu gewähren, sind die Unterrichts- 
gegenstände sehr verschiedenartige. 

Wenn de Brack in seinem Buche „Avantpostes de cavalerie 
legere 1 * von einem Reiterofflzier verlangt, er solle für seinen Truppen- 
teil Alles in einer Person sein, Commandeur, Arzt, Tierarzt, 
Schmied, Sattler, so kann man wohl sagen, dafs alle diese Dinge 
in das Lehrprogramm der Schule aufgenommen worden sind. Ich 
lasse dasfelbe hier folgen, um dem Leser einen Begriff von der 
Vielseitigkeit derselben zu geben. Es werden die zu Escadrons- 
Commandenren auszubildenden Offiziere unterrichtet in: Pferdekunde, 
Theorie des Reitens und Zureitens, Taktik, Geschichte der Kavallerie, 
Lehre vom Eingraben und Telegraphendienst, Handwaffenlehre und 
Beschlagkunde, Beschäftigungen für die Winterperiode siüd: Lösung 
taktischer Aufgaben auf Plänen und Kriegsspiel, praktische Übungen 
im Darstellen des Terrains auf dem Papier, Annahme und Abgabe 
telegraphischer Depeschen sowohl in russischer, wie auch in fremden 
Sprachen, Bahn- und Terrain-Reiten auf zugerittenen Pferden, Zu- 
reiten von Remonten, Fechteu, Beiwohnen bei den Arbeiten in der 
Schmiede, Reviediren, Zusammensetzen und Auseinandernehmen der 
Feuerwaffen und vorbereitende Übungen zum Schielsen. Praktische 
Übungen in der Sommerperioder Terrainaufnahme, Lösung taktischer 
Aufgaben im Terrain mit Anfertigung eines Krokis, Zerstören und 
Wiederherstellen von Telegraphenleitungen und Auffangen tele- 
graphischer Depeschen; Zerstören von Eisenbahnen; Terrainreiten; 



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ir,4 



Die theoretische u. praktische tnilit. Vorbildung, sowie die 



Skelettexerzieren zu Fufs und zu Pferde, Durchmachen eines praktischen 
Schiefs-Kursus. — 

Man wird zugesteheu müssen, dafs dieses eine an das »Zuviel« 
streifende »breiteste Grundlage« ist — um mich dieses in Russland 
so beliebten Ausdrucks zu bedienen — , auf der die Schule ruht, 
und dafs jeder Offizier, der sich all diese Kenutnisse im Laufe des 
1 Jahr und 7 Monate dauernden Kursus — «vorzüglich« oder »gut« 
aneignet, gewifs tüchtig gearbeitet haben muts, um sich des, übrigens 
allen Besuchern der Schule ohue Ausnahme zugesprochenen Vorrechts 
würdig zu machen, bei Besetzung vakanter Eiscadron- und Ssotnien 
Commandeur- Stellen allen anderen, selbst älteren Kandidaten, vor- 
gezogen zu werden*) Ob nun zwar der an die geforderten 
Leistungen gelegte Mafsstab ein sehr strenger, mag dahingestellt 
bleiben, Thatsache ist, dafc bei der letztmaligen Entlassung im 
August v. .Ts., von 35 Offizieren — IG das Prädikat »Vorzüglich«, 
19 das Prädikat »Gut« erlangt hatten. 

Während der Zeit der Lagerübungen vielfach als Ordonanz- 
offiziere verwendet, hatten diese Offiziere bez. ihrer Leistungen sich 
der schmeichelhaftesten Anerkennungen sowohl seitens des Kaisers, 
wie auch seitens der übrigen hohen Vorgesetzten zu erfreuen. 
Sich ein richtiges Urteil über den Einflufe zu bilden, welchen dieses 
Institut auf die Entwicklung des Reiterdienstes in der Armee haben 
wird, dürfte heute noch kaum möglich sein, nachdem erst etwa 
60—65 solcher Offiziere zu ihren Truppenteilen zurückgetreten sind. 

Es erübrigt zum Schlufs noch, Einiges über die einen offiziellen 
Charakter tragenden Renuen und über Entfer n ungs ritte zu 
sagen. 

Bekannt ist, dafs für die Offiziere der russischen Kavallerie und 
der reitenden Artillerie, bis einschliefslich der Stabs - Offiziere, 
Hindernis- Renneu auf 2 Werst Entfernung obligatorisch sind, 
wodurch sie gegenüber von Renneu, die der eignen freien Initiative 
der Einzelnen entsprungen, natürlich sehr verlieren. Die kurze 
Entfernung von 2 Werst, und die an sich ziemlich unbedeutenden 
Hindernisse sind aber auch nicht geeignet und nicht hinreichend 
zur Erprobung der Ausdauer von Pferd und Reiter, — ergaben 
vielmehr nur Beweise für momentane Schnelligkeit und Leistungs- 
fähigkeit, und da die moderne Richtung in der russischen Kavallerie 



*) Zar etwaigen näheren Orientierung empfehlen sich: v. Loebeirsche Jahres- 
berichte för 1882, S. 292 und ff., v. Drygalski, „Die Russische Armee," 1882. 
„Internationale Revue'' Ober die gesammten Armeen und Flotten," 1883 S. 91 u. ft. 



weitere milit. Aasbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



1G5 



jetzt mit Macht der Zurücklegung grofser Strecken, also einer 
Steigerung der Ausdauer, zustrebt, so war vom Generalinspecteur der 
Kavallerie im Sommer v. Js. die Anordnung getroffen worden, dafe 
bei einem zur Zeit der Lagerübungeu bei Krasnoje Selö abzuhaltenden 
Rennen, alle Theilnehmer ersl eine Strecke von 22 Werst zu reiten 
hatten, und zwar in höchstens 1% Stunde, um zu dem eigentlichen 
Rennen zugelassen zu werden, das in der Zurücklegung einer Werst 
auf glatter Bahn bestand. »Durch diese Bestimmung sollten die 
Offiziere veranlasst werden, die Kräfte ihrer Pferde, die einzu- 
schlagenden Gaugarten, Ruhepausen u. s. w. in campagnemäfeiger 
Weise zu berechnen, weil sie nur dann im entscheidenden Momente» 
d. h. Angesichts des Feindes, mit der notigen Energie in Aktion 
zu treten vermögen.« 

Ich unterlasse es, hier näher auf diese Rennen einzugehen, will 
nur bemerken, dafs man die Einführung derartiger Rennen auch 
bei der »Armee« — bei dem eben erwähnten war nur Gardekavallerie 
betheiligt — wünscht, dafs aber i in im »russischen Invaliden« ent- 
haltener Artikel sich dahin aussprach, dafs einmal weder die Zeit 
von l'/a Stunden, welche man für die Zurückleguug der 22 Werst 
bewillige, eiue hervorragende Rennleistung in sich schlietse, kaum 
eine gute mittlere, sowie dafs ferner der eigentliche Zweck der 
Übung: richtige Einteilung der Gangarten u. s. w., von sehr vielen 
Teilnehmern durchaus nicht erfafst worden, von denen einer z. B. 
nur 48 Minuten gebraucht, und viele andere gleich nach dem Start 
nnnöthig eine so scharfe Face eingeschlagen hätten, dafs den Pferden 
das Blut aus den Nasenlöchern geflossen wäre. Der Artikel tadelt 
dieses und sagt, man hätte aufser dem Zeitmaximum auch ein Zeit- 
minimum für das Eintreffen am eigentlichen Rennplatz festsetzen 
sollen, derart, dafs auch alle vor einer bestimmten Zeit anlangenden 
Reiter vom eigentlichen Rennen hätten ausgeschlossen werden müssen, 
da sie augenscheinlich sich nur bemüht hätten, möglichst früh an- 
zulangen, nicht aber auch auf Schonung der Pferdekräfte das ver- 
langte Gewicht gelegt hätten. 

Wie dem aber auch sein möge, diese Rennen bezwecken — 
und das ist das für uns Interessante an ihnen und führt mich zu 
dem letzten Teil meiner Betrachtung — die Leistungsfähigkeit und 
Ausdauer der Reiterei im Zurücklegen grosser Entfernungen zu 
heben, sie zu befähigen, »stets eine Viertelstunde früher am Platze 
zu sein, als der Feind es erwartet.« Selbstredend mufs auch hier 
mit der Ausbildung der Offiziere der Anfang gemacht werden, und 

J»hfb6cWr Kr dl« D.oUcb. Ana»« und Marine Bd LH., 2. 12 



106 Die theoretische u. praktische railit. Vorbildung, sowie die 

berichten in der Tat die russischen Blätter in der letzten Zeit viel 
über solche von Offizieren ausgeführten Entfernungsritte. 

Ein eifriger Förderer dieser ganzen Bewegung ist, weil selbst 
ein grofser Sportsman, der jetzige Commandeur der 4. Kavallerie- 
Division, General der Suite Sr. Majestät Strukoff, früher Commandeur 
der 3. Brigade der in Warschau dislocierten 2. Garde-Kavallerie- 
Division. Fast scheint es aber, als ob die Zahl der höheren, diesem 
Dieustzweige ihr Interesse widmenden Offiziere keine grofee ist, 
denn nur ausnahmsweise finden sich Nachrichten, dafe auch andere, 
als damals unter General Strukoffs Befehl stehende Offiziere der- 
artige Übungen vorgenommen haben.*) 

Mögen nun die Ansichten über die Höhe des Werthes solcher 
Übungen auch geteilte sein, soviel steht fest: Dieselben werden in 
Russland teilweise mit einem anerkennenswerten Eifer betrieben, 
und haben für den russischen Kavallerie-Offizier, der, wie schon 
früher gesagt, nicht mit der dem deutschen Offizier eignen Passion 
reitet, auch zweifellos grofsen Nutzen. 

Ohne auf Einzelheiten einzugehen, will ich einige solcher Touren- 
ritte hier kurz berühren, dabei nochmals betonend, dafs es falsch wäre, 
aus solchen Leistungen Einzelner auf die der Gesaramtheit zu 
schliefsen, Letztere steht weit hinter solchen Leistungen zurück. — 

Die erste derartige Übung fand im September 1882 unter 
Leitung des General Strukoff statt, der mit etwa 30 Offizieren seiner 
Brigade den uugefahr 75 Werst (etwa ebensoviel Kilometer) be- 
tragenden Weg von Skiernewice nach Warschau iu 57z Stunden 
zurücklegte. Dieser ersten Übung folgte bald eine zweite, bei welcher 
eine Strecke von 200 Werst möglichst ohne längeren Aufenthalt 
nur mit Pferdewechsel, zu reiten war; aufeer dem General nahmen 
noch 0 Offiziere Teil und erreichten auch, bis auf einen ihr Ziel; 
man war etwa 8Va Stunde im Sattel gewesen. 

Ein im November desf. Jahres von 14 Offizieren wieder derselben 
Brigade auf eine Entfernung von 154 Werst unternommener Ritt, 

*) Nachdem diese Arbeit schon fertig gestellt war, berichteten nissische 
Blätter, dafs auf Veranlassung des Coramandirenden des Moskauer Militärbezirks 
ein Gcwaltritt von Nishny-Nowgorod nach St. Petersburg stattgefunden hat, 
18 Teilnehmer, 1,095 Werst (ungefähr ebensoviel Kilometer Entfernung), ebenso 
auf Befehl des General Gurko ein solcher von Zamosc nach Warschau von 
2 Escadrons Kosaken; 315-333 Entfernung wurden in 3 aufeinanderfolgenden 
Tagen zurückgelegt. Auch haben 7 Offiziere und 7 Gemeine der Offizier-Kavallerie- 
Schule einen Ritt von St Petersburg nach Nowgorod und zurück, 370 Werst 
Entfernung, in 4 aufeinanderfolgenden Tagen ausgeführt. Das Milit&rwochenblatt 
hat hierüber eingehende Artikel gebracht. 



weitere railit. Ausbildung der russ. Kavallerie-Offiziere. 



167 



unterschied sich von den bisherigen dadurch, dafs man einmal die 
Pferde nicht wechselte und dafa ferner mit demselben kleine 
Übungen verbunden wurden. Als leitende Idee lag die Annahme 
zu Grunde, es seien Offizierspatrouillen auf diese weite Entfernung 
entsendet worden, und stellte ehr General während des Rittes 
mündlich an die Offiziere Fragen aus dem Gebiete des Felddienstes 
der Kavallerie. Man war 14 Stunden im Sattel gewesen, 4 Stunden 
und 15 Minuten waren zum Füttern der Pferde, Kartenkorrekturen 
u. s. w. verwendet worden. Zu ihrer eignen Belehrung hatten die 
Offiziere die Wartnng und Pflege ihrer Pferde während des Rittes 
selbst übernommen; 3 von den Teilnehmern hatten den Ritt aus- 
setzen mflssen. 

Sehr bald kam man zu der Einsicht, dafe das Erproben und 
Vervollkommnen der physischen Kräfte allein noch nicht genüge, 
sondern dafs hiermit auch ein Heben der geistigen und der Charakter- 
eigenschaften des Reiters Hand in Hand gehen müsse, und verband 
daher mit den bisherigen, lediglich körperlichen Übungen auch 
theoretische. Die Aufgaben hierfür seien so zu stellen, heifst's in 
einem Aufsatz des tRuss. Invaliden c, dafs sie mit dem ganzen 
Charakter der Übungen, in denen schnelles, energisches Reiten und 
lebhaftes Reiterleben zum Ausdruck kommen mufs, durchaus über- 
einstimmen, so dafs aus jeder Aufgabe hervorgehe, wie nothwendig 
Entfernungsritte seien, und dafs erst die Zurücklegung einer weiten 
Wegestrecke die Lösung der theoretischen Aufgabe überhaupt er- 
mögliche. In diesem Sinne ist nun bei weiteren Übungen auch 
verfahren worden, wobei sehr richtig die Aufgaben nur mündlich 
gestellt und auch, womöglich im Beisein aller an dem Ritte teil- 
nehmenden Offiziere, mündlich gelöst, Krokis, Pläne und schriftliche 
Arbeiten aber gänzlich vermieden wurden. 

Es ist nicht zu leugnen, dafs diese Übungen für die Betheiligten 
von nicht zu unterschätzendem Vorteile sind, und sie also dazu 
beitragen werden, die — erkannten — Mängel in der Ausbildung 
des jüngeren russischen Kavallerie-Offiziers mit der Zeit ein wenig 
mehr verschwinden zu lassen, andrerseits aber kann auch wol mit 
Fug und Recht behauptet werden, dafs es sich hier um einen 
Tropfen auf dem heifsen Stein handelt. Die grofse Masse der 
Offiziere steht unter dem Niveau des von ihnen zu Fordernden und 
ist ziemlich weit davon entfernt, den vorgeschrittenen Standpunkt 
einzunehmen, auf dem selbst der jüngste Kavallerie-Offizier bei der 
seiner WalFe zufallenden weitgehenden Aufgabe heutzutage stehen 
mufe. Zwar werden die vielen, der russischen Kavallerie und speziell 

12» 



168 



Die theoretische und praktische militärische Vorhildung etc. 



auch ihren Offizieren innewohnenden, bekannten guten Eigenschaften 
den oben beregten Mangel im Kriege etwas zu heben vermögen, 
auch wird das fleilsige Streben und Arbeiten in der russischen 
Kavallerie mit der Zeit gewifs seine guten Früchte tragen, heute 
aber und noch für viele Jahre hinaus findet eine tatsächliche Ver- 
wendung der russischen Kavallerie »ä la Baikow« in einem Kriege 
noch erhebliche Schwierigkeiten in der mangelnden Intelligenz ihrer 
Führer. Jedes Friedensmanöver, sowohl der grofsen Kavalleriemassen, 
als auch mit verbundenen Waffen, liefert Beispiele dafür, und der 
nach Beendigung der diesjährigen Sommerübungen von dem 
Kommandirenden des Warschauer Militärbezirks, General Gurko, an 
die Truppen erlasseue Tagesbefehl läfst seine Unzufriedenheit mit 
den Leistungen der Kavallerie recht deutlich erkennen. (Vergl. 
Mil.- Wochen bl. Nr. 93, 1883). Weder die zielbewußten und 
energischen Bestrebungen des General-Inspecteurs, noch Männer wie 
Gurko, Strukoff, Baikow können die vorhandenen Übelstände so 
schnell ändern, wenn es ihnen überhaupt möglich ist, hierin Wandel 
zu schaffen. So lange die russische Volksbildung auf der niedrigen 
Stufe von heute steht, und so lange das Offizier-Corps der russischen 
Armee sich aus Elementen zusammensetzt, die bei ihrer Herkunft 
und wissenschaftlichen Vorbildung so vielfache und grofee Ver- 
schiedenheiten aufweisen, werden selbst bei den gröfeten An- 
strengungen, die militärische Ausbildung der Offiziere mehr zu 
fördern, als bisher, die Erfolge weit zurückbleiben und zurück- 
bleiben müssen hinter dem Erstrebten. 

Treten dann noch die bei der Gröfee und Zusammensetzung 
der rassischen Armee unvermeidlichen Friktionen und die „vis 
inertiae" hinzu, so mufs man dem Urteil v. Drygalski's in vollem 
Mafse beipflichten, wenn er sagt: »Nur in Betreff der Haupt- 
wissenschaft des Soldaten, und wir bestätigen es mit voller An- 
erkennung und Hochachtung, hat das russische Offizier-Corps Fort- 
schritte nicht mehr zu machen; es ist die im letzten Kriege aufs 
Neue bewährte, aus dem Gefühl für Ehre und Vaterland hervor- 
gehende Fähigkeit, dem Tode in's Auge zu sehen und keinen Gegner 
zu fürchten. In allem Übrigen haben wir vorläufig weniger 
von Resultaten, als von Verordnungen und Plänen zu 
berichten vermocht, die wie so Vieles Andere in dem 
grofsen Nachbarreiche dem lähmenden Einflufs des 
leidigen Wortes: »Der Himmel ist hoch und der Zar ist 
weit« unterworfen sind. 

Geschr. im Februar 1884. 



Stndien über Verwendung o. Gefechrsthätigkeit der Kavallerie. 169 



xin. 

Studien über Verwendung und G-efecMs- 
thätigkeit der Kavallerie. 

Von 

Freiherr t. Sazenhofen, 
k. k. oiwm «. D. 



(Fortsetzung.) 

Weit lehrreicher noch wie die bisher geschilderten Ereignisse ist 
in kavalleristischer Beziehung die Schlacht bei Vionville-Mars la Tour. 
Wie bisher dem Generalstabswerke folgend, teilen wir die Schilderung 
in mehrere Abschnitte und geben die Thatsachen möglichst wort- 
getreu im Auszuge, mit beigesetzten Bemerkungen. 

I. Der 16. Anglist vom frühen Morgen bis 97 4 Uhr. 

Die 5. Kavallerie-Division*) war schon am 15. Abends in der 
Stärke von etwa 35 Schwadronen und 12 Geschützen zwischen Suze- 
mont und Xonville vereinigt, und in lebhafter Fühlung mit der 
französischen Kavallerie; diese bestand aus der 3. Division der 
Kavallerie-Reserve (Forton), 16 Schwadronen mit 2 Batterien, und 
der Division Valabregue vom II. Armee-Corps, 16 Schwadronen.**) 

*) 5. Kavallerie-Division. 

11. Brigade (Barby) 4 Schwadronen Kürassiere Nr. 4, 

3 „ Ulanen Nr. 13, 

4 „ Dragoner Nr. 19, 

12. Brigade (Bredow) 4 * Kürassiere Nr. 7, 

4 „ Ulanen Nr. 16, 
4 „ Dragoner Nr. 13, 

13. Brigade (Redern) 4 „ Hasaren Nr. 10, 

4 B Husaren Nr. 11, 
4 „ Husaren Nr. 17. 

2 reitende Batterien. 

**) Kavallerie-Division Forton: 
Dragoner-Brigade Mtirat, Kürassier-Brigade Gramont, 2 reitende Batterien. 

Kavallerie-Division Valabregae: 
eine Chasseur-, eine Dragoner-Brigade. 



170 Stadien über Verwendung u, Gefechtstb&tigkeit der Kavallerie. 

Am Morgen des IG. rückten die drei preufsischen Kavallerie- 
Brigaden um 8V 2 Uhr zur befohlenen gewaltsamen Rekognoszierung 
der bei Rezonville beobachteten französischen Lager gegen Vionville 
vor; die 13. Brigade mit 4 reitenden Batterien — der kommandierende 
General III. Armee- Corps hatte 2 reitende Batterien der Corps- 
Artillerie mit der 2. Schwadron 2. Garde-Dragoner-Regiments durch 
den Chef des Generalstabes vorführen lassen — südlich an Tronville 
vorbei; die 12. Brigade links rückwärts von Suzemont über Mars la 
Tour, und in Reserve die 11. Brigade von Xonville über Tronville. 
Die 13. Brigade hatte Husaren-Regiment Nr. 10 und eine Batterie 
vorgeschoben. Diese eröffnete von der Höhe nordöstlich Tronville 
vollständig überraschend das Feuer auf die bei Vionville lagernde 
Dragoner-Brigade Mürat; auch die übrigen Batterien gingen auf 
diese Höhe vor. Schon nach den ersten Granatschüssen geriet die 
feindliche Kavallerie in Unordnung und eilte in wilder Flucht auf 
Rezonville zurück. Die nördlich lagernde Brigade Gramont und die 
weiter östlich befindliche Division Valabregue entfernten sich eben- 
falls in nordöstlicher Richtung. 

Etwa um 9 1 /* wurden die 4 reitenden Batterien durch Major 
Körber in eine Stellung westlich Vionville gebracht und beschossen 
von dort aus die Lager bei Rezonville. 3. Escadron 2. Garde- 
Dragoner und 1. Escadron Hus.-R«gts. Nr. 17 bildeten die Bedeckung. 
Die 13. Brigade stellte sich am Südrande der Tron viller Büsche, die 
Husaren Nr. 10 in der von Flavigny südwestlich herabziehenden Mulde, 
die 12. Brigade östlich, die 11. Brigade westlich der genannten 
Büsche auf. 

Zu dieser Zeit war auch die reitende Batterie der 6. Kavallerie- 
Division von der Hochfläche nördlich Gorze aus in Aktion getreten 
und beschofs ebenfalls die bezeichneten l>ager. 

Diese Kavallerie-Division*) war bei Coruy über die Mosel ge- 
gangen und um l x / t Uhr im Marsche auf Gorze, voraus 15. Brigade, 
reitende Batterie, dann 14. Brigade. Die 15. Brigade rückt von 
Gorze in gerader Richtung auf Flavigny vor, die 14. hatte Ver- 
bindung mit der 5. Kavallerie -Division gegen Mars la Tour zu 



*) 6. Kavallerie-Division: 

14. Brigade (Grüter) 3 Schwadronen Kürassiere Nr. 6, 

2 „ Ulanen Nr. 3, 

4 „ Ulanen Nr. 15, 

15. Brigade (Rauch) 4 „ Hnsaren Nr. 3, 

4 „ Husaren Nr 16 
und eine reitende Batterie. 



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Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 1 7 1 



suchen. Die Husaren, auf der Höhe angekommen, empfingen leb- 
haftes Infanterie- Feuer aus dem Bois de Vionville und mufsten unter 
nicht unerheblichen Verlusten wieder an den Abhang zurück. 
Als um 9 Uhr der Befehl eintraf, die ganze Division auf die Hoch- 
fläche zu führen, wurde die Batterie der 14. Brigade nachgeschickt 
und erreichte mit ihr, durch den Wald von (Jaumont rechts ab- 
biegend, die Höhe. Dort trieb die Brigade feindliche Plänkler 
zurück und liefe die Batterie auf ihrem rechten Flügel auffahren, 
um die Lager bei Rezonville zu beschiefsen. 

Bemerkungeu. Die Franzosen hatten schon am 15. versäumt ihre 
anfängliche Überlegenheit an Truppen zu benutzen und die 
auftretenden preufeischen Kavallerie-Abteilungen zu vertreiben, 
was ihnen unzweifelhaft möglich gewesen wäre. Die Fran- 
zosen waren an diesem Tage bis 2 Uhr Nachmittags 

16 Schwadr. 12 Gesch. die Preufsen dagegen 
von 8'/,— 11 Uhr 4 i 6 • 

von 11— 2 Uhr 15 > 6 > stark; die Franzosen 
von 2 Uhr ab 32 » 12 » die Preufeen 
von 2 Uhr ab 34 » 12 » . — 

Schwer rächte es sich, dafs die Franzosen nicht mit aller 
Konsequenz getrachtet hatten, ihren Gesichtskreis zu erweitern; 
auch gegen Abend würde dies noch zu erreichen gewesen 
sein, wenn ihre Kavallerie - Divisionen möglichst verstärkt 
worden wären. Aufser dem 2. und 6. Armee-Corps niufste 
auch die Garde bereits bei Gravelotte eingetroffen sein und 
hätte mindestens einige Regimenter als Verstärkung senden 
können; überdies bot die zahlreiche Infanterie und Artillerie 
einen ausgiebigen Rückhalt für jede Überraschung der Kavallerie. 
In jedem Falle aber hätten am 16. mit Tages- Anbruch 3 bis 
4 Kavallerie- Divisionen mit zahlreicher Artillerie — welche 
allerdings zumeist erst zugeteilt hätte werden müssen — nach 
allen Seiten Luft machen und Aufklärung schaffen können. 
Auch hier dürfte hervorzuheben sein, von welcher Bedeutung 
es ist, ein geordnetes Zuströmen der Kavallerie bei allen 
solchen Gelegenheiten zu erleichtern, was unzweifelhaft durch 
die bereits erwähnten Kavallerie-Commandeure bei den Armee- 
Corps und Armee-Kommandos befördert wird. Zugleich würde 
solche Einrichtung eine Garantie bieten für Verwendung der 
Waffe nach einer Idee, was gerade auch bei derartigen Ge- 
legenheiten, wie überhaupt von der einschneidendsten Bedeutung 
ist. Es bleibt die Unterstellung unter den ältesten anwesenden 



172 



Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



Oonimandeur für diese Fälle stets nur ein Notbehelf. Die 
Friedensübimgen mit gemischten Waffen müssen sodann natür- 
lich die aufgestellten Prinzipien und Instruktionen in die 
Praxis einführen. Die Franzosen hatten zwar ihre gesamte 
Kavallerie in 1 1 Divisionen formiert, von welchen jedem Armee- 
Corps eine zugeteilt und 3 in der Kavallerie-Reserve waren, 
brachten dieselben jedoch niemals ins Gefecht. Bei der Armee 
von Metz waren 6 solcher Divisionen von verschiedener Stärke; 
es trat bei allen Gelegenheiten der Mangel an Initiative, das 
Fehlen einer treibenden belebenden Kraft zu Tage. Es fehlte 
dieser Kavallerie nicht nur im Grofeen au dieser wichtigen 
Eigenschaft, sondern auch im Kleinen, im Sicherheitsdienste. 
Mangelhafte Vorbereitung in jeder Hinsicht konnte durch die 
Vereinigung der gesamten Kavallerie in Massen in keiner 
Weise ersetzt werden. Ohne solche Vorbereitnug und dadurch 
bedingte kavalleristische Verwendung werden aber gerade 
wieder diese Massen zu schwerfälligen unbeholfenen Maschinen, 
die mehr stören wie nützen, und bestärken sodann solche 
Thatsachen die Meinung: »unter den heutigen Verhältnissen 
ist es vorbei mit der Kavallerie«. — 

IL Von 97 4 -12 Uhr Mittag. 

Durch die zurückjagenden Dragouer alarmiert, setzte sich die 
französische Infanterie mit grolser Schnelligkeit in Bewegung. 
Abteilungen des 2. Armee-Corps (Frossard) wurden auf Flavigny 
und Vionville, in die Richtungen von Buxieres, Gorze und Bois de 
St. Arnould dirigiert; Abteilungen des 6. Corps (Canrobert) gingen 
rechts rückwärts des 2. auf die erstgenannten Orte; eine Division 
dieses Corps blieb bei St. Marcel, eine Division wurde als Reserve 
nach Rezonville gezogen, und die Garde bei Gravelotte formiert. 

Gegen 10 Uhr müssen die Preufseu vor dem Feuer der fran- 
zösischen Infanterie von dem Höhenkranzo zurückweichen, Husaren 
Nr. 10 bis zur Ferme de Sauly, die 12. Brigade durch die Tronviller 
Büsche, wo sie Stellung neben der 11. nimmt; die 13. bleibt am 
Südrande dieser Büsche; die Batterien, mit Ausnahme der mehr ge- 
deckten liuken Flügel-Batterie, gehen in eine Bodensenkung östlich 
Tronville. Die 14. Brigade nebst der Batterie nimmt Stellung am 
Nordrande des Bois de Gaumont, wo sich die 15. Brigade anschlofs 
und auch die später eintreffenden 4 Schwadronen Dragoner Nr. 12 
(Divisions - Kavallerie der 5. Division) und dann 2 l / 2 Schwadronen 



Studien ober Verwendung u. Gefechtethätigkeit der Kavallerie. 173 



Dragoner Nr. 9 (Divisions-Kavallerie der 19. Division) in der Nähe 
Platz fanden. 

üm die gleiche Zeit erreichen die Spitzen der preußischen 
Infanterie vom III. Armee-Corps den Rand der Hochfläche. 

Die 6. Infanterie -Division hatte 3 Batterien und die 
Dragoner Nr. 2 vorausgesandt; die Artillerie war, hald durch die 
Corps- Artillerie verstärkt, zum Teil auf der Kirchhofshöhe in Aktion 
getreten. Die 12 Bataillone sind, brigadeweise hintereinander in 
je 2 Treffen formiert, auf der Höhe zwischen Tronville und den 
Büschen angelangt. 

Um 10 Va Uhr rückt je eine Brigade auf beiden Strafsen nach 
Vionville vor; 

um 11 Uhr treten auch die reitenden Batterien wieder ins 
Gefecht. Das Regiment Nr. 24 besetzte die Tronviller Büsche und 
ward namentlich in der östlich vorliegenden Mulde in ein heftiges 
Feuergefecht gegen überlegene Kräfte verwickelt; bald rückt II./20 
ebenfalls dahin. 

Um II 1 /» wird Vionville genommen. 

Uni 12 Uhr ist auch Flavigny durch Abteilungen der 5. und 
6. Infanterie-Divisiou den Franzosen entrissen. 

Von der 5. Infanterie-Divisiou, 9. Brigade, erreichen 2 Ba- 
taillone Regiments Nr. 48 den Höhenzug nördlich Gorze; bald wurde 
eine Batterie auf deren linken Flügel in Stellung gebracht F./48 
geht auf dem linken Flügel dieser Batterie, Jäger Nr. 3 hinter die 
erstgenannten Bataillone. Nun wurden die 3 übrigen Batterien der 
Division neben die vorbezeichnete in Stellung gebracht. Ein Offensiv- 
stofe F./48 wird unter grofeen Verlusten abgeschlagen. Das eben 
eintreffende Tetenbataillon der 10. Brigade, I./52, wirft sich den 
Verfolgern entgegen, macht der Artillerie Luft, mufe aber ebenfalls 
uuter sehr erheblichen Verlusten weichen. Bald nach 

11 Uhr bereiten die Franzosen einen gröfseren Vorstofs gegen 
diesen hartbedrängten Flügel vor, als die beiden andern Bataillone 
Regiments Nr. 52 im Laufschritt die Höhe erreichen und die Franzosen 
auf Flavigny zurückwerfen; IL/52 und F./12 verfolgen dieselben. 
Wesentlich erleichtert war dieser Gegenangriff durch die vortreff- 
liche Wirkung der Batterieu auf der Kirchhofshöhe. Um das ein- 
getroffene IL/12 sammelte General v. Schwerin die Bataillone seiner 
(10.) Brigade zu beiden Seiten des Weges Buxieres-Rezouville. 

Um 1 1 s / 4 war auch die 37. Brigade eingetroffen, mit 2 Ba- 
taillonen, 2 72 Schwadroneu Dragoner Nr. 9, einer Batterie zur5. Division, 
mit 37a Bataillonen, 1 7 2 Schwadronen, einer Batterie zur 6. Division 



174 



Studien über Verwendung u. Gefechtohitigkeit der Kavallerie. 



gestofsrn und bei Tronville in Reserve gehalten, mit Ausnahme von 
IL/91, welches im Marsche nach den Tronviller Büschen verblieb. 
Kavallerie und Artillerie war auch hier vorausgeeilt und letztere 
sofort in Aktion getreten. Bald nach 

11 Uhr krönen 126 Geschütze den von der Kavallerie ver- 
lassenen Höhenrand. Um 

12 Uhr Mittag war die Situation im Allgemeinen: 

auf dem aufeersten rechten Flügel waren die 3 Bataillone der 
9. Infanterie-Brigade in das Bois de Vionville eingedrungen und 
hatten die Nordwestecke dieser Waldung, wie den Nordrand des 
Bois de St. Arnould gewonnen. Zwischen ersterem Walde und dem 
Wege Buxieres-Rezonville 5 Batterien gedeckt durch 3 Halbbataillone 
der 37. Infanterie-Brigade und durch die gesammelten Bataillone 
der 10. Infanterie- Brigade. Links rückwärts an der Steinbruchmnlde 
5 Batterien, eine gleiche Zahl auf der Kirchhofshöhe und 6 westlich 
Vionville. Die Infanterie der 6. Division mit den genannten beiden 
Bataillonen der 5. im Nachdrängen gegen den auf Rezonville zurück- 
weichenden Feind. Auf dem äußersten linken Flügel 4 Bataillone 
im schweren, verlustreichen Kampfe gegen überlegene feindliche 
Kräfte in der Mulde östlich der Tronviller Büsche, ein Bataillon in 
diesen Büschen. Aufeer 2 l / 2 Bataillonen der 37. Brigade bei Tron- 
ville bildeten nur Kavallerie - Abteilungen das 2. Treffen der 
preufsischen Schlachtlinie und zwar: 

3 Schwadr. Dragoner Nr. 12 rechte rückwärts der Batterien an der 

Steinbruchmulde. 

2 l / 2 > * Nr. 9 daneben. 

3 • * Nr. 2 westlich der vorgenannten Mulde, 
l'/a » » Nr. 9 daneben. 

1 Nr. 2 

1 i Grde-Drg. Nr. 2 nächst der Kirchhofshöhe. 
1 » Husaren Nr. 17 
17 > 6. Kavallerie-Division an der Steinbruchmnlde nächst 

Bois de Gaumont. 
1 > Kürassier Nr. 6 etwas vorgeschoben. 

Von der 5. Kavallerie-Division waren: 
7 » Husaren Nr. llu. 17 im Marsche nach der Mulde von Fla vigny. 

4 » • Nr. 10 im Marsche nach den Tronviller Büschen. 
4 » DragonerNr.l3westI.d.BüschezurBeobacht.gegenNorden. 

20 » — 2 Regimenter der 12. und die ganze 11. Brigade — 

nordwestlich von Tronville. 

66 Schwadr. im Ganzen. 



Studien öber Verwendung o. Gefechtsth&tigkeit der Kavallerie. 



175 



Um 12 Uhr hatten die französischen Divisionen im Centrum 
nnd auf dem linken Flügel anscheinend ihre 2. Brigaden dem steten 
Vordrängen der preußischen Infanterie entgegengesetzt, die Division 
Tixier vom 6. Armee-Corps war an die Römerstrafee herangezogen 
worden. Die Division Levassor vom 6. Armee-Corps und die ge- 
samte Garde in der Gegend von Rezonville und bei Gravelotte in 
Reserve. Das 3. und 4. Armee-Corps hatten Befehl erhalten ihren 
Anmarsch zu beschleunigen. 

32 Schwadronen 2 Batterien, Divisionen Forton und Valabregue, 

standen in der Mulde nördlich Rezonville. 

16 » 2 Batterien bei Rezonville und Gravelotte je eine 

Garde- Kavallerie- Brigade. 
4 » Landers Nr. 3. 

2 > Bedeckung des Marschalls Bazaine bei Rezonville. 

54 Schwadronen waren somit im Centrum, darunter 48 Schwadronen 

und 4 Batterien in 3 Divisionen, auch die beiden 
Garde-Brigaden, wenn auch getrennt, gehörten zur 
Garde-Kavallerie- Division. 
Vom 3. Armee-Corps waren: 
28 Schwadronen der Kavallerie-Division Clerembault nördlich St. 

Marcel. 

16 » der Kavallerie - Division Legrand vom 4. Armee- 

Corps etwa 2 km nordwestlich an der Tete ihrer 
Corps. Endlich auf dem äufsersten rechten Flügel. 
8 » der 3. Garde-Kavallerie-Brigade und 

4 > Chasseurs d'Afrique bei dem Bois de Greyere. 

56 Schwadronen in 2 Divisionen und einer Brigade formiert waren 

somit auf dem rechten französischen Flügel. 
Bemerkungen. Wir haben die französische Kavallerie in 2 Gruppen 
geteilt. Diese Gruppen waren in sich im Centrum auf etwa 
3 Kiloni., auf dem rechten Flügel auf 5 Kilom. auseinander 
gezogen. Die äufsersten Flügelabteilungen hatten etwas mehr 
wie 5 Kilometer nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte. 

Von diesen 110 Schwadronen, eine Kavallerie -Division, 
das 3. Lanciere- Regiment und die beiden Schwadronen der 
Bedeckung zur speziellen Verfügung des Ober- Kommandos 
abgerechnet (22 Schwadronen) giebt einen verfügbaren Rest 
von 84 Schwadronen 3 Batterien, indem auch bei dem 3. und 
4. A.-C. je 2 Schwadronen verblieben. Bald nach 12 Uhr 
hätten somit in der Nähe von St. Marcel mehr wie 80 Schwa- 
dronen versammelt sein können. Unbestreitbar war hier allein 



Studien Ober Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie 

die Gegend, um eine gröfsere Kavallerie- Aktion in's Leben zu 
rufen; Terrain, Gefechtsverhältnisse, Alles war hierfür günstig, 
alle Umstände forderten so recht eigentlich hierzu heraus. 
Es mufste schon lange vollständig klar sein, dafs ein Kavallerie- 
Angriff in der Richtung auf Vionville oder Buxieres, im Kreuz- 
feuer des Feindes und auf lange Strecken eingesehen, in jedem 
Falle sehr verlustreich und unter gewöhnlichen Verhältnissen 
ohne besondere Chancen sein werde. 

Ein Commandeur der Kavallerie dem Ober-Kommando 
attachirt, hätte — immer eine gewisse Aktivität durch zweck- 
entsprechende Übungen in der Waffe vorausgesetzt — solche 
Verwendung anregen und dann sofort leiten können. 3 dieser 
Kavallerie-Divisionen mit 3 — 4 Batterien auf die Flanke und 
in den Rücken der gegnerischen Stellung geworfen, während 
eine 4. als Reserve geblieben, wäre eine der Formation der 
Kavallerie und den Gefechtsverhältnissen entsprechende Ver- 
wendung gewesen. — Solche Aktion war überdiefs während 
mehreren Stunden vollkommen ausführbar; was sie erreicht hätte, 
ist schwer zu bestimmen. Dagegen sind die Vorbedingungen leicht 
festzusetzen, aus welchen ihre Ausführung allein begründet sein 
kann. Jedenfalls aber wurde eine solche Verwendung der Waffe 
den Namen einer Verwendung im grofsen Style verdient haben. 

Die preufeiscbe Kavallerie zählte 66 Schwadronen in den 
beiden Hauptgruppen, rechter Flügel mit 23 ! /2 Schwadronen, 
linker Flügel mit 427a Schwadronen. Auf dem rechten Flügel 
waren 17 Schwadronen der 6. Kav.-Div. vereinigt, 4 und 
2 Vi Schwadronen standen in der Nähe, ohne taktische Ver- 
bindung unter sich oder mit der Kavallerie-Division. Auf 
dem linken Flügel waren 20 Schwadronen der 5. Kavallerie- 
Division westlich von Tronville vereinigt, 7 Schwadronen in 
einer Brigade (13) waren auf 3 Kilometer, 4 Vi Schwadronen 
auf 2, 3 einzelne Schwadronen auf 2%, 4 weitere Schwadronen 
auf 1 Vi endlich 4 (Dragoner Nr. 13) auf etwa 3 Vi Kilometer von 
dem geschlossenen Teile der 5. K.-D. entfernt. Die zusammen- 
gebliebenen Teile beider Kavallerie- Divisionen waren 3 Kilo- 
meter auseinander aufgestellt. Für die kleineren Dienste 
der Kavallerie hätte wohl ein Regiment für jede Division 
genügen können, und es wären sodann 58 Schwadronen zu 
kavalleristischen Aktionen verfügbar geblieben. Eine nähere 
Verbindung dieser Kavallerie dürfte sich empfohlen haben, 
wenn ihre Vereinigung untunlich gewesen ; deren Aufstellung 



Stadien Ober Verwendung u. GefecbtstU&tigkeit der Kavallerie. 177 



in der Mulde südwestlich Flavigny und den nächstliegenden 
Terrainfalten möchte zweckdienlich erscheinen. Von da ans 
war die Kavallerie ebenso befähigt, mit einzelnen Divisionen 
oder mit der ganzen Masse, einen Verstofs gegen Rezouville, 
und zwar ebenso gut nördlich, wie südlich der Strafse, aus- 
zuführen; von hier aus wäre sie ebenso im Stande gewesen, 
jedem von Norden her zu erwartenden Angriff der französischen 
Kavallerie in Masse zu begegnen. Zu weitausholenden Um- 
gehungen oder Unternehmungen war sie der Umstände halber 
wohl nicht verwendbar, schou wegen des Maugels an Reserven 
und der geringen Zahl der im Gefechte befindlichen Infanterie. 
Ein bei dem Armee- Kommando befindlicher Commandeur der 
Kavallerie wäre aber wohl schon am 15. bei der 5. K.-D. 
eingetroffen und hätte während des 16. die Verwendung der 
Kavallerie regeln können. 

IU. Von 12 bis 3 Uhr. 

Um die Mittagsstunde begann die Brigade Valaze vor dem 
Drucke des linken Flügels der 5. Infanterie- Division gegen die 
Chaussee zu weichen; der Divisions-Commandeur, General Bataille, 
führte persönlich die Brigade Fauvart-Bastoul in's Gefecht. Nament- 
lich von den Batterien auf der Kircbhofshöhe in wirksamster Weise 
in der Flanke beschossen, geraten die Truppen in Unordnung und 
wilde Flucht; zu gleicher Zeit war zuerst Vionville, dann die Baum- 
gruppe nördlich Flavigny, endlich dieser Ort selbst genommen 
worden — und jetzt fluthet auch der ganze rechte Flügel längs der 
Chaussee auf Rezonville zurück. 

A. 1. preufsische Attacke. 

2. Eskadron 2. Garde Dragoner. 

3. » Husaren Nr. 17. 

Vom Chef des Generalstabes HI. Armee-Corps aufgefordert, 
werfen sich die beiden Schwadronen vom linken Flügel der Artillerie 
auf der Kirchhofshöhe auf die weichende Infanterie. Diese aber 
schlägt den Angriff unter sehr grofsen Verlusten ab. Die 
Garde-Dragoner verlieren 70 Pferde, die Husaren werden wohl ähnliche 
Verluste gehabt haben. 

B. Französische Attacke. 

5 Schwadronen des Garde-Kürassier-Regiments in 3 Staffeln 
formiert. 

Um das Gefecht wieder herzustellen wird den Garde-Kürassieren 
und dem 3. Lanciers-Regiment der Angriff befohlen. Gegen 12 1 /, Uhr 



178 



Studien über Verwendung n. Gefechtethätigkeit der Kavallerie. 



setzen sich die Lancier« in Bewegung, denen die Kürassiere rechts 
rückwärts folgen sollten. Erstere kehren jedoch bald wieder um; 
General du Preuil formiert die Letzteren in 2 Staffeln zu je 2 und 
eine zu 1 Schwadron und läüst im Galopp vorgehen. Östlich Flavigny 
treffen die Kürassiere auf die G. und 7. Compagnie Regiments Nr. 52, 
welche in Linie entwickelt ein mörderisches Feuer abgeben. 

»Rechts und links an dem kleinen Hauflein vorbei 
stürmen die Reiterstaffeln; das 2. Glied der Preufsen macht 
Kehrt und feuert von hinten in den Feind hinein, welcher nun auch 
von den zur Seite vorrückenden Abteilungen mit ebenso ruhigem, 
wie sicherem Feuer empfangen wird. Der Angriff kostet ungefähr 
die Hälfte des Standest (22 Offiziere, 243 Pferde.) 

C. 2. preufsische Attacke. 

3 Schwadronen Husaren Nr. 17 — das Regiment verliert den 
ganzen Tag über 2 Offiziere, 89 Mann, 74 Pferde, also einschliefslich 
der 3. Schwadron, welche die 1. Attacke mitgeritten, und dabei 
wohl ähnliche Verluste wie die Garde-Dragoner-Schwadron erlitten 
haben mag, welche 70 Pferde bei diesem Angriffe eingebüfst hat. 

4 Schwadronen Husaren Nr. 11, verlieren den ganzen Tag 
Über 1 Offizier, 21 Mann, 18 Pferde. — 

Veranlafst durch den Chef des Generalstabes X. Armee- Corps 
wirft sich das dicht bei dem brennenden Flavigny stehende Husaren- 
Regiment Nr. 17 mit den Resten der Garde-Dragoner-Schwadron 
auf die bereits zusammengeschossenen Garde-Kürassiere; rechts rück- 
wärts folgen die Husaren Nr. 11 und hauen in die Trümmer der 
weichenden Infanterie ein. Eine Schwadron von jedem Reginiente 
eilt auf die von Marschall ßazaine persönlich vorgeführte Garde- 
Batterie los, sie nehmen dieselbe; der Marschall schwebt in Mitte 
der flüchtenden Bespannungen und Bedeckung einige Zeit in Gefahr. 
1000 Schritte westlich von Rezonville, an der Strafse, setzt das dort 
stehende Jäger-Bataillon Nr. 3, im Verein mit den beiden herbei- 
eilenden Schwadronen von der Bedeckung des Marschalls, der Attacke 
ein Ziel. Die Husaren Nr. 17 sammeln sich im Grunde südwestlich 
Flavigny, die Husaren Nr. 11 an der Kirchhofshöhe. 
Bemerkungen. Der ganz auffallende Unterschied in den 
Verlusten bei den Angriffen A und B gegenüber C 
ist einerseits leicht zu erklären und liefert andrer- 
seits den »untrüglichsten« Beweis, dafs die Ver- 
hältnisse, welche Reiterangriffe möglich machen, 
auch heute noch recht thatsäch lieh bestehen. A zeigt,* 
dafs so kleine Häufleiu selbst gegen erschütterte Infanterie 



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Studien öber Verwendung n. Gefechtsthätigkeit deT Kavallerie. 179 

wohl grofee Verluste aber keineswegs mit Sicherheit Erfolge 
erzielen werden. Schmale Fronten der angreifenden Kavallerie 
werden — wenn solcher Angriff nicht in die Flanke geschieht 
— immer ein von allen Seiten beschossenes gutes Ziel bieten 
und schon hierdurch zahlreiche Verluste bringen; alle Er- 
fahrungen bestätigen diese Annahme. C zeigt einen Angriff 
mit breiterer Front, welcher mit ganz unbedeutenden Ver- 
Insten, die Reiterei bis an die französischen Reserven fuhrt, 
nachdem sie in die zurückstürmenden Truppen eingehauen 
und eine Batterie genommen hatte. Wenn dann aufeer 
einer grösseren Front für die angreifende Kavallerie noch 
2. Treffen und Reserven notwendig sind, um Erfolge durch- 
zuführen und zu erhalten, so folgt daraus, dafe sie zahlreich 
sein mufe, namentlich wenn sie zum Angriff auf die Front 
des Feindes, gleichgültig ob erschüttert oder nicht, bestimmt 
wird. Auch der Angriff der französischen Garde-Kürassiere 
bestätigt diese Annahme. Werden bei schmalen Fronten auch 
mehrere Staffeln in einem noch so rasenden Galopp auf längere 
Strecken vorgeführt, so werden sich durch die Verluste im 
Feuer des Feindes bald alle Staffeln in einen ungeordneten, 
atemlosen Haufen verwandeln, der wie alle Erfahrungen zeigen, 
sich beinahe regelmäfeig an der Infanterie vorüberschiebt und 
gerade dadurch neue und wohl die schwersten Verluste er- 
leidet. Bei der Attacke C ist ebenso klar ersichtlich, dafs nur 
ein zweites Treffen und Reserven, die bereits gewonnenen 
Erfolge hätten sichern, neue Erfolge erringen können. Die 
vereinigte Kavallerie, in der unter Abschnitt II. erwähnten 
Stellung, hätte wohl ohne jeden Anstand eine Division in der 
Mulde vorsenden und mit einer zweiten Division bis in die 
Höhe von Flavigny nachrücken können, um nötigenfalls noch 
weitere Kräfte bereit zu haben. 

D. 3. preufsische Attacke. 1 Uhr Nachmittags. 

14. Kavallerie-Brigade. 

3 Schwadr. Kürass. Nr. 6 verlieren den ganzen Tag 1 Off. 6 M. 9 Pf. 

4 « Ulanen «15 « • « c 3 « 34 « 30 « 
2 « • « «3 « « « «2« 22 «68« 

15. Kavallerie-Brigade. 

4 Schwadr. Husaren Nr. 3 verlieren « « i 9 « 160 « 133 « 
4 « « « 16 « « « « 3 « 33 « 72 « 
Hierbei ist zu bemerken, dafe beide Brigaden schon am Morgen 
im Feuer waren, dafs beide am Abende nochmals attackierten, und 



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HO 



Studien über Verwendung a. GefechtsthStigkeit der Kavallerie. 



dafe namentlich die 15. Brigade, insbesondere die Zieteu-Husaren, 
schon Morgens erhebliche Verluste durch das Infanteriefeuer aus 
Bois de Vionville hatten; auch hier werden die Verluste beider 
Regimenter, besonders wieder Zieten-Husaren, als nicht unerheblich 
bezeichnet. Bei der Abend- Attacke werden die Verluste der 19. Bri- 
gade ebenso als ansehnliche aufgeführt; auch die Verluste der 
15. Brigade können bei dieser Abend-Attacke der ganzen Sachlage 
nach keinesfalls geringer gewesen sein. — Aufeerdem beteiligten sich 
bei diesem Vorgehen freiwillig: 

3 Schwadr. Dragoner Nr. 12 verloren den ganzen Tag 13 M. 32 Pf. 

2*/ 2 « € € 9 « « I € 10 « 14 « 

auch diese beiden Abteilungen waren bei der Abend- Attacke thätig 
und zwar Dragoner Nr. 12 mit der 14., Dragoner Nr. 9 mit der 
15. Brigade. Diese sämtlichen Abteilungen standen nahe an der 
Steinbruchmulde westlich Bois de Gaumont, hatten vor der Front und 
dem rechten Flügel zahlreiche Artillerie, während vor dem linken 
Flügel die Hänge der gegen Flavigny hinziehenden Mulde auf mehr 
wie 1000 Schritt Breite vollständig frei waren. 

Gleich beim Zurückweichen des 2. französischen Armee-Corps 
war der 6. Kavallerie-Division die Verfolgung übertragen worden. 

»Befehlsüberbringnng, Ersteigen der Höhe und die Entwicklung 
der Division nehmen einige Zeit in Anspruch.« 

Die Division hatte 8 Schwadronen (15. Brigade) im ersten 
Treffen, denen sich noch 5 ! /a Schwadronen der in der Nähe stehenden 
Dragoner Nr. 12 und 9 anschlössen. Das links debordierende 
2. Treffen bestand aus 4 Schwadronen Ulanen Nr. 15, links rück- 
wärts derselben 2 Schwadronen Ulanen Nr. 3, rechts rückwärts 
3 Schwadronen Kürassiere Nr. 6. 

»Die Division kam nicht zum Aufmärsche und blieb im Wesent- 
lichen in eng aneinander geschlossenen Escadronskolonnen , welche 
zwischen Flavigny und der Strafee von Buxieres gegen die Chaussee 
voreilten.« 

Der Marschall Bazaine hatte die Garde-Grenadier-Division Picard 
an die Stelle des 2. Armee-Corps vorgezogen. Die 6. Kavallerie- 
Division, von frischen Truppen mit heftigein Gewehr- und Granat- 
feuer empfangen, inufste den Angriff aufgeben, wurde wie auf dem 
Exerzier-Platze geordnet und im Schritte zurückgeführt. 

Die Ulanen Nr. 15 hatten ein kurzes Handgemenge mit den 
beiden Bedeckungs-Schwadronen des französischen Oberbefehlshabers, 
die Kürassiere Nr. 0 versuchten gegen die Strafse anzureiten , von 
woher heftiges Infanterie- uud Artilleriefeuer auf die prenfsische 



Studien über Verwendung u. üefrchtstMtigkeit der Kavallerie • 181 

Kavallerie gerichtet war, die beiden Schwadronen Ulanen Nr. 3 
deckten den Rückzug, welcher auf Flavigny gerichtet wurde. 

»Das anscheinend erfolglose Vorgehen der Kavallerie, war doch 
insofern von Nutzen gewesen, als sich dadurch der Artillerie er- 
wünschte Gelegenheit geboten hatte, weiter vorwärts Stellung zu 
nehmen«. • • 

Bemerkungen. Die Grenadier-Division hatte von dem Posthause 
bei Gravelotte wohl 4 — 5 km zurückzulegen; die 6. Kavallerie- 
Division stand auf 3 km von Flavigny. Die angeführten 
Ursachen der Verspätung lassen erkennen, wie wichtig es für 
die Kavallerie ist, volle Sicherheit im Überwinden der im 
Terrain häufig vorkommenden Hindernisse zu besitzen; wie 
notwendig technische Durchbildung und tüchtige, mannigfaltige, 
praktische Übungen für gröfsere Kavallerie-Körper sind, zeigt 
die Verzögerung des Vormarsches durch die Angriflsformation 
und sodann die Unmöglichkeit des Aufmarsches. Nicht minder 
geht aus diesem Augriffe hervor, dafs auch die Divisions- 
Kavallerie der Übungen in gröfsereu Kavallerie-Körpern nicht 
entbehren möge, um sich zutreffenden Falles als weitere 
Reserven oder Flankenabteilungen bei solchem Angriffe be- 
teiligen zu können, ohne zu stören. 

E. 4. preufsische Attacke, 2 bis 3 Uhr. 
3 Schwadr. Kürassiere Nr. 7 verlieren 7 Offz., 189 Mann, 209 Pferde 
3 » Ulanen Nr. 16 » 9 » 174 » 200 » 
Die Stärke der 6 Schwadronen betrug kaum 800 Pferde. 
Die 6 Schwadronen attackierten in Linie, die Kürassiere auf 
dem linken Flügel. — 

Während der geschilderten Vorgänge im Centrum nahm das 
Gefecht auf dem rechten Flügel, nach öfterem gegenseitigen aber 
resultatlosen Vorstöfsen, den Charakter eines stehenden Feuer- 
gefechtes an. Bei der G. Infanterie-Division wurden die längs der 
Chaussee gegen Rezonville nachdrängenden Abteilungen bald durch 
frische Kräfte zum Stehen gebracht. Das französische 6. Armee- 
Corps hatte nämlich seine Front gegen die Strafse gerichtet und 
seine rechten Flügel durch die Division Tixier verlängert. Um 
1 V2 U' ir waren überdies 2 Divisionen vom 3. Armee-Corps bei 
Bruville eingetroffen und das 4. Corps hinter ihnen im Anrücken. 
Auf dem äufsersten linken Flügel blieben die preußischen Bataillone 
in der Mulde östlich der Tronviller Büsche in dem verlustreichen, 
schweren Kampfe gegen stets frische Kräfte der Franzosen. Auch 
die dorthin gesandten Verstärkungen, 2 Compagnieu IL/91, und um 

Jahrböcbar fix Ht Dantataa Inn u4 Maria«. M. LH, s. 13 



182 Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie 



12 1 /, Uhr der Rest der 37. Halbbrigade mit 27a Bataillonen, konnten 
dem immer schwieriger sich gestaltenden Kampfe eine andere 
Wendung nicht geben. 

Unter diesen Umständen traf Marschall Canrobert Anstalten, 
um mit ganzer Kraft gegen Vionville vorzustofsen. 

Zwischen den Befehlshabern des III. Armee -Corps und der 
it. Kavallerie- Division war verabredet worden, dafs Letzterer mit 
2 Brigaden die linke Flanke des Corps sichern sollte, Ersterem 
eine Brigade zur Verfügung bliebe. Von der 11. und 13. Brigade 

— zu ersterem Zwecke bestimmt — waren bereits die Husaren der 
13. Brigade auf verschiedeneu Punkten verwendet, von der 12. Brigade 

— vom kommandierenden General zur eigenen Verfügung zurück- 
behalten — nur die beiden schweren Regimenter zu verwenden. Dem 
kommandierenden General war die Krisis im Kampfe der G. In- 
fanterie-Division nicht entgangen und er hatte diese beiden Kavallerie- 
Regimenter an den Westausgang von Vionville beordert. Auf dem 
Marsche dahin brachte ein Ordonnanz-Offizier den Befehl 2 Schwa- 
dronen zur Rekognoszierung durch die Tronviller Büsche zu senden; 
der Chef des Generalstabas übermittelte sodann den Befehl zum 
Angriffe. General v. Bredow liefs seine 6 Schwadronen zuerst Front 
nach Osten nehmeu, um die deckende Mulde nördlich Vionville zu 
benutzen, mit Zügen links schwenken, sodann, wieder Front nach 
Osten, im Anreiten gegen die vorliegende Höhe Abstand nehmen 
und aufmarschieren. 

>Aus nächster Nähe mit heftigstem Artillerie- und Gewehrfeuer 

— unzweifelhaft in Front und Flanke — empfangen, werfen sich 
die Kürassiere links der Ulanen wie diese in Linie auf die Massen 
des Feindes. Das erste französische Treffen wird überritten, die 
Artillerie-Linie durchbrochen, Bespannung und Bedienung zusammen- 
gehauen und auch dao 2. französische Treffen konnte den mächtigen 
Reitersturm nicht aufhalten; die weiter rückwärts stehenden Batterien 
protzen auf und wenden sich zur Flucht. Vom Siegeseifer fort- 
gerissen, durchjagen die preufsischen Schwadronen sogar noch die 
Thalmulde nördlich Rezonville, wo ihnen von allen Seiten fianzö- 
sische Kavallerie entgegengeht. Auf atemlosen Pferden, nach einer 
Attacke von 3000 Schritten, gilt es sich rückwärts durchzuschlagen. 
Von dichtem Kugelregen überschüttet uud verfolgt, erreichen die 
Reste beider Regimenter Flavigny, wo sie sich wieder sammeln.« 

Etwa die Hälfte des Standes hatte dieser kühne Angriff ge- 
kostet. General v. Redern hatte die Husaren Nr. 11 zur Aufnahme 



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t 



Studien fiber Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 1 8;{ 

vorgeführt ohne zur Gefechtsthätigkeit zu kommen, da der weit 
überlegene Gegner bald nur noch mit Flankeurs gefolgt war. — 

»Die Opfer des todesmutigen Rittes waren nicht umsonst ge- 
fallen, die begonnene Vorbewegung der G. französischen Corps 
war zum Stehen gebracht, wenigstens nutemahnien die Franzosen 
von Kezonville her an diesem Tage keinen neuen Vorstoß mehr.« 

Während dieser Attacke war die Brigade Barby mit 3 Regi- 
mentern westlich der Tronviller Büsche vorgegangen und nordwest- 
lich derselben mit den Dragonern Nr. 13 zusammengetroffen. Eis 
waren somit 16 Schwadronen dort vereinigt, außerdem 2 Schwadronen 
an den Büschen zur Rekognoszierung; Husaren Nr. 11 und 17 bei 
Flavigny, Husaren Nr. 10 wohl am Südraude der Büsche und aufser- 
dem noch 8 Schwadronen in der Nähe von Vionville, so dafs auf 
einem Halbkreis von 2 km um diesen Ort noch immer 18 bis 
20 Schwadronen standen. 

Die Franzosen bei Bruville und St, Marcel richteten anfanglich 
ein ziemlich lebhaftes Artilleriefeuer auf die 4 preufsischeu Reiter- 
regimenter unter General Barby. Erwidert ward dasfelbe von der 
reitenden Garde-Batterie, welche von der 4. Schwadron 2. Garde- 
Dragoner- Regiments begleitet, ihr Feuer nach der Hochfläche von 
Bruville gerichtet hatte, während das 1. Garde-Dragoner-Regiment 
gegen den von französischen Reitern besetzten Wald bei Ferme la 
Orange plänkelte. Die Garde-Dragoner mit der Batterie waren der 
19. Infanterie-Division vorausgeeilt und schon um l */j Uhr bei Mars 
la Tour eingetroffen. 

Bemerkungen. Von den 47 Schwadronen des linken Flügels — 
einschließlich den bereits um V/ t Uhr eingetroffenen Garde- 
Dragonern — kommen hier uur 6 Schwadronen zum Angriffe. 
Von 35 Schwadronen der 5. Kavallerie-Division werden kurz 
vorher 12, dann noch 2 zur Deckung des linken Flügels und 
zum Rekognoszieren der Tronviller Büsche abgesandt, wo 
schon das ganze Dragoner-Regiment Nr. 13 stand, und außerdem 
sind 11 Schwadronen der 13. Brigade, 7'/i Schwadron anderer 
Abteilungen höchstens 2 km von Vionville auf verschiedenen 
Punkten verwendet. 

Der Angriff der 6 Schwadronen der Brigade Bredow ist 
in jeder Hinsicht von höchster Bedeutung für die Kavallerie 
und die Möglichkeit ihrer Verwendung. 

Vor Allem ist hier die Thatsache festzuhalten, dafs diese 
6' Schwadronen in Linie formiert, zwei feindliche Infanterie- 
Treffen und die Artillerie- Linie durch- und überreiten, trotz 

13» 



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1 84 Studien Ober Verwendung u. GefechtsthJtigkeit der Kavallerie. 



des heftigsten Feuers in Front und anfänglich der linken, 
später wohl auch der rechten Flanke. Die Verluste waren 
»war sehr bedeutend, sie dürften jedoch auf die Attacke selbst 
höchstens die Hälfte betragen haben, ja wir glauben dieselben 
mit grofser Wahrscheinlichkeit auf Va des Gesamtverlustes 
schätzen zu können. 2 /s für den Rückweg angenommen dürfte 
kaum zu hoch angeschlagen sein; auf 2'/ 2 km bewegen sich 
die Reiterschwärme wegen der ermatteten und atemlosen Pferde 
in lang gestreckten Haufen nur mühsam fort und werden auf 
diese Art leicht zur Heute der Feuerwaffen uud Verfolger, 
weil alle Kräfte erlahmt, der gauze Nimbus verloren ist. War 
sodann der Verlust der Attacke selbst vielleicht nur 140 Pferde, 
so mufs sie natürlich ohne grofse Erfolge bleiben, wenn nicht 
nachfolgende Treffen und Reserven »in gefechtsfähiger Ver- 
fassung« d. h. auf Pferden, welche noch Atem und Kraft 
zum Angriffe haben, die bereits erzielten Resultate ergänzen, 
erweitern und festhalten. Unter solchen Voraussetzungen hätte 
aber dieser Angriff absolut bedeutende Erfolge mit sich bringen 
müssen. Es steht wohl aufser jeder Frage, dafs gerade hier 
grofse Kavallerie -Massen befähigt gewesen wären, Resultate 
zu erzielen, deren annähernde Feststellung aufser jeder Be- 
rechnung liegt. 

Die Ursachen dieser günstigen Erfolge des ersten Stofses 
liegen zum Teil wohl in der Terraingestaltung, welche der 
Kavallerie immerhin gestattet haben mag, ihre Angriffs- 
bewegungen auszuführen, ohne dieselben dem Gegner schon 
auf weite Strecken zu verraten. Ein unbestreitbares Verdienst 
des Führers dieser Brigade aber bleibt es, dafs er die gebotenen 
Vorteile des Terrains ausnutzte, und seine Reginieuter — aus- 
drücklich bemerken wir, gegen die gewöhnlichen Regeln — 
ohne Reserven oder Staffeln in Linie zum Angriffe führte. 
Wäre auch diese Attacke ähnlich ausgeführt worden, wie die 
energischen Angriffe der französischen Kürassiere, hätte sie 
mit grofser Wahrscheinlichkeit kein wesentlich besseres Resultat 
erzielt. Auch die Direktion, welche für die Attacke gewählt 
wurde, war eine ganz entsprechende; das Feuer der Infanterie 
wurde zwar durch die Kavallerie maskiert, jedoch war dies 
unter den obwaltenden Verhältnissen auf diesem Flügel nicht 
in Betracht zu ziehen. 

Durch diese Attacke waren die begonnenen Vorbeweguugen 
des französischen 6. Armee-Corps zum Stehen gebracht; auf 



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Stadien über Verwendung u. GefechUtbfttigkei; der Kavallerie. 185 

» 

wie lange ist schwer zu bestimmen; dennoch müssen kurze 
Zeit darauf französische Infanterie- Abteilungen — wenn auch 
nicht von Rezonville — gegen Vionville vorgedrungen sein, 
nachdem die 3. leichte Batterie III. Armee-Corps nordöstlich 
dieses Dorfes »von feindlicher Infanterie bedroht, unter 
schweren Verlusten ihren Rückzug antreten und mehrmals 
abprotzen mufste, um den Feind in unmittelbarer Nähe ab- 
zuwehren. € 

Die Opfer des todesmutigen Rittes sind nicht umsonst 
gefallen, sie haben in der Kavallerie die Überzeugung voll- 
ständig wachgerufen, dafe trotz aller Theorien und Zweifel die 
Zeit keineswegs vorüber ist, in welcher — um mit Pz. zu 
sprechen — einige Tausend Reiter mit einem kraftvollen 
Angriffe in kurzer Zeit mehr erreichen können, wie 10,000 
Feuergewehre in schwerem, verlustreichem stundenlangem 
Ringen, daüs solche Angriffe zur rechten Zeit eingefügt der 
kämpfenden Infanterie ohne jeden Zweifel mehr nützen werden, 
wie andere welche erst der vollständig geschlagenen Infanterie 
Rettung bringen sollen. Diese Opfer haben der Kavallerie 
ferner gezeigt, dafs bei einigermafsen günstigen Verhältnissen 
die Verluste bei langen Fronten notwendigerweise im Ver- 
hältnisse abnehmen müssen; kleine Fronten werden dagegen 
bei der gesteigerten Feuerwirkung der Infanterie unter allen 
Umständen nahezu vernichtende Verluste erleiden, da sich 
dieselbe von einem grofsen Umkreise auf diese kleineren Ziele 
koncentriert. Die Opfer des todesmutigen Rittes sind auch 
dann nicht umsonst gefallen, wenn die Gefechtsthätigkeit der 
Kavallerie vollständig nach diesen Erfahrungen geregelt und 
entsprechend vorbereitet wird, wenn die 400 Schwadronen 
vortrefflicher Reiterei, welche ja unbestreitbar die vor- 
züglichen Eigenschaften aller andern Waffen der Armee im 
vollsten Mafse teilen, in stetem Fortschreiten die gröfste Höhe 
technischer Vor- und Ausbildung anstreben, wenn zweck- 
mäßige Organisation und Übungen, Führung wie Truppe auf 
gleiche Klarheit und Sicherheit bringen! 

54 Schwadronen der französischen Kavallerie dieses Flügels 
beschränkten sich darauf, die ermattet zurückbleibenden preufsi- 
schen Reiter zu verfolgen und machten den ganzen Tag über 
keinerlei ernstlichen Versuch in das Gefecht einzugreifen. Was 
kann wohl die Ursache anders sein, wie vollständiger Mangel 
an Bewegungsfähigkeit , Klarheit und Sicherheit der Truppe 



1 80 Studien über Verwendung u. Gefechtethätigkeit der Kavallerie. 

und Führung, gänzliches Fehlen aller bestimmten Vorstellungen 
darüber, was man von der Kavallerie überhaupt verlangen 
kann und wie man diese Waffe zur Verwendung bringen 
mufs? — 

Es waren somit auch keineswegs zutreffende Schlüsse, 
welche mitunter aus kriegerischen Ereignissen gezogen wurden 
und darin gipfelten, dafs die heutigen Gefechtsverhältnisse das 
Auftreten gröfserer Kavallerie-Massen verböten. Wenn in 
früheren Feldzügen solche Kavallerie- Massen mitunter oder 
häutig nicht zur Verwendung kommen, so haben eben damals 
ähnliche Verhältnisse die Schuld getragen, wie wir dieselben 
hier ganz bestimmt ausgeprägt linden. — 

IV. Von 3 Uhr bis zur Nacht, 

Nachdem die erste Division des französischen 4. Armee-Corps den 
rechten Flügel des 3. verstärkt hatte, brach die Infanterie in 
dichten Schwärmen vor. Die 4 Regimenter unter General Barby, 
von dem Feuer der feindlichen Tirailleurs erreicht, danu mit Salven- 
feuer überschüttet, zogen langsam in der Richtung auf Trouville 
ab; um 3 Uhr folgten auch die Garde- Dragoner mit der Batterie 
dieser Bewegung und nahmen südwestlich Mars la Tour Stellung. 
Bemerkung. Dort wo die Kavallerie nicht überraschend auftreten 
und attackieren kann, ist sie — namentlich ohne zahlreiche 
Artillerie — nur im Stande zu beobachten, oder sie mufs ab- 
sitzen und zur Feuerwaffe greifen, um den Gegner aufzuhalten. 
Bei der überaus größten Überlegenheit der Franzosen war auch 
hier wohl nur die Beobachtung thuulich, da die 4 Kavallerie- 
Regimenter ohne Artillerie kaum im Staude gewesen wären, 
eine genügende Feuerwirkung zu erzielen. In kavalleristischer 
Beziehung mufs es sohin doppelt bedauert werden, dafs die 
Brigaden und Regimenter der 5. Kavallerie -Division nicht 
vereinigt zur Attacke geführt wurden. Eine ausgiebige Er- 
schütterung — um nicht zu sagen Vernichtung — der fran- 
zösischen Centrums hätte sicher auch die weiteren Unter- 
nehmungen des rechten Flügels lahm gelegt und vorausichtlich 
alle andern abwehrenden Angriffe der Kavallerie unnötig 
gemacht. Zum Beobachten aber hätten die 13. Dragoner 
wohl vollständig genügt. 

Die ganze Macht des Angriffs richtete sich jetzt auf die 
Tronviller Büsche. »Zuerst mufste die Mulde von den beinahe auf- 
geriebenen brandenburg'schen Bataillonen geräumt werden, und 



Studien über Verwendung u. GefechtsthÄtigkeit der Kavallerie. 1 R7 



nachdem auch die Bataillone der 37. Halbbrigade ihre letzte 
Patrone verschossen halten, drangen die Franzosen in diese Büsche 
ein und bemächtigten sich nach mehr als einstündigem Ringen des 
nördlichen Teiles derselben. Nach 4 Uhr müssen auch die Batterien 
zurückgenommen werden, welche, westlich Vionville, nördlich der 
Strafse stehen. Gegen die von 3 Seiten andrängende Uebermacht 
hatten jetzt die 4 Batterien südlich der Strafse unter Major Körber 
den Kampf aufzunehmen; ihnen hatte sich die 3. leichte III. Armee- 
Corps bald darauf angeschlossen, welche nordöstlich Vionville durch 
feindliche Infanterie bedroht den Rückzug antreten mufste. Auch 
hier mufsten diese Batterien einen bedrohlichen Vorstofs aus den 
Tronviller-Büschen mit Kartätschfeuer abschlagen.« 
Bemerkung. Bezugnehmend auf die Bemerkung unter II. mag 
hier erwähnt sein, dafs die Verhältnisse zu einer grofsen 
französischen Kavallerie- Aktion auf dem linken preufsischen 
Flügel von Mittag bis gegen 3 Uhr günstig genannt werden 
müssen, und kurz nach 3 Uhr sich noch günstiger gestalteten. 
Es gab sohin Zeit zur Überlegung, Vorbereitung und Aus- 
führung in ausreichendster Weise; auch die Kavallerie war in 
vollständig genügender Zahl zu solchem Unternehmen vor- 
handen. Es fehlte somit wohl lediglich an der Anregung 
hierfür und an einer Persönlichkeit, welche diese gegeben, 
welche die Leitung des Angriffes in die Hand genommen hätte. 
Unter dem Schutze der mutig ausharrenden Artillerie, hatte 
die preufsische Infanterie die Büsche geräumt, sammelte sich nächst 
Tronville und richtete diesen Ort zur Verteidigung ein. In dieser 
kritischen Gefechtslage traf zwischen 3 und 4 Uhr, nach einem 
Marsche von 6 Meilen, die 20. Division über Chambly bei Tronville 
ein. Das Dragoner- Regiment Nr. 16 (Divisions-Kavallerie) war 
vorausgeeilt und stellte sich der 5. Kavallerie-Divission zur Ver- 
fügung. Von der 39. Brigade war 1 Regiment und 2 Batterien 
nach dem östlichen Teil des Schlachtfeldes dirigiert, wohin noch 
2 Batterien der Corps- Artillerie befohlen wurden, 2 andere Batterien 
der Corps- Artillerie, welche wie die Ersteren mit der 40. Brigade 
marschierten, gingen an der 39. Brigade vorbei, traten westlich 
Tronville in Aktion und beschossen von da aus die vordringenden 
Franzosen. Eine rückgängige Bewegung derselben benutzend wurden 
diese Batterien bis zur Strafse vorgeführt, dort schlössen sich bald 
noch 2 Batterien der 40. Infanterie- Brigade an. Die beiden ersten 
Bataillone der 39. Infanterie- Brigade rückten von Tronville gegen 
die Büsche vor, säuberten dieselben vom Feinde und erreichten gegen 



1 88 Studien über Verwendung u. Gefechtsth&tigkeit der Kavallerie. 

5 V\\r deren Nordrand. Uni A l / 2 Uhr war die 40. Brigade bei 
Tronville aufmarschiert. Das Regiment Nr. 17 wurde zum Nach- 
rücken in die Büsche befohlen, auf deren Westseite auch die 
Artillerie folgte. Der Rest der Brigade (4 Bataillone) wurde in 
eine Bereitschaftsstelluug südlich der Büsche geführt. 

Um 37a Uhr war auch die 38. Brigade bei Suzemont einge- 
troffen, marschierte dort zum Gefechte auf und setzte um 4 Uhr in 
der Stärke von 5 Bataillonen die Bewegung auf Tronville fort. Die 
anfanglich beabsichtigte Bewegung über Ville sur Yron war ein- 
treffender Meldungen wegen aufgegeben und der Anschliffs an den 
bedrängten linken Flügel beschlossen worden. Das Eintreffen der 
20. Division hatte auf diesem Punkte die Verhältnisse geändert; 
dies war dem Commandeur der 38. Brigade nicht entgangen, er 
beschlofs mit gesammten Kräften zum Angriffe der Höhen von 
Bruville zu schreiten. Die beiden Batterien der Brigade nahmen 
nördlich Mars la Tour Stellung, die Infanterie entwickelte sich im 
weiten Bogen nordöstlich dieses Ortes. Die Garde- Batterie mit der 
Schwadron des 2. Garde-Dragoner-Regiment« sollte gegen Ville sur 
Yron vorgehen, das 1. Garde- Dragoner Regiment erhielt Befehl, 
die an der Chaussee befindlichen Batterien zu decken. 

Mit dem Beginne der 6. Nachmittagsstunde schicken sich die 
Bataillone der 38. Brigade zum Angriffe der Höhen von Bruville 
an; 5 Bataillone der 20. Division hatten die Tronviller-Büsche besetzt, 
4 andere stehen an deren Südrand in Reserve, bei Tronville sind 
die Reste her 37. Halbbrigade. 0 Batterien vom X. Armee- Corps 
sind nördlich der Strafse zwischen den Büschen und Mars la Tour 
im Feuer. Südwestlich Tronville von der 5. Kavallerie- Division 
4 Schwadronen Ulanen Nr. 13, 4 Schwadronen Dragoner Nr. 10, 
4 Schwadronen Dragoner Nr. 13 vereinigt, dann die eingetroffenen 
4 Schwadronen Dragoner Nr ltt südlich Tronville. Vom Kürassier- 
Regiment Nr. 4, 2 Schwadronen östlich Tronville, 2 an der Süd- 
westecke der Büsche. Sodann 1 Schwadronen Dragoner Nr. 2 
an der Sttdostecke dieser Büsche, l , /2 Schwadronen Dragoner Nr. 9 
westlich Vionville, Husaren Nr. 17 und 11 in der Mulde nächst 
Flavigny, dahinter die Reste der Kürassier Nr. 7 und Ulauen Nr. 16, 
endlich die Husaren Nr. 10 mit 3 Schwadronen nördlich Puxieux, 
4 Schwadronen 1. Garde-Dragoner-Reginients stehen bei Mars la Tour. 
Die Kavallerie dieses Flügels zählt ohne die beiden schweren Re- 
gimenter der Brigade Bredow 40 7a Schwadronen und steht in einem 
Halbkreis von 3 — 4 Kilometer Radius und den Mittelpunkt Tronville 



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Studien Uber Verwendung u. Gefechte hätigkeit der Kavallerie. 1 Rf> 



in 8 — 9 Gruppen, nächst Tronville die Hauptkräfte mit 18 Schwadronen, 
davon 12 Schwadronen im Brigade- Verbände. 

Im Centrum der Gefechtslinie hatte sich in den Nachmittags- 
stunden beinahe gar nichts verändert; die 5 Batterien unter Major 
Körber waren nach Wiederbesetzung der Tronvillcr- Büsche auf 
eine Höhe nordwestlich Viouville vorgegangen. 

Auf dem rechten Flügel war die Artillerie zwischen 2 s /i und 
4 Uhr durch 7 neue Batterien, die Infanterie durch die 37. Halb- 
brigade, dann gegen 4 Uhr durch das 1. Bataillon des Leibregiments, 
um 4'/ 2 durch 3 Bataillone der 20. Infanterie- Divisiou verstärkt 
worden. Aufserdem griff die 10. Infanterie-Division bereits in dem 
Walde von St. Arnould in das Gefecht ein und die Gefechtsver- 
hältuisse waren im Allgemeinen keineswegs ungünstig. Von der 
Kavallerie dieses Flügels stand die 14. Brigade mit den Dragonern 
Nr. 12 (12 Schwadronen) etwa l l / 3 Kilometer südlich Flavigny, 
die 15. Brigade mit den Dragonern Nr. 9 (\0 l / 2 Schwadronen) in 
der Steinbruchmulde auf etwa 2V 2 Kilometer von der 14. entfernt. — 

F. 5. preufsische Attacke. 

3 Schwadronen 1. Garde-Dragoner Verlust 12 Offiziere 125 Mann, 
250 Pferde im Text, dagegen nach der Liste: 14 Offiziere, 82 Mann, 
204 Pferde. 

Die Regimenter der 38. Brigade waren mit rücksichtsloser 
Energie zum Augriffe vorgegangen ; unter schweren Verlusten ge- 
langten sie an die steile Schlucht vor der französischen Stellung und 
überschritten dieselbe mit gleicher Unerschrockenheit. Auf der Höhe 
angelangt, werden sie jedoch von einer Division in der Front, von 
einer andern in der linken Flanke angefallen und zurückgeworfen 
Die Verluste steigern sich beinahe bis zur Vernichtung. Der allein 
noch berittene Offizier, Oberst v. Cranach, führt die Beste nach der 
Chaussee zurück. 

»Die Franzosen haben schon die Schlucht überschritten und 
jeden Augenblick steht das Anrücken der Keitermassen 
zu gewärtigen, welche hinter dem rechten Flügel 
auftauchen.» — 

Das 1. Garde-Dragoner- Regiment und die 5. Kavallerie-Division 
erhalten gegen b' Uhr den Befehl zum rücksichtslosen Draufgehen. — 
Die Garde-Dragoner lassen eine Schwadron in Reserve bei Mars Iii Tour 
und traben in der Zugkolonne über die Chaussee, um die rechte 
Flanke des Feindes zu gewinnen. Schwer zu überschreitendes Hecken- 
gelände nordöstlich Mars In Tour und Feuer des Feindes erschweren 
das Fortkommen sowie den Aufmarsch. Mit 3 Schwadronen in 



100 



Studien über Verwendung n. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



Linien wirft sich das Regiment in die Flanke des Gegners. 2 Schwa- 
dronen Kürassiere Nr. 4 gehen rerhts der Dragoner über die 
Chaussee, können aber den Angriff wegen heftigein Mitrai lleusen- 
und Gewehr-Feuers nicht durchführen. Die Dragoner durchbrechen 
und überreiten mehrfach Abteilungen des 16. französischen Linien- 
Regimentes, und alle Abteilungen, welche den östlichen Teil der 
Schlucht überschritten haben, gehen wieder über denselben zurück. 

Bemerkung. Auch hier hätte ein Angriff mit mehreren Re- 
gimentern voraussichtlich weitere Erfolge erzielt. Wären 
z. B. 3 Schwadronen in die Flanke gegangen und 5 hätten 
denselben Flügel in der Front attackiert, so wäre einem 
folgenden 2. Treffen wahrscheinlich möglich geworden, die 
Lücken des Stofses zu vergröfsern und zu vervollständigen. 

Der Satz, welcher ausspricht, dafs jeden Augenblick das 
Anreiten der französischen Reitermassen zu gewärtigen war, 
welche hinter dem rechten französischen Flügel auftauchen, 
zeigt, dafs die erwähnte Schlucht von prcufsischer Seite keines- 
wegs für ein schwer passirbares Hindernils betrachtet wurde. 
Der französischen Armee, mit den Übungen in stehenden 
Lagern, fehlte nicht nur jede praktische Vorbereitung im 
Sicherheitsdienste, sondern auch natürlich die praktische Aus- 
nutzung des wechselnden Terrains, die Übung, jene Hindernisse 
zu überwinden, welche da häufig vorkommen. Natürlicher- 
weise waren diese beiden Punkte gerade für die Kavallerie am 
fühlbarsten. Sicher trugen sie wesentlich dazu bei, diese 
Waffe zu der Unsicherheit und Untätigkeit zu bringen, welche 
in jeder Richtung auffallend hervortritt, welche durch die 
ungewohnte Vereinigung in gröfsere Masseu, natürlich noch 
wesentlich verstärkt wurde. — 

Wäre in dieser Zeit das jeden Augenblick zu gewärtigende 
Vorbrechen der französischen Kavallerie- Massen erfolgt, so hätte 
dasfelbe wohl von bedeutender Wirkung sein müssen. Nicht oft 
genug aber kann darauf hingewiesen werden, dafs solches Vor- 
brechen nur bei einer gewissen Gefechtsgewandtheit dieser Massen 
(Divisionen) denkbar ist. Wenn frühere zahlreiche Kriege diese 
Gewandtheit mitunter herbeiführten, so kann sie unter den heutigen 
Verhältnissen nur durch entsprechende Friedensübungen gewonnen 
werden. — 



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Stn-lien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



101 



G. 0. preufsische Attacke. 
4 Schwad. Drag. Nr. 13 verl. d. gz. Tag 7 Offiz. 86 M. 65 Pf. 

2 » G.-Drag. » 2 d. Reg. v. d. gz. Tg. 6 > 115*150»*) 

3 » I-lauen »13» »»»»»6» 50 » 61 » 

2 » Kürass. » 5 »»»»»» 6 » 52 » 56 »**) 

4 » Dragon. » 10 verlieren d. g. Tg. 12 » 113 » 95 » 
4 » » »16 » » » » 4 » 22 » 43 » 

_3_ » Husaren »10 » »»»5 »28» 38» 
22 

Die beiden Schwadronen 2. G.-Drag. können höchstens 70 bis 
80 Pferde verloren haben, von denen wol der gröfste Teil auf die 
4. Schwadron trifft, welche vorher schon gegen ein ganzes Regiment 
attackirt hatte und ein längere« Handgeraenge bestand. 

Die französischen Kräfte waren: 

12 Schwadronen der Division Legrand 
4 » » » du Barail 

8 i ' » Brigade de Frauce. 

24 Schwadronen in erster Linie. 

Jenseits des Grundes stand noch die Division Clerenibault mit 
20 Schwadronen. 

Die reitende Garde- Batterie mit der 4. Schwadron 2. Garde- 
Dragoner- Regimentes war auf der Chaussee nach .Jarny vorgegangen, 
daselbst im Feuern begriffen wird *ie durch das Regiment Chafseurs 
d'Afrique Nr. 2 angegriffen, welchem sich die Schwadron entgegen- 
wirft und dadurch den Rückzug der Batterie möglich macht. Das 
herbeigerufene Dragoner- Regiment Nr. 13 wirft sich noch recht- 
zeitig und mit aller Wucht in das auf Mars la Tour zurückgehende 
Handgemenge; die Chafseurs fliehen und werden bis in die Höhe 
von Ville sur Yron verfolgt. Hier aber mufs zum Sammeln geblasen 
werden, da gröfsere feindliche Reiterinassen in Sicht kommen. Es 
waren dies 12 Schwadronen der Kavallerie-Division Legrand 4. Armee- 
Corps. — Dragoner Nr. 3 waren zur Infanterie abgestellt — 
8 Schwadronen der Garde-Brigade de France und 4 Schwadronen 
Chafseurs d'Afrique, welche die vorerwähnte Attacke gemacht hatten; 
aufserdem war noch der gröfste Teil der Division Clerenibault des 
3. Armee-Corps mit 20 Schwadronen — die Brigade Juniac mit 
8 Schwadronen war zurückbehalten — auf diesem Flügel — der 
kommandirende General des 4. französischen Armee- Corps hatte 

*) Siehe auch 1. prenfs. Attacke. 

**) Die beiden andern Schwadronen bei Attacke F. hatten wohl ebenfalls 
starke hier inbegriffene Verluste. 



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] 02 Studien 6ber Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



dieser Kavallerie befohlen, auf der Fläche von Ville sur Yron einen 
entscheidenden Schlag auszuführen. In Folge dessen war zuerst das 
Chafseurs- Regiment dahin gegangen und hatte die Attake gemacht; 
ihm folgten 12 Schwadronen der Division Legrand nnd 8 der Bri- 
gade de France und formirten sich links einschwenkend in mehreren 
Treffen, welche sich immer rechts überfl (igelten. 

Die preufsischen Dragoner Nr. 13 und die 4. Escadron 
2. Garde-Dragoner hatten sich südlich der Höhe 736 gesammelt; die 
zwischen Tron ville und Puxieux unter General Barby noch ver- 
einigte Kavallerie — 3 Schwadronen Ulanen Nr. 13, 4 Schwadronen 
Dragoner Nr. 10 und 2 Schwadronen Kürassiere Nr. 4 — war bis 
zur Strafse in nördlicher Richtung vorgegangen. Die gerade jetzt 
zurückströmende Infanterie machte es unmöglich in dieser Richtung 
weiterzukommen; Mars la Tour ward in Folge dessen auf der Süd- 
seite umgangen — dort schlössen sich 4 Schwadronen Dragoner 
Nr. 16 und 3 Husaren Nr. 10 an — die Front gegen Norden ver- 
ändert und die grofse Strafse nach Verdun überschritten; 9 Schwa- 
dronen der Brigade Barby im ersten, die beiden letztgenannten Re- 
gimenter im zweiten Treffen hinter den Flügeln. Nördlich der 
Strafse angelangt überblickte man das Terrain und gewahrte rechts 
vorwärts die Dragoner Nr. 13, links im Hintergrunde die eben 
auftauchende französische Kavallerie. Schon hatte sich die Husaren- 
brigade Montaigu in Linie anf die im Galopp entgegengehenden 
Dragoner geworfen, als die Husaren Nr. 10 um beide Flügel der- 
selben vorbrechend iu die Flanken der Franzosen attakieren. Un- 
mittelbar darauf trifft auch die übrige preufsische Kavallerie ein, 
und um 6 3 / 4 Uhr erfolgt fast gleichzeitig der Zusammenstofs der 
Reitermassen auf der ganzen Linie. »Die Brigade de France auf 
dem zurückgehaltenen rechten Flügel der Franzosen hatte den Stöfs 
nahe an sich herankommen lassen. Auf 150 Schritte gehen die 
Garde- Landers den Dragonern Nr. 10 mit Ungestüm entgegen; 
die Ulanen Nr. 13 mit der herbeigerittenen 5. Escadron. 2 Garde- 
Dragoner-Regiments überflügeln jedoch die Brigade de France. Die 
beiden Schwadronen des Kürassier -Regimentes Nr. 4 drängen sich 
wegen Raummangel zur Entwicklung in Zugkolonnen, einem starken 
Keile gleich, in das Handgemenge, und die Dragoner Nr. 16 gehen 
den Franzosen in Flanke und Rücken. Nach kurzem wogendem 
Handgemenge wenden sich die französischen Reiter und fliehen in 
der Richtung nach Bruville, wo die 5 Regimenter Clerembault's 
halten. Der General läfst eine Brigade das Thal überschreiten, 
doch die fliehenden Husaren stürzen sich auf dieselbe und reifseu sie 



Studien Bber Verwendung u. Gefichtsthätigkeit der Kavallerie. 



in die Flucht mit fort; der andern Brigade gelingt es zwar sich 
jenseits des Thaies zu formieren, ohne jedoch weiter vordringen zu 
können.« — 

Das Regiment Chasseurs d'Afrique hatte unterdessen das Wäld- 
chen bei Ville sur Yron besetzt; französische Infanterie im Thale 
der Ferme Greyere und eine 12pfündige Batterie richten jetzt ihr 
Feuer auf die preußische Kavallerie und setzen dadurch der Ver- 
folgung an den Thalubergäugen ein Ziel. Die preufsischen Reiter- 
schaären ordnen sich auf der erstritteuen Ebene uud ziehen sich 
dann langsam auf Mars la Tour zurück. 

»Mit diesem grofsartigsten Reiterkampfe des ganzen Krieges, 
war die noch vor Kurzem so drohende Gefahr für den preufsischen 
linken Flügel endgültig abgewendet.« 

Bemerkungen. Die Verteilung der preufsischen Kavallerie vor 
dem um 6 Uhr gegebenen Befehl zum rücksichtslosen Drauf- 
gehen möchte manche Bedenken erregen. Immerhin aber 
zeigt auch diese Attacke wie notwendig es ist, dafs ein ge- 
regeltes Zuströmen vereinzelter Kavallerie-Regimenter angestrebt 
werde, dafs auch die Divisions-Kavallerie vollständig versteheu 
mufs im Divisionsverbaude zu reiten; ohne entsprechende Ein- 
richtungen uud Friedensübungen wird man kaum darauf 
zählen können, dafs zum Schlüsse die Kavallerie nicht zn 
schwach ist, um eine tüchtige Entscheidung herbeizuführen, 
man wird kaum darauf zählen können, alle verfügbaren Kräfte 
da zu vereinigen, wo solche Entscheidung erkämpft werden 
soll. Die Franzosen hatten auf ihrem rechten Flügel überhaupt 
56 Schwadronen, von diesen waren mindestens 44 vereinigt, 
und es hätte deren zweckmäfsige Verwendung kaum gestattet, 
dafs 22 preufsische Schwadronen einen entschiedenen Sieg zu 
erringen im Stande gewesen. Von diesen 22 preufsischen 
Schwadronen waren 5 bereits engagiert, nur 1) im Brigade- 
verbande vorgeführt worden, denen sich 7 anschlössen, und 
eine Schwadron eilte zur Attacke herbei. Kavallerieangritt'e 
gehen aber meist so schnell vorüber, dafs auf ein Zuströmen 
während der Angriffsbewegung und der Attacke selbst wenig 
zu rechneu ist; dagegen scheint es sehr wichtig, dafs solches 
Zuströmen, so weit immer möglich, Prinzip werde, dafs solche 
verfügbaren Kavallerie- Abteilungen stets trachten sich an 
gröfsere Körper anzuschliefsen. Die Möglichkeit nach diesen 
Prinzipien, für vorstehende Attacke auch ein 3. Treffen zu 
formieren, hätte voraussichtlich gestattet, die neu auftretende 



Studien über Verwendung u. Gefechtethätigkeit der Kavallerie. 

Brigade der Division Clereuibault zu werfen, deren Verfolgung 
über die Schlucht zu betreiben, den au. lern Treffen Zeit zum 
Sammeln zu geben, uud vielleicht weitere Angriffsbewegungen 
auszuführen. 

Bei der Attacke unter D führte das unbestreitbar be- 
stehende Gefühl der Zusammengehörigkeit 5 V2 Schwadron zu 
den 17 der G. Kavallerie-Division; der in der Waffe lebende 
kavalleristische Geist, der lebhafte Thatendurst zog diese 
Divisions-Kavallerie an. Unter den beengenden Verhältnissen 
waren sie vielleicht mit Ursache, dafs das schon au und für 
sich 8 Schwadronen starke erste Treffen einen geordneten 
Aufmarsch nicht durchführen konnte. Auch in dieser Hinsicht 
weiden nur gauz entsprechende Übungen wahren Nutzen 
bringen. Das Verhalten der Dragoner Nr. IG und Husaren 
Nr. 10 bei der Vorbewegung, wie jenes dieser beiden Regimenter, 
der Kürassiere Nr. 4 und 5. Escadron 2. Garde -Dragoner 
im Verlaufe der Attacke G sind ein vollständig ausreichendes 
Beispiel für diese Grundsätze. Allerdings scheinen die Vor- 
übungen gröberer Kavallerie-Körper weit mehr auf die Angriffe 
gegen Kavallerie auf ausgesuchtem Terrain abzuzielen, als auf 
die Überwindung mancher durchaus nicht seltenen Terrain- 
Schwierigkeiten und von Gefechtsverhältuissen , welche eben 
nur Festhalten au gewissen Formen einfach nicht gestatten. 
Die grofse Wichtigkeit auch dieses Urnstandes soll später noch 
eingehender besprochen werden. 

Bei dieser Attacke G ist ferner zu bemerken: Das Ver- 
halten der französischen Garde -Lanciere. So unkavalieristisch 
dasfelbe auch war, brachte es doch dem tapfer draufgeheuden 
Dragoner-Regimente Nr. 19 im Verhältnisse zu den andern 
Regimentern starke Verluste, namentlich an Offizieren und 
Mannschaften. Als sich die Dragoner auf 150 Schritte genähert 
haben, gehen ihnen diese Lanciere mit Ungestüm entgegen. 
70 Schritte ist ungefähr die weiteste Strecke, in welcher die 
Pferde im heftigen Galoppe noch ziemlich geschlossen und 
einbruchsfähig ankommen werden. Längere Strecke im 
heftigen Galoppe zurückgelegt, bringt die Pferde in zunehmen- 
der Proportion aufser Atem, erschöpft vorzeitig deren Kraft, 
lockert natürlich die Verbände und vernichtet die Einbruchs- 
fähigkeit. Es mag die Lanze auch Mitnrsache an diesen 
stärkeren Verlusten tragen, sie gewinnt bei gleicher Gewandtheit 
der Reiter aber wesentlich an Bedeutung bei einem ge- 



Studien üb<r Verwendung u. GefechtstMtigkeit der Kavallerie. 



105 



seh lossenen , energischen Zusammenstoß. Auch liier bleibt 
somit die Hauptsache, Kuergie der Pferde, Geschlossenheit der 
Truppe, und sind diese beiden Funkte die wahren Brennpunkte 
einer tüchtigeu Attacke; hierin liegt auch ohne Zweifel der 
Grund, weshalb der eigentliche Angriff in Marsch! Marsch! 
nicht auf weitere Distanze wie auf 100 Sehritte vom Gegner 
geritten werden soll. Es giebt somit nur zwei Wege diese Kar- 
dinal-Punkte eiuer jeden Attacke zu erreichen und zwar, 
entweder das Verhalten der französischen Garde-Lanciers, oder 
aber alle Gangarten auf solche Art zu Oben, dafs die Pferde 
auch auf laugen Strecken weder Atem noch Kraft für den 
Einbruch verlieren. Auch dieses Thema erscheint wichtig 
genug, dafs es noch besonders berücksichtigt werde. 

Die Kavallerie hat es wohl in mancher Hinsicht zu be- 
klagen, dafs diese Attacke von 22 Schwadronen der grofs- 
artigste Reiterkampf des ganzen Krieges geblieben ist, in 
welchem bei den 3 Armeen gegen 3G0 Schwadronen eingeteilt 
waren und zwar: 

40 Schwadronen mit 2 Batterien in 2 Kavallerie-Divisionen 
formiert und 3G Schwadronen Divisions-Kavallerie bei der 
I. Armee, 104 Schwadronen mit 5 Batterien in 4 Kavallerie- 
Divisionen und 1 Brigade formiert, dann 56 Schwadronen 
Divisions-Kavallerie bei der IT., endlich 80 Schwadronen mit 
7 Batterien in 2 Kavallerie-Divisionen und 3 Brigaden formiert, 
44 Schwadronen Divisions-Kavallerie bei der III. Armee. — 
Auf dem linken Flügel lagern südwestlich Tronville die er- 
schöpften Überreste der 38. Brigade und Teile der ebenfalls stark 
gelichteten 37. Halbbrigade; der Rest zwischen Tronville und Ferme 
de Sauly; G Batterien des X. Armee-Corps hatten während aller 
Wechselfälle des Kampfes mutig ausgehalten und wurden jetzt süd- 
lich der Chaussee zurückgenommen. Links lehnten sie sich an die 
aus dem Kampfe zurückkehrende Kavallerie, rechts an die Stellungen 
der 20. Division. Die Tronviller Büsche wurden durch neue Kräfte, 
Jäger Nr. 10, F./5G und T/92, besetzt. Im Centrum und auf dem 
fechten Flügel dauerte das Gefecht fort. Die aus dem Moselthale ein- 
treffenden Verstärkungen, sowie die immer wieder ergänzten Reserven 
der Franzosen gaben hier dem Gefechte stets frische Nahrung. 
Von der IG. Division waren 3 Batterien und 3 Schwadronen Husaren 
Nr. 9 auf das Schlachtfeld vorausgesendet, zwischen 3 1 /* und 1 Uhr 
eingetroffen; um 4 Uhr waren 9 Bataillone — darunter Regiment 
Nr. 11 — von der 18. Division südlich des Bois de la croix St. Marc 



1 00 Studien über Verwendung u. Gefechtethfitigkeit der Kavallerie. 



aufmarschiert. 11/72 ging als Flankendeckung durch das Bois des 
Chevaux nach dem des Ognons, die übrigen 8 Bataillone durch 
Gor/.e und Bois St. Arnould vor. 

Die Höhe 070 war bereits 2 mal genommen und wieder verloren 
worden; auch ein dritter Angriff durch Regiment Nr. 11 scheiterte. 
Ein von Marschall Bazaine angeordneter größerer Verstofs zur Be- 
setzung der Llöhe 089 war erfolglos, und blieb diese Hohe unbesetzt. 
Um 7 Uhr erreichte 11/72 den Westrand des Bois des Ognons und 
richtet«- ein lebhaftes Feuer gegen die Flanke der feindlichen Ab- 
teilungen auf Höhe 070. Die am Hände des Bois de St. Arnould 
versammelten Abteilungen sehen sich hierdurch veranlafst, nochmals 
vorzugehen, aber auch dieser Angriff .seheiterte an dem Eingreifen 
der französischen Reserven, ebenso wie die wiederholten gegnerischen 
Versuche gegen die preufsischen Stellungen. Während der Kampf 
auf dem westlichen Teil des Schlachtfeldes zu Ende ging, dauerte 
derselbe im Centrum und auf dem rechten Flügel bis in die Nacht 
hinein fort. In dieses Abendgefecht griffen noch weiter östlich die 
Spitzen der 25. Division ein; .T Batterien wurden über Gorze auf 
das Sehlachtfeld geschickt, 4 Bataillone betraten recht« abbiegend 
die grofsen Waldungen, drangen bis an den nordwestlichen Rand 
des Bois des Ognons und beschossen von dort die französischen 
Reserven, welche auf Rezonville weichen. 

H. Preufsische A bend- Attacken. 

Uni 7 Uhr wurde Befehl zum allgemeinen Vorrücken auf Rezon- 
ville erteilt. 10—12 uoch bewegungsf.ihige Batterien rücken vor, 
ebenso die Infanterie des Ccntrums. Um 8 Uhr krönten die Batterien 
wirklich den lang bestrittenen Höhenzug 080. Alsbald aber richtete 
sich aus Ost und Nord ein mörderisches Gewehrfeuer auf die Ar- 
tillerie, und . r >4 Geschütze der Garde-Artillerie wurden jenseits des 
Rezonviller Thaies in Stellung gebracht. Die preufsischen Batterien 
antworteten eine Zeit laug mit Schnellfeuer, dann gingen sie batterie- 
weise in ihre frühere Stellung. 

Auch die beiden Brigaden der G. Kavallerie-Division waren herbei- 
gekommen. Die 14. Brigade nebst DragonerNr. 12 rückte in Eskadrous- 
kolonnen längs der Strafse von Bnxieres auf Rezonville vor, passierte die 
Artillerie und kam bald in heftiges Infanteriefeuer, das ihr ansehn- 
liche Verluste zufügte. Nach Abzug der Artillerie sah sich diese Brigade 
genötigt, hinter die nächsten Höhen zurückzugehen. Die 15. Brigade 
mit 2V2 Schwadronen Dragoner Nr. 0 hatte sich von dem west- 
lichsten Funkt der Steinbruchmulde in Bewegung gesetzt, Eskadrous- 
kolonneu formiert und ging mit den Dragonern im 2. Treffen 



Studien über Verwendung a. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 197 



nördlich an Flavigny vorbei auf Rezonville, Husaren Nr. 3 nördlich 
der Straüse, dann wurde die ganze Brigade auf diese Seite gezogen, 
durch die Infanterie geführt und im Galopp auf eine kaum 
erkennbare rechts ausweichende Masse vorgeritten. Gleich darauf 
befand sich die Brigade mitten zwischen feindlicher Infanterie, welche 
in die Husaren hineinfeuerte; diese durchjagten die feindlichen 
Schützenlinien, sprengten auch einige geschlossene Trupps, doch 
war bei der eingetretenen Dunkelheit ein grösserer Erfolg nicht zu 
erringen. — 

Bemerkungen. Von den vorhandenen 110 Schwadronen fran- 
zösischer Kavallerie attackierten 5 und 24 in 2 Attacken, es 
kam also nur wenig mehr wie der 3. Teil der Kavallerie zum 
Angriffe. 

Von den 66 preufsischen Schwadronen attackierten bei 
deu verschiedenen Angriffen 86; etwa 20 Schwadronen, kamen 
souach 2 mal zum Angriffe, da Dragoner-Regiment Nr. 2 über- 
haupt nicht zur Attacke kam, und die erst später eintreffenden 
1. Garde-Dragoner nicht in die Zahl 66 zählen. 

Der Gesamtverlust der preufsischen Kavallerie betrug 
98 Offiziere, 1303 Mann, 1602 Pferde. 

Im Feldzuge 1 866 verlor die gesamte preußische Kavallerie 
in Gefechten und Schlachten 94 Offiziere, 1236 Mann, 
1113 Pferde. 

Diese Kavallerie war 48 Regimenter und gegen 30,000 
Pferde stark. 

Die vorzüglichen Dienste, welche die Kavallerie während 
des letzten Feldzuges leistete, sind allgemein und wiederholt 
anerkannt worden; dafs sie auch auf dem Schlachtfelde ganz 
hervorragende Dienste leisten kann und wird, beweisen ihre 
energischen mitunter höchst opfervollen Angriffe. Diese An- 
griffe und die entsprechende Rücksichtnahme auf alle Ver- 
hältnisse lassen mit aller Bestimmtheit die Behauptung zu, 
dafs diese tüchtigen Regimenter im Stande sein werden, 
vernichtende Schläge auszuführen, wenn sie wohl vor- 
bereitet in grofsen Verbänden zur Attacke geführt 
werden. (Schlafe folgt) 



i;»h 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



XIV. 

Veränderte Visierung oder veränderlicher 

Haltepunkt? 

Die Frage, ob veränderte Visierung oder veränderlicher Halte- 
punkt, wird gegenüber der bestehenden Visierung des Infanterie- 
gewehrs M/71 und der sich immer mehr klärenden Ansicht, über 
die zweckentsprechendste Massenverwendung der Waffe in den 
künftigen grofsen Infanteriekämpfen, zu einer immer brennenderen! 

Zur Beurteilung des praktischen Wertes von Beibehält oder 
Änderung: 

a) der bestehenden Visiereinrichtung M/71, 

b) des einheitlichen Haltepunktes »Ziel aufsitzen t 
erscheint es notwendig, sich zu vergegenwärtigen: 

1) welche Höhendimensionen (die Breitendimensiouen können 
für die Frage aufser Betracht bleiben) die im Kriege sich dem In- 
fanteriefeuer bietenden Ziele iu der Regel aufweisen, 

2) auf welche Entfernungen in der Regel diese Ziele zu 
Schufs kommen werden? und 

3) unter welchen Verhältnissen in der Regel die Schützen 
solches Feuer abzugeben haben werden? 

Als gewöhnliche Kriegsziele sind unseres Erachtens, 
etwas abweichend von den Angaben der Schiefeinstruktion, nur 
anzusehen: 

Ziel A: die Mannsbreite des aufrechten Infanteristen, 
stehend oder in der Bewegung in einer für das Auge des 
Schützen fafsbareu Höhe von + 1,50 m (statt 4- 1,80). 

Ziel B: die Kniescheibe des zum Schufs niedergehockten 
oder des sich gebückt bewegenden Mannes mit + 1,00 m Höhe 
(zwischen jetziger Rumpf- und Kniescheibe). 

Ziel C: die Kopfscheibe des ausgestreckt liegenden oder 
auf der Erde kriechenden Mannes, unter Zurechnung seiner fafe- 
baren Körperlänge, mit + 0,50 ra Höhe (zwischen jetziger Brust- 
und Kopfscheibe). 

Ziel D: die Gesichtsscheibe des künstlich gedeckten 
Mannes (hinter Scharten u. s. w.) mit + 0,25 m Höhe (jetzt nicht 
vorhanden). 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 199 



Endlich Reiter- und Artilleriescheiben, meist wohl auch 
nur auf + 2,00 ra fafsbare Höhe zu berechnen, die aber für unscrn 
vorliegenden Zweck aufeer Ansatz bleiben können. 

Nebenbei sei noch bemerkt, dals Ziel A — C wohl ausnahmslos 
in einer Breite von 0,50 m (statt wie jetzt gerechnet: 0,40 m), 
Ziel D nur von 0,25 m auftreten werden. — 

Die gewöhnlichen Kriegsentfernungen, unter welchen 
die vier Ziele A — D als Schulsobjekt auftreten werden, richten sich 
einerseits nach dem wahrscheinlichen Abstände, innerhalb dessen sie 
sich dem gegnerischen Feuer meist nur aussetzen werden, andrer- 
seits nach den ballistischen Leistungsgrenzen des Gewehrs, innerhalb 
deren sie mit einiger Aussicht auf Erfolg nur beschofsen werden 
können, Entfernungen, welche sich gegenseitig bedingen. 

So wird Ziel A, sei es einzeln, sei es als Schützenlinie oder 
in geschlossenen Abteilungen, sich meist nur jenseits 400 m zu 
Schusse stellen. 

Innerhalb dieser Grenze wird der einzelne aufrechte Mann 
(Offizier u. s. w.) schon eine Ausnahme bilden; geschlossene Ab- 
teilungen aber werden wohl meist Schützen vor sich haben, die je 
nachdem, im Stillstande als Ziel D und C, in der Bewegung als 
Ziel B, nicht nur das nähere, sondern auch das gefahrlichere Objekt, 
und deshalb wohl das ausschließliche Ziel des eigenen Feuers werden 
bilden müssen. 

Ziel B wird als Regel, auf Entfernungen von 600 bis 350 m 
etwa, in der Form einer feuernden Schützenlinie im Stillstande 
erscheinen, welche liegend (als Ziel C): ihr eigenes Schulsobjekt 
(sei es beim Angrifl oder in der Verteidigung) nicht würde fassen 
können; oder 

es tritt auf Entfernungen von 500 bis 200 m als sprungweise 
vorgehende Schützenlinie und eventuell bis zur Gewehrmündung 
als sturmlaufender Schwärm auf. 

Ziel C bildet als Regel zwischen 350 und 250 m, allenfalls 
schon von 400 m ab, und (jedoch wohl nur ausnahmsweise) auch 
noch näher als 200 m, die Form der zum entscheidenden Feuer- 
kampfe eingesetzten Schützenlinie, welche von weiter her ihre Auf- 
gabe nicht würde erfüllen, ohne diese Erfüllung aber auch nicht 
näher heran wird vorgehen können. 

Zwischen 200 und 100 m tritt das Ziel auch als einzeln 
kriechender Patrouilleur auf. 

Ziel D endlich, meist das ausschließliche Schufsobjekt im 
Festungs-, Schanzen- und Postenkrieg, kann als Höhenziel vom 

14« 



200 



Verfindert« Visierung oder veränderlicher Haltepnnkt? 



heutigen Gewehr erst innerhalb 200 m aufgenommen werden, sei 
es, dafs es als Einzel- oder Masseuziel auftritt. — 

Unter gewöhnlichen Kriegsverhältnissen wird es ge- 
lingen, niufs es jedenfalls mit allen Mitteln angestrebt werden, alles 
Feuer über 400 m hinaus, grundsätzlich als geleitetes Feuer 
aus einer Anzahl auf ein Ziel gerichteter Gewehre wirksam werden 
zu lassen. 

Von dieser Grenze ab aufwärts, als Salven- oder Lagenfeuer 
(mit bestimmter Patronenzahl) abgegeben, unterliegt dieses geleitete 
Feuer den eigenartigen Tretfbedingungen, welche die Anlage H. 
4 d (S. 77) der Schieisinstruktion bespricht. 

Dieses geleitete Feuer auf »weitere« Entfernungen, im Gegen- 
satze zum Feuer auf »nähere« Entfernungen unter 400 und 
»nächste« Entfernungen unter 200 m, kann sich seiner Natur 
nach nur gegen Breiten- und Tiefenziele richten, denen gegen- 
über die Höhendimensionen des Schufsobjektes wieder fast ganz 
verschwinden. 

Es rechnet wesentlich mit den »vom Feuer gedeckten hori- 
zontalen Trefffläcben«, und wird deshalb durch die vorliegenden 
Fragen ebenso wenig berührt, wie es umgekehrt einen Einflufs auf 
dieselben ausübt. 

Erst von 400 m ab tritt das Kriegsfeuer als Einzelfeuer 
sich mehr oder weniger selbst überlassener Schützen auf, bei 
welchem, unter den bekannten und hier stets vorausgesetzten 
Breitendimensioneu des Zieles, »von jedem Schufs ein Treffer« erwartet 
werden soll. 

Umgekehrt dagegen mag hier gleich vor jener Illusion 
gewarnt werden, innerhalb des Abstandes von 400 m vom Feind 
das Feuer eiuer Schützenlinie noch in dem oben berührten Sinne 
als ein »geleitetes« in der Hand behalten zu wollen. 

Von 400 bis 200 ni gelingt es vielleicht noch, solchem Feuer 
eiue gewisse Koncentrierung auf (wechselnde) Einzelziele zu geben 
uud es im Tempo eines ruhigen Schntzenfeuers zu erhalten, auf 
dessen Visierbenutzung auch wohl der Zugführer noch einen gewissen 
Einflufs behalten kann. Spätestens von 200 m ab geht aber jedes 
Schützenfeuer unvermeidlich in ein Schnellfeuer über, in welchem 
Wahl des Zieles und Visiers lediglich Sache des Einzelschützen wird. 

Dafs endlich vom Gebrauche der Eiuzelwaffe gegen ein 
Einzelziel (und zwar A— ü) erst von 200 m au die Rede seiu 
kann, ist schon oben gesagt. — 

In der grolsen Mehrzahl der Ernstfälle wird sich danach das- 



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Veränderte Visicrung oder veränderlicher Haltepunkt? 201 



jenige Kriegsfeuer, dessen Erscheinungen mafsgebend für die 
technischen OewehreiuruMungen (Visier), für die Anleitung (Halte- 
punkt) zum und für die Ausbildung (Schiefsübung) im Schiefsen 
sein müssen, etwa wie folgt gestalten: 

Zwischen 50 und 200 m: Feuer der Einzel waffe und Schützen- 
schnellfeuer gegen alle Ziele A — D; 

zwischen 150 und 300, höchstens 350 m; lebhaftes Schützeu- 
feuer gegen Ziel C, allenfalls auch D, und abwechselnd mit Ziel B; 

zwischen 250 und 400 m: ruhiges Schützen feuer, wesentlich 
gegen Ziel B, häufig auch schon Ziel C; endlich 

über 400 m: geleitetes Feuer gegen alle Ziele (nach Art und 
Maximalgrenze hier nicht weiter zu erörtern). 

Die Durchschnittskriegsaufgabe für das Einzelfeuer sich mehr 
oder weniger selbst überlassener Schützen fafst sich danach kurz in 
den drei Forderungen zusammen: 

dafs die Waffe der Infanterie im Stande seiu mnfe mit einer 
gewissen Aussicht aut Erfolg beschiefsen zu können: 

Forderung I: Ziel D (+ 0,25) auf etwa 80—200 m; 

Forderung II: Ziel C (+ 0,50) bis 300 und 350 m; 

Forderung III: Ziel B (+ 1,00) bis 400 und 450 m; 
selbstverständlich überall die der Seitenstreuung der Waffe ent- 
sprechenden Breitendimensionen der Ziele vorausgesetzt. 

Um diesem ideellen Verlangen zu entsprechen, ist es nun 
aber keineswegs notwendig, dafs jeder Infanterist im Stande sein 
mufs, auch bei einer relativ geringen Anzahl von ihm ver- 
schossener Patronen, einen gewissen guten Procentsatz derselben 
z. B. auf 300 m in eine Sektionsscheibe von + 0,50 Höhe zu 
bringen u. dgl. m. 

Vielmehr soll durch jene Forderungen zunächst nur darauf 
hingewiesen werden, dafs die weitaus längste Zeit unserer Schiefs- 
ausbildung (das Einzelschufsschiefsen) thatsächlich dazu benutzt wird, 
den Mann nach Höhenscheiben schiefsen zu lassen, wie sie ihm im 
Kriege, und selbst beim Manöver, in dieser Gröfse und auf 
diese Entfernungen überhaupt gar nicht vorkommen. Ferner aber 
soll betont werden: wenn wir im Kriege verlangen wollen, müssen 
und von unserem Gewehr verlangen können, dafs eine gewisse 
Anzahl Schützen mit einem gewissen Munitionsquantum 
gegen jene (Höhen- und Distanze-) Ziele ein gewisses Treff- 
resultat zu erreichen vermöge, müssen wir auch schon im Frieden 
auf dem Scheibenstandc diesen Forderungen in entsprechender 
Weise vorarbeiten. 



202 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



Was für diesen Zweck in der Ausbildnngsmethode wünschens- 
werter Weise zu ändern wäre, davon später. 

Welche Rolle dabei aber Visiereinrichtung und Haltepunkt 
zu spielen vermögen, soll hier zunächst weiter besprochen und auf 
der Nützlichkeit etwaiger Änderungen hin untersucht werden. — 

Betrachtet man (an der Hand einer Gelatine- Folie oder irgend 
eines anderen Flugbahnapparates), wie sich zunächst unter Fest- 
haltung des einheitlichen Haltepunktes, > Ziel aufsitzen!« die 
Leistungen der bestehenden Visiereinrichtungen M/71 den oben 
gestellten drei Forderungen (I — III) gegenüber gestalten, so findet man: 

1) dafs der Forderung I unter dieser Bedingung überhaupt 
gar nicht (bez. nur bis 50 m und daun erst wieder jenseits 200 m) 
entsprochen werden kann, weil das Standvisier (270 m) auf den 
mafsgebenden Entfernungen stets ein »unter das Ziel halten« 
fordert; 

2) dafs der Forderung II mit dem Standvisier (270 in) bis + 
280 m, 

von da ab (bez. mit einer wohl nur theoretischen Lücke, von 
+ 290 m ab) mit der kleinen Klappe (350 m) bei + 360 m, 

im Ganzen also mit zwei Visieren beim Übergangspunkt 
+ 285 m entsprochen wird; 

3) dafe der Forderung III mit der kleinen Klappe (350 m) bis 
+ 360 m, und 

mit dem Vierhundertmetervisier von f 310 bis + 410, 

im Ganzen also wieder mit zwei Visieren im Übergreifen 
von 310 — 360 m Genüge geschieht. 

Wenn hiernach auch den Forderungen II und III durch die 
bestehende Visierung durchweg, freilich, wie später zu erörtern 
bleibt, an nicht sehr günstig gelegenen Übergängen von einem 
Visier zum anderen, Rechnung getragen ist, so erregt doch der 
Übelstand, dafs das jetzige Standvisier nur vermittelst des schlecht- 
hin mifslichsten Abkommens die »kleinsten Ziele auf nächste 
Distancen« beschiefsen kann, seit lange ernste Bedenken, und 
verlangt um so entschiedener Abhülfe, als alle fremden Armeen 
eine solche bereits für ihre Gewehre geschafft haben. 

Da hier vorläufig die ballistischen Grundlagen des m/71 als 
unantastbar gelteu müssen, wäre zu diesem Ende zunächst ein 
neues Standvisier (N. St.) auf 200 ni (statt 270) dringend in 
Vorschlag zu bringen, dessen Garbe, die Forderung l wesentlich 
erleichternd, das Ziel D von der Gewehrmündung (G. M.) bis 
+ 210 m zu decken verspricht. (Auf 100 m: höchste mittlere 



Verändert« Visiernng oder Terinderlicher Haltepunkt? 



203 



Erhebung des Geschosses über die horizontale Visierlinie = 0,32 m; 
Streaungsradius der Höhe auf 100 in = 0,08 m.) 

Mit dieser Zurückschiebung d< r Visierung noch weiter, als bis 
zur Grenze wirklicher Notwendigkeit, z. B. im Interesse noch gröfeerer 
Treffsicherheit auf 180 m (bestrichener Raum = 0,25 m), zurück- 
zugehen, empfiehlt sich andrerseits um deswillen nicht, weil dann 
leicht die Forderungen II und III bloßgestellt, oder doch nur durch 
eine Vermehrung der Visiere erfüllbar erscheinen würden, deren 
Nachteile die erwarteten Vorteile leicht überwiegen dürften. 

Da nämlich die Einführung eines N. St. 200 das Ziel C nur 
von G. M. bis + 220 m zu decken vermag, die alte kleine 
Klappe (A. Kl. 350) dieses Ziel aber erst bei + 285 m wieder 
aufnimmt, so stellt sich, bei Festhaltung am einheitlichen Zielaufsitz- 
punkt, schon dadurch die Notwendigkeit einer ferneren Schiebung 
auch der anderen alten Visiere ein, für welche der Einlenkunge- 
punkt in das bestehende aber doch wohl spätestens bei Visier 
450 m gesucht werden müfste. 

So würde zunächst durch eine fernere Zurücksetzung der A. 
Kl. 350 auf eine neue kleine Klappe 300 m (N. Kl.) das Ziel C 
von dieser bei + 220 m d. h. da wieder aufgenommen werden, wo 
N. St. es verläfst, und mit dem Übergangspun kt + 220 m (statt 
jetzt + 285 m) bis ± 320 m festgehalten werden. 

Die Forderung II könnte also auch so, freilich mit einer Eiu- 
bufse von 40 m (320 bis 360 m), dafür aber ohne jegliche Lücke 
und, wie später gezeigt werden soll, in günstigerer Übergangslage 
noch mit zwei Visieren erfüllt werden. 

Wieder aber nähme das alte Vierhundertmetervisier 
(A. 400) das Ziel C erst bei 350 m auf, und um die so ent- 
stehende Lücke (von 320—350 m) zu schliefsen, würde es r twendig 
sein, auch A. 400 auf ein neues Visier 370 m (N. 370) zurück- 
zuschieben, wodurch gleichzeitig ein wesentlicher Gewinu Ziel B, 
und damit der Forderung III, gegenüber gemacht wäre. 

N. Kl. 300 deckt nämlich Ziel B von G. M. bis 320 m; 

A. 400 nimmt dasfelbe bei + 310, 

N. 370 aber schon bei + 250 m, und 

Ziel C bei + 320 m auf, um 

beide Ziele bis ± 390 m (statt A 400 bis + 410 m) fest- 
zuhalten, von wo ab Ziel B in das alto Visier 450 m übergeht. 

Letztinstanzlich wäre dann aber durch diese ganze Visier- 
zuruckschiebung auch der Forderung III mit zwei Visieren, im 
Übergreifen gegen Ziel C von 250—320 m (statt jetzt von 310 bis 



201 



Veränderte Visiernng oder veränderlicher Haltepunkt? 



360 m), und nur mit dem Minimal verlnst von etwa zwanzig 
Meter (390—410) an der Gesaratleistungsfähigkeit der drei Visiere 
gegen kriegsge wohn liehe Ziele genügt, welchem Verluste die Erfüll- 
barkeit der Forderung I und bessere Übergänge als Äquivalent 
gegenüberständen. 

Die folgende Tabelle stellt diese Verhältnisse für alte und 
neue Visierung (A. V. und N. V.) übersichtlich einander gegeuüber, 
und durch den Vergleich wird sich vielleicht sog}«r nachweisen 
lassen, dafis die N. V. nicht nur den drei Grundforderungen eines 
kriegsmäfsigen Schiefsens überhaupt besser entspricht, als die 
A. V., sondern dafs dasfelbe namentlich auch für den kriegs- 
mäfsigen Visiergebrauch in Betreff der Momente, wenn ein 
Visierwechsel stattfinden mnfs, wesentliche Vorzüge vor der jetzigen 
Einrichtung voraus haben dürfte. 

Nach den, allerdings nur einen Anhalt bietenden und erst 
durch die Praxis zu bestätigenden Versuchen mit der Gelatine-Folie 
nämlich wird erreicht 



bei der alten Visierung A. V. 




bei der nenon Visiernng N. V. 


mit 
dem 
Visier : 


von i\ pt m 1 t,t ■ 
leren Flug- 
höhe d. Gesch. 
von — bis 


vmi Hör f«nT"hp 

tuii uci imi ui 

des Einzel- 
gewehrs : 

von — bis 


Das 


mit 
dem 
Visier : 


vnti <\(*y mit/t* 

v Kf Ii Utl 1111 w \ m , 

leren Flug- 
höhe d. Gesch.: 

von — bis 


vftii t\f*r f«Rf°hp 

T Uli UvI «JIOI IkFv 

des Einzel- 
gewehrs: 

von — bis 


A. St. 
(270) 

A. Kl. 
(360) 


G.M. - 40 
230 - 270 

G.M. - 20 
330 - 360 


G.M. - 40 
210 - 280 

_ 30 
310-370 

\o 


D. 


N. St. 
(200) 

N. Kl. 
(300) 


G.M. - 60 
140 - 200 

G.M. - 30 
280 — 300 


G.M. — 220 

^ *® 
260 - 320 

_ 30 


A400 


G.M. - 18 
335 — 400 


380-410 




N 370 


G.M. - 20 
360 — 370 


350-390 


A.St. 
A. Kl. 
A.400 


G.M. - 80 
205 - 270 

G.M. - 45 
310 - 350 

G.M. - 35 
370 - 400 


G.M. - 280 
b 

285 - 360 

-V * 
350 - 410 


C. 


N. St. 
N.K1. 
N.370 


G.M. - 200 

G.M. - HO 
250 - 300 

G.M. - 40 
345 - 370 


G.M. - 220 

+ ° 
220 - 320 

•V 0 
320 - 390 


A. St. 


G.M. - 270 


G.M. - 280 




N. St. 


G.M. — 220 


G.M. — 220 


A.K1. 
A.400 
A.450 


G.M. - 130 
240 - 350 

G.M. - 85 
330 — 400 


G.M. 360 
310-410 
390-460 


ß. 


N. Kl. 
N.370 
A.450 


G.M. - 300 

G.M. — 100 
300 - 370 


G.M - 320 

* 10 

250 - 390 

-V 0 
390-460 



Veränderte Visicruiiß oder verämlerl icher Haltepunkt?" 



205 



Aus dem Studium dieser Tabelle ergiebt sich: 

1) dafs das Ziel D auf Entfernungen, auf denen es im Kriege 
allein beschossen werden kann, nur von der Gewehrgarbe des N. St. 
gedeckt wird; 

2) dafs dem Ziel C gegenüber der Übergang von Standvisier 
zu Klappe sich bei der N. V. etwas günstiger, als bei der A. V., 
der Übergang von der Klappe zum nächst höheren Visier (A. 400 
oder N. 370) sich bei der N. V. etwas ungünstiger, als bei der 
A. V. stellt; 

3) dafs dem Ziel B gegenüber der Übergang von N. Kl. zu 
N. 370 sich nicht unwesentlich übergreifender gestaltet, als der von 
A. Kl. zu A. 100, indes der Übergang von bez. N. 370 oder A. 400 
zu A. 450 sich wieder etwas nachteiliger für das N. V. anläfst; 

4) dafs ferner, sowohl die A. V. wie die N. V. innerhalb 
ihrer Einzelvisiere und im Übergange von einem Visier zum 
anderen, Lücken in der gesicherten Beherrschung aller Ziele 
(A — C) zeigen, welche nur durch ein Abweichen von dem einheit- 
lichen Haltepunkt »Ziel aufsitzenc zu schliefsen sind; wenn mau 
namentlich dabei nach der Eigenart des Gewehrs (Kurz- oder 
Weitschiefsen) und die äufseren Einflüsse (Kurz- oder Weit- 
schuß) zu berücksichtigen hat, 

Weiterhin wird sich dann aber nachweisen lassen: 

5) dafs gegenüber den wahrscheinlicheren Kriegsanforde- 
rungen die N. V. voraussichtlich seltener von dem Prinzip der 
Einheitlichkeit, behufs Lückenschliefsuug, wird abweichen müssen, 
als die A. V., und endlich 

6) dafs selbst, wo diese Notwendigkeit an die N. V. herantritt, 
sie derselben nur ganz ausnahmsweise, und jedenfalls in viel 
beschränkterem Mafse als die A. V., durch das ungünstige Ab- 
kommen eines »unter das Ziel, oder Vorhaltens« zu entsprechen 
haben wird. 

Nun ergeben aber alle weiteren Versuche mit Flugbahnapparaten 
(Gelatine-Folie u. dergl.), dafs auch keiue andere dreiteilige 
Visier ung zwischen 0 und 450 m die hervorgetreteneu Mitsstände 
vollständig zu vermeiden vermag, und dafs auch kein anderer 
einheitlicher Haltepunkt (z. B. im Ziel) darin eine Änderung 
zu erzwingen im Stande ist. 

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dafs, besonders sich selbst 
überlassenen Schützen gegenüber, eine Vermehrung der Visiere 
(z. B. auf vier zwischen 0 und 450 in) fast noch mifslichere Ver- 
hältnisse herbeiführen würde, als selbst die Notwendigkeit eines 



200 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



öfteren Wechsels des Haltepunktes, dafs folglich von diesem 
Auswege ganz Abstand genommen worden mufs. 

Aber auch der oft empfohlene einheitliche Haltepunkt »Im 
Ziel« kann, neben manchem Anderen, was dagegen spricht, nament- 
lich deshalb nicht als ein solcher Ausweg angesehen werden, weil 
das Korn hierbei das Ziel D schon von etwa 100—120, das Ziel C 
von etwa 200 und das Ziel ß von etwa 300 m ab dem zielenden 
Schützen vollständig verdeckt. 

Wenn es nun aber auch nach dem Gesagten kein praktisch 
durchführbares Mittel giebt, um die Notwendigkeit eines wechselnden 
Haltepunktes im kriegsmäßigen Schiefsen ganz zu vermeiden, 
und wenn deshalb verlangt werden mufs, dafs jedem Infanteristen 
die Fähigkeit gelehrt werden mufs, sich damit abzufinden, so ist 
doch andrerseits nicht zu verkennen, *afs eine grundsätzliche 
Einheitlichkeit, und zwar trotz einzelner Nachteile mit dem Halte- 
punkt »Ziel aufsitzen« für die infanteristische Durchschnittsleistungs- 
fähigkeit im Schiefsen, so aufserordentlich grofse Vorzüge besitzt, 
dafs ein systematischer Bruch mit dieser, von der Armee einst so 
freudig begrüfeten Auordnung, nur durch die absolute Unmöglich- 
keit, anders zu verfahren, gerechtfertigt erscheinen dürfte. — 

Um einerseits beurteilen zu können, inwieweit die Erreichung 
des Kriegszweckes ein Preisgeben des einheitlichen Haltepunktes 
wirklich verlangt, um andrerseits nachweisen zu können, dafs das 
notwendige Zugeständnis in dieser Richtung keineswegs bis zu 
einem vollen Verzicht auf das Prinzip zu gehen braucht, ist es 
nötig, einen kurzen Blick auf die Visierbenutzung im Kampfe oder 
die taktische Seite unserer Schiefsausbildung zu werfen. 

Vielleicht zeigt es sich dann, dafs mindestens den Verhältnissen 
im Grofsen gegenüber, und damit, für die Masse unserer In- 
fanterie, die hier vorgeschlagenen kleinen Visierschiebungen genügen 
werden, den prinzipiellen Widerstreit: ob »grundsätzlich« ein 
einheitlicher oder wechselnder Haltepunkt unserer Schiefsausbildung 
als Ausgangspunkt zu dienen habe? in einon praktisch leicht durch- 
führbaren Ausgleich aufzulösen. — 

Als Basis für die folgenden Betrachtungen ist daran festzu- 
halten, dafs die Entscheidung eines Infanteriekampfes im nahen 
Feuerkampfe, d. h. nach Lage der heutigen Bewaffnung etwa 
zwischen 250 und 350 m — selten näher oder weiter — sich 
vollzieht, weil vor errungener Feuerüberlegenheit ein noch näheres 
Heraugehen der Offensive an die Defensive ebenso unmöglich, 



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Verändert« Visiernng oder veränderlicher Haltepunkt? 



207 



wie die Erringung jener Überlegenheit selbst von noch weiter her, 
unwahrscheinlich sein dürfte. 

Für dieses Entscheidungsringen bleibt den vorliegenden Fragen 
gegenüber zunächst das Feuer über 400 m aufser Betracht. Der 
Visiergebrauch im Kampfe ist daher hier nur innerhalb dieses 
Abstand es (von 400 m) zu erörtern. Es soll dies unter spezieller 
Berücksichtigung der vorgeschlagenen neuen Visierung derart ge- 
schehen, dafs die alte Visierung, deren Ausnutzung als bekannt 
vorausgesetzt werden darf, dabei nur vergleichsweise in Betracht 
kommt. 

A. Die Offensive. 

Die offensiven Schützen, selbst wenn sie zunächst noch im 
weiteren Vordringen verbleiben wollen, werden erfahrungsmäfsig 
(schon zum Schutze der ihnen folgenden geschlossenen Abteilungen) 
meist von + 400 m spätestens ab, nicht mehr umhin können, 
ein mehr oder weniger lebhaftes Feuer gegen die Defensivschützen 
einzusetzen, welche sich ihnen in der Regel nur als Ziel C (wenn 
nicht gar als Ziel D) entgegenstellen. 

Sobald also der Abstand vom (iegner auf + 400 in taxiert 
(man könnte sagen »empfunden«) wird, beginnt in der Regel auch 
für die Offensive der Einsatz des selbstständigen Schützenfeuers 
(bez. geht das seither »geleitete« Feuer darin über) und fällt die 
Wahl des Visiers fortan mehr uud mehr dem Einzelschützen zu. 

Da die erfahrungsmäisig schon an sich leicht vorherrschende 
Neigung zum Hochschusse noch gesteigert wird durch das Schiefsen 
von unten nach oben, wie es in der Offensive meist angewendet wird, 
da andrerseits der Fehler des Kurzschusses mit seinem Aufschlage 
vor dem Ziel in Bezug auf seine moralische Wirkung auf den Gegner, 
minder nachteilig erscheint als ein Überschiefsen des hochstehenden 
Feindes, so ist gegenüber etwaigen Schätzungsfehlern die An- 
wendung des Visiers N. 370 beim Übergänge zum freien Feuer 
bei ± 400 m offenbar für die Offeusive günstiger, als die des 
Visiers A. 400, welches dem Überschiefsen in die Hand arbeitet. 

Ist der Abstand in Wirklichkeit weiter (als 370 m), so ver- 
spricht jene eben berührte Neigung zum Hochschufs noch immer 
mindestens einige Abhülfe (selbst bis 50 Schritt Schätzungsfehler 
410 statt 370 m); ist der Abstand aber näher, so deckt N. 370 
das wahrscheinliche Ziel C noch immer (von 390) bis 320 m (50 m 
Schätzungsfehler), während A 400 dieses Resultat nur (von 410 und 
mit Hochschufs vielleicht 430) bis 350 m erreicht. 

Der Angreifer kann sonach das Visier N. 370 (selbst von 410 m 



208 



Veränderte Visicrnng oder veränderlicher Haltepunkt? 



ali), welches er beim Übergang zum selbständigen Schützen feuer 
hat nehmen lassen, beim nachfolgenden sprungweisen Vorgehen so 
lange beibehalten, bis er sicher ist, den Abstand von .350 in vom 
Feinde (sei es selbst um 30 m = 320 m) überschritten zu haben, 
und dann erst zum Visier N. Kl. 300 greifen, mit welchem er uuter 
denselben begünstigenden Umständen (Hochschufs) wie vorher für 
N. 370 entweder noch weiter vorzudringen, oder sofort zum Ent- 
scheidungskampfe überzugehen vermag, da dieses Visier Ziel C von 
320 (mit Hochschufs selbst von 340 m ab) bis 220 m (Ziel D von 
320 bis 2G0 m) deckt, 

Mit dem Visier A. 400 dagegen sieht sich der Angreifer ge- 
nötigt, bereits bei Annäherung an den Abstand von 350 m vom 
Feinde zum Visier A. Kl. 350, und weiterhin, sobald er den Abstand 
von 300 m vom Feinde nur um wenig Schritte (15 m = 285 tu 
vergl. Tabelle) überschritten hat, auch noch zu dem Visier A. St. 
270 zu greifen, um so erst mit diesem dritten Visier den Eut- 
scheidungskampf durchzukämpfen. 

Wenn man nun weiter in Betracht zieht, dafs es, entsprechend 
der Leistungsfähigkeit unseres Gewehrs, die mit allen Mitteln an- 
zustrebende Aufgabe der Offensive sein mufs, ihre II au ptfeu er- 
st ation zur Niederkiimpfung des Defensiv feuers auf + 300 m zu 
suchen, da sowohl eine weitere wie eine nähere Distanze, positiv 
oder negativ, den Erfolg in Frage zu stellen geeignet ist, wenn man 
ferner bedenkt, wie leicht man sich bei solcher Etablierung um 
20 — 30 in verschätzen kann, oder des Terrains wegen schieben mufs, 
so ist es offenbar als ein hocheinf lufsreicher Vorteil der N. V. 
anzusehen, dafs sie nicht grade au dieser wichtigen Grenze 
(325—250 m) zu einem Visier Wechsel zwingt, wie das der A. V. 
so leicht passieren kann. 

Was durch die N. V. vorher allenfalls an Wirkung im Über- 
gange von A. 150 zu N. 370 für das weitere Vorbereitungs- 
feuer eingebüfst sein sollte, wird zweifellos reichlich durch das 
passendere Visier (N. Kl. 300 statt A. Kl. 350 oder A. Kl. 270) auf 
wah rsch ein liebste Entscheid ungsdi stanze eingebracht werden. 

Da endlich der Sturm an lauf grundsätzlich erst einsetzen soll 
(weil er voraussichtlich nicht anders kann), wenn der Eutscheidungs- 
feuerkampf (der nur einem schwächlichen Gegner gegenüber auf 
einen unter 250 m gelegenen Abstand heran verlegt worden sein 
könnte) zu einem günstigen Erfolge für die Offensive durchgeführt 
ist, d. h. wenn der Gegner bereit«? beginnt, seine Stellung zu räumen, 
so müssen im Angriff bis zu diesem Moment siegreich gefallener 



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Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



20!) 



Feueren tscheidung, alle von hinten an die Schützen herankommen- 
den Verstärkungen zunächst zur Erringung dieses Erfolges mit 
eingesetzt, in die erste Feuerlinie verstärkend eindoubliert werden. 

Damit ist ausgesprochen, dafs die in erster Instanz hierfür 
bestimmten Soutienzüge (3.) der Vortreffens-Compaguien wahr- 
scheinlich, die Haupttreffens-Cornpagnien des Angriffs aber fast 
zweifellos, nur mit dem Visier N. Kl. 300 zu rechnen haben werden, 
ihre Visiere also von Hause aus gleich so einstellen können. 

Die Haupttreffens-Cornpagnien sind auf diese Weise ebenso 
Visier vorbereitet, in den noch nicht entschiedenen Feuerkampf des 
Vortreffens einzutreten, wie andernfalls, wenn ihr Herankommen au 
die Schützenlinie derselben den Impuls zum Sturmanlauf gegeben 
hat, dem sie im Laufschritt dichtauf gefolgt sind, sofort zu einem 
wirksamen Verfolgungsfeuer überzugehen. 

Nur wenn ein Häuserkampf bevorsteht, würden auch die Haupt- 
treffens-Cornpagnien besser das Standvisier frei zu machen haben, wie 
dies die den geschlossenen Abteilungen vorangehenden Schützen 
wohl stets (und zwar am besten auf das Signal- »Seitengewehr pflanzt 
auf«) zu thun haben werden, weil sie dann allen Eventualitäten, 
auch dem während des Vorgehens vielleicht fortzusetzenden Feuer in 
der Bewegung (Hochschufs) am besten (und besser als mit A. Kl. 270) 
gewachsen sind. 

Um all' diese Konsequenzen voll würdigen zu können, nmts 
mau sich freilich auf den, noch immer nicht überall eingenommenen 
Standpunkt stellen, dafs im Kriege in der unendlichen Mehrzahl 
der Fälle grofeen Styles (d. h. in der Schlacht) die Dinge wirklich 
mehr oder weniger so verlaufen müssen, und dafs hier nicht nur 
das Feuer überhaupt, sondern grade das Feuer auf diese mittlere, 
und nicht erst auf nächste (200 m und gar noch nähere) Ent- 
fernung den Kampf entscheidet. Man mufs andrerseits wissen, 
wie es im Kampfe selbstständiger grofser Schützenmassen mit dem 
im Frieden so einfachen Visier Wechsel bestellt ist. Man darf 
sich endlich nicht der Illusion hingeben, ohne Feuer auch nur 
auf diese mittlere Entfernung herankommen zu können. 

B. Die Defensive. 

Die Hauptaufgabe des defensiven Feuers mufs darin gesucht 
werden, den Angreifer an der Erreichung seiner Hauptfeuerstation 
zu verhindern, von welcher aus er seine, doch stets vorauszusetzende 
numerische Überlegenheit zu einer Erfolg versprechenden Nieder- 
kämpfung des Verteidigungsfeuers einsetzen kann und will. 

Wieder mufs man sich auf den Standpunkt stellen, dafs hierin 



210 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



und nicht im Präzisionsschufs auf nächste Nähe, der Schwer- 
punkt des Defensivfeuers grofsen Styles (d. h. in der Schlacht) zu 
suchen ist, und dafe die Offensive wohl nur sehr ausnahmsweise der 
Defensive den Gefallen thun dürfte, so ohne Weiteres in ihr uu- 
geschwächtes Nahfeuer hineinzulaufen, um sich sicherer Ver- 
nichtung auszusetzen. 

Für die Verteidigung liegt somit schon ein Hnuptstück ihrer 
Arbeit in dem geleiteten Feuer über 400 m, und die selbst- 
ständige Aktion ihrer Schützen beginnt erst, wenn trotzdem die 
offensiven Feuerlinien diese Grenze überschreiten. 

Angesichte der günstigeren Verhältnisse, unter denen die auf 
bekanntem Kampffelde fest etablierte Defensive kämpft, wird es kaum 
Schwierigkeiten haben, diesen Übergang zum freien Schtitzenfeuer 
erst eintreten zu lassen, wenn der Feind wirklich in den Bereich 
des Visiers N. 370 eingetreten ist, und die Offensivschfitzen damit 
zum ansschliefslichen Zielobjekte der Defensive geworden sind, 
deren Feuer sich bis dahin, wenn auch vielleicht nicht lediglich, so 
doch der Hauptsache nach auf die geschlossenen Abteilungen des 
Angriffs richteu mufste. 

Im Gegensätze zu der A. V., welche in dem jetzt begonnenen 
Kampfe der Einzelschützen gegeneinander häufig zu der sich ab- 
lösenden Verwendung der drei Nah -Visiere (A. 400, A. Kl. 350 und 
A. Kl. 270) gezwungen sein kann, bietet die N. V. jetzt auch der 
Defensive den grofsen Vortheil eines voraussichtlich nur ei u mal 
notwendig werdenden Visierwechsels. 

Der Übergang von N. 370 zu N. Kl. 300 wird sich dabei meist 
sogar erst in einem Momente als notwendig erweisen, wo das un- 
unterbrochene Vorwärtsschreiten der Offensive, der Defensive zugleich 
mit diesem Visierwechsel auch die Nötigung zur Eiudoublieruug neuer 
Verstärkungen auferlegt, deren Erscheinen mit N. Kl. 300 in der 
Feuerlinie den noch mit N. 370 feuernden Schützen den Impuls zum 
Wechsel geben kann. 

Ein in entgegengesetzter Richtung wie in der Offensive 
wirkender Hülfsfaktor wird nämlich in der Defensive einen längeren 
Beibehalt des höheren Visiers (N. 370) meist ohne besonderen 
Nachteil schon um defswillen gestatten, weil der gewöhnliche Fall 
eines Schiefsens von oben nach unten den Kurzschuls zu befördern 
pflegt, welchem noch folgender Umstand in die Haud arbeitet. 

Der Angreifer, welcher sich seine Annäherung von + 400 auf 
mindestens -f 300 Meter im vorwärtsgetrageuen Schützenfeuer er- 
kämpfen will, mufs iu den Feuerpausen seiner Sprüuge offenbar ein 



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Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



211 



viel bedeutenderes Munitionsquantum einsetzen, als das für die 
Defensive nötig und angezeigt erscheint, welche aufserdem auch noch 
lieber auf das immer wieder erscheinende Ziel B lauern wird. Die 
Folge davon ist, dals der Defensive sich Ziel C meist nur derartig 
in Rauch gehüllt zeigen wird, dafs von einem Erfassen körper- 
licher Ziele in der feuernden feindlichen Schützenlinie kaum die 
Rede sein kann. 

Die dadurch entstehende Nötigung statt der Köpfe die Rauch- 
linie des Gegners aufsitzen zu lassen, befördert aber ganz von selbst 
ein Vorhalten und damit einen dem höhereu Visier gegenüber aus- 
gleichend wirkenden Kurzschufs. 

Da endlich das Visier N. 370 das bis zur Etablierung des 
Gegners in seiner Hauptfeuerstation immer wieder erscheinende 
Ziel B (offensiver Sprung) von 390 bis 250 m beherrscht, während 
A. 400 dasfelbe nur bis 315 m festhält und A. Kl. 350 es erst bei 
360 m erfafet, so erscheint auch in diesem so hochwichtigen Stadium 
des Kampfes die N. V. in der Defensive der A. V. dadurch wesent- 
lich überlegen, dafs sie diese Episode vielleicht sogar ganz ohne 
Visierwechsel überstehen kann. 

Jedenfalls gestattet auch in der Defensive die N. V. ebenso wie 
in der Offensive die keineswegs einflufslose Möglichkeit, die Visiere 
gleich von Hause aus derart auf die verschiedenen Tiefenstaffeln 
zu verteilen, dafs die mit der Annäherung des Feindes an + 400 in 
meist eindoublierenden letzten Soutiens (3. Züge) gleich mit Visier 
N. 370, die mit dem Uebergange zum letzten Entscheidungsfeuer 
eingreifenden Compagnien zweiten Treffens (sog. Speziaireserve) gleich 
mit Visier N. Kl. 300 auftreten können, indefs die für den Sturm- 
moment aufgesparten letzten Reserven sich mit Visier N. St. 200 
bereit halten, dem nach Erschütterung der Hauptschützenlinie ein- 
setzenden feindlichen Sturmanlaufe entgegenzutreten. 

Auch hier darf wohl daran erinnert werden, wie leicht erfahrungs- 
gemäß in einer auf sich selbst angewiesenen Schützenlinie der Visier- 
wechsel vergessen wird, wenn der Impuls dazu nicht durch neu 
eindonblirende Verstärkungen von Außen gegeben wird. 

C. Allgemeines. 

Nach dem Gesagten darf man wohl behaupten, dafs die N. V. 
sich dem infanteristischeu Entscheidungskampfe in Offensive 
und Defensive, und noch dazu in beiden Lagen unter grundsätz- 
licher Festhaltung des einheitlichen Haltepunktes »Ziel aufsitzenc, 
in weit praktischerer Weise anzuschmiegen vermag als die A. V. 
Zunächst ist noch darauf hinzuweisen, dals es für diese Zwecke 



212 



Verändert* Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



genügt, wenn die zum selbststäudigen Handeln berufene Masse der 
Schützen dieser N.V. gegenüber nur die Entfernungen von 200, 
300, 400 m annähernd zu taxieren versteht, zur Erlangung 
gleicher Resultate die A. V. hingegen die Fähigkeit der Taxierung 
der Entfernungen von 200, 250, 300, 350 und 400 ra füglich nicht 
entbehren kann. 

Während weiterhin die N. V. die Festhaltung des einheitlichen 
Haltepunktes »Ziel aufsitzen«, mit seinen bekannten Vorzügen für 
die Massenverweuduug des Gewehrs, gerade in den schwierigsten 
Kampfinomenten gestattet, drangt die A. V. eben in diesen Mo- 
menten zu Abweichungen von jener Stetigkeit oder macht den 
Beibehalt des Haltepunktes »Ziel aufsitzen« von' dem Wechsel der 
Visiere abhängig. 

Zieht man endlich noch die, den hier zu Grunde gelegten Ent- 
scheid ungsraomenten gegenüberstehenden anderen Gelegenheiten 
für einen selbststäudigen Visiergebrauch in Betracht, so ist schon 
oben nachgewiesen, wie wenig die A. V. iu der Lage ist, den wohl 
nächstwichtigen Aufgaben des Festungs- und Patrouillenkrieges 
Genüge zu leisten — ein Mangel, welcher gewissermafsen die erste 
Veranlassung gegeben hat, die Frage nach einer veränderten Vi- 
sierung in den Kreis der Betrachtungen zu ziehen. — 

Als Endresultat dieser Betrachtungen fassen sich die mafsgeben- 
den Gesichtspunkte in den drei Forderungen zusammen: 

1) Zurückschiebung der drei Visiere: A. 400, A. Kl. 350 und 
A. St. 270 auf N. 370, N. Kl. 300 und N. St. 200; 

2) grundsätzlicher Bei behalt des einheitlichen Halte- 
punktes »Ziel aufsitzen«; 

3) Ausbildung der Masse der Infanterie im Schiefsdienste 
iu diesem Sinne, jedoch unter gleichzeitiger Anleitung der Leute, 
unter Umständen von einem anderen Haltepuukt Gebrauch macheu 
zu können. 

Welch«; Modifikationen, namentlich zur Erfüllung der letzten 
Aufgabe in der, unserem Schiefsuuterricht zu Grunde liegenden 
Schiefsinstruktion notwendig und erwünscht erscheinen, bleibt schliefs- 
lich noch kurz zu berühren. 

Wenn man die beiden Hauptrichtungen unserer Scbiefsaus- 
bilduug nach ihrer inneren Bedeutung unterscheiden will, so wird 
man sagen dürfen: 

im Sc h ulschiefsen soll der Mann sein Gewehr richtig hand- 
haben, im Gefechtsschiefsen soll er dasfelbe verständig ver- 
wenden lernen. 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



213 



Beides ist für die Masse der Infanterie keineswegs identisch, 
denn dem zweiten Teile dieser Ausbildung gegenüber versagt (und 
das ist vielleicht mit ein Hauptgrund für die Überlegenheit der 
Jäger im Schiefsen) nur allzuoft — Auge und Urteil des einzelnen 
Mannes. 

Deshalb kann die Infanterie im Kampfe nicht lediglich, oder 
auch nur vorzugsweise, mit dem Präzisionsschusse des Einzel- 
gewehrs, mufs vielmehr wesentlich mit der Masse der Gewehre 
und darum weiterhin mit der Geschofsgarbe einer Anzahl von 
Gewehren unter einheitlichem Haltepunkt (Ziel aufsetzen) 
rechnen. 

Die Taktik der Infanterie wird von dieser Thatsache beein- 
flußt, und mufs ihrerseits wieder einen entsprechenden Einflufs auf 
den Schiefsunterricht der Infanterie ausüben. 

Handhabung uud Verwendung des Gewehrs sind beide nur 
durch Übung zu erlernen; so weit irgend angängig mufs sich aber 
doch die Handhabungsübung der wahrscheinlichen d. i. kriegs- 
mäfsigen Verwendung anschmiegen, die Verwendungsübung hingegen 
die notwendige d. i. rasche Handhabung zu fördern suchen. 

Die Grundlage der doppelseitigen Ausbildung des Schützen 
bilde tunzweifelhaft der Präzisionsschufs auf Strich und Fleck, 
dem nur ein Scheiben material erfolgreich zu dienen verspricht, 
welches den Schüler auch die geringsten Abweichungen seines 
Schusses von der Normalen klar vor Angen zu stellen geeignet ist, 
und dem nur auf einer Distance erfolgreich zugearbeitet werden 
kann, iunerhalb deren jeder Schüler sein Abkommen klar zu er- 
kennen und sich selbst zu verbessern im Stande ist. 

Diese Übungen im Schielsenlernen (und ihre stets notwendigen 
Repetitionskurse), auf den stehend freihändigen (bezüglich als 
Vorschule stehend aufgelegten) Anschlag basiert, würden daher 
grundsätzlich eine Schufsdistance von 200 m nur ausnahmsweise 
überschreiten dürfen, und am vorteilhaftesten gegen eine Ring- 
scheibe*) durchzusehiefeen sein, deren Centrum sich etwas unter 
Augenhöhe des Schützen zu befinden hätte. 



•) Für diese Ringscheibe möchten wir folgende Dimensionen und Einrichtungen 
vorschlagen. 
Gesamtbreite: 1 m. 
Gesamthöhe: -f- 1,50 m. 

Einteilung: rechts und links je 25 cm „weifs" (statt blau), 
(nachder Breite) Man n «breite (blau statt weifs) = 50 cm breit, 

Jtkrfcich.r Ar dto Dwtaek* Arm., ud ftUriM. M. LH., 2. 15 



214 



Veränderte Visierung oder veränderlicher Haltepunkt? 



Dem reinen Präzisionsschiefsen nach dieser Ringscheibe 
hätte schon im Schulschiefsen ein angewandtes Schieisen auf 
Figurenscheibe auf bekannte Entfernungen zur Seite zu treten, 
um so die Schützen je nach dem Grade ihrer erlangten Fertigkeit 
zu den eigentlichen Kriegsaufgaben im Gefechtsschiefsen auf 
selbst zu schätzende Entfernungen, und später mit frei zu wählendem 
Haltepunkt und Visier, vorzubereiten. 

Bei der k lassen weisen Steigerung der Übungen würde es 
darauf ankommen: 

Bereits der 3. Klasse im Präzisionsschielsen verschiedene Halte- 
punkte vorzuschreiben und sie im angewandten Schiefsen zu 
kriegsmäüsigen Leistungen gegen Ziel B heranzubilden, (als Figuren- 
scheibe.) Die 2. KlaBse würde unter bestimmten Einschränkungen 
den Haltepunkt schon frei zu wählen, im angewandten Schielsen 
wesentlich gegen Ziel C (als Figurenscheibe) und ein verschwin- 
dendes Ziel B zu schieisen haben; der 1. Klasse wäre die Wahl 
des Haltepunktes ganz zu tiberlassen, und hätte sich ihr angewandtes 
Schieten speziell gegen Ziel D und gegen die anderen Ziele auch 
unter freier Wahl des Visiers zu richten. 

Neben dem grundsätzlich stehenden (aufgelegten bez. frei- 
händigen) Anschlage wäre dann ftir alle drei Klassen auch schon 
der Präzisionsschuis im Knieen und Liegen (unter entsprechender 
Versenkung der Scheibe) in Anwendung zu bringen. 



in der Bütte der Mannsbreite : Strich (weifs Btatt schwarz) 10cm 
breit; durch den Kreis nicht durchgeführt, 
(nacbderHöhe): Mittelpunkt des Kreises auf +lm, 

Durchmesser „ „ = 0,50 m (also von -f 0,75 h 1,25) 

„ „ Spiegels = 0,25 m (also von -f 0,875 — 

+ .U25), 

„ Centrums = 0,10 m (also Ton + 0,950 — 
+ 1,050). 

Centrum-Ring Nr. 9 (a 10 cm) = 0,100 1 

Spiegel dazu: Nr. 8, 7, 6 (ä 25 mm) = 0,150 / *" 0,85 m * 

Kreis dazu: Nr. 5, 4. 8, 2, 1 (ä 25 mm) = 0,250 } = 0,50 m, 

Ring Nr. 1, 6, 9 schwarz; die anderen weifs. 

Unterer Anker Höhe von + 0,50 f- 0,55 m, 

Breite — 0,20 m, 

Oberer Anker Höhe Ton -f 1,45 1- 1,50 m, 

beide Anker: schwarz! 
Der Spiegel dieser Scheibe entspricht dem kriegsm&fsigen Ziel D, \ ev.bis -f 0,75 
der Kreis „ „ „ „ „ ,. C, J versenktzum 

der Mannsbreite „ „ ., „ „ „ A, AnscblimK, 

und (bis + 0,50 versenkt) „ „ „ „ B. 



Über Verfolgung. 



215 



Ohne auf die Details, betreffend Zahl der durchzuschießenden 
Übungen, ihre Einteilung in Vor- und Hauptübung, auf die zu 
stellenden Bedingungen u. 8. f. weiter einzugehen, wird schließlich 
nur gesagt werden dürfen, daß nach Durchführung der N. V. vor- 
aussichtlich die Treffbedingungen für alle Klassen nicht unwesentlich 
erhöht werden könnten, und, bei gleichem Zeitaufwand wie bisher, 
für die Einzelausbildung des Schützen dem erst klassenweise, dann 
abteiluugs- (zug-)weise durchzuschiefsenden Gefechtsschielsen in aus- 
giebigster Weise vorgearbeitet sein dürfte; Vorzüge der neuen Ein- 
richtung, welche sich erst recht geltend machen werden, wenn auch 
die ballistischen Leistungen des Gewehrs durch irgend welche andere 
technische Fortschritte (Pulver) gehoben werden könnten. 

v. S. 



XV. 

tTber Verfolgung *) 

Diese Schrift ist ein besonderer Abdruck aus dem 8. Beiheft 
zum Militär- Wochenblatt; sie ist schon vieler Orten bekannt und 
verdient noch weitere Verbreitung. Denn sie behandelt in sprach- 
lich anziehender und sachlich stets anregender, meist zutreffender 
Darstellung einen Gegenstand von hoher Bedeutung. 

Das letzte Jahrzehnt hat großartige Umformungen an den und 
innerhalb der Armeen mit sich gebracht; einzelne Heere erscheinen 
geradezu neugeschaffen. Andre Organisation, Ausbildung, Be- 
waffnung; Eisenbahnnetz, Mobilisiernngspläne, Brieftauben; berittene 
Infanterie, Festungsgürtel, Torpedos; Panklastit, Elektricität, Luft- 
Bchiffahrts-Compagnien u. s. f.: wer möchte wohl schlechtweg die 
Annahme abweisen, dafs der nächste Krieg zwischen europäischen 
Großmächten reich sein wird an überraschenden Erscheinungen, die 
demselben ein von dem Feldzuge 1870/71 wesentlich abweichendes 

*) Über Verfolgung. Ein Vortrag, gehalten in der Militärischen Gesellschaft 
zu Berlin am 9. März 1882 von Liebert, Hauptmann im Gencralstabe. Berlin 
1888. E. 8. Mittler & Sohn. 

15* 



210 



Über Verfolgung. 



Gepräge aufdrücken werden? Viel erörterte und viel umstrittene 
Fragen: wie werden wir den franzosischen Festungsgürtel sprengen; 
wie wird die russische Kavallerie ihre Gelüste auf des Nachbars 
Grenzgebiete in die That umsetzen; wie wird sich der Infanterie- 
Angriff in der Schlacht gestalten; welche Bedeutung hat die 
Kavallerie noch als Schlachten waffe; . . diese und ähnliche Fragen 
müssen und werden im nächsten Kriege ihre thatsachliche Lösung 
und zwar im positiven Sinne finden. Die Frage, ob und in welcher 
Form und Ausdehnung die »Verfolgung« künftighin möglich sein 
werde, mag immerhin auch ferner noch eine offene bleiben: denn 
der — einstimmig zugestandenen — Notwendigkeit der Verfolgung 
setzt die Schwierigkeit ihrer Ausführung Schranken solchergestalt, 
dafs oft schon der Versuch einer Verfolgung unterbleibt. 

Hauptmann Liebert, »wirft zunächst einen Blick auf die neuere 
Kriegsgeschichte, um dort die Verfolgung in verschiedenster Art 
bald positiv, bald negativ beleuchtet zu sehen.« 

Friedrich der Grofse war durchdrungen von der Notwendigkeit, 
seine Siege auszubeuten ; die Verhältnisse gestatteten dies nur selten 
und in unzureichendem Mafse. »So ergiebt sich nacb deu grofsen 
Siegen von Hohenfriedberg und Zorndorf gar keine, nach Roisbach 
und Leuthen nur eine ganz unwirksame Verfolgung«, sagt Liebert, 
und vermutlich hat diese Schrift und diese Bemerkung*) dem be- 
währten Forscher**) und Kenner »Fritzischer Geschichte« Ver- 
anlassung zu der gegenteiligen Behauptung gegeben: »Geschichtlich 
festgestellt ist die grofse Summe von Leistungen der Fridericianischen 
Reitertruppen bei Verfolgungen nach gewonnenen Schlachten, falls 
solche Kriogshandlung anzuordnen, dem königlichen Gebieter mög- 
lich. . . Das Stattfinden einer »Verfolgung« nach der Hoheufried- 
berger Bataille ist unanzweifelbar; . . . ebenso steht die Wirk- 
samkeit des Verfolgens nach der Leutheuer und Rofsbacher Schlacht 
aufeer Frage. . . .« 

Es mag hier genügen, diese sachliche Anfechtung der Liebert'- 
schen Schrift festzustellen. 

Letztere geht von Friedrich zu Napoleon L, »dem Meister in 
der Ausbeutung seiner taktischen Erfolge« über, »der dariu das 
Höchste geleistet hat und in Bezug auf Verfolgung bisher unerreicht 
dasteht.« Zugegeben, allerdings mit der Einschränkung, dafs »als 

•) Welcher übrigens in der Hauptsache der Major Meckel beipflichtet im 
Kapitel „Verfolgung" seiner 1883 in zweiter Auflage erschienenen .Taktik". 

**) „Gr. L." im Maiheft 1881 unserer .Jahrbücher": „Das Paroles-Buch des 
Feldmarschalls Kalkreuth". 



Ober Verfolgung. 217 

die Gegner lernten mit selbständigen Heeresteilen zu operieren, 
um Örtlichkeiten zu kämpfen und Reserven zu verwenden, als die 
Heere gröfeer, die Kämpfe ernster und länger wurden, auch die 
Energie Napoleons nicht mehr ans Ziel reichte.« (Meckel.) Nach 
verschiedentlichen Siegen mangelt die Ausnutzung, und nach Ligny • 
verliert der Kaiser gar die Fühlung mit dem geschlagenen Feinde. 

Wie Blücher nach der Schlacht au der Katzbach und wie 
Gneisenau am Abend von Waterloo die Verfolgung ausführten, das 
schildert Hauptmann Liebert in schwungvoller Weise. Zweifellos 
sind die Früchte, welche die nachsetzenden Sieger jenseits des 
Schlachtfeldes einheimsten, in beiden Fällen äufserst reiche; aber 
dazu trugen doch besondere »Glticksunistände« mit bei, die eben 
selten sind, und die unseres Erachtens bei Liebert doch nicht die 
volle, ihnen gebührende Betonung gefunden haben. Wir steuern, 
anläßlich der in Rede stehenden Schrift, Material für die des »Ver- 
folgungs-Stndiums« Beflissenen bei, indem wir einmal Meckel (a. a. 0.) 
anführen: »Die Blücher'sche Armee konnte nach dem Siege ander 
Katzbach dem fliehenden Feinde nur folgen«, sodann Verdy's 
Studien, welche (Heft 4, S. 12 ff.) in Gneisenau's denkwürdiger 
Verfolgung mit einem Bataillon und 2 Zügen Infanterie nebst 
6 Escadrons »nur den Beleg dafür finden, welche Stärke selbst 
verhältnismäfsig kleine Abteilungen ungeordneten und eingeschüch- 
terten Massen gegenüber besitzen.« 

Und wenn in Beziehung auf jene nächtliche Verfolgung Haupt- 
mann Liebert sagt: »Ich glaube, wir dürfen mit Fug und Recht 
behaupten, dafs nach den ungeheuren Strapazen des 16., 17. und 
18. Juni nur mit preufsischen Truppen derartiges zu leisten war«, 
so ist ja dieser Stolz auf die Ruhmesthaten unseres eigenen Heeres 
ein naturgemäßer und uns Allen gemeinsamer; aber er muß doch 
wohl mehr in persönlicher Überlieferung und im mündlichen Ver- 
fahren gepflegt und geäußert werden, dahingegen zurücktreten bei 
Druckschriften, die zu Aller Kenntnis gelangen und die Kritik 
geradezu herausfordern. Sollten wirklich nur preufsische Truppen 
zu derartigen Leistungen befähigt sein? Major Meckel — eine 
Stimme aus dem eigenen Lager — urteilt wesentlich kühler! 

W T ohlthuend berührt es den Leser der Liebertschen Schrift, 
wenn er nach Umwendung einiger Blätter auf eine Aufzählung und 
warme Anerkennung der Leistungen stößt, welche Gurko's Kavallerie 
auf ihrem Wiuterzuge über den Balkan bis Adrianopel vollführt hat. 

Des Weiteren wird gesagt: »Je näher wir der Gegenwart 
rücken, desto seltener werden die Erscheinungen einer direkten 



218 



Über Verfolgung. 



taktischen Verfolgung vom Schlachtfelde aus. Um so mehr 
tritt mit der von der preußisch-deutschen Heeresleitung inaugurierten 
Energie der Kriegführung die strategische Verfolgung in ihre 
Rechte.« 

Über die »Energie unserer Kriegführung« 1866 und 1870/71 noch 
Worte der Zustimmung zu sagen, hiefse Eulen nach Athen tragen; 
aber die angeblich in ihre Rechte getretene strategische Verfolgung 
in beiden Kriegen wird starken Zweifeln begegnen. Herr Hauptmann 
Liebert ist uns den Beweis für seine Behauptung im Ganzen und 
Grofsen schuldig geblieben; seine nachfolgenden Einzel-Erörterungen 
weisen nach, dafs meist keine oder nur eine matte, unzulängliche 
Verfolgung eingetreten ist. Mit anerkennenswertem soldatischen 
Freimut werden eine Menge Fehler, die wir in beiden Kriegen in 
Hinsicht der Verfolgung begangen haben, besprochen; es wird 
ausgeführt, dafs und wie oft wir hätten verfolgen können. Wozu 
also jene vorhin mitgeteilte Bemerkung über die »strategische Ver- 
folgung?« Wir halten dafür, dafs hier ein lapsus calami vorliegt. 
Auf die vielen, in hübscher Weise besprochenen Beispiele wollen 
wir nicht eingehen; wir greifen ein einziges heraus - Königgratz. 
Der Verfasser selbst erklärt, dafs bei dem vom sächsischen General- 
kommando geschildertem Durcheinander der verschiedenen Marsch- 
kolonnen und speziell der entsetzlichen Verwirrung vor den gesperrten 
Thoren von Königgrätz ein mechanisches Nachdrängen von Seiten 
des Siegers genügt hätte, um abgesehen, von der weiteren Auf- 
lösung der feindlichen Corps und Einbringung von Gefangenen und 
Trophäen, die Elbbrücken selbst und das grofse Armee-Magazin von 
Pardubitz am Morgen des 4. Juli zu besetzen. Zur Verfügung 
standen dazu am Abend zwei Kavallerie-Divisionen und das gesamte 
V. Armee-Corps, das an dem Schlachttage keinen Schnfs abgegeben 
hatte.« Hauptmann Liebert berichtet aus eigener Erfahrung, als 
Angehöriger dieses Corps, es wäre dasfelbc bei entsprechender Auf- 
forderung, ganz gut noch die zwei Meilen bis zur Elbe marschiert. 
Aber wie stimmt diese Mitteilung zu der unsere positiven Fehler 
beschönigenden Darstellung: »Wir stehen also hier*) vor einer 
klaren Überlegung und einem durch die Situation motivierten (!), 
selbstbewufsten Handeln. In der That, die Armee bedurfte der 
Ruhe, sowohl in Folge der vorangegangenen Marschstrapazen und 

*) Der am Abend 6'/, Uhr (des 3. Juli) ausgegebene Armee-Befehl lautet: 
„Morgen wird im Allgemeinen geruht. Von der Elb-Armee ist, soweit dies möglich, 
eine Verfolgung de« wesentlich in der Richtung auf Pardubitz zurückgegangenen 
Feindes auszufahren." 



Über Verfolgung. 



219 



der Kampfthätigkeit, als auch vor allen Dingen, um ihre Verbände 
wiederherzustellen und ihre Trains heranzuziehen. Der Befehl zum 
Haltmachen und Ruhen war also naturgemäfs geboten (!)« 

Wie besteht vor diesem »Aufschliefeen und Retablieren« unserer 
siegreichen Armee am Abend des 3. Juli 1866 das Schreiben 
Blüchers an York: »Bei der Verfolgung des fliehenden Feindes 
kommt es gar nicht darauf an, mit geschlossenen Brigaden oder auch 
nur Bataillonen zu marschieren. Was zurückbleibt, bleibt zurück 
und mufe nachgeftihrt werden. An die Klagen der Kavallerie mufe 
man sich nicht kehren; denn, wenn man so grofee Zwecke als die 
Vernichtung einer ganzen feindlichen Armee erreichen kann, kann 
der Staat wohl einige Hundert Pferde verlieren, die aus Müdigkeit 
fallen.« 

Über die aus dem Feldzuge 1870/71 besproch enen Situationen 
giebt Hauptmann Liebert das zusammenfassende Urteil: Eine Ver- 
folgung fand statt nach den Schlachten von Wörth, Beaümont, 
Le Mans und dem Winterfeldzuge gegen Bourbaki; versagt hat 
dieselbe aus den mehr oder weniger stichhaltigen Gründen bei 
Weifeenburg, Spichern, bei Itethel gegen Vinoy, bei Artenay, bei 
Beaune-la Rolande, bei Orleans, bei Amiens und St. Quentin. 

Auch hier trifft »die in ihr Recht getretene strategische Ver- 
folgung« in den weitaus meisten Fällen nicht zu! Dieser Ausspruch 
mufe bezeichnet werden als die Überschrift eines Kapitels, welche 
zu dessen Inhalt nicht palst; der Inhalt ist richtig! 

Vollständig und in überzeugender Weise erörtert Hauptmann 
Liebert die Gründe, welche in den Kriegen der neuesten Zeit die 
Sieger an einer energischen Verfolgung gehindert haben und hindern 
werden, falls nicht Hand in Hand mit der Erkenntnis von dem 
Werte der Verfolgung der feste Wille überall Platz greift, ohne 
jegliche Schonung und Rücksicht auf die eigenen Mannschaften dem 
weichenden Gegner nachzudrängen. 

Dieser feste Wille aber wird sich nur heranbilden lassen bei 
Führern (und Leuten) unseres Heeres, wenn wir offen unsere be- 
gangenen Fehler eingestehen und uns durch das Studium der ein- 
zelnen Fälle volle Klarheit verschaffen über das, was wir bei 
energischer Verfolgung hätten erreichen können. Lediglich aus 
diesem Grunde sind die vorstehenden Einwendungen gegen Lieberts, 
mit Rücksieht auf ihre Entstehung und den Vortragsort allzuschonend 
vielfach gehaltene Darstellung erhoben worden. Oder hätten wir 
nicht Ehren genug aus unsern letzten Kriegen heimgetragen, um 
unsere Unterlassungssünden ad vocem Verfolgung einzugestehen? 



220 



Über Verfolgung. 



»Die unterlassene Verfolgung ist keine Schande; die trotz Schwierig- 
keiten durchgeführte ein grofser Triumph über menschliche Schwäche! c 
(Meckel). 

Der Zustimmung unseres ganzen deutscheu Offizier-Corps darf 
Hauptmann Liebert fest versichert sein zu dem, was er über die 
Einsetzung aller Kräfte für die Ausbeutung des Sieges sagt und 
über die unbedingte Abweisung aller Einflüsse, welche die über- 
humanen, sentimentalen »Kriegsrechtler« auf die Energie der Krieg- 
führung auszuüben je mehr und mehr beflissen sind. Neben Zu- 
stimmung aber wird vielseitiger Widerspruch erhoben werden gegen 
einzelne der von Liebert erwähnten »Mittel, welche auch in den 
Kriegen der Zukunft uns die Durchführung energischer Verfolgung 
garantieren.« Zunächst zweifelt er die schlachtenentscheidende Rolle 
der Reiterei in der Zukunfts-Schlacht an, worin wir ihm gegen die 
Mehrzahl unserer Kavalleristen beipflichten. Wünschenswert aller- 
dings wäre es nach Liebert, dafs, falls Reitermassen auf dem Schlacht- 
felde versammelt sind, mindestens ein Teil derselben im Laufe des 
Tages zum Abfüttern gelangte. Aber wie oft wird sich das machen 
lassen? 

Der Verfasser glaubt »annehmen und hoffen zu dürfen, dafs in 
einem künftigen Kriege die Rencontreschlacht nicht gerade mehr 
die Regel sein, sondern, dafe mit Hülfe der besseren Aufklärung 
durch die darauf geschulte Kavallerie die vorbedachte Schlacht das 
Normale und Gewöhnliche wird« : — wir werden sehen. 

Es niufs jedoch mit Bestimmtheit angenommen werden, dafs 
fortan jede Armee ihre Kavalleriemassen als Schleier vor sich aus- 
breitet und es dadurch beiden Gegnern schwer fällt, Kunde über 
den andern zu erlangen; so meinen wir. Und wenn Haupt- 
mann Liebert sagt: »Vor Allem ist die Reiterei — durch die 
Formation grofser Kavalleriekörper, durch Zuteilung reitender Ar- 
tillerie und Bewaffnung mit Karabinern (!) — in ganz anderer Weise 
als früher befähigt, die Aufgabe zu übernehmen, dem geschlageneu 
Feinde nicht nur zu folgen, sondern ihm sich vorzulegen und ihn 
einzukreisen«, — so wird das zwar Niemand bestreiten; wohl aber 
mufs die folgende Behauptung auf ihre Stichhaltigkeit gar ernst 
geprüft werden: »Ganz besonders wird sich die deutsche Kavallerie 
nach Zahl wie nach Ausbildung hierzu qualifizieren, besonders 
wenn sie mehr und mehr dem Charakter leichter Kavallerie sich 
nähert.« 

Lassen wir die Ausbildung einmal bei Seite: ist die russische 
Kavallerie nach Zahl und Bewaffnung an sich etwa weniger zur 



Über Verfolgung. 



221 



VerfolgungB-Thätigkeit geeignet als die deutsche? Wiederum meinen 
wir, dafs dieser von Selbstschätzung durchtränkte Satz, der die Kritik 
unnötig herausfordert, in einer Druckschrift besser fortzulassen 
war; überdies stand allgemein »die Verfolgung« in Rede nicht »die 
besondere Eignung deutscher Truppen für die Verfolgung.« 

Volle Beachtung wiederum verdient Lieberts Vorschlag, es sollen 
von Beginn der Schlacht an und während des Verlaufes erst nach 
derselben die Mafsnahmen für die Verfolgung überlegt und zu diesem 
Zwecke ein Generalstabsoffizier dauernd mit der Vorbereitung und 
nur mit dieser betraut werden. Und ebenso darf nach Liebert 
der mit der Verfolgung zu beauftragende Truppenführer nicht der 
zufällig auf irgend einem Fleck des Schlachtfeldes rangälteste Offizier, 
sondern mufs eine für diesen Zweck speziell ausgewählte Persönlich- 
keit sein, welcher die zur Verfolgung bestimmten Truppen als De- 
tachement unterstellt werden.*) 

Citate würzen, je nachdem, einen Vortrag; sie müssen aber 
richtig wiedergegeben werden. Es wird von Liebert »Goethe's 
Spruch« angeführt: »Wie sich Verstand und Glück verketten, das 
fällt den Thoren niemals ein. . .« Es heilst aber im »Faust« nicht: 
»Verstand«, sondern »Verdienst« und beide Begriffe decken sich 
doch nicht. Auch kann man, ohne Beeinträchtigung des Gedankens, 
ans dem Sprüchwort: »dem fliehenden Feinde soll man goldene 
Brücken bauen«, nicht mit Liebert das »fliehenden« einfach weg- 
lassen. 

Zum Schlüsse nochmals: die Liebert'sche Schrift ist so anregend 
und der behandelte Gegenstand von solcher Bedeutung, dafs wir den 
Vortrag zum besonderen Studium empfehlen müssen. 



*) Sollten nicht schon im Jahre 1900 elektrische Lichtmaschinen als 
wackere Gehülfen der verfolgenden Sieger sich erweisen? Die Nacht, bisher der 
Fliehenden Freund, verschwindet vor der mächtigen Erfindung. . . . ! 



222 



Zur Frage eines Zukunfts-Eienier-Reglement» 



XVI. 

Zur Frage eines Zukunfts-Exerzier-ßeglements 

ftir die Infanterie.*) 

Es ißt eine ebenso unanfechtbare wie bedauernswerte Thatsache, 
dafs unsere neuere deutsche Militär-Litteratur verhältnismälsig nur 
selten wertvolle geistige Früchte zeitigt, dahingegen eine Über- 
menge höchst dürftiger Schriften zu Tage fördert. Wahrend in 
den meisten anderen Wissenschaften — schriftstellerische Begabung 
vor allem vorausgesetzt — nur eine besonders reiche Erfahrung 
oder eingehende Studien eine gewisse Berechtigung zur literarischen 
Thätigkeit verleihen, verraten unsere militärischen Schriften oft 
zu sehr schon auf den ersten Blick, dafs ihnen keine dieser 
Vorbedingungen zur Seite gestanden hat. Am häufigsten zeigt sich 
natürlich diese traurige Erscheinung bei Schriften taktischen oder 
organisatorischen Inhalts. Bei diesen sind ja nicht unbedingt reiche 
Kenntnisse erforderlich, da es sich im Grunde nur um Wieder- 
gabe höchsteigner Ansichten und Anschauungen handelt. Und da 
hat es allerdings viel Verführerisches für einen jüngeren, strebsamen, 
mit etwas Phantasie begabten Offizier, wenn er anonym — also 
ohne jede Gefahr sich zu blamieren — seine »ganz neuen« Ideen 
in die Welt schleudert und im Geiste die staunende Menge mit ihnen 
beschäftigen sieht, die sicherlich einen hohen Offizier oder eine sonst 
bestens bekannte Persönlichkeit als Verfasser voraussetzt. Einen 
Verleger findet solch ein Werk immer; denn dem Autor kommt es 
in seiner Eitelkeit meistensteils nicht auf pekuuiäre Vorteile an, 
so dafs der Verleger sich leicht gegen jeden Verlust sicher stellen 
kann. Dabei befleifsigen sich die militärischen Kritiker fast durch- 
weg einer solch äufeersten Vorsicht selbst solch anonymen Schriften 
gegenüber, dafs auch eine Gefahr von dieser Seite nicht droht. Im 
Gegenteil, zieht einmal ein Kritiker gegen eine der zahlreichen 



*) Zur Frage eines Zuknnfts-Exerzier-Reglements für die Infanterie. Von einem 
«teren Infanterie-Offizier. Berlin 1884. - A. Bath. 



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flir die Infanterie. 



223 



Ausgeburten unserer Militär-Litteratur offen und ehrlich zu Felde, 
so kann er sich sicher darauf verlassen, dafs der Herr Anonymus 
eine Menge bewufeter und unbewufeter Freunde findet, die ihn gegen 
solch »unkameradschaftliches« Gebahren u. s. w. warm im Schutz 
nehmen. Darum wuchert unsere anonyme taktische Litteratur lustig 
weiter zum grofsen Schaden einzelner tüchtiger Schriften auf diesem 
Gebiete. Denn in Folge dieser beregten Ubelstände tritt man in 
der Armee und absonderlich in höheren Kreisen solch anonymen 
taktischen Schriften mit grofeem Mißtrauen entgegen, so dafs, wenn 
wirklich einmal ein tüchtiges taktisches Werk anonym erscheint, 
dieses nur durch besondere günstige Zufalle den ihm gebührenden 
Platz erhält. 

In dem ersten Jahrfünft nach dem deutsch-französischen Kriege, 
der Sturm- und Drangperiodo unserer neueren Militär-Litteratur, 
als, je jünger je mehr, fast jeder brave Kämpe glaubte »zugleich ein 
Sanger und ein Held« sein zu dürfen, traten diese Mifsverhältnisse 
leicht erklärlicher Weise ganz besonders grell zu Tage. Der Bücher- 
markt wurde überflutet mit anonymen Schriften taktischen oder 
organisatorischen Inhalts, die gestützt auf die Erfahrungen des 
Krieges voll von Neuerungsvorschlägen oft der sonderbarsten Art 
waren. Aber an dem gesunden Sinn unserer Armee, an der ruhigen 
festen Haltung unserer Heeresleitung scheiterte der heftige Ansturm 
gegen unsere Heereseinrichtungen und Reglements; die wilden Wogen 
beruhigten sich mit den Jahren, und aus dem sich bildenden Nieder- 
schlag keimten organisatorische und taktische Neuerungen allmählich 
und lebensfähig hervor. An einzelnen Heifsspornen fehlte es freilich 
in diesen Jahren der ruhigen Fortentwickelung nicht, die das ver- 
trauensvolle Verhalten der Armee, das mafsvolle Auftreten unserer 
Militär-Litteratur mit »Gleichgültigkeit gegen die Forderungen der 
Zeit«, »Versumpfen in veralteten Verhältnissen« bezeichneten und 
die Namen Jena und Auerstadt als ein Mene Tekel für ihre 
Zwecke häufig gebrauchten. Unbeachtet verhallten im Allgemeinen 
solche Kassandra-Rufe; doch wurden sie nur selten durch die 
Kritik in der Militär-Litteratur gebührend abgefertigt. In den 
Jahrbüchern wird diesen wenig nutzbringenden und meist ganz 
unbedeutenden litterarischen Erscheinungen grundsätzlich nicht näher 
getreten, und wenn dies trotzdem dann und wann einmal geschieht, 
so liegen besondere Gründe vor. Unbeachtet wäre in diesen Blättern 
auch das vor nicht langer Zeit erschienene Büchlein »das preufsische 
Infanterie-Exerzier- Reglement in seiner bisherigen Entwickelung und 
die Forderungen der Gegenwart (1812 — 1847 — 1876 - 18??)« 



224 



Zur Frage eines Zukunft*- Exerzier-Reglements 



geblieben, hätte nicht ein anderes höchst vortreffliches kleines 
taktisches Werk bald darauf jenes zu seinem Ausgangspunkte ge- 
macht und ihm dadurch eine ganz unverdiente Ehre und Bedeutung 
gegeben. Unter diesen Umständen drängt sich die Verpflichtung 
auf — namentlich im Hinblick auf das Ausland, welches sich ver- 
führt sehen könnte, nach einer Schrift, wie der vorgenannten den 
im deutschen Heere herrschenden Geist zu beurteilen — hier öffent- 
lich Stellung zu jenem Werke über das preußische lnfanterie- 
Exerzier-Reglement zu nehmen. 

Wenn der Verfasser dieses Büchleins einigermafsen mit den 
Erzeugnissen unserer neueren Militär- Litteiatur bekannt ist, so 
mufste er sich doch sagen, dafs der historische Teil seiner Arbeit in 
den letzten Jahren mehrfach Gegenstand der Darstellung gewesen, also 
bekannt und eine neue Zusammenstellung somit überflüssig sei.*) In 
die Augen springend ist seine Voreingenommenheit für das Regle- 
ment von 1812, gegen das von 1847. Gleich im Anfang der Schrift 
heifst es, dafs General v. Scharnhorst in den sorgenschweren, arbeit- 
und mühereichen Jahren von 1807-1812 neben seinen Werken als 
Kriegsminister, Chef des Generalstabes uud Inspecteur der Festuugen 
Zeit fand, das Exerzier-Reglement für die Infanterie zu verfassen, 
welches nach Geist und Form die Schlachtfelder des 19. Jahr- 
hunderts zu beherrschen berufen sein sollte. — Nun ist es aber 
mäuniglich bekauut, dafs jenes Reglement von einer Kommission 
verfafst wurde, deren Präses Scharnhorst war, und dafs es alle jene 
Bestimmungen zusammenfatste, die betreffs der Ausbildung der 
Truppe seit 1807 erlassen waren. Seinen Geist hat Scharnhorst gewifa 
dem Reglement eingehaucht, aber die Form, in der wir es besitzen, 
verdankt es anderen; Scharnhorst war bekanntlich kein grofser Meister 
des Stils, auch hiefse es, die Verdienste von Männern wie York, 
Boyen u. s. w. verkleinern, wollte man Scharnhorst als Verfasser 
des Reglements von 1812 hinstellen. Was es nun aber heifsen soll, 



*) Es sei u. A. nur auf die in den Jahrbüchern erschienenen Aufsätze über 
denselben Gegenstand hingewiesen: April und Mai 1877 «Das Eierzier- Reglement 
für die prcufsische Infanterie, zusammengehalten mit den in der Militar-Litteratur 
in taktischer Beziehung laut gewordenen Wünschen, von G. v. Sodenstern, Haupt- 
mann." — August und September 1877 : „Die Infanterie-Brigade in ihrer Ent- 
wickelung aus der Brigade von 1812. Kriegsgeschichtliche-taktische Studie von 
Bartels, Hauptmann." — Dezember 1879: „Die Ausbildung des einzelnen Mannes 
nach dem Reglement von 1812 von v. Kleist, Hauptmann." — September 1880: 
,,Die Grundsätze des preußischen Exerzier -Reglements von 1812, bezüglich der 
Ausbildung zum Gefecht, von v. Kleist, Hauptmann." 



fQr die Infanterie. 



22r, 



dafs dieses Reglement nach Geist und Form berufen sein sollte, die 
Schlachtfelder des 19. Jahrhunderts zn beherrschen, ist mir voll- 
ständig unergründlich geblieben! Der Form nach, also in Ausdrucks- 
weise, Stoffgruppierung und dergl., hat dieses Reglement die Schlacht- 
felder des 19. Jahrhunderts beherrscht?!! — Das grofse Verdienst 
dieses Reglements liegt darin, dafs es dem Geiste der Zeit, den grolseu 
Umwälzungen vollständig Rechnung trug, welche die durch die 
französische Revolution geschaffenen Volksheere und die über alle 
Mafsen rücksichtslose Kriegführung eines Napoleon auf die Kampf- 
weise ausübten und ausüben umfeten. Napoleons Strategie und die 
aus ihr hervorgegangene Taktik beherrschten bis ins 7. Jahrzehnt 
des 19. Jahrhunderts hinein die Schlachtfelder Europas; dann erst 
brach sich langsam jene Taktik Bahn, welche, von Preufsen aus- 
gehend, ihre Grundangeln in der geistigen Durchbildung der 
Nation, in der Disziplin des Heeres und in der ausgiebigsten Aus- 
nutzung des Hinterladers besitzt. Unser Herr Verfasser, der das 
Alpha und Omega der Infanterie-Taktik nur aus der Schiefeinstruktion 
entnommen wissen will (S. 37), behauptet ferner, (S. 31) »die in 
drei Kriegen gepflückten Lorbeeren sind der Tendenz einer fort- 
schreitenden taktischen Entwickelung (in Preufsen- Deutschland) nicht 
vorteilhaft gewesen«. »Leider«, so sagt er, »ist Preufsen -Deutsch- 
land augenblicklich von seiner Fiihrerstelle in reglementarischer 
Hinsicht zurückgetreten und hat sich von den Konkurrenten über- 
flügeln lassen«. Dem gegenüber darf man getrost behaupten, dafs 
Preufsen zu seinem Glücke die Führerstelle in reglementarischer 
Hinsicht niemals erstrebt und niemals besessen hat. Das muster- 
hafte preufsische Reglement von 1812 ist für keine andere Armee 
jemals Muster gewesen. Preufsens Bestrebungen galten auch auf 
militärischem Gebiete ganz anderen Zielen, und diese hat es in 
glänzender Weise erreicht! 

Näher hier auf den historischeu Teil der Broschüre einzugehen, 
ist um so weniger rätlich, als, wie gesagt, jeder, der Interesse für 
den Gegenstand hat, sich längst leicht darüber unterrichten konnte. 
Was nun »die Forderungen der Gegenwart« anbelangt, die in dem 
Buche zum Ausdruck gebracht sind, so glaubte ich mich beim 
Durchlesen dieser eigenen Geistesarbeit des anonymen Verfassers 
ein Jahrzehnt zurückversetzt. Zu jener Zeit, als die reiche Kriegs- 
erfahrung noch nicht zum festen Niederschlag gekommen war, 
haben wir alles das, was der Herr Verfasser jetzt fordert, oft ver- 
langen hören. Damals hatten solche Forderungen heitsblütiger 
Vorwärtsstürmer eine gewisse Berechtigung; jetzt aber, nachdem die 



220 



Zur Frage eine» Zukunfts-Eierrier-Roglements 



oberste Heeresleitung, nachdem die Armee diesen Forderungen gegen- 
über feste und klar ausgesprochene Stellung genommen hat, ist es 
ein kühnes Unterfangen, solch vergriffene Waare nochmals aufzu- 
tischen. Und dabei wagt es der Herr Verfasser, sich mit solchen 
Ansichten und Forderungen als das Organ der Armee hinzustellen. 
»Die deutsche Infanterie wünschte, er weüs sich eins mit unzahligen 
Kameraden der Infanterie, er glaubt »vom Offizier -Corps« be- 
haupten zu dürfen. »Leider«, so sagt er, »sei seine Auffassung der 
Infanterie-Taktik in den malsgebenden Kreisen der deutschen Armee 
nicht zur Geltung gelangt und habe sich nach 12 Jahren noch 
immer keine Anerkennung zu verschaffen gemocht.« — Dafür wird 
sich aber denn auch »die Erfahrung von 1870 wiederholen, leider 
aber dieselben und wahrscheinlich noch schwerere Opfer fordern wie 
damals« ; — »die Infanterie sieht in einem zukünftigen Kriege bitteren 
Erfahrungen entgegen«. — Woher nimmt der Herr Verfasser die 
Berechtigung, eine solche Sprache zu führen?! Hat er eine reiche 
Kriegserfahrung auf seiner Seite, befindet er sich in einer solchen 
Stellung, dais die Stimme der Armee an seinem Ohre wiederhallt? 
Viele Stellen seiner Schrift kennzeichnen ihn als einen jüngeren 
Offizier mit einem nur in kleinen und kleinsten taktischen Ver- 
hältnissen geübten Bück. 

Es wäre ein vollständiges Verkennen der Bedeutung des vor- 
liegenden Büchleins, wollte ich den Forderungen des Herrn Verfassers 
eingehend näher treten, Forderungen, die, wie gesagt, vor zehn 
Jahren in weit besserer Art und Weise gestellt wurden, Forderungen, 
welche bei den Neubearbeitungen unseres Infanterie-Exerzier-Re- 
glements wissentlich und wohlweislich unberücksichtigt geblieben 
sind. Damit der Leser dieser Zeilen sich jedoch ein Urteil über die 
Geistesarbeit des Herrn Verfassers bilden kann, sollen einige Stellen 
aus seinen »Forderungen« hier augeführt werden. Er sagt auf 
S. 53, »dais für das Gefecht keine Formen existieren und deshalb 
auch keine geübt werden können«. (Nun! nun! Ich dächte, jedes 
Gefecht tritt in einer gewissen Form in die Erscheinung.) Auf 
derselben Seite bezeichnet der Herr Verfasser als Grundregeln 
für das angriffsweise Gefecht: »Stete Erwägung, ob das Ba- 
taillon isoliert oder im Verbände mit andern Truppen kämpft.« 
(Nun ich dächte, der Bataillons-Commaudeur braucht doch nicht 
erst zu erwägen, ob er isoliert kämpft, das weifs er stets ganz 
genau — hat er überdies nur beim an griffs weisen Gefecht dies 
zu erwägen?!) »Warnung vor dem Ueberschreiten der Schützen- 
linie mit geschlossenen Abteilungen. Häufiges Auflösen des 



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för die Infanterie. 



227 



ganzen Bataillons, EiudoublierL-n der Züge und Compagnien, Durch- 
führen einfacher Gefechtsaufgaben auch in solcher Verfassung; 
Sammeln einzelner Compagnien, in denen sich fremde Mannschaften 
befinden, geschlossenes Auftreten solcher buntgemischten Ver- 
bände u. s. w.« Dies alles, ich betone es nochmals, sollen Grund- 
regeln für das angriffsweise Gefecht sein. Als Grund- 
gedanken, die sich wie ein roter Faden durch das Reglement ziehen 
müßten, führt der Herr Verfasser auf S. 57 u. A. an: Vor jedem 
Zusammenstofs mit dem Gegner Klarheit über die Verhältnisse, 
möglichst durch persönliches Rekognoszieren des Führers. (Ja, 
wenn man im Kriege stets wüßte, ob und wann man mit dem 
Gegner zusammenstößt, und wenn dieser Gegner vor dem Zusammen- 
stoß klar sehen ließe, was er beabsichtigt u. s. w., dann wäre es 
ein Leichtes, richtige Anordnungen zu treffen). Der letzte Angriff 
(wie viel Angriffe werden denn gemacht?!) erfolgt, sobald auf 
irgend einem Punkte das Gefühl der Überlegenheit erwachte 

Solche unreife Geistesarbeit, die man nur zu sehr versucht ist, 
als das Produkt geistiger Unreife anzusehen, wagt es, sich zur 
Stimme der Armee aufzuwerfen! Schlimm wäre es um unsere Armee 
bestellt, wenn solche Arbeit das wirklich wäre. In der Armee weife 
man sehr wohl, das sie es nicht ist; aber dem Auslande gegenüber, 
welches das Geistesleben unserer Armee nicht kennt, muß laut gegen 
solche Überhebung protestiert werden ! Und solche unreife Geistes- 
arbeit wird von der Kritik, namentlich der des Auslandes, vielfach 
beifallig aufgenommen!! Traurig ist es in der That um die Kritik 
bestellt, die solche Arbeit loben kann. Dem Auslande mag dies 
verziehen werden, dort kennt man eben unser Leben und Streben 
nicht! 

Und solche Geistesarbeit wird schließlich sogar noch zum Aus- 
gangspunkt der ganz vortrefflichen Schrift gemacht, deren Titel 
wir diesen Zeilen vorangestellt haben! Der Verfasser der letzteren 
Schrift bezeichnet sich nur als »älterer Infanterie-Offizier« ; aber jede 
Zeile des Buches, jeder Gedanke nennt laut und deutlich seinen in 
der Armee bestens bekannten Namen. In seinem unausgesetzten 
zielbewußten Streben, die Grundzüge der neuen Taktik in der Armee 
nach Kräften zu verbreiten, suchte der »ältere Infanterie-Offizier« 
nach einer passenden Gelegenheit, dies in nicht aufdringlicher Weise 
von Neuem thun zu können. Da gab ihm ein böser Zufall die oben 
erwähnte Broschüre über unser Exerzier-Reglement in die Hand, und 
er benutzte sie für seine Zwecke, in seiner Bescheidenheit wohl 
kaum bedenkend, wie sehr er dadurch auch jenes Werk aus dem 



22S 



Zur Frage eines Zukunfts-Exerzier-Reglemente 



Staub emporziehe. Mit bekanntem Wohlwollen und der ihm eigenen 
Liebenswürdigkeit wendet der »ältere Infanterie-Offizier« der Aus- 
gangsbroschüre eine sehr weitgehende »captatio beuevolentiae« zu. 
Er neunt diese Broschüre eine der mafsvollsten und besten, die über 
den in Rede stehenden Gegenstand geschrieben sind, er betont, dafs 
er in vielen Punkten mit ihr einverstanden sei — doch das ist nur 
Zuckergufs über den eigentlichen bitteren Kern. Denn fürwahr, in 
seinen Grundauschauungen und Bestrebungen ist er vollständiger 
Gegner der in der Ausgangsbroschüre niedergelegten Ansichten, 
aber er kleidet dies so gewandt ein, dafe das Gegenteil der Fall zu 
sein scheint, und nur dem aufmerksamen Leser wird der Widerspruch 
zwischen Schein und Sein vollständig klar. Der Fluch der bösen 
That wird nicht ausbleiben! Wie wird, gestützt auf eine solche 
Autorität wie die des älteren Infanterie -Offiziers der Verfasser der 
erstgenannten Reglements-Studie die ihm gespendeten Lobeser- 
hebungen ausbeuten? Wie wird nun sein Buch bei der urteils- 
losen Menge Beachtung finden und Verwirrung bereiten?! Ja ein 
»jüngerer Infanterie-Offizier« hat bereits das Wagnis unter- 
nommen, das tief durchdachte Werk unseres älteren Infanterie- 
Offiziers in einer allem Anscheine nach schnell hingeworfenen und 
geradezu nichts Neues bringenden Broschüre zu beantworten. Das 
sind die traurigen Auswüchse unserer anonymen Brosen üren-Litteratur 
und die traurigen Folgen unseres jammervollen, süfs-säuerlichen 
Kritik Wesens. 

Im Eingange seiner Schrift sagt unser Ȋlterer Infanterie- 
Offizier«, »dafs die Frage, in wie weit eine gröfsere und geringere 
Notwendigkeit für die Neubearbeitung unseres Infanterie-Exerzier- 
Reglem'ents vorliegt, heute ein in den Kreisen besonders der Waffe 
selbst, mündlich und schriftstellerisch wieder lebhafter ventiliertes 
Thema zu bilden begonnen hat. Die Zahl der Broschüren, welche, 
sich mit dieser Frage beschäftigend, ihre Zukunftsentwürfe auf den 
Markt werfen, wächst je länger je mehr an. . . .« Sehr richtig! 
Durch die Schrift »das preufsische Exerzier-Reglement u. s. w.« ist 
die Zahl der Broschüren, welche für ein neues Exerzier-Reglement 
eintreten, wieder um eine gewachsen, und wenn auch nur alle Jubel- 
jahr in der Zukunft eine Broschüre gleicher Art erscheint, die Zahl 
solcher Arbeiten wächst je länger je mehr an. Aber das ist nicht 
das Wachsen jener glücklich überwundenen »Prügeljahre« unser 
neueren Taktik-Litteratur, welche jährlich 12 und mehr solcher 
Arbeiten zu Tage förderten, während in den letzten Jahren sich doch 
nur selten ein derartiges W T erk hervorwagt, und dann ist es meisten- 



für die Infanterie. 



229 



teils Wiederkäuer-Arbeit! Schriftstellerisch bildet die Frage einer 
Neubearbeitung unseres Infanterie-Exerzier-Reglements somit schwer- 
lich ein wieder lebhafter ventiliertes Thema. Dafs dies mündlich 
der Fall ist, mufs ich dem »älteren Infanterie-Offizier« wohl glauben, 
wenngleich nach der eingeholten Ansicht mehrerer älterer Kameraden 
ein solches Streben auch nicht in besonders merklicher Weise hervor- 
tritt. Es liegt in der That auch keine Veranlassung vor, diese 
Frage wieder in ein lebhafteres Tempo zu bringen. Stehen wir denn 
am Ende eines wichtigen Zeitabschnitts? Aus den Erfahrungen der 
letzten grofeen Kriege sind längst die Lehren gezogen. Auf dem 
Gebiete der Waffentechnik sind im letzten Jahrzehnt keine auf die 
Taktik wesentlichen Einflufs ausübenden Erfindungen gemacht worden. 
Selbst die Repetiergewehr-Frage, die einer sehr baldigen Lösung ent- 
gegenreift, kann taktische Änderungen nicht hervorrufen. Anders 
steht es mit der Einführung eines neuen Pulvers, das wenig oder 
gar keinen Rauch entwickelt und sich mit nur schwachem Knall 
entzündet; diese Einführung dürfte auch eine Frage der nächsten 
Zeit sein und sicherlich nicht ohne bestimmenden Einflufs auf die 
Kampfweise bleiben. Der Gefechtslärm, der eine Leitung durch die 
Stimme geradezu unmöglich macht, fiele zum Teile fort; ein Herbei- 
eilen auf den Kanonendonner könnte nicht mehr stattfinden; der 
aufsteigende Rauch der Geschütze oder feuernder Schützenlinien 
böte keinen Anhalt mehr zur Beurteilung der Stellung des Gegners 
u. 8. w. Solche Aussichten lassen es denn doch sehr fraglich er- 
scheinen, ob gerade jetzt ein so sehr geeigneter Zeitpunkt für das 
schleunige Veröffentlichen eines neuen Infanterie-Exerzier-Reglements 
vorhanden ist. Das Reglement vom Jahr 1847 hat uns in dieser 
Beziehung eine gute Lehre gegeben; es erschien gerade zu der Zeit^ 
als die Hinterladerfrage in Flufs kam, die für die Taktik von so 
erheblichem Einflufo werden sollte. Wie sich in Technik und Taktik 
eins aus dem andern entwickelt, so ändere man auch an dem 
Exerzier-Reglement allmählich und nach Bedürfnis. Alles Menschen- 
werk ist Stückwerk, und auch ein Exerzier- Reglement palst voll 
und ganz nur auf bestimmte Verhältnisse. Ändern sich diese mit 
der Zeit, so ändere man mit ihnen das Reglement. Aber das Be- 
stehende vollständig einstürzen, und gar gegen Tradition und 
historische Entwickelung Neues, nicht Erprobtes einführen — heilst 
statt Früchte Blumen handeln. — Entgegengesetzt der Broschüre, 
die er als Ausgangspunkt für seine Arbeit nimmt, ist unser »älterer 
Infanterie-Offizier« denn auch sehr mafe- und einsichtsvoll in der 
Frage des neuen Exerzier-Regleinents. Er glaubt es ganz dem 




Bd. LH. 2. 



16 



uigmzeo Dy Vj 



oogle 



230 



Zar Frage eines Zukunfts-Eicraer-Rcglements 



Gutachten der mafsgebenden Kreise überlassen zu dürfen, ob und 
wann ein Umarbeiten des jetzigen Reglements von Nöten ist und 
giebt für den Fall solcher Umarbeitung in aller Bescheidenheit 
anheim, seine jetzt geäußerten Ansichten in Betracht zu zieheu, 
die zwar ganz persönlicher Natur sind, aber auf die man die Fri- 
derizianischen Worte in vollem Mafse anwenden kann, dafe sie auf 
einer reichen Kriegserfahrung beruhen »digeree par la reflexion«. 

Das vortreffliche Büchlein unseres »älteren Infanterie-Offiziers« 
stellt uns auch wieder vor die wichtige, viel umstrittene Frage, ob 
das Exerzier-Reglement der Infanterie nur die Grundsatze und 
Formen enthalten soll, nach welchen Mann und Truppe ausgebildet 
werden sollen, oder ob ihm auch Bestimmungen über die An- 
wendungen dieser Formen im Kampfe einzuverleiben sind. Für die 
Kavallerie und Artillerie, welche in ganz anderer Weise wie die In- 
fanterie, in festgeschlossenen, durch Kommando oder Signal geleiteten 
Verbänden den Kampf durchführen, muss unbedingt auch die Anwendung 
der Formen, in welchen die Truppe zu kämpfen hat, reglementarisch 
vorgeschrieben werdeu. Für die Infanterie, bei welcher sich der 
Kampf nicht in »bestimmten« Formen abspielt, können solche Vor- 
schriften kaum gegeben werden. Wohl aber ist es unbedingt not- 
wendig, — hiervon hat mich das vorliegende Büchlein von Neuem 
und auf das Schlagendste überzeugt — von malsgebender Stelle aus 
Grundsätze für den Kampf der Infanterie festzustellen. Diese 
gehören allerdings streng genommen nicht in ein Reglement, das 
Wort für Wort auf das Genaueste unter allen Umständen befolgt 
werden mufs, sondern köunen demselben höchstens als eine Art von 
Instruktion beigegeben werden. Und soll eine solche gegeben 
werden, dann allerdings »bestimmte Mafse und Forment; sie 
lassen sich den Umständen besser anpassen als »unbestimmte 
Grundsätze und Gesichtspunkte« , wie ich aus vollem Herzen dem 
»älteren Infanterie-Offizier« nachspreche. 

Als eine eigentlich ganz überflüssige Arbeit des Letzteren möchte 
ich seine Auslassungen darüber bezeichnen, ob und welche Be- 
wegungen, Griffe, Signale u. s. w. in dem Zukunfts-Reglement der 
Infanterie etwa fortfallen können; es ist diese Auseinandersetzung 
eben nur lediglich eine Folge des Ubelstandes, dafs hier ein Buch 
die Grundlage bildet, welches sich mit Gegenständen befafst, über 
welche man in der Armee und namentlicb in den mafsgebenden 
Kreisen längst völlig im Klaren ist, so dafs jedes weitere Wort 
recht eigentlich vom Übel ist. In diesem Abschnitt kommt der 
»ältere Infanterie-Offizier« u. A. auch wieder auf die von ihm schon 



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für die Infanterie. 



231 



früher und öfter vertretene dreigliedrige Aufstellung zurück. Ich 
trete voll und ganz für seine Ansichten ein. Die zweigliedrige Auf- 
stellung, welche s. Z. lediglich für den Kampf notwendig wurde, 
ist für diesen nicht mehr erforderlich; also wieder fort mit ihr. 
Es heifst blind an Vorurteilen hängen, wenn man die Vorteile der 
dreigliedrigen Aufstellung bei unserer jetzigen Kampfweise nicht ein- 
sehen will. Überzeugend sind ferner die Bemerkungen des Verfassers 
über die Vorteile einer Zugschule, die als Zwischenglied zwischen 
Ausbildung des Mannes und der Compagniesehule den natürlichen 
Üb ergang zu letzterer bildet. Dies alles nenne ich aber nur »Trödel- 
ware« im Vergleich zu dem, was der »ältere Infanterie-Offizier« im 
weiteren Verlauf seiuer Arbeit über das Endziel all unserer Friedens- 
arbeit, über die Ausbildung zum Gefecht sagt. Welche Klarheit 
der Gedanken ist in diesen Abschnitten entwickelt und wie eingehend 
ist der ganze Gegenstand bis ins kleinste aufgeklärt. Nicht hoch 
genug ist das Verdienst anzuschlagen, daCs hier klar und deutlich 
wie nie zuvor dargethan wird, welch eine abgedroschene Phrase es 
ist, »dafs von der ersten fechtenden Linie alles Andere das Gesetz 
für das eigene Handeln vorgeschrieben erhaltet mit andern Worten, 
dals nicht die höchsten und höheren Truppenführer, sondern der 
Lieutenant und allenfalls noch der Hauptmann die Schlacht schlagen. 
Das Verlängern der Schützenlinie, Eindoublieren der Schützen, die 
Bedeutung der Treffen, alles Gegenstände, über welche sich der Ver- 
fasser des Buches »das preufsische Infanterie-Exerzier-Reglement in 
seiner bisherigen Entwickelnng u. s. w.« in ganz unklaren, aber 
leider ziemlich landläufigen Redensarten ergeht und in Betreff derer 
er ganz unhaltbare Ansichten und Vorschläge zu Tage fördert, werden 
hier zum greifen klar und in ihrer wahren Bedeutung hingestellt 
und in Betracht gezogen. Die Nichtigkeit von Ansichten, wie solche 
z. B., dafs »der Offizier des stehenden Zuges der Schützenlinie ein 
für allemal die Führung des rechten Flügels, der Offizier des ver- 
stärkenden Zuges den linken Flügel bis zur Mitte übernimmt« wird 
auf das schlagendste dargethan, so dafe ich beim Lesen dieser Aus- 
einandersetzungen wiederholt für den Verfasser des eben genannten 
Buches tief rot wurde, der es wagen konnte, mit seinen teils un- 
klaren, teils unrichtigen Anschauungen an die Öffentlichkeit zu treten 
und die sie schlankweg als die Stimme der Armee zu bezeichnen. 
Da heutigen Tages nun einmal der Ursprung aller verheerenden 
Epidemien auf Bakterien uud Bacillen zurückgeführt wird, so liegt 
die Versuchung nahe, all das unter unseren jüngeren Offizieren 
wuchernde Übel der Reglements -Verbesserungssucht auf jene vor- 

16» 



a 

232 Zar Frage eines Zukunfts-Exerzier-Reglements 



stehend berührten Taktik -Bacillen zurückzuführen und unserem 
»älteren Infanterie-Offizier« auf diesem Gebiete ein ähnliches Ver- 
dienst zuzuschreiben, wie dem Cholera-Koch auf dem medizinischen. 
Ja, unser Taktik -Forscher geht noch weiter; er giebt auch die 
Mittel an die Hand, das wuchernde Übel zu vertilgen. Denn in 
tief durchdachter klarer Weise setzt er wissenschaftlich auseinander 
wie die Schützenlinie bis auf die Hauptfeuerstation, wie die hinteren 
Linien an die Schützenlinien herangeführt werden, wie der Einbruch 
der ersten und hintern Linien in die Stellung des Feindes statt- 
finden mufs. Aber nicht nur das Wie, sondern auch das Warum 
ist überzeugend dargethan. Noch nie ist dies meines Erachtens in 
ähnlicher Weise gelungen. Wem beim Durchstudieren dieser Zeilen 
nicht die Augen aufgehen, dem möchte man zurufen: Simon 
Petrus stecke dein Schwert in die Scheide und ergreife einen anderen 
Beruf! Da es Ansichten sind, menschliche Ansichten und Schlufs- 
folgerungen, die der Herr Verfasser uns vorführt, so liegt es auf 
der Hand, dafs man in einzelnen Punkten vielleicht nicht ganz mit 
ihm übereinstimmen wird. So zum Beispiel dünkt es mir denn 
doch praktisch kaum ausführbar, dafs in der Schlacht ein zur 
Schützenlinie aufgelöstes Bataillon schliefslich in Sprüngen von 
20—30 m, welche die rechts und links liegenden und feuernden 
Linien anderer Bataillone nur um etwa 10 — 15 m überragen, 
die Entscheidungsdistance erreichen soll. Auch wird es vielleicht 
manchem scheinen, als ob der Herr Verfasser zu sehr theoretisch, 
alles zu sehr nach Zeit und Raum berechnet und auf die besonderen 
Umstände, als da sind vor allem Terrain und Maßnahmen des 
Feindes, zu wenig Rücksicht nimmt. Andere mögen sich an dem 
eigentümlichen Stil, den vielen Parenthesen, an einzelnen nicht ganz 
geläufigen Ausdrücken stofsen. Alles dies thut aber wahrlich der guten 
Sache nicht den geringsten Abbruch. Und auch die Frage, ob ein neues 
Exerzier-Roglement erforderlich oder nicht, verschwindet bei diesen 
Kapiteln über die Führung der Truppe im Gefecht, iu der Schlacht 
vollständig. Erst möge, sage ich aus voller Uberzeugung mit unserem 
»älteren Infanterie- Offizier«, der Truppenboden empfänglich ge- 
macht werden, ein neues Reglement zu tragen und zu vertragen, 
indem die richtigen taktischen Grundsätze der heutigen Infanterie- 
verwendung im Kampfe in ihm ansaraen. Wird das vorliegende 
Buch in der Armee fleifsig gelesen und durchstudiert, vom General 
wie vom Lieutenant, dann wird sicherlich mit der Zeit der Truppen- 
boden befähigt werden, ein neues Reglement zu tragen, dann haben 
wir nicht zu befürchten, dafs das Zukunfts-Reglement einem mit 



för die Infanterie. 



233 



Taktik- Bacillen durchsäugten Boden entsprossen ist. Möchten sich 
doch recht bald die Früchte des Studiums dieser kleinen aus- 
gezeichneten Schrift dadurch kund thun, dafe namentlich die jüngeren 
Herren Kameraden einsehen lernen, wie wenig sachgemäfs es ist, 
ohne eigene hervorragende Erfahrung, ohne besondere Kenntnisse und 
Begabung, ohne eingehende wissenschaftliche Begründung mit An- 
sichten auf taktischem Gebiete in die Öffentlichkeit zu treten. Über- 
lasse man es Männern mit gereiften Ansichten, Männern, die es 
wissen, wie es in der Armee aussieht, sich auf diesem Gebiete aus- 
zusprechen. Über das etwaige Bedürfnis eines neuen Exerzier- 
Reglements für die Infanterie haben sich wahrlich erst in letzter 
Stelle Hauptleute und Lieutenants auszusprechen. Es wäre schlimm 
um die Armee bestellt, wenn sie schließlich die Stimmführenden im 
Frieden und Krieg werden sollten. Können die jüngeren Herren 
in ihrem Streben und Thatendrang die Tinte gar nicht halten, nun 
dann mögen sie sich hinsetzen und Arbeiten kriegsgeschichtlichen 
Inhalts schreiben, mögen sie durch Darstellung einzelner Gefechte oder 
Gefechtsepisoden, den Verlauf und die Natur der heutigen Kämpfe 
und dergl. klarlegen. Mögen besonders begabte »Tifteler« oder 
eigens beanlagte Naturen Erfindungen auf dem Gebiete der Aus- 
rüstung, Bewaffnung u. s. w. machen, dazu hat man ihnen ja jetzt 
von oben herab genügende Gelegenheit gegeben. Aber nicht »Rühr 1 
an«, wenn es sich um Ansichten in Betreff der wichtigsten Organi- 
sation- und Ausbildungsfragen der Truppe handelt. Und dann 
lerne man vor allem aus dem vorliegenden Buche unseres Ȋlteren 
Infanterie-Offiziers«, welch ein schönes Kleid doch die Bescheidenheit 
ist, und wie es Pflicht selbst eines hochstehenden Schriftstellers 
ist, sobald er mit Ansichten vor die Öffentlichkeit tritt, diese wissen- 
schaftlich zu begründen. Möge auch nach dieser Richtung hin das 
Büchlein segensreich wirken. An der Stelle aber, wo man berufen 
ist, Stein auf Stein zusammenzufügen für einen Neuaufbau des 1 
Exerzier- Reglements, um diesen zur rechten Zeit der Armee zu 
übergeben, mögen Meister und Gesellen viel, recht viel aus jenem 
Buche nehmen. Ihm nicht bei allen Teilen des Heeres eine hervor- 
ragende Beachtung zu schenken, wäre eine Versündigung am 
Vaterlande. 



Berichtigungen. 



Berichtigungen. 

Im Juli-Heft ist zu lesen: 

S. 34 Z. 8 u. „des finnUndischen" st „die finnländischen", 

S. 41 letzte Zeile „gewönne" st. gewänne", 

S. 43 Z. 4 o. „so wenig ausreichend" st. „so ausreichend", 

S. 71 Z. 16 v. u. „höher" st. „tiefer", 

S. 72 Z. 18 ▼. u. „unbestreitbarere" st „unbestreitbare", 

S. 74 letzte Zeile Anm. „Ober 1 st. „unter", 

S. 76 Z. 6 u. „Unterlcgetrensen" st. „Unterlagetrensen". 



Druck von A H»ack, Berlin NW., Dorotheenatr. 66. 



Studien über Verwendung und frefechts- 
thätigkeit der Kavallerie. 

Von 

Freiherr t. Bitzenhofen, 

k. b. über.t ,. D. 



(Schlufc.) 

Wir haben im Eingänge dieser Betrachtungen ausgesprochen, 
data seit langer Zeit eine hervorragende Teilnahme der Kavallerie 
bei Entscheidung der Schlachten nicht zu verzeichnen war. In 
Folge dessen wurde der Kavallerie nicht selten die Befähigung 
abgesprochen, auf solche Art einzugreifen, cn^e weiter Rücksicht 
darauf zu nehmen, ob sie auch so organisiert und vorbereitet war, 
um derartigen Anforderungen nachkommen zu können. Der einzige 
Weg zur Beantwortung dieser Frage mufs in der sorgfältigen Be- 
trachtung kriegerischer Ereignisse liegen, um sodanu die Möglichkeit 
der Waffenverwendung andeuten und die Grundlagen bezeichnen zu 
können, auf welchem solches Auftreten allein zu stutzen ist. 

Für diesen Zweck erschienen die jüngsten Ereignisse natur- 
gemäfs als die wichtigsten ; wegen der zu Gebote stehenden 
lebendigen und eingehenden Schilderungen war es durchaus ohne 
jede Schwierigkeit möglich, Bemerkungen anzufügen, welche dazu 
beitragen sollen, die Situation in kavalleristischer Hinsicht zu kenn- 
zeichnen. 

Diese Bemerkungen haben bis zur Evidenz erkennen lassen: 

1) Dals das Bestreben, die preufsische Kavallerie zur Ver- 
wendung zu bringen, im Allgemeinen zwar überall bemerklich war, 
dals aber Bemühungen, ausgiebige Kräfte zu vereinigen oder ver- 
einigt zu halten, eigentlich nirgends zu erkennen sind. 

2) Dafs einzelne der geschilderten preußischen Attacken zwar 
günstige Erfolge hatten, dafs aber diese Erfolge nur dann zu 

JakrMcter tli dto D»«Ueh* kn*~ ud MariM. Bd LH« 3 



236 Studien über Verwendung n. Gefechteth&tigkeit der Kavallerie. 



ver vollständigen möglich gewesen, wenn neue Treffen und Reserven 
vorhanden waren. 

3) Dafs die starken Verluste in mehreren von diesen Attacken 
nicht eingetreten wären, wenn die angreifenden Linien gröfser 
gewesen, wenn nachfolgende Treffen und Reserven zur Aktion ge- 
kommen wären, bezw. Rückschläge verhütet hätten. 

4) Dafs die 1. preufsische Attacke bei Mars la Tour sowie die 
Attacken der französischen KüraRsiere in der Schlacht bei Wörth 
wie bei Mars la Tour zwar sehr grofse Verluste brachten, aber 
dennoch ohne jeden wirklichen Nutzen waren. 

5) Dafs die Attacke bei Ville sur Yron eigentlich nur durch 
einige nicht vorauszusehende Umstände, wahrscheinlich durch die 
Initiative einiger Regimenter, in einer Stärke ausgeführt werden 
konnte, welche der des Feindes annähernd entsprach. 

6) Dafs die preufsische Attacke, am 16. 1 Uhr Nachmittags, 
zwar mit 22 72 Schwadronen — von denen sich 57a freiwillig an- 
schlössen — versucht wurde, jedoch wegen verschiedener Hindemisse 
nicht rechtzeitig durchgeführt werden konnte. Sämtliche Hinder- 
nisse können jedoch in die Kategorien jener verlegt werden, welche 
durch zweckdienliche Vorbereitung der Waffe verschwinden. 

7) Dafs die französische Kavallerie in einer Starke von 
110 Schwadronen zwar vollständig in Divisionen vereinigt war, 
trotzdem aber nur 5 und 24 Schwadronen zum Angriffe geführt 
wurden. Namentlich die vollständige Ungewohnheit aller Ver- 
hältnisse, gänzlicher Mangel jeder Vorbereitung waren sicher die 
Ursache solcher Unthätigkeit. 

8) Bei allen diesen Angriffen haben namentlich die Gefechts- 
verhältnisse ein Auftreten der Kavallerie mit überflügelnden Treffen 
nicht gestattet; dafs somit die taktischen Formen gröfserer Kavallerie- 
körper sich den Verhältnissen anschmiegen müssen, dafs solche 
Formen, wie sie u. A. in der Disposition Friedrichs des Grofeen 
vom Juli 1744 enthalten sind, keineswegs veraltet sind, dafe ein 
ungesäumtes, rasches Vorgehen zum Angriffe auch aus verschiedenen 
Kolonnen von hoher Bedeutung werden kann. 

9) Insbesondere die französischen Angriffe zeigen, — ganz ab- 
gesehen von ihrer meist unglücklichen Form oder Richtung — dafs 
ein sogenanntes schneidiges Losreiten schon aus weiter Entfernung 
vom Angriffsobjekte Erfolge keineswegs begünstigt, sondern sogar 
entschieden benachteiligt. 

10) Von der gröfsten Wichtigkeit erscheint schliefslich die 
unzweifelhafte Thatsache, dafs bei verschiedenen Gelegenheiten ganz 



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Studien Ober Verwendung u. Gefechtethätigkeit der Kavallerie. 237 

günstige Gefechtsverhältnisse für Angriffe der Kavallerie vorlagen. 
Die Grundbedingungen für erfolgreiche Angriffe der Kavallerie 
bestehen demnach heute ebenso wie zu allen Zeiten. Solche 
Angriffe sind aber gerade unter den jetzigen Verhältnissen nur 
durchführbar, wenn die Kavallerie mit ausreichenden Kräften auftritt, 
wenn sie gut vorbereitet und geübt ist. — 

Wir versuchten bereits in unseren bisherigen Bemerkungen 
anzudeuten, wie in dieser oder jener Richtung ein Portschritt in 
Organisation und Verwendung der Kavallerie zu erreichen ist. 
Nachstehend mögen diese Punkte noch des Näheren erörtert werden. 

I. Die Aufgaben der Kavallerie verlangen gebieterisch eine 
Organisation, welche für eine gleichmäfsige Ausbildung der Regi- 
menter und Brigaden mehr Garantie bietet. Diese ist nur durch 
ein Zusammenfassen unter kavalleristischer Oberleitung zu erreichen, 

Da diese Oberleitung die technische Vorbereitung und Aus- 
bildung zu überwachen hat, müssen ihr natürlich sämtliche Regi- 
menter unterstellt werden. 

Die Kavallerie -Regimenter und Brigaden müssen vorerst so 
zusammengefaßt werden, wie sie für die Kavallerie-Divisionen be- 
stimmt sind, unter gleichzeitiger Zuteilung der Regimenter, welche 
als Divisions-Kavallerie Verwendung finden. 

Nachdem im Durchschnitte bei 2 Armee-Corps 10 Kavallerie- 
Regimenter eingeteilt sind, welche in 4 Brigaden zerfallen, im 
Kriege jedoch nur 3 Brigaden in eine Division formiert werden, 
dürfte sich diese Organisation von selbst ergeben. Zwei Brigaden 
zu 3, eine zu 4 Regimenter unter einem Inspekteur, welcher zu- 
gleich der Commandeur der aufzustellenden Kavallerie-Division ist. 
Die Einteilung oder Zuteilung dieser Brigaden bei den Divisionen 
oder Armee-Corps, könnte auf verschiedene Art durchgeführt werden, 
mufe jedoch um so zweckentsprechender erscheinen, je selbst- 
ständiger die reine Technik von den übrigen Unterstellungsgründen 
getrennt wird. 

Die mehrfach erwähnte Zuweisung von Commandeuren der 
Kavallerie bei jedem Armee-Corps und den Armee-Kommandos im 
Felde wird mit grofser Sicherheit nutzbringend sein. Die Ver- 
wendung der Divisions-Kavallerie läfst es zu, dafs einem der beiden 
Commandeure dieser Regimenter solche Stelle zufiele. Seine Auf- 
gabe wäre die an Gefechtstagen herbeieilenden und verfügbaren 
Abteilungen und Regimenter der Divisions - Kavallerie zu sammeln 
und je nach Verfügung des kommandierenden Generals zu verwenden; 
treffenden Falles sich größeren Kavalleriekörpern anzuschließen, bei 

17» 



23S 



Studien über Verwendung u. Gefecbtsthätigkeit der Kavallerie. 



Angriffen weitere Reserven für dieselben zu bilden, nach beendigtem 
Gefechte allein oder mit ihnen zur Verfolgung zu schreiten. 

Ebenso wurde bei verschiedenen Gelegenheiten die Notwendig- 
keit eines Commandeurs der Kavallerie bei Ariuee-Koraniandos au- 
gedeutet. Es ist wohl nicht durchführbar, dafs bei der Ausdehnung 
der heutigen gröfseren Gefechte und Schlachten bei den Armee- * 
Kommandos speziell die Kavallerie und ihre Verwendung im Auge 
behalten werden kann, der Möglichkeit ihres Auftretens jene un- 
unterbrochene Aufmerksamkeit zu Teil wird, welche sie in so hohem 
Grade verlangt. Ein Commandeur der Kavallerie mit ausreichenden 
Organen könnte dieser Aufgabe vollständig gerecht werden. Durch 
seine Zuteilung beim Armee-Kommando kennt er nicht allein dessen 
Intentionen, sondern ebenso die allgemeinen Verhältnisse; er ist 
dadurch in die Lage versetzt, die Kavallerie-Massen diesen Intentionen 
entsprechend aufzustellen und zu führen, eine Verwendung derselbeu 
nach der allgemeinen Sachlage anzuregen. Die Zuteilung einzelner 
Kavallerie- Divisionen an verschiedene Armee -Corps und deren Be- 
lassung in diesem Verhältnisse wird wohl in keiner Weise die 
gleiche Gewähr für einheitliche Verwendung der Kavallerie bieten 
können, ebenso wenig, wie eine Vereinigung der gesamten Kavallerie 
unter dem rangältesteu Divisions-Commaudeur. 

Schon bei den Friedensübungeu werden ähnliche Einrichtungen 
von Wert sein; sie werden kavalleristische Thätigkeit anregen und 
dadurch entsprechende Erfolge im Kriege vorbereiten. Hier müfste 
jedoch der Commandeur der Kavallerie dem Leitenden zugeteilt sein 
und nach dessen Annahmen über die Gefechtsverhältnisse, die 
möglichst zusammengehaltene Truppe in Aktion bringen. — 

II. Führer gröfserer Kavalleriekörper müsseu mehr noch wie 
alle anderen höheren Truppenführer gründlichst herangebildet 
werden. Das Gefecht der auderen Waffen hilft durch die Möglich- 
keit, in jedem Moment zur Defensive übergehen zu können, über 
manche Schwierigkeit hinweg; besitzt die Truppe einen gewissen 
Grad von Zähigkeit, so wird es auch möglich, mit schwächereu 
Kräften sich läugere Zeit zu halten und selbst Unterstützungen 
heranzuführen. Die Kavallerie hingegen kann im Allgemeinen auch 
im Gefechte nur beobachten oder attackieren, sie kann die be- 
gonnene Offensive nicht unterbrechen, kaum in eine andere Direktion 
bringen, wenn nicht ausreichende Reserven vorhanden sind, um neue 
nicht vorauszusehende Vorteile für das Gefecht auszunutzen oder 
drohende Nachteile abzuwenden. Die glänzendsten Angriffe der 
Kavallerie sind überdies heute wie zu jeder Zeit ohne direkte Erfolge 



Stadien über Verwendung n. GcfechtsthStigkeit der Kavallerie. 239 

verlaufen, wenn nicht neue Treffen und Reserven diese gewonnenen 
Resultate festhalten und ergänzen konnten. Kavallerie mute somit 
möglichst mit größeren Massen auftreten, rasch alle Hindernisse für 
ihre Bewegungen uud Formationen überwinden, sie mufs geübt sein 
aus mannigfachster Form zu attackieren. 

Gerade der Umstund, dafs ihr Auftreten in der Regel nur ein 
schnell vorübergehendes ist, verlangt die sorgsamste Aufmerksamkeit 
und Beachtung aller Gefechtsmoniente speziell in kavalleristischer 
Beziehung, und erfordert in noch weit höherem Mafse wie bei den 
andern Waffen eine gründliche Vorbereitung dieses Auftretens durch 
entsprechende Friedensübungen. 

Jene Organe, welche zur höheren Truppen führung für die 
Kavallerie herangebildet werden oder berufen sind, brauchen aufser 
den allgemeinen, entschieden auch speziell kavalleristische Vor- 
bereitung und Studien; diese aber dürfen den praktischen Truppen- 
dienst in nicht zu ausgedehnter Weise unterbrechen, damit Wissen 
und Können stets Hand in Hand gehen. 

Gerade das Können wird natürlich um so schwieriger, je 
gröfser die zu bewegenden Körper werden, und ist nur durch ganz 
entsprechende Übungen zu erreichen. Die besten Instruktionen 
werden Nichts helfen, wenn sie nicht durch praktische Übungen in 
Fleisch und Blut übergegangen sind. — 

Die Ausbildung der Kavallerie mufs sodann vor Allem erreichen, 
dafs die Truppe in den üblichen Verbänden die verschiedenen Gang- 
arten mit der gröfsten Sicherheit zu reiten im Stande ist, Sie mufs 
ebenso befähigt sein, alle häufig vorkommenden Hindernisse zu 
bewältigen, welche überhaupt von der gröfsten Zahl der Pferde noch 
zu bewältigen sind. Diese Sicherheit in den verschiedenen Gang- 
arten mufs stets das Endziel aller Ausbildung bleiben; je mehr die 
Truppe befähigt ist, diese Gangarten ausdauernd und räumig 
bei vollster Ruhe zu reiten, je mehr ist sie ihren einstigen Auf- 
gaben gewachsen; je sicherer sie steile Hänge oder Ravins hinauf 
und hinunter, wie Gräben von entsprechender Breite nimmt, je 
weniger Störuugen können solche Hindernisse in ihrer Bewegung 
hervorrufen.*) Ein flacher und räumiger Galopp, den bei sorgfältiger 
Vorübung auch jedes Soldatenpferd in der Dauer von 8—10 Minuten 
(4—5000 Schritte) gehen kann, ohne im Mindesten aufser Atem 

*) Auch Schwimmen gehört zu den vorteilhaften Übungen, welche bald recht 
günstige Resultat« zeigen. So erinnere ich mich, dafs bei einer Felddienstübung 
eine Patrouille in einen tiefen Flufs mit steilen Randern sprang und denselben 
durchschwamm. Einige Übung im Schwimmen war vorausgegangen. 



240 Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

oder sonst zu Schaden zu kommen, oder unfähig zu sein, einen 
kräftigen Auslauf daran zu setzen, solcher Galopp ist für die 
Truppe unerläfslich, ist aber leider nur selten erstrebt worden. 

Die heftigen Galopps — so schneidig sie auch aussehen mögen 
— rauben den Pferden Ruhe, Atem und Besonnenheit, ruinieren 
dieselben auf den Beinen. Sie sind also ebenso gefährlich für den 
Zustand der Pferde im Frieden, wie vollständig verwerflich für das 
Auftreten der Truppe im Kriege. Die Thatsache, dafs es häufig 
vorkommt und immer vorgekommen ist, dafe die Kavallerie, nament- 
lich bei Angriffen auf Infanterie, auf ihren heftigen aber atemlosen 
Pferden rechts und links an der Infanterie vorüberschiebt, beruht 
zum grofeen Teile auf diesem Fehler, der natürlich solche Angriffe 
gefahrlos für die Infanterie, verderblich für die Kavallerie gestalten 
mufe. Nur jene Kavallerie hat Einbruchsfähigkeit. welche im Stande 
ist die Kraft ihrer Pferde zum letzten Stofe noch ganz wesentlich 
zu erhöhen. Es ist dieses Prinzip für alle Angriffe der Kavallerie 
von höchster Bedeutung; am wichtigsten ist es bei Angriffen gegen 
Kavallerie, nicht zu entbehren bei solchen auf Infanterie. Die 
möglichst geringe Feuerwirkung zu erhalten, erklärt einerseits das 
Bestreben, im Bereiche dieser Wirkung thunlichst rasch vorwärts zu 
kommen; dennoch kann nur ein räumiger Galopp zur Anwendung 
sich eignen, der eben allein für die letzten Momente noch steigerungs- 
fähig ist. 

Schon aus den Bemerkungen über die französischen Attacken 
wie aus jenen zur Attacke von Ville sur Yron geht hervor, von 
welcher Wichtigkeit es für die Kavallerie ist, derartige Übungen 
unermüdlich vorzunehmen. Auch sind wir in der Lage ein recht 
deutliches Beispiel von dem Wert solcher Übungen aus der Friedens- 
zeit zu geben. Vor mehreren Jahreu bot sich Gelegenheit, einige 
Galoppreiten mit Hindernissen zu beobachten. Die zu durchreitende 
Bahn betrug 2 1 /, km mit 6 — 8 mittleren Hindernissen. 18 Pferde 
waren für dieses Jagdreiten nach allen Regeln vorbereitet worden, 
einige Vorübungen waren ganz gelungen. Bei dem Abreiten be- 
gannen 2 Reiter, sofort ihre Pferde zum heftigen Galopp anzu- 
treiben, die Übrigen Helsen sich verleiten, in den gleichen Fehler 
zu verfallen, und bald stürmten alle Pferde ziemlich geschlossen im 
heftigsten Tempo fort. Schon bei dem ersten Hindernisse stürzten 
2 Pferde, auch bei den Folgenden brachen einzelne Pferde aus oder 
kamen zum Fallen. Von sämtlichen Pferden waren nur 6 — 8 und 
diese in einem vollständig abgetriebenen Znstande angekommen. 
Mehrere Monate später wurden dieselben Pferde, welche diese ganze 



Studien über Verwendaug a. Üefechtethätigkeit der Kavallerie. 24 1 

■ 

Zeit über gleiche Pflege und dasfelbe Futter wie jedes andere 
Soldatenpferd erhielten und ebenso zum gewöhnlichen Dienste ver- 
wendet waren, auf die gleiche Bahn gebracht. 18 Reiter bestiegen 
dieselben; die auf 2 km gekürzte Bahn wurde ganz geschlossen im 
langen Galopp geritten, sämtliche Hindernisse wie an der Schnur 
gesprungen, nach dem Letzten mit solcher Vehemenz losgeritten, 
dafs es am Pfosten absolut unmöglich war, die 6 ersten Pferde zu 
bezeichnen und die meisten Pferde erst nach 150 — 200 Schritten iu 
den Trab gebracht werden konnten. Nach einer halbstündigen 
Pause, während welcher diese Pferde geführt wurden, bestiegen 
18 andere Reiter dieselben und durcheilten die Bahn zum 2. Male 
ganz genau wie vorher. 

Unsere Rennen, bei welchen die Leistungsfähigkeit des einzelnen 
Pferdes oder Reiters zur Hauptsache wird, haben auch viel weniger 
kavalleristischen Wert wie die schöne Übung der Jagd. Hier 
gewöhnen sich die Reiter den Galopp nach dem Führenden ein- 
zuteilen und zugleich in dieser Gangart einige Hindernisse zu 
springen. Auch für die Truppe erscheinen ähnliche Übungen sehr 
empfehlenswert. 

Ein Trupp, der in vorzüglicher Ordnung und Sicherheit den 
ruhigen Trab in der Dauer von 30 — 40 Minuten reitet, diese 
Gangart bis zur gröfetraöglichen Gesamtleistung während etwa 
10 Minuten zu steigern versteht, dann 8 — 10 Minuten einen 
wirklich räumigen ruhigen Galopp reitet und dabei 2 — 3 Hinder- 
nisse von entsprechenden Dimensionen sicher nimmt, erscheint erst 
brauchbar ausgebildet. Auch diesen Galopp in kürzeren Reprisen 
bis au die Grenze der Carriere steigern zu können ohne im 
geringsten unruhig zu werden, bietet erst die volle Sicherheit, dafe 
die Truppe nicht frühzeitig heftig wird. 

Die lange Zeit, während welcher in der Kavallerie ein einheit- 
liches gleiches System der Abrichtung keineswegs verfolgt wurde, 
wird nicht so schnell überwunden werden. Niemand aber kann 
wohl bestreiten, dafs das Endziel aller Arbeit stets in der voll- 
ständigsten Sicherheit und Ausdauer gipfelt, mit welcher die höheren 
Gangarten geritten und entsprechende Hindernisse dabei überwunden 
werden. Die Annahme, dafs dieses Ziel ein irriges wäre, würde ja 
anbedingt das ganze Lebensprinzip der Waffe und damit auch ihre 
Existenzberechtigung in Frage stellen. Werden aber solche Ziele 
erreicht, so ist es ganz einerlei, ob da oder dort »aufs er dem« noch 
diese oder jene Lieblingstheorie gepflegt wird. Nach und nach wird 
sich sodann, bei unverrücktem Festhalten an dem gesteckten Ziele, 



242 Stadien über Verwendung a. Gefcchtsth&tigkcit der Kavallerie. 

das Notwendige vom Überflüssigen, das Nützliche vom Schädlichen 
ganz von selbst trennen. Auf diese Art wird endlich auch der 
immer schwierige Kampf gegen Gewohnheiten und Vorurteile ver- 
mieden, der ja am leichtesten Rückschläge herbeiführen kann. 

Daüs somit der räumigste Galopp die wichtigste Gangart für die 
Kavallerie ist, dafe dieser Galopp die wahre Grundlage für alle 
überraschenden Bewegungen, für niederwerfende Angriffe der 
Kavallerie, ihr wahres Lebenselement ist, bedarf wohl keines 
weiteren Beweises. Von Zeit zu Zeit finden wir denn auch 
Epochen, in welchen für diese Gangart entsprechende Anforderungen 
gestellt waren. Der vollständige Mangel an Erfahrungen, wie die 
Truppe diesen Anforderungen gemäfs vorbereitet werden müsse, 
brachte natürlicherweise empfindliche Mängel mit sich. Anstatt 
systematisch vorzugehen, wurde vielfach übersehen, dafs nur der 
ruhige Galopp die Basis für den räumigen sein kann. Man 
suchte durch anhaltendes Galoppieren die Ruhe hineinzubringen, 
verdarb damit die Pferde vollständig, und die Reaktion blieb nicht 
aus, welche dem räumigen Galopp in die Schuhe schob, was nur 
unpraktische Übung verschuldet hatte. In kurzer Zeit aber war 
der Galopp entweder hinter der Hand und kurz, oder er wurde 
heftig geritten und war somit ganz und gar verfehlt für kaval- 
leristische Zwecke. 

Pferde, welche den ruhigen langen Galopp sicher gehen, Reiter, 
welche diese Gangart auch im wechselnden Terrain vollständig 
aussetzen, sind abgerichtet, für kavalleristische Zwecke brauchbar 
abgerichtet; bei fortlaufender Übung in dieser Gangart bleiben solche 
Elemente brauchbar und bedürfen keineswegs einer sich öfters 
wiederholenden Abrichtung. 

TU. Die Vorbereitungen in den Truppen verbänden müssen — 
ganz nach den allgemein geltenden Grundsätzen — in Beziehung 
auf die reine Technik und in Beziehung auf die Verbindung mit 
den andern Waffen in Betracht gezogen werden. Die technische 
Vorbereitung der Waffe verlangt natürlich, dafs solche Übungen 
bis zu jenen Verbänden vorgenommen werden, in welchen das 
Auftreten im Felde als geschlossenes Ganze vor sich gehen soll. 
Es ist daher in dieser Beziehung schon notwendig, dafs der Com- 
mandeur einer Kavallerie- Division auch im Frieden mit dieser vor 
dem Feinde zu befehligenden Truppe sich eingehend beschäftige, 
nnd zwar ebenso durch Exerzier- wie Gefechtsübungen. Bisher 
wurde für die ersteren Übungen der Kavallerie- Divisionen stets ein 
passendes Terrain ausgesucht; es wurde damit auch erreicht, dafs 



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Studien über Verwendung n. Gefechtsthitigkeit der Kavallerie. 



243 



man Führern wie der Truppe klare Bilder über Treffen Verwendung 
vorführen konnte, und in dieser Hinsicht auch eine gewisse Routine 
erzielt. In der Regel aber blieben diese Übungen — wie alle 
Exerzierübungen — gewissermaßen einseitig, weil denselben die im 
Ernstfalle wohl stets zu überwindenden Schwierigkeiten des Terrains 
großenteils , die Rücksichtsnahme auf die Gefechtsverhältnisse der 
eigenen wie der gegnerischen Truppen vollstäudig fehlte. Es waren 
diese Übungen in Folge dessen auch vielmehr dazu angethan, zu 
zeigen, wie gröfsere Kavallerie -Massen gegen einander in Treffen 
und Reserven gegliedert zur Verwendung kommen, und mit seltenen 
Ausnahmen blieben jene Gefechts- und Terrain-Verhältnisse un- 
berücksichtigt, welche eine derartige Kraftentfaltung in die Breite 
nicht gestatten. Unzweifelhaft könnte hiedurch der Ansicht Vor- 
schub geleistet werden, dafs eine Kavallerie- Division ohne solche 
Entfaltung nicht auftreten könne. In dem Verlaufe unserer Be- 
trachtungen über die Thätigkeit der Kavallerie war jedoch zu 
ersehen, daß eine derartige Entfaltung von Kavallerie - Massen 
eigentlich in keinem Falle möglich oder vorteilhaft gewesen wäre. 
Nur die Verwendung solcher Kavallerie-Divisionen gelegentlich der 
gröfseren Herbstübungen wird auch in dieser Richtung die so 
nötige Routine hervorrufen, sie wird die Richtigkeit der aus dem 
Studium der kriegerischen Ereignisse gefolgerten Ansicht bestätigen, 
dafs auch noch in der Technik manche Fortschritte notwendig sind. 
Manche der vorliegenden Verwendungen der Kavallerie erinnern 
außerdem so lebhatt an die Friedensmanöver und Übungen mit 
gemischten Waffen, dafs wir sie unbedingt als eine Folge derselben 
betrachten können. Bei diesen Übungen erscheint die Kavallerie 
zumeist — um nicht zu sagen ausschließlich — in kleineren Körpern, 
nur an einzelnen Tagen wird dieselbe in Brigaden formiert, nach 
jahrelangen Pausen hie und da in eine Division. Außerdem werden 
die Verhältnisse des Gefechtes, welche für die Kavallerie, wie wir 
auf untrüglichste Weise gesehen haben, von der höchsten Bedeutung 
sind, nur oberflächlich berücksichtigt, anstatt durch präzise An- 
nahmen für jeden Fall annähernd festgestellt zu werden. Nicht 
selten ist die Attacke die Hauptsache, die nicht bestimmten Ver- 
hältnisse des Gefechtes sind aber Nebensache. Die natürliche Folge 
wird sein, .daß auch bei ernsten Gelegenheiten die Waffe so zur 
Thätigkeit kömmt, wie es dort die Gewohnheit vorbereitet hat. 
Um diese Übungen somit ganz zweckentsprechend zu machen, 
müssen sie auf solche Art vorgenommen werden, wie es die wirk- 
lichen Gefechtsverhältnisse verlangen. Natürlich sind dann jene 



244 Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

wichtigen Momente für Angriffe der Kavallerie, welche eben nnr 
einmal bei solchen Manövern nicht in Wirklichkeit sich zeigen 
können, durch entsprechende Annahmen festzustellen. Dies wird 
nur dem Leitenden möglich sein, ohne wesentliche neue Schwierig- 
keiten für Verwendung der Kavallerie herbeizuführen. 

Wie bereits mehrfach erwähnt, haben bei sämtlichen be- 
trachteten Angriffen der Kavallerie, die Umstände eine Entfaltung 
der Waffe in dem gewöhnlichen Sinne nicht erlaubt. Die zahl- 
reichen Gegner gröfserer Kavallerie-Massen werden diese Thatsache 
mit Vergnügen begrüfsen und in scheinbar natürlicher Folge solche 
Massen verwerfen. 

Um jedoch die Kräfte annähernd zu bezeichnen, welche zur 
Durchführung mehrerer Angriffe nötig gewesen wären, wollen wir 
uns vor Allem dem wichtigsten Angriffe der Brigade Bredow zu- 
wenden. 

Es ist wohl ganz natürlich, dafe diese 6 Schwadronen sich in 
Marsch! Marsch! auf die erste Infanterielinie werfen, und dafe sie 
die ohne Zweifel hierbei angenommene heftige Gangart auch bei- 
behalten, da in nicht allzugrofser Entfernung stets neue Angrifls- 
objekte auftauchen. Nur ein direkt folgendes 2. Treffen wird im 
Staude sein, die überrittene Infanterie vollends zu vernichten, die 
eroberten Geschütze in Sicherheit zu bringen, vielleicht mit einem 
geschlossenen Teile als erste Reserve zu folgen; es bleibt noch das 
3. Treffen, um die Zerstörung nach der Breite weiter auszudehnen, 
in der Nähe befindliche Artillerie anzufallen. Nunmehr aber wird 
auch die mit Sicherheit zu erwartende feindliche Kavallerie — wohl 
auch eine Division — auftreten und mit grofser Wahrscheinlichkeit 
in kurzer Zeit die Früchte des Sieges wieder entreifsen, wenn nicht 
eine frische Abteilung auch diese Kavallerie vertreiben kann. Dies 
dürfte nur einer zweiten Kavallerie-Division möglich sein. 

Wir nehmen somit folgendes Gefechtsbild an. 

1. Division (erste Brigade) den gleichen Auftrag wie die Brigade 
Bredow, die 2. Brigade dieser Division naturgemäfs die oben be- 
zeichnete Aufgabe, die 3. soll hinter dem geschlossenen Regiment 
der 2. Brigade folgen und die etwa durchbrochene Infanterie-Linie 
aufrollen. 

Die 2. Division bleibt allgemeine Reserve, soll insbesondere die 
erste vor feindlicher Kavallerie schützen. 

Die Brigaden beider Divisionen gehen in der gleichen Formation 
wie die Brigade Bredow in die Mulde nördlich Vionville. Die 
Teten -Brigade der ersten Division nimmt Front nach Osten und 



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Studien Ober Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



245 



formiert Escadrons-Kolonnen; das erste Regiment der 2. Brigade 
geht mit je 2 Schwadronen hinter jedes Regiment des 1. Treffens; 
das 2. Regiment der 2. Brigade in Regiments-Kolonne hinter die 
Mitte des rechten Flügel- Regimentes. Die 3. Brigade folgt dem 
2. Regiment der 2. Brigade in Regiments-Kolonnen hinter einander 
und nimmt von diesem nur 50 Schritt Abstand. Die ganze 2. Di- 
vision folgt in der gleichen Form auf 150 Schritt Abstand und 
überflügelt (jedenfalls nach Passierung der Infanterie) die 1. Division 
rechts. — Sobald alsdann die eigene Infanterie passiert ist, marschiert 
das 1. Treffen, sowie die ihm folgenden Schwadronen auf und gehen 
zum Galopp und dann zum Angriffe über; das geschlossene Regiment 
der 2. Brigade folgt als erste Reserve. Die 3. Brigade folgt in der 
angegebenen Form. 

Die 2. Division formiert sich, so bald es der Raum oder das 
bereits angedeutete flankierende Auftreten der 3. Brigade der 1. Di- 
vision gestattet, mit der 1. Brigade als 1. Treffen, die Regimenter 
auf Entwicklungsabstand und in Escadrons-Kolonnen, je nach den 
Umständen und geht, die 1. Division überflügelnd, vor. Die nach- 
folgenden Brigaden folgen als 2. bez. 3. Treffen hinter den Flügeln 
oder hinter einem Flügel. Alle diese nachfolgenden Abteilungen — 
Brigaden — beider Divisionen müssen sich nach den obwaltenden 
Verhältnissen richten, sowohl was die Form betrifft, in welcher sie 
dem 1. Treffen ihrer Divisionen folgen, wie auch in Beziehung auf 
die etwa notwendig werdenden Angriffe. Es erscheint sodann nicht 
überflüssig zu bemerken, dafs gerade zur Leitung einer solchen 
gröfseren Kavallerie-Mjis.se ein Commandeur der Kavallerie notig ist, 
der den Divisionen ihre Aufgaben in Kürze giebt und die ganze 
Bewegung zur Durchführung bringen kann, ohne einen in solchen 
Fällen stets störenden Wechsel im Kommando der Divisionen nötig 
zu machen. 

Die im II. Abschnitt gemachten Bemerkungen geben die nötigen 
Anhaltspunkte für die Stellung der beiden Divisionen vor der 
Angriffsbewegung; die zurückzulegenden Räume sind die gleichen, 
wie sie für die Brigade Bredow waren, etwa 4000 Schritte bis zur 
Stelle, wo die Front nach Osten genommen wird, etwa 2000 Schritte 
bis zum ersten Angriffsobjekte, dann 2000 Schritte bis zu dem 
Punkte, an welchem die französische Kavallerie die ermattete 
Brigade Bredow anfiel. Somit hätten die Abteilungen gegen 
5000 Schritte Trab und 3000 Schritte Galopp zu reiten. Das 
L Treffen der 1. Division wird wohl anfanglich einen gröfseren 
Vorsprung von der 2. Division bekommen. Diese vergrößerte 




246 Stadien über Verwendung n. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



Distanz» wird aber bald verschwinden, nachdem die Pferde jenes 
Treffens wohl mindestens die letzten 1000 Schritte nur in einem 
matten Galoppe zurücklegen werden; um so geringer wird diese 
Distanze natürlich sein, je räumiger die 2. Division den Galopp zu 
reiten versteht, der unter keiner Bedingung heftig werden darf, 
damit die Manövrier- und Gefechtsfähigkeit nicht beeinträchtigt 
werde. 

Eine Rekognoszierung des Attackenfeldes ist hier natürlich 
nicht möglich, es müssen somit Eclaireurs die Bewegung sichern. 
Ein Vorbrechen in größerer Frontansdehnung scheint keineswegs 
entsprechend, denn hierdurch wäre die vielleicht mögliche Flaukierung 
der feindlichen Infanterie nicht zu erreichen, und es ginge der 
Vorteil verloren, eine komplette Kavallerie-Division gefechtsfähig 
zur Hand zu behalten. 

Aus der angegebenen Bereitschaftsstellung wäre eine Division 
und zwar wenn nur irgend möglich in der Mulde gegen 
Flavigny vorgegangen. Dieses Vorgehen hätte entweder erfolgen 
können, indem sich- die 3 Brigaden hintereinander in Regiments- 
kolonnen ohne Entwicklungsraum formierten, oder aber die sämtlichen 
Regimenter hinter einander in dieser Form. Die Teten-Brigade jeder 
dieser Kolonnen würde sich auseinanderziehend auf die feindliche 
Infanten»- werfen und die nächstfolgende Brigade trachten durch 
Direktionsveränderungen ihre Angriftsrichtung flankierend zu nehmen; 
die 3. Brigade würde sich so bewegen, dafs sie als Reserve einzu- 
greifen im Stande wäre. Auch in diesem Falle wäre die 2. Division 
bis in die Höhe von Flavigny nachgerückt, um dort für alle Fälle 
zum Eingreifen bereit zu sein. Jedes andere Vorgehen dieser Ka- 
vallerie-Divisionen wäre eben auf weitere Strecken vom Gegner 
eingesehen worden und hätte zum Mindesten das Feuer der eigenen 
Truppen schon frühzeitig markiert. 

Wenn auch die flüchtende Infanterie nur unerheblichen Wider- 
stand leisten wird, so können doch immerhin Verhältnisse eintreteu, 
welche das Eingreifen eiuer frischen Division von ganz bedeutendem 
Werte erscheinen lassen. 

Wäre aber in diesen beiden Fällen nur eine geschlossene 
Kavallerie-Division zur Hand gewesen, so wäre es ebenso von 
höchster Bedeutung, dafs die verfügbare Abteilungen der Divisions- 
Kavallerie, welche ja Armee-Corpsweise Vereinigt und in die Nähe 
der gröfseren KavalWie-Corps geführt worden wären, dem Angriffe 
dieser Corps als weitere Reserven hätten dienen können. 

Ks ist bereits angegeben, wie sich die Verhältnisse bei diesem 

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Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



247 



Angriffe hätten gestalten können, wenn die Kavallerie zahlreicher 
gewesen wäre, auf welche Art dies zu erreichen war, selbst wenn 
gröfsere Kavallerie-Corps nicht zur Verfügung gestanden hätten. 

Nach der mehr erwähnten Stellung und bisherigen Verwendung 
der Kavallerie-Divisionen, aber hätte es wohl keinerlei Anstand 
unterlegen, schon bei der bedrohlicheren Gestaltung des Gefechtes, 
mindestens eine geschlossene Kavallerie-Division mit einigen weiteren 
Reserve-Abteilungen in die Gegend von Mars la Tour zu führen. 

Da(s es auch bei dieser Attacke nicht einmal möglich war, die 
9 Schwadronen des ersten Treffens zur Entwicklung zu bringen, 
war doch wohl vor Allem durch das bereits im Gange befindliche 
Gefecht vor dem rechten Flügel verursacht, welches natürlich ein 
Linksschieben des ersten Treffens herbeiführte. Auch hier hätten 
somit die Gefechts- Verhältnisse die breitere Entwicklung einer Division 
nicht gestattet, wenn nicht der Angriff des Dragoner- Regiments 
Nr. 13 als 1. Treffen, der Hauptangriff der Brigade Barby als links 
überflügelndes 2. Treffen betrachtet werden will. Immerhin aber 
zeigt das energische Eingreifen des Husaren-Regiments Nr. 10 wie 
des Ulanen-Regiments Nr. 13 und Dragoner-Regiments Nr. 16 wie 
nützlich derartiges Verhalten mitunter werden kann. 

Die grofse Wichtigkeit, den Galopp so eingeteilt zu reiten, dafs 
der Zusammenstoß» mit aller Kraft und in gröfster Geschlossenheit 
erfolgen kann, hatte hier offenbar die höchste Bedeutung. Der 
Unterschied, welcher bei einem heftig gewordenen Galopp gegen- 
über dem sorgfältigst geübten räumigen Galoppe durch Zeitgewinn 
entsteht ist so unbedeutend, dafs er überhaupt nur wenig, hier ganz 
und gar nicht von Einflufs hätte sein können. 

Das Verfolgen das geschlagenen Gegners soll nach den ein- 
schlägigen Instruktionen erfolgen und darf demnach nie unter 
Aufgel>en aller geschlossenen Reserven stattfinden. Unter Umständen 
wird es aber von der höchsten Bedeutung, dafs das sofortige Sammeln 
und Ordnen an erster Stelle betont werden raufs, namentlich dann, 
wenn geschlossene Reserven ausnahmsweise eben nicht mehr zur 
Hand sind. Auch in dieser Hinsicht wird nur entsprechende Übung 
die nötige Sicherheit herbeiführen können; solche Übung kann aber 
nur ganz entsprechend sein, wenn sie auch bei wirklichen Gefechts- 
übungen wenigstens angedeutet oder markiert wird. Dies kann 
aber nur geschehen, wenn die Angriffe der Kavallerie durch Schieds- 
richter begleitet werden, welche für die Beendigung die erforder- 
lichen Signale geben lassen, die folgenden Bewegungen nach den 
obwaltenden Verhältnissen regeln und somit allein im Stande sein 



248 Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

werden, auch in dieser Hinsicht jenen Flufs in die Aktionen der 
Kavallerie zu bringen, welcher denselben eigen sein mufs, und 
welcher dadurch ein thunlichst getreues Bild derselben zu geben im 
Stande ist 

Die Räume, welche von der Kavallerie bei ihren Angriffen 
zurückzulegen waren, entsprechen natürlich den heutigen Gefechts- 
verhältnissen und erscheinen wohl wesentlich gröfeer wie dies im 
Anfange dieses Jahrhunderts der Fall war; sie wechseln zwischen 
6—8 km, wobei jedesmal wohl allermindestens 2 km auf den 
Galopp treffen dürften. Die überaus notwendige gründliche Vor- 
bereitung der Truppe in dieser Gaugart geht also schon hieraus 
hervor. Es ist ein mächtiger Unterschied zwischen diesen Be- 
wegungen in der Wirklichkeit und den Bestimmungen über Einübung 
der Attacke, welche noch vor 25 Jahren gegolten haben, wo man 
es vollständig ausreichend erachtete, für die Galoppbewegung vielleicht 
einige hundert Schritte anzusetzen. Unter allen Verhältnissen aber 
mufs es zweckmäfsig erscheinen, die Friedensübungen so zu betreiben, 
dafs die aus den ernstlichen Attacken sich ergebende Dauer in den 
Gangarten überschritten werde. Ganz entsprechender Boden u. s. w. 
erleichtert ja an und für sich, solchen Anforderungen zu genügen, 
welche allerdings ohne gründliche Vorbereitung nicht durchzuführen 
sind. — 

Der preufsischen Kavallerie kaun für ihre Schlachtenthätigkeit 
nur das höchste Lob gezollt werden; sie löste ihre schwierigen 
Aufgaben mit Geschick und hervorragend tapferer Energie. Es 
fehlte auch keineswegs an deren Gebrauche, dagegen mangelte das 
Zusammenhalten der Kräfte durchgehends. Die mitunter sehr 
bedeutenden Verluste einzelner waren hierdurch zum grofsen Teile, 
das Mindergelingen aller tapfer errungenen Erfolge ganz bedingt. 
Es ist heute sehr schwer die Frage zu beantworten, was die Kavallerie 
in spätem Schlachten und Gefechten noch zu erkämpfen im Stande 
gewesen wäre, wenn sie hier in der Schlacht von Mars la Tour das 
errungen hätte, was bestimmt zu erreichen war. Die in späterer 
Zeit beinahe immer sich weit günstiger gestaltenden Gefechtslagen 
mögen ein Zurückgreifen auf die Kavallerie nicht gerade erfordert 
haben, immerhin können jedoch auch die schweren Verluste in 
dieser Schlacht eine kleine Ursache für diese Erscheinung sein. 

Die französische Kavallerie greift zwar tapfer und entschieden 
ein, doch nur in einzelnen Regimentern, in unpraktischer Form und 
Richtung, in unkavalleristischer Gangart. Die Kavallerie ist zwar 
in Divisionen vereinigt; aber diese kommen nirgendwo zur Thätigkeit. 



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Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 249 



Es fehlt diesen Divisionen jede Bewegungsfahigkeit, es fehlt nicht 
minder jede Routine für ihre Verwendung, ohne welche ein zweck- 
entsprechendes Auftreten nicht denkbar ist, und welche nur in 
praktisch durchgeführten Friedensübungen erreicht werden kann. 
Dennoch hätte unter Anderen der Befehl zur Ausführung eines 
entscheidenden Schlages auf der Hochfläche von Ville sur Yron 
Erfolg haben können, wenn er etwas früher erteilt worden wäre, 
so daß* sich die gesamte Kavallerie dort hätte formieren können. 

In welcher Richtung wir auf die Gefechtsthätigkeit der Kavallerie 
auch blicken, immer begegnen wir einem »Wenn und Aber«. Alle 
diese Bedenken sind durch gute, tüchtige, zweckentsprechende Vor- 
bereitung zu bewältigen. Erfahrungen auf den Schlachtfeldern 
werden sich um so mehr als ein Leitfaden für die Vornahme ent- 
sprechender Übungen eignen, je mehr sie stets und zu allen Zeiten 
auf die gleichen bestimmten Prinzipien zurückführen. Diese Prin- 
zipien bei Gefechtsübungen festzuhalten und analog zur Durchführuug 
zu bringen, wird zwar anfänglich manche Schwierigkeit bereiten, 
doch wird es ohne allen Zweifel zu erreichen sein, dats damit 
wenigstens in der Hauptsache der Verwendung günstige Erfolge 
vorbereitet werden. 

Die Eigentümlichkeiten der Waffe und ihrer Gefechte müssen 
aufserdem noch eine ganze Reihe von Entschlüssen und deren Aus- 
führung dem Ermessen der Treffenführung oder der Führer einzelner 
Regimenter um so mehr überlassen, je verschiedener sich dieses 
Eingreifen in den wechselnden Gefechtslagen gestalten mufa, je 
weniger es zumeist möglich sein wird, auch nur oberflächliche Ver- 
haltungsmafsregeln für einen speziellen Fall zu geben oder zu erlassen, 
je rascher solche Entschlüsse in der Regel gefafet und ausgeführt 
werden müssen. 

Bringt recht zweckmäfsige Vorbereitung die Möglichkeit, dals 
die Kavallerie sich in ihrem wahren Lebenselemente »der lebhaften 
Bewegung« recht behaglich und sicher fühlt, tragt sie in sich das 
BewuMsein, ungestört durch die gewöhnlichen Hindernisse des 
Terrains auf lange Strecken ohne Aufenthalt rasch vorwärts zu 
kommen, besitzt sie das Gefühl die Kraft der Pferde auch nach 
solcher Bewegung noch wesentlich steigern zu können, so ist die 
Truppe befähigt kavalleristisch einzugreifen. 

Haben die Übungen — auf praktische Studien und Erfahrungen 
gestützt — jene Punkte berücksichtigt, welche für entscheidende 
Schläge der Kavallerie wichtig sind und zwar ebenso in Beziehung 
auf das Zusammenhalten der Kräfte, wie auf deren zweckmäfsige 




250 Studien über Verwendung n. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 

Verwendung und Führung je nach den obwaltenden Terrain und 
Gefechtaverhältnissen, dann erscheint die Waffe so vorbereitet, dah 
ihr das Todesurteil gesprochen werden möge, wenn sie nicht über- 
wältigende Erfolge zu erringen im Stande ist. 

In den früheren Bemerkungen ist endlich von einer grofsen 
Aktion der franzosischen Kavallerie die Rede, und können wir nicht 
unterlassen, dieser Aktion, so wie wir sie für möglich halten, eine 
kurze Betrachtung zu schenken. 

Um 12 Uhr Mittags wird beim Armee-Kommando beschlossen 
mit der gesamten Kavallerie einen Angriff auf die linke Flanke der 
preußischen Stellung und in deren Kücken zu unternehmen. Der 
Commandeur der Kavallerie erhält den Befehl über 4 Kavallerie- 
Divisionen und 4 — 6 reitende Batterien. 30 Schwadronen bleiben 
zur speziellen Verfügung des Armee-Kommandos und der Divisionen. 
Der Commandeur der Kavallerie bestimmt eine Division zum Vor- 
rücken hinter den Waldungen nördlich der Römerstralse mit der 
Tete bis au die nördlich gegen St. Marcel vorspringende Waldecke. 
Diese Division hat zwischen dieser. Waldungen und den Tronviller- 
büschen vorbrechend die Iufanterie aufzurollen und die Batterie 
westlich von Vionville zu nehmen. Sie beginnt diese Angriffs- 
bewegung, so bald die beiden Kavallerie-Divisionen von Bruville aus 
den südlich gegen Mars la Tour vorliegenden Grund überschritten 
haben und hinter den Tronvillerbüsehen verschwinden. 

Zwei Kavallerie-Divisionen werden in Rendezvous-Stellung je 
östlich und westlich von Bruville, 4 Batterien Artillerie südlich dieses 
Ortes im Grunde gedeckt stehen. Eine entsprechende Anzahl von 
Schwadronen i.st vorzunehmen, um feindliche Eclaireurs und Ab- 
teilungen bis an die Strafse Mars la Tour— Vionville zurückzudrängen. 
Um l l /j Ulir haben alle Abteilungen die bezeichneten Stellungen 
eingenommen. Die vierte Kavallerie-Division steht zu derselben Zeit 
mit dem Reste der Artillerie im Grunde dicht westlich St. Marcel 
(oder nördlich Bruville) gedeckt; ihre Aufgabe ist eine Reserve 
nach beiden Hauptrichtuugen zu bilden. 

Im Allgemeinen hat die Division östlich Bruville die Aufgabe, 
mit der Artillerie nach Süden vorzugehen, in der Höhe der Süd- 
westecke der Tronviller-Büsche angelangt Front nach Osten zu nehmen 
und die Batterien bei Vionville und südlich dieses Ortes anzügreifen. 
Die andere Division begleitet diese Bewegung rechts überflügelnd 
und hat die etwa auftretende feindliche Kavallerie zu vertreiben. 

Dies ist so ziemlieh Alles, was vor dem Beginne einer solchen 
Aktion bestimmt werden könnte, alle übrigen Formationen und 



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Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 25 1 



Angriffsbewegungen aber müssen sodann während der Bewegung je 
nach Bedürfnis, nach Terrain- und Gefechtsverhältnissen durch die 
Führer angeordnet werden. Es unterliegt nun wohl keinem Zweifel, 
dats jeder gröfeere Kavallerie-Körper einer eingehenden, praktischen 
und öfteren Übung bedarf, damit das nötige Verständnis angebahnt 
werde, um in jedem einzelnen Falle darauf zählen zu können, dafs 
die kurzen mündlich überbrachten Befehle richtig aufgefalst und 
nach, wenn auch noch so allgemein, festgestellten Prinzipien ausgeführt 
werden. Denn es kann nicht oft genug betont werden, dafs es 
eben das Charakteristische beim Eingreifen der Kavallerie bleibt, 
dafe es durchaus unmöglich ist, jedem einzelnen Truppenkörper im 
Voraus eine Instruktion über sein Verhalten zu geben. Dieses Ver- 
halten kann wohl nach allgemeinen Priuzipien festgesetzt sein, es 
mufs aber in jedem einzelnen Falle dem Ermessen und der Initiative 
der Brigade-Commandeure überlassen bleiben, das Zweckmäßigste 
durchzuführen. — 

Nach der Stärke ihrer Verluste reihen sich die Abteilungen 
der preußischen Kavallerie in der Schlacht von Vionville — Mars 
Ii Tour ungefähr wie folgt: 







Offi«. Hann Pfd. 


Abg. Offiz. 


Mann 


Pfd. tot 


3Schwadr. Küras. Nr.7hab.auf 2 2 2 


1 auf 5 


6 


2,3 1 


*3Schw.Grd.-Drag.Nr.l 




1 5 2 


» 


> 45 


20 


2 » 


3Schw. Ulanen Nr. 16 


» » 


1,5 2,4 2 


» 


» 4 


6 


2,4 » 


*4Schw. Husaren Nr. 3 : 


» » 


2,2 3,5 3,2 


> 


» 5 


8 


7,6 . 


3Schw.Grd.-Drag.Nr.2 


» » 


2,5 3,6 2,8 




» 5 


18 


4 . 


2Schwadr.UlanenNr.3 


■ » 


5 13 4,1 




» 10 


35 


5,8 » 


*4Schwadr.Drag. Nr. 19 


i 


1,7 4,9 5,8 




» 5 


29 


5,8 * 


*4Schw. Husaren Nr. 17 




10 6,3 7,6 




» — 


26 


7,6 » 


4Schw. Husaren Nr. 16 




6 16,9 7,6 




» 20 


93 


51 » 


4Schwadr.Drag.Nr.13 


» » 


2,8 6,5 8,6 




» 20 


26 


18,7 » 


3Schw. Ulanen Nr. 13 




2,5 8,4 6,9 




» 15 


18 


22 » 


*4Schwadr. Küras. Nr. 4 




3,3 13,3 10 




» 20 


40 


10 » 


4Schwadr.Drag.Nr.16 


» » 


5 26 13 




» 20 


93 


93 • 


3Schw. Husaren Nr. 10 


» » 


3 15 11 


» 


> 15 


70 


32,3 » 


4Schwadr.Drag.Nr.12 


• » 


- 43 17,5 




» — 


186,7 


140 * 


4Schw. Ulanen Nr. 15 


> » 


6,7 16,5 18,7 




» — 


56 


46,7 » 


4Schwadr. Drag. Nr. 2 




— 43 21,5 


> 


» — 


280 


56 » 


*4Schw. Husaren Nr. 11 




20 26,6 31 




» — 


93 


31 » 


4Schwadr. Drag. Nr. 9 


> > 


- 56 40 




» — 




70 » 


3Schwadr. Küras. Nr. 6 


> > 


15 70 46,6 


* 


» — 




105 » 


Vor Allem ist hier zu bemerken, dafs die Zählung nicht gleich- 






forte«. Bd. LH. 3. 






18 





252 



Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



mäfsig stattgefunden haben kann. So sind bei den mit einem * 
versehenen Abteilungen verwundete Pferde nicht aufgeführt. Auf 
diese Weise erklärt sich auch, dafs bei den Husaren -Regimentern 
Nr. 3, 17 und 11 der Abgang an Mannschaften höher ist wie an 
Pferden, was in der Regel nur bei Abteilungen zu bemerken, welche 
im heftigen Handgemenge waren. 

3 Schwadronen Garde- Dragoner verlieren auf 204 tote Pferde 
zwar 14 Offiziere jedoch nur 82 Mann; würden die verwundeten 
Pferde gezählt worden sein, wäre dieses Verhältnis naturgemäls noch 
bemerklicher. Das Regiment hatte wohl schon gröfsere Verluste 
durch den Aufenthalt, welche das schwierige Terrain hervorrief, 
dann durch den Angriff selbst, welcher auch von jenseits der 
Schlucht Flankenfeuer erhalten haben mag, und endlich auf dem 
gröfsten Teile des Rückweges. Die grofee Zahl getöteter Pferde 
gegenüber der gefechtsuufähiger Mannschaft erklärt sich daraus, 
dafs der Verhältnisse halber die meisten Reiter getöteter Pferde 
sich wohl gerettet haben dürften. 

Bei der Brigade Bredow zeigt sich ein ganz anderes Verhältnis; 
auf jedes Pferd trifft beinahe ein Reiter. Die verfolgende franzö- 
sische Kavallerie und der lange Rückweg, auf welchem wohl alle 
unberittenen Leute verloren gingen, erklärt diese Zahlen. 

Während bei Angriffen auf Infanterie im Allgemeinen der 
Verlust an Pferden jenen an Mannschaften bedeutend übersteigt, 
stellt sich das Verhältnis bei Angriffen auf Kavallerie gerade 
entgegengesetzt. 

Den stärksten Verlust an Offizieren zählen aufser den 1. Garde- 
Dragonern jene Abteilungen, welche auf Kavallerie attackierten. 
Es kommen bei den 



Garde-Dragonern 


auf 


2 getötete und 15 


verw. Reiter 1 Offiz. 


Kürassieren Nr. 7 




18 


» 




30 


> » » 


Ulanen Nr. 16 


» 


25 


» 


» 


18 


» » » 


Husaren Nr. 3 




17 


» 


» 


17 


» » » 


Dagegen haben 


die 












Dragonern Nr. 19 


auf 


2,5 


» 




12 


»9 » 


Husaren Nr. 10 




2 






5 


» » » 


Ulanen Nr. 13 




9 


» 


x> 


7 


» » » 


Kürassiere Nr. 4 




11 


» 


1 


6 


» » » 


Dragoner Nr. IG 




3 




» 


5 


» » » 


Dragoner Nr. 13 




4 




• 


12 


I- » » 


Diejenigen Abteilun 


gen, 


welche 


sich 


der 


Verhältnisse halber 



langer dem Infanteriefeuer ausgesetzt sahen, verlieren gleichmäfsig 



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Studien über Verwendung o. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 253 



ungefähr die Hälfte ihrer Pferde, 1. Garde -Dragoner, Kürassiere 
Nr. 7, Ulanen Nr. 16, wie auch die 2. Schwadron der 2. Garde- 
Dragoner und wohl ebenso die l. Husaren Nr. 17 sind hier 
aufzuzählen. Dafe die Lanze bei geschlossenem Angriffe eine ganz 
vorzügliche Waffe genannt zu werden verdient, zeigt der Verlust 
der gegen die Garde -Lanciere attackierenden Dragoner Nr. 19, 
welches Regiment */» seiner Offiziere, Vs der Mannschaft überhaupt 
in Abgang hat und 4 Offiziere, 19 Mann, 95 Pferde getötet zahlt, 
während die Dragoner Nr. 13 im Kampfe mit dem 2. Regimente 
der Chasseurs d'Afrique und dann mit der Brigade Montaigu nur 
7j der Offiziere, Ve der Mannschaft, i / 9 der Pferde, darunter 
1 Offizier, 12 Mann und 12 Pferde tot verlieren. 

Inwiefern der Kürafs im Handgemenge sich bewährt hat, 
konnte aus den Verlusten der Kürassiere Nr. 4 entnommen werden; 
bei diesem Regimente trifft auf je 5 verwundete Offiziere und 2 ver- 
wundete Reiter ein Toter, während bei den Dragonern Nr. 13 auf 
je 6 verwundete Offiziere und 19 verwundete Reiter ein getöteter 
trifft. Die Kürassiere Nr. 4 verlieren 1 Offizier, 14 Mann, 56 Pferde 
tot und vermifet 5 Offiziere, 28 Mann verwundet, die Dragoner 
Nr. 19 4 Offiziere, 19 Mann, 95 Pferde tot und verwundet 8 Offiziere, 
94 Mann verwundet, die Dragoner Nr. 13 1 Offizier, 12 Mann, 
30 Pferde tot und verwundet 6 Offiziere, 74 Mann, 35 Pferde ver- 
wundet. Da jedoch nur 2 Schwadronen Kürassiere Nr. 4 im Hand- 
gemenge waren, die andern beiden bei der 5. preufs. Attacke in 
heftiges Feuer gerieten, ist ein ganz bestimmter Anhaltspunkt nicht 
zu erlangen. Immerhin aber sind die Zahlen bemerkenswert.*) 

Die stärksten Verluste bei der Infanterie trafen das Regiment 
Nr. 16; dasfelbe hat auf 1,14 Offizier und 1,6 Manu einen Abgang, 
auf 2 Offiziere, 2,9 Mann einen tot. Das Regiment Nr. 57, welches 
den Angriff auf die Höhen von Bruville in der 38. Brigade mit Nr. 16 
machte, verliert auf 2,4 Offiziere, 3,5 Manu einen Abgang, auf 
9,3 Offiziere, 7,2 Mann einen tot. Regiment Nr. 16 kam bei diesem 
Angriffe auf den linken Flügel der Brigade und wurde durch den 
französischen Gegenstofs in Front und Flanke gefafst; dies die Ursache, 
warum es mehr Verluste wie Regiment Nr. 57 erlitt. 

Das lange Zeit im schweren Kampfe östlich der Tronviller- 
ßüsche befindliche Regiment Nr. 24 hat dagegen zwar auf 1,2 Offiziere 

*) Die Starkeverhaltnisse sind nur annähernd angenommen und zwar eine 
Schwadron 4 Offiziere, 135 Mann und Pferde. Das Infanterie - Regiment 
56 Offiziere, 2800 Mann, eine Fufs-Batterie 4 Offiziere, 140 Mann, 100 Pferde, 
die reitende Batterie 4 Offiziere, 140 Maun, 160 Pferde. 

18» 



254 



Studien über Verwendung u. Gefechtsthütigkeit der Kavallerie. 



und 2,3 Manu einen Abgang, dagegen erst auf 3,7 Offiziere und 
7,4 Mann einen tot. 

Auch die Infanterie zeigt somit die stärksten Verluste bei 
Angriffen, welche unter ausgesprochen ungünstigen Verhältnissen 
stattfinden; stundenlanger schwerer Kampf verursacht nicht so 
starke Verluste, wie ein solcher Angriff, der sogar in kurzer Frist 
vollständige Vernichtung bringen mufs, wenn die gegnerische 
Kavallerie in der Verfassung ist, die entstandene Auflösung aus- 
zunutzen und auszubreiten. 

Die Verluste der Artillerie bestätigen vollständig die bekannte 
Thatsache, dafs die Wirkung der franzosischen Artillerie keineswegs 
von grofser Bedeutung war, und dafs namentlich das Verhältnis der 
Verwundungen gegenüber den Tötungen als ein günstiges bezeichnet 
werden mufe. 

Nur jene Batterien, welche in heftiges Infauteriefener kommen, 
wie namentlich die 1. Fufs- und die reitende Abteilung des Feld- 
Artillerie-Regimentes Nr. 3 haben sehr bedeutende Verluste erlitten. 
Gerade diese beiden Abteilungen kamen unter Anderen bei dem 
abendlichen Vorrücken gegen Rezonville auf der Höhe 989 in 
»mörderisches« Infanterie- Feuer. 

Diese 1. Fufs- Abteilung verliert: 
12 Offz., 1G2 Mann, 209 Pf., darunter 4 Offz., 37 Mann, 1G5 Pf. tot, 
oder auf 

1,3 Offz., 3,5 Mann, 2 Pf. 1 Abgang, auf 4 Offz., 15 Mann, 2,4 Pf. 1 tot. 

Die reitende Abteilung verliert: 
8 Offz., 52 Mann, 139 Pf., darunter 1 Offz., 8 Mann, 61 Pf. tot, 
oder auf 

1 Offz., 5,4 Mann, 2,3 Pf. 1 Abgang, auf 8 Offz., 35 Mann, 5,2 Pf. 1 tot. 

Die 3. Fufs-Abteilung dieses Regiments Nr. 3 zählt dagegen 

2 Offz., 65 Mann, 97 Pf. Abgang, darunter tot 13 Mann, 61 Pf., 

oder auf 

8 Offz., 8,6 Mann, 4,1 Pf. 1 Abgang, auf — 43 Mann, 6,5 Pf. 1 tot. 

Die Verluste der übrigen am Kampfe beteiligten Fufs- Abteilungen 
gestalten sich noch günstiger. 

Die übrigen reitenden Abteilungen oder Batterien zählen zwar 
im Verhältnisse stärkere Verluste wie die Fufs-Abteilungen, erreichen 
jedoch die Verluste der reitenden Abteilung des Feld -Artillerie- 
Regimentes Nr. 3 nicht. 

Es ist sehr bedauerlich, nicht ähnliche Anhaltspunkte über die 
Verluste auf französischer Seite zu besitzen, um auch in dieser 
Richtung Vergleiche machen zu können. Im Allgemeinen aber 



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Studien über Verwendung u. GefechtsthStigkeit der Kavallerie 255 



kann wohl angenommen werden, dafs bei den Gegnern diese Ver- 
Inste sich wesentlich höher gestaltet haben. 

Die stärksten Verluste, welche die Kavallerie im Feldzuge 
1870/71 bei ihren Angriffen auf Infanterie erlitten hat, beliefen 
sich ziemlich gleichmäfsig bei den betreffenden Abteilungen beider 
Heere auf ungefähr die Hälfte des Standes. Die Frage, wie sich 
die Verluste der Reiterei gegenüber einer mit Vorderladegewehren 
ausgerüsteten Infanterie gestattet haben, kann wohl aus den 
Angriffen der österreichischen Kavallerie in der Schlacht von 
Custozza beantwortet werden. Diese Angriffe aber bieten auch 
sonst noch des Interessanten so viel, dafe wir dieselben ebenfalls 
im Auszage nach dem Werke des österreichischen Generalstabes 
anführen werden. 

Die Brigade Pulz (4 Schwadronen Kaiser Husaren, 4 Schwadronen 
Trani Ulanen und eine Kavallerie-Batterie) war nach 3 Uhr Morgens 
aus dem Lager bei Verona aufgebrochen und über Camponi gegen 
Sommacampagna marschiert, hatte etwas vor Campagnola in die 
Kultur eingebogen und dann die Richtung gegen Gonfardiue ein- 
geschlagen. 

Die ebenfalls dem Obersten Pulz unterstellte Brigade Bujanovics 
(3 Schwadronen Bayern Husaren, 3 Schwadronen Württemberg 
Husaren, 2 Schwadronen Sicilien Ulanen), hatte um 2'/a Uhr eine 
Husaren-Schwadron zur Aufklärung nach Süden entsendet; der Rest 
der Brigade — von welcher 5 Schwadronen Nachts auf Vorposten 
waren — sammelte sich bei Calzoni und rückte um 5 1 /« Uhr früh 
in 2 Kolonnen gegen Accademia vor. 2 Schwadronen Bayern Husaren 
und 2 Schwadronen Ulanen bildeten die nördliche, IV4 Schwadronen 
Württemberg Husaren die südliche Kolonne; aufserdem marschierte 
die 2. Eskadron Württemberg Husaren als Flankendeckung längs 
der grofsen Strafse nach Villafranca, während ein Zug Husaren 
schon um 3 Uhr auf dieser Strafse zur Aufklärung des Terrains 
vorgeschickt worden war. Bei Calori stiefs dieser Zug auf eine 
feindliche Schwadron, welche von der 2. Eskadron Württemberg 
Husaren attackiert und verfolgt wurde. Eine Kette Bersaglieri 
nahm die feindliche Schwadron auf, und dicht vor Villafranca wurden 
2 Reihen Bataillons Carrico und Artillerie wahrgenommen. Die 
feindliche Infanterie gab Feuer, die Schwadron zog sich um 6 3 /< Uhr, 
von Geschützfeuer verfolgt, langsam zurück und rückte mit den zur 
Aufnahme vorgegangenen andern beiden Schwadronen des Regi- 
mentes bei der Brigade ein, welche sich eben bei Accademia ent- 
wickelte. 



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256 Studien über Verwendung u. Gefechtrth&tigkeit der Kavallerie. 



Südlich Palazzina hörte Oberst Pulz das Geschützfeuer, vermutete 
einen Angriff auf Bujanovics und rückte vor, um diesem Angriffe 
in die Flanke zu fallen. Bujanovics wurde von dieser Absicht 
verständigt und aufgefordert sich mit Pulz zu vereinigen. Gleich 
darauf ward gemeldet, dafs zwei feindliche Kavallerie- Regimenter 
sich vor Villafranca befanden, worauf Oberst Pulz Trani Ulanen 
östlich, Kaiser Husaren westlich der Strafse nach Villafranca in 
Escadrons-Kolonnen, die Artillerie auf dieser Strafse vorgehen liefe. 
Südlich Gonfardine angelangt, ward Oberst Pulz feindliche Truppen 
vor Villafranca gewahr, liefe sofort durch die Batterie das Feuer 
eröffnen, welches von der gegnerischen Artillerie erwidert wurde, 
ohne Schaden zu thun. Indessen marschierten beide Regimenter 
auf; die Husaren nächst Gonfardine, während die Ulanen, nachdem 
Pulz ungefähr um 7 ! /4 Uhr den Befehl zum Angriffe auf die 
vor Villafranca vermutete Kavallerie gegeben hatte, sich ohne 
weiteres nach dieser Richtung rascher in Bewegung setzten 
und bald einen ziemlichen Vorsprung vor den Husaren 
gewannen. Ein Befehl, langsam vorzurücken, traf das Regiment 
nicht mehr; es war mittlerweile, in das feindliche Feuer geraten, 
noch rascher vorgegangen. Dasfelbe stiefe ungefähr 500 Schritte 
südlich Canuova auf eine dichte Tirailleurkette, ritt dieselbe wie 
deren Soutiens nieder oder drang zwischen denselben durch 
und stürmte auf die in 2. Linie stehenden Bataillone, welche kaum 
Zeit fanden, Carrees zu formieren. 

»Die Ulanen konnten den hinter dichten Baumreihen gedeckt 
stehenden Vierecken nicht beikommen, brachen aber zwischen 
denselben durch und ritten die Ecke eines derselben nieder. Ein 
Anderes auf dem rechten Flügel der 2. Linie noch nicht im Carree 
formiertes Bataillon ward erreicht und in die gröfete Unordnung 
gebracht. Zwei an der Strafse stehende Geschütze wurden im 
Rücken angegriffen und genommen, eiue feindliche Escadron zurück- 
gejagt.« — 

»Hierauf war auch dieser heldenmütige Angriff an der Grenze 
des Erreichbaren angelangt. Auf allen Seiten von feuernden Carree« 
umgeben, war das Verbleiben des Regimentes in diesem Räume 
unmöglich. Obgleich jenseits der Strafee noch mehrere Carrees 
sichtbar waren, so schien es doch, als ob das Durchschlagen in 
südlicher Richtung möglich wäre, und der gröfeere Teil des Regi- 
mentes wandte sich dahin. Doch der tiefe und breite . Chaussee- 
graben, der von den Meisten erst im letzten Augenblicke bemerkt 
wurde, war ein unüberwindliches Hindernis. Viele Reiter stürzten 



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Stadien über Verwendung u. GefechtethÄtigkeit der Kavallerie. 



257 



in denselben, die Escadrons erlitten hier furchtbare Verluste; schliefs- 
lich blieb Nichts übrig, als auf demselben Wege zurückzugehen, 
auf dem die Attacke geschehen war, — noch einmal an den feind- 
lichen Carrees vorüber. Diese hatten sich mittlerweile gefafet, ihre 
Gewehre wieder geladen und überschütteten die davon eilenden 
Ulanen mit ihrem Feuer. In der Nähe von Casina westlich der 
Chaussee raillierten die Reste eines an Bravour unübertroffenen 
Regimentes, von welchem kaum mehr wie 200 Reiter übrig 
geblieben waren, und suchten dann über Gonfardine wieder die 
Brigade zu erreichen.« — 

Mittlerweile war auch das zwischen der Fossa Berretara und 
der Chaussee vorrückende Hnsaren- Regiment Kaiser Franz Joseph 
in der Nähe von Villafranca auf feindliche Schwadronen gestofsen, 
welche den Angriff nicht abwarteten und die Vierecke der Division 
Bixio demaskierten. Diese Division war etwas später eingetroffen und 
hatte sich neben der Division Humbert formiert. 

> Wie Trani Ulanen etwas früher, so fiel auch jetzt das Husaren- 
Regiment mit allem Ungestüm die feindliche Infanterie 
an, brachte mehrere Carrees in Unordnung und drang 
zwischen denselben durch. Eine in der rechten Flanke an- 
greifende feindliche Escadron wurde zurückgejagt; schliefslich mufste 
aber auch dieses Regiment, welches sich auf das heldenmütigste 
geschlagen hatte, aus dem feindlichen Feuer zurückgenommen 
werden.« 

Unmittelbar nach dieser Attacke griff die Brigade Bujanovics 
in das Gefecht ein. Sie war nach dem erhaltenen Befehle im Trabe 

■ 

gegen Gonfardine gegangen, und südlich dieses Ortes aufmarschiert, 
Württemberg-Husaren auf dem rechten, daneben Bayern -Husaren 
und Sicilien-Ulanen auf dem linken etwas zurückgehaltenen Flügel. 
Im Trabe und Galopp rückteu diese 7 Schwadronen unter heftigem 
Geschtitzfeuer gegen Villafranca vor; feindliche Kavallerie wurde 
bis an die Carrees zurückgejagt. Ohne einen Versuch auf diese 
zu machen ward der Rückzug angetreten; feindliche zwischen der 
Infanterie vorbrecheude Kavallerie ward durch Bayern -Husaren 
geworfen und die Brigade sammelte sich sodann nördlich Canuoya. 
Es war 8 Uhr. Kaiser-Husaren ordnete sich um diese Zeit bei der 
Batterie nächst Gonfardine; die Reste von Traui-Ulanen formierten 
sich in der Nähe von Sommacampagna. Von 87 4 gingen beide 
Brigaden bis la Casetta zurück; 2 Schwadronen beobachteten den 
Gegner. 

»Grofe wareu die Opfer des Kampfes, mit welchem diese herr- 



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258 



Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 



liehen Reiterregimenter unter ihren kühnen und entschlossenen 
Führern in den frühen Morgenstunden des Tages die Schlacht 
eingeleitet hatten. Doch diese Opfer waren nicht umsonst gebracht, 
der Gegner war durch die rücksichtslosen Angriffe der kaiserlichen 
Reiterei vollständig eingeschüchtert. Die bei Villafranca befindliche 
Infanterie, im Ganzen 36 Bataillone mit 6 Batterien, beschränkte 
sich fortan auf die Defensive; ja man hielt es sogar für notwendig, 
dieselbe noch durch die Brigade Pistoja zu verstärken, und die weit 
überlegene feindliche Reiterei wagte es den ganzen Tag nicht mehr, 
ernstlich vorzugehen. Auf den Besitz des wichtigen Punktes 
Sommacampagna und selbst für die Entscheidung der Schlacht war 
dies von grofsem Einflüsse.« 

Gegen 5 Uhr Abends erhielt die Kavallerie Befehl, gegen den 
rechten feindlichen Flügel zu wirken und begann sofort die Vor- 
rückung gegen Capella. Es war die Absicht, sich mit der gesamten 
Kavallerie zwischen Villafranca und Moretta einzuschieben, dann 
mit einem Regimente gegen Villafranca gedeckt zwischen 
diesem Orte und Valeggio durchzubrechen. Kaiser- Husaren und 
2 Schwadronen Württemberg bildeten den rechten Flügel unter 
Pulz; 2 Schwadronen Bayern-Husaren und 2 Schwadronen Sicilien- 
Ulanen den etwas versagten linken Flügel unter Bujanovics, Trani- 
Ulanen mit der Batterie die Reserve. 

Der rechte Flügel traf östlich Pozzo-Moretto auf jene Massen 
feindlicher Infanterie, welche, vom Monte della Croce und Monte- 
Torre herabkommend, Villafranca zu erreichen suchten. Die Husaren 
fielen über die grösstenteils ungeordueten Scharen her, machten bei 
1000 Gefangeue, verloreu aber dabei die ursprüngliche Direktion, 
und der gröfste Teil derselben gelangte an die nordwestliche Ecke 
von Villafranca. Auch der linke Flügel war durch Verfolgung 
feindlicher Kavallerie in diese Richtung bis auf einige 100 Schritte 
vor Villafranca geraten; beide Abteilungen waren iu Folge des 
Feuers der dort stehenden Infanterie etwas zurückgenommen worden 
und auf Befehl des herbeigekommenen Oberst Pulz bis Goufardine 
gegangen. 

Bei der Erschöpfung der Pferde war an eine Wiederaufnahme 
der Bewegung auf Valeggio nicht zu denken, dagegen schien ein 
nochmaliger Versuch auf Villafrauca angezeigt, nachdem bei den 
dortstehenden Truppen eine bedeutende Demoralisation vorausgesetzt 
werden konnte. Oberst Pulz liefs durch 2 Schwadronen Württem- 
berg-Husaren die Nord Westseite von Villafranca beobachten, die 
2. Escadron dieses Regimentes liuks, 2 Schwadronen Sicilieu-Ulanen 



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Studien über Verwendung u Gefechtsth&tigkeit der Kavallerie. 



259 



rechts, die Batterie auf der Strafse unter seinem Befehle, 2 Schwa- 
dronen Bayern- II usareu unter Bujanovics westlich der Fossa Berretara 
vorgehen. Vorbrechende feindliche Kavallerie ward von den drei 
erstgenannten Schwadronen geworfen und verfolgt, wobei dieselben 
in das Feuer feindlicher Batterien und mehrerer Carrees gerieten, 
die sie wohl mit grofser Bravour, aber vergeblich attackierten. Die 
beiden Husaren-Sehwadronen unter Bujanovics westlich der Fossa, 
versuchten ebenfalls den Angriff, als sie den Lärm der Attacke 
hörten. Die Pferde waren so sehr ermüdet, dafs sie nicht mehr 
galoppieren konnten; mit grofser Ruhe abgegebenes Infanteriefeuer 
gebot auch diesem Angriffe halt. Oberst Bujanovics versuchte noch 
mit etlichen 30 Husaren eine an der Strafsenteilung stehende 
Batterie zu nehmen, was aber ebenfalls durch Infanteriefeuer 
vereitelt ward. Nachdem ihm das Pferd erschossen war, blieb 
Oberst Bujanovics selbst schwer verwundet einige Schritte vor dem 
Carree liegen. — 

Bei diesen Angriffen finden wir einige bereits früher erörterte 
Punkte genau wieder: 

Nicht zu verkennende Unsicherheit in der Verwendung sowohl 
wie in den erteilten Befehlen; heftige Gangarten; Durchbrechen 
zwischen den geschlosseneu Infanterie-Abteilungen; Mangel jeder 
Reserve; Verluste bei Trani Ulanen, welche die Hälfte des Standes 
mit überschreiten; zwar überall hervorragende Bravour aber keine 
direkten Erfolge. 

Schon die Unterstellung zweier Brigaden für den Gefechtstag 
an einen der beiden Brigade- Commandeure ohne spezielles Ober- 
kommando erscheint keineswegs zweckentsprechend und dürfte ein 
Grund für die gerade anfänglich sehr bemerkliche Zersplitterung der 
Kräfte sein. Wäre ein Commandeur der Kavallerie beim Armee- 
Kommando gewesen, so hätte derselbe die Führung der Brigaden für 
diesen Tag übernehmen können, und es würden wohl schon die 
ersten Bewegungen eine einheitlichere Direktion bekommen haben. 
Dieser Umstand aber fällt um so mehr in das Gewicht, da aufserdem 
eine recht zweckentsprechende Vorbereitung der Kavallerie für ihre 
Gefechtsthätigkeit unmöglich bestanden haben kann. 

So erscheint das entschiedene Vorgehen ohne klare Kenntnis 
der ganzen Gefechtslage zwar sehr tapfer, aber keineswegs sehr 
besonnen, wie dies gerade für die Verwendung der Kavallerie von 
der höchsten Bedeutung ist. Von jeder weiteren Bewegung — wenn 
nicht eine vollständige Überraschung möglich war — hätte hier 
doch wohl Aufklärung darüber abgewartet werden müssen, was das 



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260 Studien über Verwendung u. Gefechtethfttigkeit der Kavallerie. 

Geschtitzfeuer zu bedeuten habe, das aus der Richtung vernommen 
wurde, in welcher die Brigade Bujanovics war. Eine Vereinigung 
der beiden Brigaden hätte aber unfehlbar erfolgen müssen, wenn die 
begonnene Bewegung zur Flankierung des auf jene Brigade ver- 
muteten Angriffes fortgesetzt worden wäre. Statt dessen ward auf 
die Meldung, dafe Kavallerie vor Villafranca stehe, der Befehl zum 
Angriffe gegeben, den Trani-Ulanen sofort aufnahmen, wie er wohl 
nicht anders aufzunehmen war. Dafe die Gangart hierbei immer 
lebhafter wurde und der neue Befehl »langsamer vorzugehen« nicht 
mehr bestellt werden konnte, ist unter solchen Umständen erklärlich, 
insbesondere erklärlich, nachdem auch bereits das feindliche Feuer 
weitere Beschleunigung der Gangart hervorrief. Der einmal gegebene 
Befehl zum Angriffe ist eben bei der Kavallerie nicht mehr zu ändern, 
und gerade das Abwägen aller Verhältnisse vor dessen Erteilung 
von höchster Bedeutung. 

Die Vereinigung der beiden Brigaden und eine während dieser 
Zeit ganz gut mögliche Orientierung über die feindlichen Kräfte 
wie deren Stellung hätte sodann gestattet, jene Einleitungen zu 
treffen, welche für das Gelingen des Angriffes von gröfster Wichtigkeit 
sind, und zwar ebenso in Beziehung auf die Einteilung der Truppe, 
wie auf die Direktion des Angriffes selbst. 

Sowie die Verhältnisse lagen, mufsten Trani-Ulanen notwendiger- 
weise unter einem stumpfen Winkel auf die Front der, Stellung des 
Feindes treffen, was in jedem Falle nur äufeerst ungünstig für den 
Verlauf eines Angriffes sein kann. Gerade bei Angriffen auf Infanterie 
in heftigster Gangart mufe solche Richtung ein Abdrängen des 
gröfsten Teiles der Truppe längs der Front begünstigen, was nur 
Verluste bringen kann, wenn auch einige Flügelabteilungen zwischen 
den geschlossenen Infanterieabteilungen durchstürmen, oder selbst 
auch eine Ecke solcher Abteilungen niederwerfen. In dieser ganzen 
Situation liegt auch der Grund, warum das immerhin bedeutende 
Hindernis eines lombardischen Chausseegrabens so verderblich für 
die fortstürmenden Ulanen werden mufete. Es bleibt eben das 
charakteristische für Kavallerie-Angriffe, dafe sie die ursprüngliche 
Direktion ziemlich beibehalten, bis entweder die Erschöpfung der 
Pferde oder irgend ein anderes Hindernis ein unüberwindliches Halt 
gebietet. Dann geht es auf den erschöpften Pferden unter dem 
jetzt erst wirklich verheerenden Feuer zurück. Es ist wohl in allen 
solchen Fällen das geschilderte Überlegen: »was gethan werden 
müsse« nicht ganz zutreffend. Eine energisch eingesetzte Attacke 
ist wie die abgefeuerte Kugel, sie trifft entweder das Ziel oder geht 



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Stadien fiber Verwendung u. Gefecbtsthfttigkeit der Kavallerie. 261 

an demselben vorbei und beendigt ihren Flug, wenn die treibende 
Kraft aufhört. 

Die Richtung des Angriifes der Ulanen von Gonfardine aus 
war somit die denkbar ungünstigste. Nicht minder war es für ein 
entsprechendes Resultat von Nachteil, dafe weder ein 2. Treffen noch 
eine Reserve für den Angriff vorhanden war. Nur solche neu auf- 
tretende Abteilungen können eine durch die erste Attacke hervor- 
gerufene Unordnung zur Auflösung steigern und solche Auflösung 
noch weiterführen. Wie bereits früher erwähnt, hätte ohne wesent- 
liche Schwierigkeit eiue andere Angriffsrichtung gewählt werden 
können, wie nicht minder eine andere Form für den Angriff selbst. 

Von Accademia bis Gonfardine beträgt die Entfernung höchstens 
3000 Schritte, die Vereinigung beider Brigaden war somit in nicht 
all zn langer Zeit durchzusetzen, und der Angriff hätte sodann von 
Caselle über Cauuova in breiter Front mit 2. Treffen und einer 
Reserve erfolgen können, ganz abgesehen davon, dafs eine voraus- 
gegangene Rekognoszierung der Stellung des Feindes allein hätte 
klar machen können, ob nicht der Angriff auf eine Flanke möglich 
gewesen wäre. . 

Nachdem jedoch eine Überraschung des Gegners nicht anzu- 
nehmen war, da schon vou der zuerst von Villafranca eingetroffenen 
2. Escadron Württemberg Husaren 2 Reihen Bataillonscarrees vor 
diesem Orte beobachtet waren, so gab es doch wohl keinen Grund, 
die Tapferkeit über die Besonnenheit vollständig Herr werden zu 
lassen. Hätte sogar das gänzliche Unterlassen des Angriffes in diesem 
Zeitpunkte den wie es scheint etwas unentschlossenen Gegner auch 
zu einer Bewegung in der Richtung nach dem Schlachtfelde ver- 
anlafet, so war es immer noch Zeit, denselben auch dann noch 
anzufallen, und voraussichtlich wären die Gefechtsverhältnisse durch- 
aus nicht ungünstiger gewesen. 

Wenn sodann die hervorragende Tapferkeit der Führer wie der 
Truppe als ein hell leuchtendes Beispiel in der Geschichte der Reiterei 
glänzen wird, so mufs man es doch nur um so lebhafter bedauern, 
dafs diese Tapferkeit nicht jene Erfolge zu erkämpfen vermochte, 
welche bei einiger Ruhe und Überlegung wohl auch in diesem Zeit- 
punkte zu erringen gewesen wären. Solche Ruhe und Überlegung 
kann aber nur anerzogen werden und ist namentlich und insbesondere 
für die Kavallerie nur durch recht praktisch und zweckmässig 
angelegte und durchgeführte Gefechtsübungen zu erreichen. Die 
geistige Arbeit, zu welcher die Führer bei diesen Übungen in 
praktischer Weise Veranlassung finden wird eine gewisse Routine 



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262 Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der KaTallerie. 



herbeiführen, welche in ernsten Fällen reiche Früchte tragen inufe 
und auch wohl schon getragen hat. 

Auch die spätere Thätigkeit der so vortrefflichen österreichischen 
Kavallerie giebt Zeugnis von dem Mangel solcher Routine. Das 
beabsichtigte Aufstellen eines Regimentes gegen Villafranca, um den 
Durchbruch zwischen diesem Orte und Valeggio zu sichern, kann 
bei der immerhin geringen Zahl der Kavallerie durchaus nicht 
zweckentsprechend erscheinen. Bei der grofsen Überlegenheit der 
italienischen Truppen nächst Villafranca hätte auch dieses Regiment 
in der Hauptsache nur beobachten können, und diesen Dienst hätten 
einige Patrouillen, im höchsten Falle eine Schwadron ebenso durch- 
zufuhren vermocht, während der Abgang eines Regimentes immerhin 
eine bedeutende Einbufse an Kraft bedeutet hätte. Nicht minder 
erscheint das Abziehen von der beabsichtigten Richtung, durch die 
nachdrückliche Verfolgung einzelner Kavallerie- und Infanterie- 
abteiluugen zum gröfsten Teile in der immer noch geringen Zahl 
der zur Disposition stehenden Truppen zu liegen. Diese geringe 
Zahl ist natürlich die Ursache, dafs bei jeder Gelegenheit die Haupt- 
kräfte engagiert werden müssen, und es mangelt sodann der ge- 
schlossene Kern, um welchen sich solche Abteilungen wieder sammeln 
werden, welcher auch allein die nötige Sicherheit für das Einhalten 
einer bestimmten Direktion bieten kann. Auch hier tritt überdies 
der Mangel eines eigenen Oberbefehlshabers recht klar zu Tage, da 
Oberst Pulz nebst diesem Kommando auch noch den Befehl über 
den rechten Flügel übernimmt. 

Die Verluste, welche das Regiment Trani-Ulanen bei der Attacke 
getroffen, müssen weit über die Hälfte des Standes betragen haben, 
da nur wenig über 200 Reiter nach derselben übrig waren. Es hat 
somit diese Attacke auf eine mit Vorderladegewehren ausgerüstete 
Infanterie mindestens eben so viele Verluste gebracht, wie die 
jüngsten Kavallerie-Angriffe auf Infanterie, welche mit Hinterladern 
versehen war.*) 

Die Brigade Pulz verliert: 

2 Offiziere 45 Mann 28 Pferde tot, 
6 » 55 » 25 » verwundet, 
1 » 8 » 1 » gefangen, 

2^ _»___161 » 301 > verm ifst, 
irOffiziere~27)y Mann 355 Pferde im Ganzen. 

*) Es dürften also zu jeder Zeit gerade die ungünstigen Gefechtsverhütnisse, 
die zum grofsen Teile aus der Verwendung der Truppe hervorgehen, die Ursache 
s olcher bedeutenden Verluste sein, welche hier wie dort und zu jeder Zeit die 



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Studien über Verwendung u. Gefechtsthätigkeit der Kavallerie. 2(i:i 

Die italienische Kavallerie scheint in der Stärke von 36 Schwa- 
dronen in der Nähe von Villafranca gestanden zu haben. Dieselbe 
geriet jedoch nur mit einzelnen Schwadronen und Regimentern in 
Bewegung. Es liegt hier ein neuer Beweis vor, dafs solche Kavallerie- 
Massen gar Nichts nützen, wenn sie nicht ganz tüchtig vorbereitet 
und für ihre Aufgaben erzogen werden. 

Jede Bewegung mufs natürlich schwer fallen, wenn das Bewußt- 
sein nicht vorhanden, dafe sie überhaupt möglich ist, dafe sie auch 
unter mancherlei erschwerenden Verhältnissen ohne jeden Zweifel 
stattfinden kann, wenn den Führern durch vorausgegangene Übungen 
nicht jene unerläfsliche Routine zu Teil geworden, welche eben zur 
Bewegung größerer Körper nicht entbehrt werden kann. Exerzieren 
kann nur ein Mittel für den Zweck »der Gefechtsübungen« sein; 
es ist natürlich immer noch besser wie gar Nichts, allein es wird 
in keiner Hinsicht solche Gefechtstibungen entbehrlich machen 
können. 

Dafs ein vollständiger Mangel solcher Übungen aber Erscheinungen 
hervorrufen mufe, wie die vorliegenden ist wohl ganz natürlich. 
Alles, was solche Truppen zu leisten vermochten, ist ein Losreiten 
in schwerfälligen ungelenken Massen nach einer bestimmten Direktion. 
Auch eine derartige Verwendung gröfserer Kavallerie-Körper hat 
schon bestanden uud sogar mitunter als ein Ideal gegolten; es war 
noch denkbar zu einer Zeit, in welcher die Feuerwaffen von geringer 
Tragweite und Treffsicherheit waren, ganz abgesehen von mannig- 
fachen sehr erheblichen anderen Nachteilen. Solche Verwendung 
schliefet sich heut zu Tage ganz von selbst aus schon wegen der 
zurückzulegenden Distanzen und wegen der Treffsicherheit der 
Feuerwaffen. 

Es giebt also in keiner Weise einen andern Weg um die 
Kavallerie ganz und vollständig zu verwerten wie die konsequente, 
analoge Anwendung jener Prinzipien auch für ihre Ausbildung und 
Erziehung, welche im Allgemeinen sich als in hohem Grade nützlich 
bewährt haben. Selbst der vielleicht mitunter wirklich vorhandene 
Mangel ganz geeigneter Kräfte für die Führung gröfserer Kavallerie- 
Körper wird nur dann ganz verschwinden können, wenn aus deren 
geeigneten Heranbildung jede Sorgfalt umgewendet wird. 

Die in den meisten Heeren lange Zeit üblich gewesene Mobil- 
machung der Kavallerie durch Einteilung einer grofsen Menge 

Frage der Verwendbarkeit der Waffe offen Uelsen. Nachdem diese Verwendung 
offenbar schwieriger ist, wie jene der audern Waffen, bedarf eben die Kavallerie 
auch vor Allen einer gründhehsten Vorbereitung 



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204 



Studien über Verwendung u. Gefechtsth&tigkcit der Kavallerie. 



von Rekruten und Remonten hat einer wirklich kavalleristischen 
Thätigkeit im Felde unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen- 
gestellt; kam sodann noch hinzu, dafe nicht einmal entsprechende 
Exerzierübungen konsequent durchgeführt waren, geschweige wohl- 
durchdachte Gefechtsübungen, dann ist es wahrlich in keiner Weise 
zu verwundern, dafe der Gedanke an Boden gewinnen mufete: »es 
ist nicht denkbar, dafe die Kavallerie den verbesserten Feuerwaffen 
gegenüber, heute noch einen Kampf gegen so ausgerüstete Truppen 
bestehen kaun.c 

Kommen sodann noch Ereignisse dazu, wie derartige verlust- 
reiche Angriffe im Felde, so ist das Urteil über eine Waffe gefallt, 
welche ja an und für sich bei der stetigen Vermehrung der andern 
Truppengattungen Gefahr läuft, durch die Masse niedergestimmt zu 
werden. Zudem tritt eine einigermafeen vorurteilslose Betrachtung 
der Verhältnisse und Umstände, unter welchen die Kavallerie zu 
kämpfen hatte, nur sporadisch auf, schon weil die vernichtenden 
Verluste, welche sie zu erleiden hatte, das Vertrauen und die 
Zuversicht der mit Feuerwaffen ausgerüsteten grofeen Masse steigern 
müssen. — 

Noch ein anderer Kavallerie-Angriff dieses Tages aber verdient 
Erwähnung. 

Auf dem äufsersten rechten Flügel der österreichischen Schlacht- 
linie war die Infanterie-Reserve-Division zurückgeworfen worden. 
Die Gegner hatten den Monte Cricöl, die Orte Renati und Fenile 
besetzt, und die Truppen des Generalmajor Benko hatten bedeutende 
Übermacht gegen sich; aufserdem war die Brigade Forli der Division 
Cercale bis in die Nähe von Mongabia nachgerückt. Durch Ein- 
greifen der Truppen vom österreichischen V. Armee-Corps trat ein 
Umschwung der Dinge in der Gegend von Oliosi ein. Ein überaus 
kühner Reiter-Angriff leitete diesen Umschwung ein. 3 Züge der 
6. Escadron von Sicilien-Ulanen unter Rittmeister Baron Bechtolsheim 
wurden auf der Strafse bis zum Monte Cricol vorgeführt; durch die 
Truppen Benkos vorbrechend, erblickte Bechtolsheim die noch in 
der Marschkolonne befindliche Brigade Forli und stürmte durch die 
feindliche Brigade Pisa überraschend und ungestüm auf jene Brigade 
los. In derselben war eine formliche Panik eingerissen. Die vor- 
dersten Abteilungen warfen sich in die Strafsen grüben und brachten 
zwar den Ulanen empfindliche Verluste bei, wichen jedoch bald und 
rissen noch 3 Bataillone mit sich fort. Von den 5 Bataillonen blieb 
nur eines beisammen. Die 3 Züge Ulanen waren beinahe vernichtet; 



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■V* 1 



Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 265 

nach der Attacke zählten sie nur 17 Reiter, der wirkliche Verlust 
betrug 2 Offiziere, 84 Mann, 79 Pferde. 

Wenn dieser überaus gelungene und ebenso tapfere Angriff 
auch die schwersten Verluste gebracht hat, so war er doch von ganz 
bedeutendem Erfolge gekrönt und waren diese Verluste entsprechend 
belohnt; die sich bietende Gelegenheit zur Überraschung wurde 
vollständig verwertet und ausgenützt; dennoch ist es auch hier zu 
bedauern, dafe dem tapfern Führer dieser kleinen Schar nicht 
gröfsere Kräfte zur Verfügung standen, welche ohne jeden Zweifel 
noch weitere Erfolge zu erringen im Stande gewesen wären. 



xvm. 

Das neue Avancementsgesetz der 
französischen Armee. 

Das von dem französischen Offizier-Corps seit mehreren Jahren 
sehnsüchtig erwartete neue Avancementsgesetz, bereits vor Jahr und 
Tag vom Senat votiert, ist endlich von der Deputiertenkammer in 
der ersten Beratung angenommen worden. In der Sitzung vom 
23. März d. J. fand die Generaldiskussion und in der vom 26. desf. 
Mts. die SpecialdiskusBion der einzelnen Artikel des Gesetzes statt. 
Zugleich wurde die zweite Beratung beschlossen, jedoch unter An- 
kündigung verschiedener Amendements, welche indessen die Erhebung 
des Entwurfes zum Gesetz nicht weiter in Frage stellen dürften. 

So wenig Neigung die Deputiertenkammer für die Behandlung 
militärischer Fragen an den Tag legt, so gerne sie diesen möglichst 
lange aus dem Wege geht, so blieb ihr bei der Wichtigkeit des 
Gegenstandes, welchen noch vor kurzem der Kriegsminister bei 
Gelegenheit der Beratung über die Organisation der Kolonialarmee 
als von gro&er Bedeutung für die Armee bezeichnet hatte, nichts 
anders übrig, als endlich an die Feststellung des in Rede stehenden 
Entwurfs heranzugehen. Hat doch der Deputierte Margaine, bisher 
Präses der Armeekommission, gelegentlich in der Kammer ganz offen 
ausgesprochen, dafe in dem französischen Offizier-Corps die Ansicht 



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2GG 



Da» neue ATancementsgesetz der französischen Armee. 



vorherrsche, das Avancement hangt mehr oder minder von Gunst 
ab, und wenn diese Ansicht bereits vor mehr als zwanzig Jahren 
in der Armee wahrnehmbar gewesen sei, sich dieselbe nunmehr 
förmlich festgesetzt habe. 

Die Generalberatung begann mit einer Darlegung des Kriegs- 
ministers über das bisherige Avancements verfahren in der fran- 
zösischen Armee. Er führte dabei an, dafe dasfelbe bei der Grandung 
der stehenden Armee ein Privilegium des Monarchen gewesen, daher 
der in den Patenten übliche Ausdruck »au choix du roi«, dann aber 
in Folge der Revolution von 1780 durch das System der Auciennetät 
verdrängt worden sei. Das Kaiserreich und die erste Zeit der 
Restauration hätten dagegen das Avancement au choix (unter Fort- 
lassung der Worte du roi) wiederhergestellt, bis endlich im Jahre 
1818 der Marschall Gouvion Saint-Cyr sich durch den allzugrofsen 
Mifsbrauch dieses Avancementsmodus, gegenüber den noch sehr 
zahlreichen Offizieren aus der Kaiserzeit, zur Aufstellung eines 
förmlichen Avaucementsgesetzes veranlafst gesehen habe. Dieses 
Gesetz vom Jahre 1818, das erste dieser Art in der französischen 
Armee, habe der Auciennetät a /s der erledigten Stellen, dem Avan- 
cement au choix ! /j derselben und zwar bis zum Oberstlieutenaut 
einschliefslich vorbehalten. Das Gesetz sei damals als der Billigkeit 
entsprechend von der Armee mit Enthusiasmus aufgenommen worden. 
Bis zum Jahre 1832 hätten sich die Verhältnisse indessen derartig 
geändert, dafe der Marschall Soult sich bewogen gefühlt habe, wieder 
einen stärkeren Nachdruck auf das Avancement au choix zu legen, 
und sei dann das von ihm im Jahre 1832 aufgestellte Avancements- 
gesetz bis jetzt, also über fünfzig Jahre, in Kraft geblieben. Gleich- 
wohl sei dasfelbe fortwährenden Angriffen ausgesetzt gewesen, ins- 
besondere habe man dagegen geltend gemacht, in demselben sei das 
Avancement au choix allzusehr berücksichtigt worden. Namentlich 
sei dann in Folge der letzten Kriege die Meinung aufgetaucht, ob 
nicht der Modus der Auciennetät unter Nachweis der Befähigung 
für die höhere Charge, sogenannte anciennete par selection, für die 
Armee am passendsten sei. Seiner (des Kriegsministers) Ansicht 
nach sei nun letzterer Modus allerdings wohl anzustreben, entspreche 
aber für jetzt bei der Ungleichheit der wissenschaftlichen Ausbildung 
im Offizier-Corps, gegenüber den in dieser Richtung minder bevor- 
zugten Offizieren, nicht der Billigkeit. Es müsse die Zeit, wo allen 
eine gleiche Heranbildung zu teil geworden, mit anderen Worten 
die »communaute d'origine« abgewartet werden. Die angestrebte Ver- 
breitung des Unterrichts, sowie die »gratuite de l'instruction secondairec 



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Das 



Arancementusesetz der französischen Armee. 



2fi7 



liefsen diesen Zeitpunkt aber nicht in zu ferner Zeit erhoffen. Für 
jetzt käme es darauf an, den eiumal beschrittenen Weg ruhig und 
ohne Überstürzung zu verfolgen. Vom nächsten Jahre ab könne 
Niemand in Frankreich in Friedenszeiten Offizier werden, der nicht 
eine Militarschule besucht und der auf dieser vorgeschriebenen 
Prüfung genügt habe. Die für das Avancement au choix vorge- 
schlagenen Offiziere würden der Prüfung durch eine Kommission 
höherer Offiziere unterzogen, wodurch die Garantie für die richtige 
Beurteilung der ersteren gegeben sei. 

Nach dem Kriegsminister liefe sich der Berichterstatter der 
Armeekommission des Näheren über die »communaute d'originec der 
Offiziere aus, und führte dabei an, dafs dieselbe innerhalb der 
Kommission auf das Gründlichste erörtert und man sich dabei darüber 
klar geworden sei, dafs beide zu derselben führenden Wege sich als 
gleich unvorteilhaft für die Armee erweisen würden. Wollte man 
nämlich durch Verminderung der wissenschaftlichen Anforderungen 
dahin gelangen, so müsse man so tief unter das jetzige Niveau 
gehen, dafe der Bildungsgrad der Offiziere als nicht mehr ausreichend 
bezeichnet werden müsse, zumal man dasfelbe schon jetzt in Folge 
des grofsen Bedarfs an Offizieren möglichst niedrig gestellt habe. 
Der andere Weg aber, sämtliche Offiziere vor dem Besuch der 
Militärschulen durch die Regimenter gehen zu lassen, würde eine 
bedauernswerte Unterbrechung der Studien der jungen Leute zur 
Folge haben und wahrlich nicht zur Hebung des für den Offizier 
erforderlichen wissenschaftlichen Standpunktes beitragen. Dabei gab 
er zu, dafs die jetzt aus Reih und Glied hervorgehenden Offiziere 
ihren Vorgängern, welche eine lange Dienstzeit und Erfahrungen 
aller Art im Dienst vorausgehabt hätten, nicht gleich zu stellen 
wären, was eben in der kürzeren Dienstzeit begründet sei. Die 
wissenschaftliche Ausbildung aber, welche sie auf den Schulen von 
Saint-Maixent und Saumur erhielten, sei eine sehr unvollständige. 
Andererseits lege man dem wissenschaftlichen Unterricht in Saint- 
Cyr auf Kosten der eigentlichen militärischen Erziehung eine zu 
grofee Bedeutung bei. Schliefelich sei die Kommission mit der 
Hälfte der Stimmen für, mit der anderen Hälfte gegen eine durch- 
greifende Änderung gewesen. Mafegebend sei dann der Umstand 
geworden, dafe sich sowohl der frühere Kriegsminister, General 
Farre, wie auch seine Nachfolger, die Generale Billot und Thibaudin, 
gegeu jede Änderung des bisher in Kraft befindlichen Systems aus- 
gesprochen hätten; ohne die Zustimmung des Kriegsministers aber, 
dem doch hauptsächlich die Durchführung eines neuen Systems 




Bd. ui, s. 



19 



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268 Das neue Ayancementsgesetz der französischen Armee. 

zufallen würde, überhaupt an ein solches nicht zu denken sei. Auch 
der jetzige Kriegsminister habe sich dahin geäuTsert, dafs die auch 
von ihm angestrebte Einheit im Ersatz der Offiziere sich nur auf 
dem Wege des ruhigen Fortschritts erreichen lasse. Die Kommission 
habe sich dann für beide Arten der Beförderung, nach der Ancien- 
netät unter Nachweis der vorhandenen Befähigung, und au choix 
ausgesprochen, letztere Art aber in der Weise beschrankt, dafs sie 
in der That ebenfalls eine > Beförderung ä l'anciennete par selectionc 
geworden sei. Die Kommission hat nämlich beschlossen, dafs bei 
einem Vorschlage au choix der Hauptmann dem ersten Drittel, der 
Bataillons-Commandeur der ersten Hälfte seiner Chargenkameraden 
angehören mufa, und dafs die vorgeschlagenen Offiziere wieder unter 
sich nach der Anciennetät rangieren sollen. Dann soll die Be- 
urteilung der zur Beförderung au choix vorgeschlagenen Offiziere 
fernerhin nicht blos von dem betreffenden Generalinspecteur ab- 
hängen, dieser vielmehr von einer Kommission unterstfitzt werden, 
welcher zwei Mitglieder aus einem anderen Inspektionsbereich zu- 
zuteilen sind, und die sich dann ebenfalls an der geheimen Ab- 
stimmung zu beteiligen haben. 

Der Berichterstatter führt ferner an, dafs die Kommission sich 
nicht habe dazu entschließen können, Ausnahmen in Betreff der 
Eintragung in die Beförderungslisten de choix eintreten zu lassen 
und dafs auch die Offiziere in besonderen Stellungen der allgemeinen 
Bestimmung, betreffend die Bildung einer Kommission unterworfen 
sein sollten. Nur für die höheren Offiziere des Kriegsministeriums, 
namentlich für die Direktoren sei trotz der bei demselben befind- 
lichen Comites, eine Abweichung von der Regel gestattet, und 
stehe dem Kriegsminister, als demjenigen der allein die Leistungen 
dieser Offiziere beurteilen könne, das Recht der selbststandigen 
Eintragung in die betreffende Liste zu. Was die anderen zu diesem 
Ministerium kommandierten Offiziere anbelange, so sei durch die 
erwähnten Direktoren Gelegenheit geboten, die bezüglichen Kom- 
missionen, ähnlich wie bei dem Generalstahe des Kriegsministers zu 
bilden, jedoch könne eine Eintragung nur unter der Bedingung 
stattfinden, dafs die hierzu in Vorschlag gebrachten Offiziere 
wenigstens ein Jahr ihrer Stellung bei dem Kriegsministerium 
angehört hätten. In Betreff der ins Ausland kommandierten, sowie 
der der Person des Staatschefs attachierten Offiziere sei anzunehmen, 
dafs sie ohnehin, wie ihre Wahl dies schon bekunde, zu den aus- 
gezeichnetsten ihrer Waffe gehörten, und somit durch diese auf dem 



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Das neue ArancementBgesetz der französischen Armee. 269 

vorgeschriebenen Wege zur Eintragung in die Listen de choix 
gelangen würden. 

Nun folgt eine Erläuterung des Berichterstatters zu einer Be- 
stimmung des neuen Entwurfs der Kommission, das Avancement nur 
mittelbar betreffend. In dem vom Senat bereits festgesetzten, seit- 
dem aber zurückgezogenen Entwurf war in Betreff derjenigen 
Offiziere, welche auch ein zweites Mal der behufs ihrer Beförderung 
zu einem höheren Grade vorgeschriebenen Prüfung nicht genügt 
haben, die Bestimmung aufgenommen worden, dafe dieselben be- 
rechtigt sein sollten, bereits nach einer 25jährigen Dienstzeit ihren 
Abschied*) einzureichen. Der Senat hatte es nämlich als eine Härte 
erachtet, einen solchen Offizier wider seinen Willen im Dienst zurück- 
zubehalten. Die Kommission habe diese Bestimmung einmal um 
dem Kriegsminister eine gröfeere Einwirkung auf einen solchen 
Offizier zu sichern, dann aber auch um diesem selbst, der ja in den 
meisten Fällen trotz seiner Nichtbefähigung zu einer höheren 
Charge ein verdienter Offizier sei, Gelegenheit zu geben, die 
30jährige Pension zu erwerben, dahin ausgedehnt, dafs letzterem, 
welcher der Reserve zuzuteilen wäre, eine 2jährige Dienstzeit in 
dieser als ein Jahr in der stehenden Armee zugebracht angerechnet 
werden soll. Hierdurch werde einerseits die Lust des betreffenden 
Offiziers zu weiterer militärischer Thätigkeit angespornt, andern- 
seits dem Kriegsminister das gewünschte Mittel der Einwirkung 
auf diesen geboten. Bei der bisherigen Art der Dispositionsstellung 
der verabschiedeten Offiziere auf fünf Jahre zur Verfügung des 
Ministers sei dieser ohne weiteren Einfluis auf diese dem bürger- 
lichen Leben zurückgegebenen Offiziere. Die Erfahrung habe gezeigt, 
wie nur sehr wenige derselben irgend welche Neigung für ihren 
ehemaligen Beruf behalten hätten. Gewifs aber würden sich unter 
den aktiven Offizieren, welche ihr ferneres Avancement nicht ge- 
sichert wüfsten, gar manche finden, die von der gebotenen Gelegen- 
heit, sich die 30jährige Pension zu erwerben, Gebrauch machten. 
Auf diese Weise würde das Offizier-Corps der Reserve wesentlich 
verstärkt werden. Für den Staat sei diese Maisregel freilich mit 
einer Ausgabe verbunden, doch möge man auch den weiteren damit 
erreichten Vorteil in Betracht ziehen, dafs es nämlich alsdann 
möglich werde, die höheren Stellen in der Territorial- Armee und der 

*) Das Pensionsgesetz vom Jahre 1878 besagt nämlich, dafs die Ver- 
abschiedung eines Offiziers mit Pension erst nach einer 30jährigen Dienstzeit 
erfolgen darf, und dafs dieser dann noch fünf Jahre zur Disposition des Kriegs- 
ministers verbleibt. 

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270 



Das neue Avanceraentsgesetz der franzosischen Armee. 



in Kriegszeiten nen zu errichtenden Bataillone mit jüngeren Kräften 
zu besetzen. Augenblicklich seien 115 verabschiedete Oberst- 
lieutenants und Bataillonschefs vorhanden, von welchen die Mehrzahl 
sich den Sechzigern nähere. Aus diesem Grunde sei die in Rede 
stehende Mafsregel auch auf die höheren Offiziere bei ihrer Ver- 
abschiedung nach 30jähriger Dienstzeit ausgedehnt worden. So 
habe denn der vorliegende Entwurf mit Ausnahme zweier Punkte 
die Zustimmung des Kriegsministers gefunden. Der eine Punkt 
betreffe die Eintragung der zur Person des Staatschefs attachierten 
Offiziere in die Beförderungslisten de choix, welche der Kriegs- 
minister für sich in Anspruch nehme, der andere die Ernennung 
zur Würde eines Marschalls von Frankreich. Wenn auch die 
Kommission ebenso wenig wie der Senat den gänzlichen Wegfall 
dieser Würde beabsichtige, so wäre sie doch der Ansicht, daCs 
dieselbe in Friedenszeiten nicht zur Sprache kommen könne, in 
Kriegszeiten aber durch ein Spezialgesetz als Nationaldank zu ver- 
leihen wäre. Das Marechalat sei nicht ein Grad, sondern eine 
Würde, welche durch den Staatschef allein nicht erteilt werden 
könne. Hiermit endete die Generaldiskussion. 

In der nächstfolgenden Sitzung am 26. März wurde zur Spezial- 
beratung der einzelnen Artikel des Entwurfs geschritten, welche 
sich mit einer gewissen Rast und ohne wesentliche Einsprache 
vollzog. Nur in Betreff der eben erwähnten beiden Punkte, 
Artikel 26 und Artikel 41 des Entwurfs, erhob sich eine Debatte, 
welche mit Bezug auf den ersten Punkt den Ausgang hatte, dafs 
dem Kriegsminister das Recht der Eintragung der der Person des 
Staatschefs attachierten Offiziere in die Listen de choix zuerkannt 
wurde. Die Debatte über den zweiten Punkt, ob Beibehaltung 
bezw. Art der Verleihung der Würde eines Marschalls von Frank- 
reich, wurde durch die Annahme eines Amendements des Staats- 
sekretärs des Kriegsministeriums unter Zustimmung des Ministers 
selbst erledigt. Dafür hatten sich 292 dagegen 157 Stimmen ergeben. 
Den Wortlaut des Amendements giebt der weiter unten folgende 
Artikel 41 wieder. 

Die festgesetzten Artikel lauten: 

Titel I. 

Artikel 1. Niemand kann zu irgend welcher Charge ernannt 
werden, welcher nicht in der unmittelbar vorangehenden die 
gesetzlich vorgeschriebene Zeit zugebracht hat, und welchem nicht 
aufserdem die Befähigung für die neue Charge zuerkannt wor- 
den ist. 



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Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 271 



Artikel 2. Stelle (emploi) und Charge (grade) sind zweierlei. 
Dieut eine Charge für mehrere Stellen gleichzeitig, so bringt die 
höhere Stelle das Recht auf den Oberbefehl ebenso mit sich, wie 
dies bei der höheren Charge der Fall.*) 

Artikel 3. Niemand kann zu einer Charge ohne Stelle ernannt, 
noch mit einer sogenannten Ehrencharge (grade honoraire) bekleidet 
werden. Ebenso wenig darf eine höhere Charge, als sie die Stelle 
mit sich bringt, verliehen werden. 

Artikel 4. Niemand kann zum Korporal oder Brigadier be- 
fordert werden, welcher nicht mindestens sechs Monate in der 
aktiven Armee gedient hat. Die einzige Ausnahme hiervon machen 
die aus den Militärschulen der »enfants de troupe« hervorgehenden 
jungen Soldaten, welche bereits nach drei Monaten zum Korporal 
befördert werden können. 

Artikel 5. Niemand kann Unteroffizier werden, welcher nicht 
mindestens vier Monate als Korporal oder Brigadier gedient hat» 
Eine Ausnahme hiervon machen wiederum die Freiwilligen und die 
in Artikel 4 bezeichneten jungen Leute, für welche nur eine drei- 
monatliche Dienstzeit als Korporal oder Brigadier erforderlich. 

Artikel 6. Die Beförderung zum Korporal, Brigadier oder 
Unteroffizier geschieht au choix auf Grund einer beim Truppenteil, 
nach Ablegung einer Prüfung aufgestellten Liste. 

Artikel 7. Niemand kann zum Souslieutenant ernannt werden, 
welcher nicht mindestens zwei Jahre als Unteroffizier bei einem 
Truppenteil gedient und ein Jahr als Offizier-Eleve eine bezügliche 
Vorbereitungsschule besucht, oder zwei Jahre Eleve der »ecole 
speciale militaire« oder der »ecole polytechnique« gewesen ist und die 
Abgangsprüfung dieser Schulen bestanden hat. 

Artikel 8. Die Beförderung der Unteroffiziere zu Souslieutenant« 
findet au choix und zwar waffenweise und im ganzen Umfange der 
Waffe statt. Ein Drittel der vakanten Stellen ist den Unteroffizieren 
vorbehalten, während zwei Drittel für die Eleven der »ecole speciale 
militaire« und der »ecole polytechnique« oder für in Inaktivität befind- 
liche Lieutenants bestimmt sind. In Ermangelung von Kandidaten 
der zweiten Kategorie können auch Unteroffiziere in Vorschlag 
gebracht werden. Bei den in Kriegszeiten zu bildenden Armeen 
kann das Verhältnis von Vs auf das von V4 herabgesetzt werden. 

Artikel 9. Die Rangieruug solcher Kandidaten, welche unter 

•) In der französischen Armee werden sowohl das Armee-Corps, wie auch 
die Division von einem General-Lieutenant kommandiert. Ebenso bekleidet der 
Kriegsminister gewöhnlich dieselbe Charge. 



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272 Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 

demselben Datum ernannt werden, geschieht nach der durch die 
Abgangsprüfung festgestellten Reihenfolge (numero de merite). 

Artikel 10. Die Souslieutenants werden nach zweijähriger 
Dienstzeit als solche zu Secondlieutenants ernannt, letztere dann 
nach der Anciennetät zu Premierlientenants befördert. Die Zahl 
der letzteren darf in keiner Waffe gröfser sein als die der Sous- und 
Secondlieutenants zusammen. 

Artikel 11. Niemand kann zum Kapitän befördert werden, 
der nicht mindestens zwei Jahre in der Lieutenantscharge zu- 
gebracht hat. 

Artikel 12. Niemand kann zum Kommandant*) ernannt werden, 
der nicht mindestens vier Jahre die Charge eines Kapitäns be- 
kleidet hat. 

Artikel 13. Niemand kann zum Oberstlieuteuant befördert 
werden, der nicht mindestens drei Jahre als Kommandant zu- 
gebracht hat. 

Artikel 14. Niemand kann zum Oberst ernannt werden, der 
nicht mindestens zwei Jahre Oberstlieutenant gewesen ist. 

Artikel 15. Niemand kann zu einer höheren Charge als der 
eines Oberst befördert werden, der nicht mindestens drei Jahre in 
der zunächst niederen Charge zugebracht hat. 

Artikel 16. Kein Kapitän kann zum Kommandant ernannt 
werden, der nicht mindestens zwei Jahre als solcher bei einem 
Truppenteil Dienste gethan hat; ebensowenig ein Oberst zum 
Brigadegeneral, der nicht mindestens zwei Jahre als Stabsoffizier bei 
einem Truppenteil fungiert hat, endlich ebensowenig ein Brigade- 
general zum Divisionsgeneral, der nicht mindestens ein Jahr eine 
Brigade geführt oder ein entsprechendes Kommando aufserhalb 
Frankreich innegehabt hat. 

Artikel 17. Die Beförderung der Offiziere bis einschließlich 
der Charge des Oberst geschieht waffenweise und von da ab ohne 
Unterscheidung der Waffe durch die ganze Armee. 

Artikel 18. Die Beförderung zum Kapitän und zum Kom- 
mandant geschieht entweder nach der Anciennetät oder au choix. 
Die Ernennungen nach der Anciennetät erfolgen auf Grund einer 
bei Gelegenheit der jährlichen Generalinspizierungen abzulegen- 
den Prüfung. Diese findet für jede Charge und für jede Waffe 
durch eine Kommission statt, welche die Befähigungsliste (liste 



•) Kommandaut ist die aUgemeine Benennung für chef de bataillon, chef 
d'escadron und major. 



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Das neue Avancementegesetz der französischen Armee. 273 

d'aptitude) aufstellt. Die Anciennetät wird hierbei durch das Er- 
nennungsdekret oder im Falle gleichen Datums durch das der letzten 
Charge bestimmt. 

Artikel 19. Die Prüfung zur Darlegung der Befähigung zur 
höheren Charge wird von Seiten der Lieutenants und Kapitäns vor 
einer Kommission abgelegt, welche aus dem inspizierenden General, 
dem Brigadecommandeur, dem Commandeur des Truppenteils und 
zwei Stabsoffizieren besteht, welche letztere einem andern Inspi- 
zierungsbezirk (arrondissement d'inspection) zu entnehmen sind. 
Können in besonderen Fällen diese Kommissionen nicht in der 
angeführten Weise zusammengesetzt werden, so erfolgt deren Zu- 
sammensetzung durch ministerielle Verordnung nach denselben 
Grundsätzen. 

Artikel 20. Der Kriegsminister bestimmt jedes Jahr die Zahl 
der bei Gelegenheit der Inspizierungen zu prüfenden Premier- 
lieutenants und Kapitäns, und zwar in der Weise, dafs diese Zahl 
der Durchschnittszahl der in den drei vorangegangenen Jahren 
Geprüften entspricht. Die mit den Bemerkungen des Truppen- 
commandeurs versehene Liste der Kandidaten wird der Kommission 
vorgelegt, welche nach geheimer Abstimmung jedem Namen gegen- 
über die Entscheidung ob »angenommen« (approuve) oder »zurück- 
gewiesen« (ajourne) einträgt. 

Artikel 21. Diejenigen Offiziere, deren Eintragung in die 
Befähigungsliste abgelehnt worden, können im folgenden Jahre 
nochmals zur Prüfung zugelassen werden, jedoch darf kein Lieute- 
nant oder Kapitän eine solche mehr als zwei Mal ablegen. 

Artikel 22. Die Ernennungen au choix bis zur Charge des 
Oberst einschliefslich geschehen auf Grund der Listen de choix, 
welche jährlich waffenweise bei Gelegenheit der Generalinspizierungen 
aufgestellt werden. Die Vorschläge gehen vom Commandeur des 
Truppenteils aus und werden mit den Bemerkungen des Brigade- 
generals versehen dem Generalinspekteur überreicht. Die Vorschläge, 
die Kapitäns und commandants betreffend, werden von der gemäfs 
Artikel 19 gebildeten Kommission in der im Artikel 20 vor- 
geschriebenen Weise geprüft. Die angenommenen Vorschläge 
werden hierauf der sogenannten Klassifikation- Kommission ein- 
gereicht, welche die Liste de choix feststellt. 

Artikel 23. Die von der commission de classement ange- 
nommenen Vorschläge, abkommandierte Offiziere betreffend, werden 
denjenigen Behörden überschickt, welchen diese Offiziere der Waffe 
nach angehören, und von hier aus in die Liste de choix nach dem 



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Das neue Avancementagesetz der französischen Arme«. 



vom Kriegsniini8ter in jedem Jahre festgestellten Verhältnis ein- 
getragen. Die Ansprüche der als Militärattaches oder sonst nach 
dem Ausland kommandierten Offiziere, sowie derjenigen, welche den 
verschiedenen Direktionen des Kriegsministeriums angehören, werden 
von einer durch ministerielle Verfügung festgesetzten Spezial- 
kommission geprüft. Diese Offiziere können aber nur in die Listen 
de choix eingetragen werden, sofern sie ihre Stellungen mindestens 
ein Jahr eingenommen haben. 

Artikel 24. Niemand kann auf die Liste de choix gesetzt 
werden, welcher nicht der Anciennetät seiner Charge nach und in 
seiner Wafie, und zwar der Oberstlieutenant, der Kommandant und 
der Premierlieutenant der ersten Hälfte, der Kapitän dem ersten 
Drittel seiner Chargengenossen angehört. Besitzt aber letzterer das 
Brevet für den Generalstab, so ist auch für ihn nur erforderlich, der 
ersten Hälfte anzugehören. 

Artikel 25. Die Listen de choix für die Brigade- und Divisions- 
generale werden von einer »commission de classement« aufgestellt, 
welche aus sämtlichen kommandierenden Generalen besteht. Die 
Obersten und Brigadegenerale können nur dann auf die Liste de 
choix gesetzt werden, wenn sie den im Artikel 16 für die Er- 
nennung zu einem höherem Grade vorgeschriebenen Bedingungen 
entsprechen. 

Artikel 26. Die Listen de choix werden endgültig durch die 
Klassifikationskommissionen festgestellt. Der Kriegsminister kann 
indessen darin die Namen von Direktoren seines Ministeriums und 
diejenigen von der Person des Staatschefs attachierten Offizieren 
aufnehmen, sofern diese den in den Artikeln 16 und 25 geforderten 
Bedingungen entsprechen und mindestens seit einem Jahre ihre 
letzte Stellung inne haben. Eine anderweitige Eintragung von Dienst- 
wegen in die Listen de choix ist unstatthaft. 

Artikel 27. Niemand kann zu einem höheren Grade nach der 
Tour du choix befördert werden, welcher nicht in die im vor- 
stehenden Artikel vorgeschriebenen Listen eingetragen ist. 

Artikel 28. Ein Drittel der Vakanzen der Kapitänscharge 
werden au choix, zwei Drittel nach der Anciennetät vergeben; bei 
der Beförderung zum Kommandant dagegen die eine Hälfte au 
choix, die andere nach der Anciennetät, die nun folgenden höheren 
Grade ausschließlich au choix. Eine Ernennung aufser der Tour 
ist unstatthaft 

Artikel 29. Die nach Artikel 7 des Gesetzes vom 19. Mai 
1834 den inaktiven Offizieren in Folge von Auflösung eines Truppen- 



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Das nene Avancementsgesetz der französischen Armee. 



275 



teils, Eingehen der Stelle, Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 
vorbehaltenen Beförderungsvorschläge haben den Vorrang vor solchen 
nach der Anciennetät oder au choix. 

Artikel 30. Die Lieutenants und Kapitäns können auf ihren 
Antrag in die Kategorie der Reserve übertreten, sofern sie eine 
25jährige Dienstzeit erreicht, dagegen nicht die Befähigung zur 
nächst höheren Charge erlangt haben. Ein Gleiches findet in Betreff 
der Stabsoffiziere statt, sofern diese eine 30jährige Dienstzeit zurück- 
gelegt haben. 

Artikel 31. Die in Folge vorstehenden Artikels der Reserve 
zugeteilten Offiziere erhalten unter Anrechnung ihrer Feldzüge ein 
Gehalt, welches der Pension gleichkommt, die ihnen bei der Ver- 
abschiedung zu teil geworden wäre. Sie werden entweder einem 
•Truppenteil der aktiven Armee oder der Territorial- Armee überwiesen. 
Die in dieser Stellung zurückgelegte Dienstzeit wird ihnen mit Bezug 
auf ihre spätere Pension in der Art angerechnet, dafs zwei Jahre 
in der Reserve für ein Jahr in der aktiven Armee rechnen. Die in 
Rede stehenden Offiziere sind dagegen den Militärgesetzen und 
Reglements in den Grenzen unterworfen, wie diese durch ein Dekret 
noch näher festgestellt werden. 

Artikel 32. Die durch Auflösung eines Corps, Eingehen der 
Stelle, Kriegsgefangenschaft in Inaktivität befindlichen Offiziere 
behalten das Recht auf Beförderung. Gleichwohl kann den aus der 
Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Offizieren nur der nächst 
höhere Grad verliehen werden, als derjenige war, welchen sie vor 
der Gefangenschaft bekleideten. 

Artikel 33. Bei Feststellung der Anciennetät wird die Zeit in 
Abzug gebracht, welche ein Offizier in Inaktivität wegen temporärer 
Unfähigkeit, Suspeudierung oder in Arrest, welcher jedoch nicht 
mit dem Verlust des Grades verbunden war, zugebracht hat. Ferner 
kommt in Abzug die Zeit, während welcher ein Offizier in einem 
anderen Dienstverhältnis als in dem des Kriegsdepartemeuts gestanden 
hat. Eine Ausnahme hiervon machen ein Kommando zur Marine 
oder zu einer diplomatischen bezw. militärischen Mission im Ausland. 

Artikel 34. Alle Beförderungen von Offizieren müssen sofort 
im »journal offieiel« mit der Angabe bekannt gemacht werden, in 
welcher Weise die Beförderung stattgefunden hat, ob nach der 
Anciennetät oder au choix. Ferner sind anzugeben der Name des 
Offiziers, welcher die in Rede stehende Stelle zuletzt bekleidet hat, 
und die Ursache ihrer Vakanz. 

Artikel 35. In Friedenszeiten kann ein einmal verabschiedeter 



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276 



Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 



oder zur Reserve übergetretener Offizier nicht wieder in der aktiven 
Armee angestellt werden, es sei denn beim Rekrutierungswesen, der 
Militärjustiz oder als Zahlmeister bezw. Bekleidungsoffizier. 
II. Avancement in Kriegszeiten. 

Artikel 36. Die vorstehend angeführten Vorschriften gelten 
auch in Kriegszeiten jedoch mit nachfolgenden Ausnahmen. Ein 
Dekret des Präsidenten der Republik kann darüber entscheiden, ob 
das Avancement für die im Lande gebliebenen Truppen und das für 
die im Felde stehenden ein jedes in sich erfolgen soll. 

Artikel 37. In Kriegszeiten kann die Dauer des Aufenthaltes 
auf der »ecolespecialemilitaire«, »ecole polytechnique« und den Schulen 
der Unteroffiziere als Offizier-Eleven auf Grund eines Dekrets des 
Präsidenten der Republik abgekürzt werden. 

Artikel 38. Bei den im Felde stehenden Truppen wird die" 
zum Aufrücken in eine höhere Charge vorgeschriebene Dienstzeit um 
die Hälfte vermindert. Von dieser Vorschrift kann nur abgewichen 
werden im Falle dafe: 

1. eine außerordentliche That vorliegt, deren im Tagesbefehl 
Erwähnung geschehen; 

2. es nicht möglich ist, auf eine andere Weise den Ersatz der 
unmittelbar vor dem Feinde stehenden Truppen zu bewirken. In 
diesem letzteren Falle erfolgen die bezüglichen Ernennungen jedoch 
nur als sogenannte provisorische. Die Unteroffiziere können zu 
provisorischen Souslieutenants ernannt werden, ohne eine der Offizier- 
Eleven-Schulen für Unteroffiziere besucht zu haben. 

Die Artikel 16, 25 und 30 sind aufgehoben. 

Artikel 39. In Kriegszeiten erfolgt die Beförderung zum Kom- 
mandant ausschliefslich au choix, die der Kapitäns zur Hälfte au 
choix, zur Hälfte nach der Anciennetät. Nach Erschöpfung der 
in Friedenszeiten aufgestellten Befahigungsliste können die Lieutenants 
nur provisorisch nach der Anciennetät befördert werden. 

Artikel 40. Bei der Demobilmachung der Armee oder nach 
der Rückkehr eines mobil gewesenen Expeditions-Corps in das 
Friedeusverhältnis können die provisorisch beförderten Offiziere erst 
nach Prüfung ihrer Ansprüche durch eine auf Grund eines Dekrets 
ernannte Kommission von Generalen zu wirklichen Inhabern der 
ihnen provisorisch verliehenen Charge ernannt werden. Die Pflichten 
und Rechte eines provisorisch ernannten Offiziers sind dieselben wie 
die des definitiv ernannten bis zu dem Augenblick, wo über ihn 
von Seiten der eben angeführten Kommission entschieden wird. 

Artikel 41. Niemand kann zu dem Grad eines Marschalls von 



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Das neue Avancementsgeseti der französischen Armee. 



277 



Frankreich zu einer anderen Zeit erhoben werden als zu Kriegs- 
zeiten oder zwei Monate nach Einstellung der Feindseligkeiten und 
auf Grund eines Spezialgesetzes, dafs Veranlasst! ng zu einer solchen 
Rangerhöhung vorliege. Diese kann nur solchen Divisionsgeneralen 
verliehen werden, welche vor dem Feinde in offizieller Ausübung 
ihrer Funktionen entweder eine Armee, aus mehreren Armee-Corps 
bestehend, kommandiert, oder die Funktionen als General-Quartier- 
meister (major general) versehen, oder die Artillerie bezw. Genie- 
Corps mehrerer unter ein und demselben Kommando vereinigten 
Armeen befehligt, und in diesen verschiedenen Stellungen während 
des Feldzuges hervorragende Dienste geleistet haben. 

Artikel 42. Der Dienst aufserhalb Frankreich wird mit Bezug 
auf das Avancement als Kriegsdienst nnr auf Grund eines Spezial- 
dekrets angerechnet. 

Titel III. Reserve der aktiven Armee. 

Artikel 43. In Friedenszeiten können die Reserve-Offiziere, die 
Unteroffiziere, Korporale, Brigadiers und Soldaten der Reserve zu 
den nach dem Gesetz vom 13. März 1875 und anderen in Kraft 
befindlichen Gesetzen auf sie übertragbaren Graden befördert werden, 
sofern sie den Bedingungen der Befähigung und Führung entsprechen. 
Es können somit zu Reserve -Souslieutenants nach Darlegung ihrer 
Befähigung ernannt werden: 

1. diejenigen Unteroffiziere, welche mindestens ein Jahr als 
solche in der aktiven Armee gedient haben; 

2. diejenigen Einjährig-Freiwilligen, welche ein zweites Dienst- 
jahr absolviert haben, endlich 

3. diejenigen Einjährig-Freiwilligen, welche den Unteroffizier- 
grad erreicht oder denen beim Übertritt in die üisponibilität das 
Prädikat »Sehr gut« oder »Gut« zu teil geworden ist. 

Artikel 44. Die Eleven der polytechnischen Schule, welche in 
einen mit dieser im Zusammenhange stehenden Civildienst treten, 
sowie die Eleven der Forstakademie, welche zur Forstverwaltung 
übergehen, werden zu Reserve-Souslieutenants ernannt. Sie müssen 
sich einer Dienstleistung bei einem Truppenteil, deren Gesamtdauer 
ein Jahr beträgt, unterziehen. Der Zeitpunkt der Einberufungen 
wird vom Kriegsminister bestimmt. 

Artikel 45. Die Beförderung der Reserve-Offiziere erfolgt 
waffen- und armee- corpsweise. Die Ernennungen geschehen auf 
Grund von Listen, in welche die Namen der zu einer höheren Charge 
befähigten Offiziere eingetragen werden. Es kann nur dann eine 
Beförderung vorgenommen werden, wenn eine Vakanz vorhanden. 



278 Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 



Die Zahl der Reserve- Lieutenants darf niemals die der Souslieutenants 
überschreiten. 

Artikel 46. Kein Reserve-Lieutenant darf zum Kapitän befördert 
werden, wenn er nicht: 

1. älter ist als alle Lieutenants seiner Waffe der aktiven Armee 
innerhalb seines Armee-Corps; 

2. eine mindestens dreimonatliche Dienstleistung bei einem 
Truppenteil seiner Waffe absolviert und 

3. seine Befähigung zur höheren Charge durch eine Prüfung 
dargelegt hat. 

Die Reserve-Offiziere können nicht zu einem der höheren 
(irade ernannt werden, wenn sie nicht mit dem nächst niederen Grade 
in der aktiven Armee gedient haben. In Kriegszeiten sind indessen 
die Bestimmungen dieses Artikels nicht obligatorisch. 

Artikel 47. In Kriegszeiten können die Reserve-Offiziere, Unter- 
offiziere, Korporale, Brigadiers und Soldaten der Reserve ganz nach 
den für die aktive Armee geltenden Bestimmungen befördert werden, 
jedoch nur au choix. Beide, aktive Armee und Reserve konkurrieren 
alsdann gemeinschaftlich in der vorgeschriebenen Weise. 

Artikel 48. Die den Reserve-Offizieren u. s. w. auf Grund 
des vorstehenden Artikels übertragenen Stellen gewähren kein Anrecht 
auf das Verbleiben in der aktiven Armee. Indessen kann hiervon 
auf Vorschlag des Generals en chef, unter Zustimmung der im 
Artikel 43 erwähnten Kommission durch ein Dekret des Präsidenten 
der Republik abgewichen werden. Diejenigen Offiziere der aktiven 
Armee, welche in Anwendung des Artikel 30 zur Reserve über- 
getreten sind und welchen während eines Feldznges eine Beförderung 
zu teil geworden sein sollte, behalten nach Beendigung des Krieges, 
sofern sie der Reserve fernerhin angehören, das Gehalt der neuen 
Charge bei, und wird hiernach auch ihre spätere Pension bemessen. 

Artikel 49. Die von den Reserve-Offizieren u. s. w. in der 
Heimat zugebrachte Zeit kommt bei Feststellung ihrer Anciennetät 
in der Reserve in Anrechnung, jedoch unter Abzug derjenigen, 
welche ein Offizier iu der Stellung »hors cadre« zugebracht haben 
sollte oder während welcher er vom Dienst suspendiert gewesen ist. 
Die Anciennetät wird in allen Fällen durch das Datum des Er- 
nenuungsdekrets bestimmt. Die zur Reserve übergetretenen Offiziere 
der aktiven Armee rangieren in Bezug auf Führung des Befehls 
stets vor den eigentlichen Reserve-Offizieren ihrer Charge, sollten 
diese auch dem Patent nach älter sein. 



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t 

Das neue Avancementsgesetz der französischen Armee. 279 



IV. Territorial- Armee. 

Artikel 50. Die der aktiven Armee angehörigen Reserve- 
Offiziere u. 8. w. behalten bei ihrem Übertritt in die Territorial- 
Armee ihren Grad und ihre Anciennetät bei und konkurrieren in 
Bezug auf Avancement mit den anderen Offizieren, Unteroffizieren, 
Korporalen oder Brigadiers der Territorial-Armee. Ein Gleiches ist 
der Fall mit solchen Offizieren u. s. w., welche direkt von der 
aktiven Armee in die Territorial-Armee übertreten. 

Artikel 51. Die vorstehend angeführten Offiziere u. s. w. treten 
in die bei der Territorial-Armee vorhandenen Vakanzen ein. Fehlt 
es an solchen, so werden sie ä la suite ihrer Waffe gestellt und 
nach Malsgabe der zu besetzenden Vakanzen einrangiert. So lange 
noch Offiziere u. s. w. ä la suite vorhanden sind, können keine 
Neubeforderungen stattfinden. Mit den aus der aktiven Armee 
herstammenden Offizieren u. s. w. kann indessen eine Ausnahme 
gemacht werden. 

Artikel 52. In Friedenszeiten findet das Avancement in der 
Territorial-Armee bis einschliefslich der Charge des Kapitäns waffen- 
und armeecorpsweise statt, für die höheren Chargen aber im ganzen 
Bereich der Waffe. Die Artikel 45 und 49 des vorliegenden Gesetzes 
finden ebenfalls Anwendung auf die Territorial-Armee. 

Artikel 53. Die für Kriegszeiten für die Beförderung der Re- 
serve-Offiziere u. s. w. aufgestellten Bestimmungen sind ebenfalls 
auf die Territorial-Armee anwendbar. 

Artikel 54. Bei Mangel an geeigneten Offizieren der Territorial- 
Armee zur Besetzung der bei dieser vorhandenen Vakanzen können 
in Kriegszeiten hierzu Offiziere »hors eadre« der aktiveu Armee oder 
auch ehemalige Territorial-Offiziere, welche in Folge ihres Lebens- 
alters (40 Jahre) aus der Territorial-Armee ausgeschieden sind, ver- 
wendet werden. 

Titel V. Allgemeine Bestimmungen. 

Artikel 55. Die in Vorstehendem enthaltenen allgemeinen 
Bestimmungen für das Avancement sind ebenfalls auf die sonstigen 
Funktionäre und Beamte der Armee, sowie auf die Spezialcorps und 
technischen Truppen, auf Grund von Dekreten des Präsidenten der 
Republik anzuwenden. 

Artikel 56. Ebenso sind diese Bestimmungen auf die Truppeu 
der Marine-Infanterie und Marine-Artillerie anwendbar. 

Artikel 57. Frühere dem vorliegenden Gesetz widersprechende 
Bestimmungen werden hiermit aufser Kraft gesetzt. — 

Zum Schlufs möge noch das Urteil des »avenir militn're«, eiues 



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280 Eine preufsische Regiment«- Geschichte aus dem Jahre 1767. 

in der franzosischen Armee sehr verbreiteten Blattes, über das in 
Rede stehende Gesetz folgen. Das Blatt spricht sich bei aller An- 
erkennung der in demselben enthaltenen Bestimmungen zur Herbei- 
führung eines zweckmäfsigen und gerechten Avancements doch 
ziemlich kühl über dasfelbe aus und ist der Ansicht, dafe es an 
solchen Bestimmungen fehle, welche eine Garantie dafür bieten, 
dafs Mifsbräuche, wie sie in den letzten fünfzig Jahren mit Bezug 
auf das Avancement in der französischen Armee mehrfach vorge- 
kommen seien, sich nicht wiederholen. Bei dieser Gelegenheit 
konstatiert der avenir, dals der zwischen den Offizieren, welche aus 
den Militärschulen und denjenigen, welche aus Reih und Glied (du 
rang) hervorgehen, von jeher bestandene Antagonismus zum grofsen 
Schaden der Armee noch unvermindert vorhanden sei, trotzdem die 
Offiziere der letzteren Kategorie durch ihren auf der Schule von 
Saint-Maixent an den Tag gelegten Fleifs und sonstige Befähigung 
sichtbar bemüht seien, die vorhandene Kluft auszufüllen. 



XIX. 

Eine preufsische Regiments - Geschichte ans 

dem Jahre 1767. 

Von 

Schnack enburg, 

Major t, D. 



In einem Aufsatze der »Internationalen Revue über die gesamten 
Armeen und Flotten«, betitelt »Über neuere deutsche Regimente- 
Geschichten« fanden wir den Ausspruch: »Die Regiments-Geschichte 
ist überhaupt erst ein Produkt unseres Jahrhunderts, nicht früher 
als nach Abschlufs der grofsen napoleonischen Kämpfe begegnen 
wir ihren ersten Anfängen. Wir würden sehr viel darum geben, 
wenn wir nur eine einzige Geschichte eines fridericianischen Regi- 
ments besäfeen.« 

Dies giebt dem Schreiber dieser Zeilen die Veranlassung, be- 
richtigend mit der Erklärung hervorzutreten, dafs bereits das vorige 
Jahrhundert diesen Zweig der Militär -Litteratur, wenn auch in 



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Eine preußische Regiments Geschichte ans dem Jahre 1767. 



281 



eigener Weise, kultiviert hat, dafs wir die ersten Anfänge der 
Regiments-Geschichten nicht in der Zeit nach Abschlufs der napo- 
leonischen Kämpfe, sondern bald nach dem siebenjährigen Kriege 
zu suchen haben. Im Jahre 1767 erschienen nämlich unter dem 
Generaltitel »Vollständige Geschichte aller königlich preu- 
fsischen Regimenter von ihrer Errichtung an bis auf 
gegenwärtige Zeit, darin alle Feldzüge, Belagerungen 
und Schlachten, denen solche im jetzigen und vorigen 
Jahrhundert beigewohnt, nach der Zeitrechnung an- 
geführt und beschrieben, und von den Lebensumständen 
der Herrn Chefs als anderer Herrn Offiziers Nachricht 
erteilt wird. Halle. Im Verlag von Johann Gottfr. Trampe« 
sechs Regiments- Geschichten, deren ungenannter Verfasser, wie 
später bekannt geworden, der 1786 zu Halle verstorbene Auditeur 
des Regiments Nr. 3, Seiffert, war. Derselbe ist auch Verfasser der 
bereits im Jahre 1760 in Nürnberg erschienenen »Kurzgefafsten Ge- 
schichte aller königlich preufsischen Regimenter«, welche 
in gedrängter Form die Daten der Errichtung jener Regimenter, die 
Namen der Chefs, die Standquartiere und einige kurze Bemerkungen 
über die Feldzüge, an denen sie Teil genommen, liefert. 

Mit den 1767 erschienenen 6 Regiments-Geschichten hatte es 
übrigens sein Bewenden; widrige Verhältnisse verhinderten Seiffert 
seine ursprüngliche Absicht durchzuführen, eine Geschichte sämtlicher 
Regimenter zu schreiben. Von den veröffentlichten Geschichten, 
welche, aufeer dem Regiment Anhalt Nr. 3, die Regimenter von 
Lossow Nr. 41, Prinz Friedrich von Braunschweig Nr. 19, von Kleist 
Nr. 36, von Britzke Nr. 44 und Prinz von Nassau-Usingen Nr. 47 
betreffen, ist die erstgenannte die bei weitem ausführlichste und 
gründlichste. Dem Verfasser waren als Auditeur des Regiments alle 
Personalien des Offizier-Corps zugänglich; auch haben ihm zweifeis- . 
ohne die Kriegstagebücher und private Aufzeichnungen von An- 
gehörigen des Regiments zur Verfügung gestanden. 

Der vollständige Titel des 276 Druckseiten füllenden und in 
vielen Beziehungen hoch interessanten Werkes lautet: »Nr. III. 
Geschichte und Nachrichten von dem königlich preufsi- 
schen Infanterie - Regimente Fürst Franz Adolph von 
Anhalt-Bernburg von der Zeit seiner Stiftung bis zum 
18. August des Jahres 1767.« 

Ehe wir auf den reichen Inhalt dieses Buches näher 
eingehen, sei mit wenigen Worten Einiges zur Lösung der gegen- 
wärtig noch offenen, heeresgeschichtlichen Frage beigetragen, ob 



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282 



Eine preußische Regiments-Geschichte ans dem Jahre 17G7. 



die Regimenter zur Zeit des 7jährigen Krieges bereits feste Stamm- 
Nummern geführt haben. Das Regiment Anhalt wird in der vor- 
liegenden Geschiebte übereinstimmend mit den späteren Stamm- 
Listen, als Nr. III bezeichnet. Diese Nummer führt das Regiment 
schou bei »Pauli, Leben Grofser Helden«. 2. Teil, erschienen zu 
Halle im Jahre 1758, also im dritten Kriegsjahre. Pauli führt 
a. a. 0. bei den »Historischen Nachrichten der königlich preufsischeu 
Regimenter« die Regimenter mit fortlaufender Nummer, unter 
Angabe des Regiments-Chefs und der Garnisonorte, waffenweise und 
zwar chronologisch nach der Zeit ihrer Stiftung geordnet auf. Die 
Nummern 1 — 48 umfassen »Die alten Feld - Regimenter bis zum 
Jahre 1756«; Nr. 49 Artillerie, Nr. 50 Pioniere (später in ein 
Infanterie-Regiment umgewandelt und in der Stamm-Liste von 1806 
die Nr. 49 führend); Nr. 51 —63 Kürassiere (die Garde du corps 
als die jüngst errichteten Nr. 63, später Nr. 13); Nr. 64 — 75 Dra- 
goner, Nr. 76—83 Husaren; Nr. 84 — 96 Garnison - Regimenter; 
Nr. 97—100 Land -Regimenter; Nr. 102 und 103 Feld-Jäger zu 
Fufs und zu Pferde; Nr. 104 Invaliden. Zum Schlüsse folgen: 
»Neue Feld -Regimenter« , »neue Husaren -Regimenter« und »neue 
Frei-Regimenter«, welche Pauli jedoch nicht numeriert. 

In der vorliegenden Regiments-Geschichte nun werden in den 
biographischen Skizzen genauestens die Versetzungen der Offiziere 
von und zu anderen Regimentern mitgeteilt, mft Nennung der Chefs 
und der eben erwähnten Regiments- Nummern, z. B. Normann- 
Dragoner Nr. 64, Besatzungs-Regiment Thümen Nr. 98. Sie stimmen 
mit Paulis Nummern überein. Ohne die Frage nach den Stamm- 
Nummern hiermit entscheiden zu wollen, wird man doch hieraus 
folgern dürfen, dafe die Regimenter bis zum Jahre 1767 nur durch 
die ganze Armee fortlaufende Nummern geführt haben und eine 
. waffen weise Nummerierung erst später, zu Anfang der siebziger 
Jahre, stattgefunden hat. Hierbei ergab sich wohl von selbst, dafs 
die Infanterie-Regimenter 1 — 48 ihren alten Nummern einfach bei- 
behielten und die jüngeren Regimenter in die vakant gewordenen 
Nummern einrückten. — 

Unsere Regiments - Geschichte ist in 25 Paragraphen ver- 
schiedener Gröfse geteilt; sie behandeln die »Errichtung des Regi- 
ments«, seine »Vorzüge«, seine »Thaten« von der Stiftung bis zum 
Hubertsburger Frieden, die »Inhaber des Regimeuts und der ein- 
zelnen Compagnien«, ferner die »Ehemals bei diesem Regimente 
gestandenen Herrn Offiziers von 1706 bis 1767«, endlich ein »Ver- 
zeichnis derer Herrn Offiziers, welche den 18. August bei diesem 



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Eine preufsische Regiments-Geschichte aus dem Jahre 1767. 



2S:J 



Regimente stehen, sowie der Regiments-Quartiermeister, Feldprediger, 
Auditeurs und Regiments-Feldschererc Neben dem Titelblatt be- 
findet sieb eine kolorierte Kupfertafel, darstellend einen Offizier 
und Unteroffizier des Regiments Anhalt in voller Uniform. Die 
Abzeichen des Regiments waren ponceaurote Kragen und Aufschlage, 
ohne Rabatten, weifse Unterkleider, schwarze Stiefeletten; die 
Offiziere 12, die Gemeinen nur 7 Knöpfe auf jeder Rockklappe, 
Unteroffizier und Gemeine unter denselben 2 schwarz und weils 
durchschlungene Schleifen mit Puscheln; die Offiziere und Unter- 
offiziere schmale goldene Tressen an den Hüten.*) — 

Stifter des Regiments ist der Grofse Kurfürst, das Stiftungsjahr 
1G65, erster Inhaber desfelben der Obriste Förgel. Er übernahm 
da« Regiment »auf kaiserlichen Fufs«, d. h. der Kriegsherr verlieh 
nach dem Brauch des kaiserlichen Heeres dem Inhaber das Recht, 
eine gewisse Anzahl Leute anzuwerben, ferner auch Stabs- und alle 
übrigen Offiziere zu ernennen und die hohe oder peinliche Gerichts- 
barkeit über alle zum Regimente gehörige Personen, ohne alle 
Anfragen bei Hofe, auszuüben. Dies änderte der Kurfürst schon 
1676, indem er die Stabsoffiziere selbst zu ernennen sich vorbehielt. 
1679 erhielt das Regiment Fürst Hans Georg von Anhalt-Dessau; 
es wurde 1688 auf 8 Compagnien gesetzt. 1693 kam es an Fürst 
Leopold von Anhalt-Dessau (der alte Dessauer), doch unter der 
Bedingung, dafs die Ernennung aller Offiziere vom Hofe abhängen 
und die peinliche Gerichtsbarkeit nur mit Genehmigung des Kriegs- 
herrn ausgeübt werden solle. Nach dem Frieden von Ryswick wurde 
das Regiment bis auf 1 Bataillon von 4 Compagnien reduziert, jedoch 
1699 wieder auf 2 Bataillone zu je 5 Compagnien gebracht. 1719 
erhielt das Regiment noch ein 3. Bataillon, 1735 jedes Bataillon 
eine Grenadier-Compagnie ; bis dahin hatte jede Compagnie 1 Sergeant 
und 12 Grenadiere gehabt, welche die ersten Züge bildeten; diese 
wurden zu Grenadier-Compagnien bataillonsweise zusammengezogen, 
so dafs das Regiment nun 18 Compagnien zählte. 

Als »Vorzüge des Reginientsc nennt der 3. Paragraph: 1) dafs 
es eins der ältesten der Armee sei »indem blos die Regimenter 
Zeuner Nr. 1 und Canitz Nr. 2 auf erwiesene Art noch länger 
bestanden haben«; 2) dafs es in den 100 Jahren seines Bestehens 
vielen Kriegen, Schlachten und Belagerungen beigewohnt; 3) dem 

*) Im Berliner Zeughause befindet sich das lebensgrofse , in öl gemalte 
Porträt eines Grenadiers des Regiments Fürst von Anhalt, mit der Unterschrift: 
„Curt Michael von des Herrn Hauptmann Schwerins Compagnie 1698." — Nr. 588 
des Katalogs. 

Jahrbücher tär dl« DvuUch« Arme« a»d Mttiu. Bd. LH, 3. 2 0 



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284 



Eine preußische Regiments- Geschichte aus dem Jahre 1767. 



preufsischen Heere viele Feldherrn und Regiments-Commandeure er- 
zogen habe: 32 Generale sind seit 1706 aus diesem Regimeute 
hervorgegangen, unter ihnen Fouquet und Hautcharmoy; 16 Obersten, 
darunter der tapfere Verteidiger von Colberg, von der Heyde. Als 
fernere Vorzüge werden erwähnt, dafs das Regiment aufser dem 
Regiment Garde das einzige sei, welches 3 Bataillone habe, ferner 
das Recht habe, den »Grenadier-Marsch« zu blasen, dafs die Offiziere 
»doppelte« Feldbiuden, Unteroffiziere und Gemeine schwarz-weifse 
Schleifen auf der Uniform tragen, die Unteroffiziere das Degengehenk 
unter, nicht über der Weste, schmale Tressen auf den Hüten, und 
die Mannschaften Pallasche anstatt der Säbel tragen.*) Schliefslich 
wird rühmend erwähnt, dafe dieses Regiment die Stadt Halle zum 
Standlager habe, welcher »mit einem Musensitze gezierte Grenzort« 
den Nutzen schaffe, dafs von Zeit zu Zeit verschiedene in den Wissen- 
schaften geübte Leute in Dienst kommen und brauchbare Offiziere 
und Unteroffiziere daraus erwachsen sind. Halle blieb Garnison des 
Regiments bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806, doch scheint das 
Einvernehmen mit der Bürgerschaft, besonders mit den Studenten, 
nicht immer das beste gewesen zu sein: bei 2 Offizieren findet sich 
die Notiz, sie seien im Jahre 1746 von Studenten im Zweikampfe 
erstochen worden. Es kam nicht selten zu Mifshelligkeiten sehr 
stürmischer Natur. Besonders ärgerte sich Fürst Leopold von Dessau 
darüber, dafs sich die Studenten auf den Exerzier-Plätzen versammelten 
und über die Ungeschicklichkeit der Rekruten lustig machten. Da 
er diesen Übungen gewönnlich selbst beiwohnte und diese Neckereien 
ihm höchlich milsfielen, schrieb er an den König, er möge die Ordre 
erlassen, dafs beim Exerzieren Niemand zusehen dürfe, indem, wie 
es in dem Briefe heifst: »Königliche Majestät allergnädigst bekannt, 
was vor insolente Leute die Studenten seien«. — Der König bezeigte 
sich mit dem Antrage «ehr zufrieden und erliefs in der That eine 
Kabinets-Ordre (d. d. 8. Juli 1731), welche besagte, »dafs, wenn das 
Regiment exerzieret, es sei Kompagnieweise, Gliederweise, auch das 
erste Mal, wenn das Bataillon zusammen exerzieret, keinem Menschen, 
wes Standes und Würden er auch sei, erlaubt werden solle, zuzu- 
sehen, wofern er nicht ein preufsischer Offizier ist.« Diejenigen, 
welche »Kurieuse« seien, sollten sich gedulden so lange bis das 
Regiment zum zweiten Male anfange, bataillous weise zu exerzieren.« — 
In 8 Paragraphen werden die Thaten des Regiments von seiner 

*) Anfser dem Regiment Nr. 3 hatten nur noch die Regimenter 28, 29, 30 
und 32 Pallasche. Regiment Anhalt hatte ferner noch das Vorrecht, die Bärte 
nicht auffärben zu müssen. 



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Eine preufsi8che Regimente-Geschichte aua dem Jahre 1767. 



285 



Errichtung bis zum Frieden von Stockholm 1720 geschildert. Auf 
allen Schlachtfeldern, wo immer die brandenburgisch-preufeischeu 
Fahnen wehten, hat das Regiment Anhalt ehrenvoll gekämpft und 
geblutet. Seine erste kriegerische Verwendung fand es 1670 bei 
der gewaltsamen Besitzergreifung der Grafschaft Regenstein. An 
dem ruhmlosen Feldzuge von 1672 war es in der Stärke von 
1400 Mann beteiligt; auf beschwerlichen Märschen durch Hessen 
und den Westerwald im Winter 1672/73 verlor es viele Leute, in 
Bielefeld seine Bagage durch die Truppen des Bischofs von Münster. 
1674 kämpft das Regiment im Elsafs, nimmt am Gefecht von 
Türckheim Teil und folgt 1675 dem Kurfürsten nach Pommern; es 
half Wolgast, Usedom, Garz und Triebsee, 1676 Auclam, Demmin 
und Wollin einnehmen; 1677 finden wir es bei der Belagerung von 
Stettin, 1678 bei der Eroberung von Rügen und Stralsund, in welchem 
letzteren Orte es seiu tStandlager« erhielt. 60 ausgesuchte Leute 
des Regiments (die gleiche Zahl stellten die übrigen Infanterie- 
Regimenter) waren beteiligt au dem Winterfeldzuge in Preufeen und 
dem Zuge des Kurfürsten über das gefrorene knrische HaflF. Zur 
Belohnung für sein Wohlverhalten in diesen Feldzügeu verlieh der 
Kurfürst 1679 das Regiment seinem Schwager, dem Fürsten Hans 
Georg von Anhalt-Dessau, Generalfeldmarschall und Statthalter der 
Mark. Im Jahre 1686 wurde es wider die Türken verwendet, half 
die Festung Ofen belagern und verlor hier seinen Commandeur, 
Oberst Graf Dohna. 1688 finden wir es schon wieder am Rhein, 
als Besatzung von Wesel; ein Bataillon des Regiments wurde in 
holländische Dienste überlassen und trat unter Befehl des Grafen 
Schömberg. Das andere Bataillon nahm Anteil an dem Treffeu bei 
Ürdingen, und war bei der Eroberung von Neufs, Kaiserswerth und 
Bonn zugegen. 1690 kämpft das Regiment bei Fleury, Brüssel, 
Löwen und Namur, 1692 in der unglücklichen Schlacht von Steen- 
kerken, wo es viele Leute verlor, 1693 focht es bei Neerwinden. 
In diesem Jahre wurde, nach dem Tode des Fürsten Hans Georg, 
Fürst Leopold, der alte Dessauer, Chef des Regiments und blieb es, 
(ein gewifs seltener Fall in der Heeresgeschichte) volle 54 Jahre, 
bis zu seinem Tode im Jahre 1747. Beide Bataillone des Regiments 
belagerten unter Führung ihres jugendlichen Chefs im Jahre 1695 
Namur. Nach dem Ryswicker Frieden wurde das Regiment Anhalt, 
gleich den meisten übrigen, auf 4 Compagnien gesetzt, aber schon 
1699 wieder auf 10 gebracht. 1701 finden wir das Regiment wieder 
am Rhein und in den Niederlanden bei der Belagerung von Venloo, 
Roeremond und Geldern, 1703 marschierte es durch Hessen und 

80* 

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286 Eine preafsiache Regimenta-Geschichte aus dem Jahre 1767. 

Franken nach der Donau und trat unter den Oberbefehl des Prinzen 
Ludwig von Baden, wohnte unter Kommando des kaiserlichen 
Generals Styrum dem Gefecht und 1704 unter Führung des Prinzen 
Eugen der Schlacht von Hochstädt bei. Es focht hier mit grofser 
Auszeichnung, verlor aber 18 Offiziere und viele Mannschaften, 
büfete auch G Fahnen ein. Hier war es, wo Fürst Leopold eine 
bereits verlassene Fahne aufs Pferd nahm und seine Bataillone von 
Neuem vorwärts gegen den Feind führte. Der Feldzug 1705 brachte 
das Regiment nach Italien; es überschritt unter Prinz Eugen den 
Garda-See, kämpfte 1706 bei Cassano, Calci nato und Reggio, und am 
7. September desfelben Jahres unter des Dessauers speziellen Befehl 
in der Schlacht bei Turin. An dem Zuge durch die Provence 
beteiligt, kam es bis unter die Mauern von Toulou, half Susa er- 
obern und wurde dann nach Parma verlegt. An der Okkupation 
dos Kirchenstaates nahm ein Kommando des Regiments Anteil; der 
Rest machte 1708 den Einfall in die Dauphine mit. Fürst Leopold 
ging 1709 für seine Person nach den Niederlanden und nahm ver- 
schiedene Offiziere des Regiments mit, welch letzteres unter Befehl 
des General Arnim trat und bis zum Jahre 1713 noch in Ober- 
Italien verblieb. Nach dem Utrechter Frieden kam es zunächst 
nach Magdeburg in Garnison, 1714 nach Halle und kleine Städte 
des Herzogthums Magdeburg. Die Ruhe des Regiments, das iu den 
49 Jahren seines Bestehens schon 32 Jahre im Felde gestanden 
hatte, war nicht von lauger Dauer. 1715 trat das Regiment den Marsch 
nach Pommern an, half Stralsund belagern und war mit einem Teil 
(40 ausgesuchte Leute jeder Compagnie) an der Eroberung von 
Rügen beteiligt. 1718 wurde das ganze Regiment nach Halle in 
Garnison gelegt und 1719 durch Abgabe anderer Regimenter auf 
3 Bataillone gebracht. Es folgen nun 22 Friedeusjahre für das 
Regiment, welche sein Chef, der Dessauer, benutzte, um dasfelbe 
auf die denkbar höchste Stufe der Ausbildung und kriegerischen 
Tüchtigkeit zu heben. Zahlreiche Gnndenbeweise des Königs legen 
hierfür Zeugnis ab. — Im Jahre 1735 wurden, wie srhon erwähnt, 
die Grenadiere in 3 besondere Grenadier-Compagnien zusammen 
gezogen. — 

Im Jahre 1740 bestieg König Friedrich II. den Thron, und 
nun begann die zweite kriegerische Periode für das tapfere Regiment 
Anhalt. Neue, freilich auch äufserst blutige Lorbeeren wurden um 
seine sieggewöhnten Fahnen gewunden. Der Verfasser schildert die 
Thaten des Regiments und seiner Grenadiere in den 3 schlesischen 
Kriegen auf 84 Seiten mit einer Genauigkeit, welche Tag für Tag 



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Eiuc preußische Regiments-Geschichte aas dem Jahre 1767. 287 

erkeuuen läfst, wo das Regiment sich befunden, welche Märsche es 
zurückgelegt, wo und ob es biwakierte oder kantonnierte, welche 
Verluste es in den Schlachten, Gefechten, Belagerungen «litten, in 
wie weit das Regiment an denselben Anteil genommen hat u. s. w. 
Eine klare Schilderung der taktischen Vorgänge wird man freilich 
vermissen, und ist es wahrscheinlich, dafe der Verfasser selbst an den 
Ereignissen nicht Teil genommen hat, sondern sich wohl auf die 
Aufzeichnungen von Angehörigen des Regiments, sowie vielleicht 
auf die Kriegstagebücher desfelben (wenn dergleichen überhaupt 
geführt wurden) beliebet. Die getöteten und verwundeten Offiziere, 
letztere mit Angabe der Art und des Ortes ihrer Verwundung, 
werden namentlich aufgeführt, ebenso die in Kriegsgefangenschaft 
gerathenen; es könuen diese Angaben wohl auf Zuverlässigkeit 
Anspruch erheben in Berücksichtigung der Zeit und des Ortes, wo 
das Werk erschienen ist. Die Verluste an Unteroffizieren und Ge- 
meinen werden nur bei wenigen Gelegenheiten detailliert, meist in 
annähernden Zahlen angeführt; doch waren wir in mehreren Fällen 
in der Lage, dieselben aus einem anderen zeitgenössischen Werke, 
der noch während des Krieges erschienenen »Helden-, Staats- und 
Lebens-Geschichte Friedrichs des Anderen«,*) einem 5 Bände starken, 
an 6000 Druckseiteu füllenden, sehr gründlichen Sammelwerke (un- 
genannter Verfasser) ergänzen zu können. 

Die Grenadiere des Regiments schieden, nach dem Gebrauche 
des vorigen Jahrhunderts, bei Ausbruch eines Krieges gänzlich aus 
dem Regiments-Verbande und werden ihre Thaten deshalb auch in 
besonderen Paragraphen unserer Reginients-Geschichte geschildert. 
Am ersten schlesischen Kriege haben die 3 Bataillone des Regiments 
und die 3. Grenadier- Compagnie nicht Teil genommen; sie blieben 
während des Feldzuges bei dem Observations-Corps , welches unter 
Befehl Leopolds von Dessau in einem Lager bei Brandenburg zu- 
sammen gezogen wurde. Die beiden ältesten Grenadier-Compagnien 
wurden mit 2 Grenadier-Compagnien des Regiments Prinz Leopold 



*) Helden-, Staats- und Lebens-Geschichte des Allerdurchlauchtigsten und 
Grofsmächtigsteu Fürsten und Herrn Friedrichs des Anderen, Jetzt glorwfirdigst 
regierenden Königs in Preufsen, ChurfürstenB zu Brandenburg u. s. w. Aus ächten 
Urkunden mit unparteiischer Feder pragmatisch und umständlich beschrieben, 
wo auch hin und wieder mit nützlichen Anmerkungen erläutert, nichts weniger 
mit nötigen genealogischen Tabellen versehen und mit sauberen Kupfern gezieret, 
welche alle Hauptschlachten in den bisherigen schlesisch und böhmischen Kriegen, 
wie auch die vielfältigen Lager beiderseitiger Armeen daselbst möglichster Mafsen 
richtig vorstellen. Frankfurt und Leipzig 1746, 1747, 1758, 1759, 1760. 



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288 



Eine preußische Regimenta-Gescbichte aus dem Jahre 1767. 



(Nr. XXVII) in Berlin zu einem Grenadier-Bataillon unter Major 
von Boster vereinigt und rückten im Dezember 1740 nach Schlesien 
ab. An der Belagerung von Glogau nahmen die Grenadiere Teil, 
desgleichen an der Schlacht bei Molwitz, in welcher die beiden 
Compagnien 4 Offiziere und 94 Unteroffiziere und Geraeine an Toten 
und Verwundeten verloren. Im Feldzuge 1742 wurden die Grenadier- 
Compagnien mit denen des Regiments Marwitz (Nr. XXI) zu einem 
Bataillon zusammengezogen; an deren Stelle traten nach dem Rück- 
züge aus Mähren zwei des Regiments Münchow (Nr. XXXVI); den 
Befehl des Bataillons übernahm der Major und Flügeladjutant Graf 
Finck. Im 2. schlesischen und im ganzen 7jährigen Kriege waren 
die drei Grenadier-Compagnien des Regiments Anhalt mit der 
Grenadier-Compagnie des Grenadier-Garde-Bataillons (Nr. VI) zu 
einem Bataillon vereinigt. Unser Chronist führt die Offiziere, wie 
sie bei den Compagnien verteilt waren, wiederholt namentlich auf. 

Am zweiten schlesischen Kriege nahm das ganze Regiment 
Teil. Am 15. August 1744 marschierten die 3 Bataillone des Re- 
giments, am 20. die Grenadiere von Halle ab. Das Regiment half 
Prag belagern und wurde nach dem Rückzüge aus Böhmen zur 
Deckung Oberschlesiens verwendet. Die Bataillone kantonnierten 
oder biwakierten je nach Nähe des Feindes; mehrmals wird erwähnt, 
dafs ein Lager ohne Zelte bezogen wurde, weil die Bagage verloren 
oder nicht zur Stelle war. In den Winterquartieren scheinen sich 
die Truppen ziemlicher Bequemlichkeit erfreut zu haben, denn es 
wird gesagt, dafe dem Regiment 10 Dörfer dazu angewiesen wurden. 
An der Schlacht von Hohenfried berg war das ganze Regiment be- 
teiligt, auch die Grenadiere. Das Regiment hatte den rechten Flügel 
und griff die Sachsen mit klingendem Spiele an; das 1. Bataillon 
verschofs nur 6, das 2. und 3. nur 4 Patronen in dieser Schlacht, 
die Verluste waren gering. Nach erfochtenem Siege stieg der König 
auf dem linken Flügel des Regiments vom Pferde. Stärker waren 
die Grenadiere beteiligt; sie verloren 7 Offiziere und 251 Mann an 
Toten und Verwundeten; zur Schlacht von Soor am 30. September 
hatte deshalb das Grenadier-Bataillon nur 12 Offiziere, 29 Unter- 
offiziere und 301 Gemeine im Rapport. Am 8. Juni, also 4 Tage 
nach der Hohenfriedberger Schlacht, wurde in Landshut das Sieges- 
Dankfest gehalten und vom Regiment zum ersten Male der > Gre- 
nadier-Marsch « geschlagen.*) Bei Soor hatte das Regiment schwere 

*) Es ist wohl bekannt, dafs der König denjenigen Regimentern, welche sich 
besondere hervortbaten, als Belohnung die besondere Erlaubnis erteilte, den „Gre- 
nadier-Marsch* zu schlagen. Das Dragoner-Regiment Bayreuth erhielt aulser 



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Eine preufsische Regiments-Geschichte aus dem Jahre 1767. 289 



Verluste, es hülste 6 Offiziere, 453 Mann ein. In der Schlacht bei 
Kesselsdorf, am 15. Dezember 1745, an der die Grenadiere nicht 
Teil nahmen, stand es beim Angriff auf das Dorf mit 3 Grenadier- 
Bataillons im ersten Treffen und verlor 16 Offiziere (davon 8 tot) 
und 450 Mann. Das Regiment focht hier unter den Augen seines 
Chefs, der selbst im heftigsten Feuer stand; drei Kugeln durchbohrten 
die Kleidung des greisen Helden. Am 26. Dezember endete der 
Dresdner Friede diesen für das Regiment höchst ehrenvollen aber 
sehr verlustreichen Feldzug, und am 4. Januar 1746 rückte es 
wieder in seine Garnison Halle ein. Am 9. April 1747 starb der 
Fürst Leopold. Das ganze Regiment war bei seinem feierlichen Leichen- 
begängnis am 25. Juli zur Stelle. 

Es folgen nun 10 Friedensjahre für das Regiment, in welchen 
dasfelbe 6 mal vom Könige gemustert wurde, das letzte Mal kurz 
vor Ausbruch des 3. schlesischen Krieges im Jahre 1756. 
Am 16. August dieses Jahres erhielt das Regiment Befehl, zum 
Feldzuge sich fertig zu halten, am 21. wurden Beurlaubte und Knechte 
(für das Fuhrwesen) zum Regimente eingezogen und am 29. rückte 
es mit der Kolonne des Herzogs Ferdinand von Braunschweig von 
Halle ab. In der Schlacht bei Lowositz am 1. Oktober 1756, stand 
das Regiment auf dem rechten Flügel, kam aber gar nicht zum 
Schlagen; die Grenadiere fochten auf dem linken Flügel des ersten 
Treffens in den Weinbergen, wo es am schärfsten herging, und ver- 
loren 3 Offiziere, 116 Mann, auch einige Gefangene. Die Winter- 
quartiere bezog das Regiment in Leipzig. Am 18. März verliefs das 
Regiment seine Winterlager und ging mit dem Fürsten Moritz von 
Anhalt nach Böhmen; in der Schlacht von Prag hatte das 3. Ba- 
taillon, welches auf eine starke Batterie stiefs, schwere Verluste, die 
• anderen weniger; das Regiment verlor 15 Offiziere, davon 5 tot, 
unter ihnen Oberst von Manstein; 3, darunter Oberst von Sydow, 
starben bald nach der Schlacht an den Wunden; ferner verlor das 
Regiment 632 Mann. Die Grenadiere haben an der Prager und 
Colliner Schlacht nicht Teil genommen. Bei Collin stand das Re- 
giment auf dem rechten Flügel und hatte durch das Tirailleurfeuer 
der im Getreide und in allen Häusern versteckten Panduren starke 
Verluste; es verlor 28 Offiziere (5 tot) und 6-700 Mann, so dafs 
das 1. und 2. Bataillon nach der Schlacht in ein Bataillon formiert 
werden mufsten. Auf dem Rückzüge aus Böhmen hatten die Gre- 



einem Ehren-Diplom für seine „glorieuse" That von Hohenfriedberg auch diese 
Erlaubnis. 



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200 Eine preufeiache Regiments-Gescbichte aus dem Jahre 1767. 

nadiere ein glückliches aber verlustreiches Gefecht bei Weluiina; 
es kostete ihnen 5 Offiziere. Der Verlust an Mannschaften mafs sehr 
bedeutend gewesen sein: »mehr als in irgend einer Schlacht«, sagt 
unsere Reginients-Geschichte. Im September war das ganze Regiment 
an dem Streifzuge des Herzogs Ferdinand von Braunschweig gegen 
die bis in die Gegend von Halberstadt vorgedrungenen Franzosen 
beteiligt und erhielt dann im Lager von Wansleben Ende September 
seine Rekruten, durch die es wieder vollzählig wurde. Au der 
Rofsbacher Schlacht nahm das Regiment nicht Teil und bnzog in 
Halle, Leipzig und Merseburg seine Winterquartiere. Die Grenadiere 
kämpften in der unglücklichen Schlacht von Breslau und hülsten 
hier 4 Offiziere und 120 Mann ein; auch bei Leutheu fochten sie 
und hatten 4 Offiziere, 99 Mann an Toten und Verwundeten. Es 
mufs bemerkt werden, dafe die Verluste der Grenadiere summarisch 
für das ganze 4 Compagnien zählende Grenadier-Bataillon aufgeführt 
werden und in den Verlustziffem auch die der 4., zum Grenadier- 
Garde-Bataillon gehörigen Compagnie, welche mit den 3 des Re- 
giments Anhalt, wie schon erwähnt, im Bataillons-Verbande war, 
mit einbegriffen sind. Goldberg war das Winterlager der Grenadiere. 

Im Feldzuge 1758 hat das Regiment, welches der Armee des 
Prinzen Heinrich zugeteilt wurde, an keiner grösseren Aktiou Teil 
genommen. Zu Beginn des Jahres finden wir es in Sachsen und 
Thüringen, auf Streifkommando gegen die Franzosen; im April 
marschierte es bis in die Gegend von Hof, um dem Oberst Meier 
bei seinem Streifzuge nach Franken den Rücken zu decken. Nach 
der Schlacht von Hochkirch, an der nur die Grenadiere beteiligt 
waren, stiefe das Regiment wieder zur Armee des Königs und be- 
findet sich auf den Hin- und Hermärschen in Sachsen und Schlesien 
zumeist in der Avantgarde. Bei Ende des Feldzuges bezieht das 
Regiment Winterlager in Dresden. Aus den Tagebuch-Notizen geht 
hervor, dafs der König, um seine Truppen zu schonen, sie wenn 
irgend möglich kantonieren, nicht lagern liefs. Nur die Avant- 
garden biwackierten , wenu man sich nicht in unmittelbarer Nähe 
des Feindes wufcte. Die Cantonnements waren der Schlagfertigkeit 
halber und bei schnellen Märschen meist sehr eng, entsprechend 
dem modernen Begriff der »Alarm-Quartiere«. Am 5. November, 
auf dem Marsche zum Entsatz vou Neisse, wird ausdrücklich bemerkt : 
»In Girlsdorf hatte jedes Bataillon nur 4 Häuser, weil der König 
mit 18 Bataillons in diesem Dorfe lag.« Die Grenadiere, welche 
bei Hochkirch fochten, verloren bei diesem Uberfalle ihre Zelte. 
Der Bericht sagt: »wir mufsten daher den übrigen Teil des Feldzuges 



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Eine preufsiscbe Regimenta-Geschichte aus dem Jahre 1767. 



201 



immer kantonnieren«. Freilager, ohne Zelte, scheinen demnach, in 
Rücksicht auf das Fehlen von Mänteln, nur in Fällen äufserster 
Not den Truppen zugemutet worden zu sein. 

Der Feldzug von 1750, für den Konig und seine Armee der 
unglücklichste, war auch für das Regiment Anhalt verhängnisvoll. 
Das Regiment gehörte zur Armee des Prinzen Heinrich und trat 
speziell unter den Befehl des General von Finck. Bei dem Streifzuge 
nach Franken bestand das Regiment mehrere kleine, glückliche 
Gefechte gegen die Reichsarmee, parierte am 12. Mai Bayreuth, 
wo es »mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen durchzog vom 
Herzoge von Ilildburghausen und dessen Gemahlin und dem Prinzen 
Heinrich besehen wurde«. Es stiefe dann im Juni zum Corps des 
General von Hülsen, um die gegen die Russen stehende Dohna'sche 
Armee zu verstärken. Das Regiment legte iu aufsergewöhnlich 
starken Märschen die Entfernung von Hof bis Zielenzig bei Frank- 
furt a/O. in 23 Tagen zurück. Wegen grofser Nähe des Feindes 
wurden des Abends die Wagen hinter dem Heere in einer Wagen- 
burg aufgefahren, es wurde ohne Zelte biwakiert. Mangel an Brot 
und Fourage trat ein; der Manu erhielt, in Ermangelung anderer 
Lebensmittel, täglich l'/j Pfund Mehl geliefert. Am 22. Juli über- 
nahm General von Wedel, an Stelle des Grafen Dohna das Kom- 
mando. Am 23. war das unglückliche Treffen vou Kay. Das 
Regiment warf in einem ersten ungestümen Angriff beide russische 
Treffen über den Haufen und eroberte eine starke russische Batterie. 
Der Bericht führt nun fürt: »Weil aber das feindliche Kartätschen- 
feuer uns viele Mannschafton raubte, so mufsten wir diese erfochteuen 
Vorteile verlassen und büfsten sogar eine Fahne und zwei Kanonen 
ein. Ein neuer Angriff war nicht glücklicher. Weil auf unserem 
rechten Flügel es ebenso scharf herging, mufsten einige Offiziers mit 
einem Teil unseres Regiments dorthin gehen, das Regimeut Golz 
zu unterstützen. Aber auch hier nahmen wir am heftigen Kar- 
tätschenfeuer Anteil. Waldung und Moräste, überhaupt die Gegend 
hinderte unsere Tapferkeit, an welcher es nicht fehlete. Das Regi- 
ment Golz hatte nicht viel über 5 Offiziers, die noch gesund waren. 
Mit Sonnenuntergang verliefsen wir deu Wahlplatz. Was unser 
Regiment gethan bezeugen der Herr General-Lieutenant v. Man- 
teuffel, der uns anführte uud der Herr General Gablenz, der uns 
zur Seite focht. Wir brauchen nur unseren Verlust namhaft zu 
machen, um zu beweisen, dafs wir das Feuer nicht vermieden 
haben«. — In der That verlor das Regiment (ohne die Grenadiere) 
an diesem Tage 30 Offiziere (davon 0 tot) und 1028 Unteroffiziere 



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292 Eine preufsische Regimcnts-Geschicht« aus dem Jahre 1767. 

uud Geraeiue (davon 164 tot); verniifst wurden 2 Offiziere, 208 Unter- 
offiziere und Gemeine. Das Regiment büfste demnach etwa die 
Hälfte seiner Etats- und weit über die Hälfte seiner derzeitigen 
Kopfstärke ein. Es formierte nach der Schlacht wiederum nur 

2 schwache Bataillone, von denen das erste von einem Premier- 
Lieutenant befehligt wurde. An der Cunersdorfer Schlacht war es 
nicht beteiligt. Noch im Oktober des Jahres war das Regiment, 
obwohl viele Leichtverwundete wieder eingetroffen waren, nur 
1340 Mann stark, so dafs laut Rapport demselben 1090 Mann 
fehlen. — Am 22. Oktober wird berichtet, dafs der König krank 
zu Sophienthal blieb und zu seiner Bedeckung u. A. ein Bataillon 
»Rekonvalesciertec bei sich hatte, unter Anführung des Majors 
v. lluddenbrock vom Regiment- Anhalt. Der Feldzug dieses Jahres 
dehnte sich bis tief in den Winter hinein aus; am 25. November 
passierte das Regiment bei Meissen die fest zugefrorene Elbe und 
wurde zur Sicherung des Elbüberganges von Cölln unweit Meifsen 
bestimmt. Hier ereilte das 2. Bataillon des Regiments eine neue 
Katastrophe. Von feindlicher Übermacht eingeschlossen und gegen 
den Flufs gedrängt, geriet es zum grofsen Teile in Kriegsgefangen- 
schaft, auch 15 Offiziere, unter ihnen der Major Graf Anhalt. Erst 
in seinen Winterquartieren am 1. März 1760 erhielt das Regiment 
Rekruten und konnte wieder auf 3 Bataillone gesetzt werden. 

Auch der Feldzug 1760 war für das Regiment kein glücklicher. 
Die starken Verluste, besonders an Offizieren, hatten das Regiment 
augenscheinlich sehr stark in seinem moralischen Halt erschüttert; 
so kam es, dafe es sich bei der Belagerung von Dresden in den 
Laufgräben am 21. Juli nächtlicher Weise überfallen liefs und 
aufser dem Verlust an Toten und Verwundeten, der sich auf 

3 Offiziere, 79 Mann belief, noch 2 Offiziere und 265 Mann an 
Gefangenen einbüfste. (Der erzürnte König befahl, dafs dem Regi- 
ment verboten werde, den Grenadiermarsch zu schlagen, die Offiziere 
verloren ihre Huttressen, die Gemeineu ihre Bandlitzen auf den 
Uniformen und die Pallasche. Der Verfasser unserer Regiments- 
Geschichte verschweigt dieses historisch verbürgte Faktum; er sagt 
nur, dafs der König nach der Liegnitzer Schlacht, die 3 Wochen 
nach diesem Vorfall stattfand, dem Regimente für seineu Eifer 
danken liefs. Thatsächlich hat der König demselben, in Aner- 
kennung bewiesener Tapferkeit, hier das Verlorene wieder gegeben. 
D. V.) Der Abgang des Regiments an Offizieren war zur Zeit der 
Belagerung von Dresden so bedeutend, dafs der König sich genötigt 
sah, demselben 2 Majore, 3 Kapitäns und 6 Lieutenants von anderen 



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Eine preußische Ilegiments-Geschichtc aus dem Jahre 1767. 293 

Regimentern als »Hfilfsoffiziere« zu schicken. An der Schlacht von 
Liegnitz hat das Regiment mit Auszeichnung Teil genommen; es 
mufste nach der Schlacht wieder auf 2 Bataillone formiert werden. 
Unter der Anführung seines Chefs hatte das Regiment Laudon's 
Infanterie geworfen und die Reiterei desfelben mit dem Bajonett 
angegriffen. Friedrich sagte ihm öffentlich seinen Dank und gab 
ihm alle seine Ehrenzeichen nieder. Da nahm der Flügelmann der 
Leib-Compagnie, Fauser, das Wort und sprach: ich danke Euer 
Majestät im Namen meiner Kameraden, dafo Sie uns unser Recht 
zukommen lassen! Euer Majestät sind doch nun wieder unser 
gnädigster Kouig? Friedrich war tief gerührt über diesen Vorgang 
und Fauser (der noch 1789 in Halle als Kammerbote lebte) wurde 
zum Sergeanten ernannt. 11 ) Major v. Troschke, der als Hülfs-Offizier 
das 3. Bataillon kommandierte, wurde Oberstlieutenant bekam den 
Orden pour le merite und ein Geldgeschenk von 1000 Thalern. 
Kapitän von Reibnitz wurde Flügeladjutant und — ward mit dem 
Major v. Wartenberg zum Fuhrwesen gesetzt, eine nach unseren 
Begriffen etwas seltsame Auszeichnung für Flügeladjutanten. An 
der Torgauer Schlacht haben nur die Grenadiere Teil genommen, 
sie verloren 3 Offiziere und viele Leute. In den Winterquartieren 
verstärkte sich das Regiment durch Nachschub so, dafs es wieder 
auf 3 Bataillone gebracht werden konnte; das zweite Bataillon, 
welches bei Liegnitz seine Fahnen verloren hatte, bekam neue. 

Das Winterlager wurde 1761 sehr" spät, erst zu Ende April 
verlassen. Das Regiment fand in diesem thatenlosen Feldzugsjahre 
keine Gelegenheit, sich hervorzuthun. Wir finden es mit Ende des 
Jahres in den Winterquartieren zu Neifse. 

Am 10. Mai 1762 verlief» das Regiment die Winterquartiere; 
am 23. »stellte es sich auf dem Waffenplatze, machte einen Kreis, 
präsentierte das Gewehr, worauf der zwischen Preufsen und Russland 
geschlossene Frieden öffentlich bekannt gemacht wurde; dann ward 
das Gewehr bei Fufe genommen und eine Dankpredigt gehalten.« 
— Vom 1. Juni wird berichtet: »Das Regiment mufste frisch 
laden und alle unnütze Weiber wegschaffen«.**) Am 17. Juni 
wurden »von uusern Generals, Adjutanten und ganze Kavallerie 

*) (M. s. „Die Regierung Friedrich des Grofeeu, ein Lesebuch für Jedermann. 
Halle 1789—1790, Bd. 6 S. 335.) 

**) Ein ähnlicher Befehl ist wiederholt erlassen worden ; die Soldatenweiber, 
deren meistens nur 5 bei jeder Compagnie ins Feld folgen durften, waren ein 
lustiges Anhängsel des ohnehin schon grofsen Trofses der fridericianischen Regi- 
menter. Vergl. Jahrbücher Bd. XL VII S. 304. 



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294 Eine preufsische Regiments-Geschichte aus dem Jahre 1767. 



Federbüsche eingeführt; auch die Jäger uud Freibataillons (diese 
wohl, weil sie meist auf Vorposten standen. D. V.) sollten solche 
tragen, damit sie den mit uns fechtenden russischen Völkern kennt- 
lich waren«. — Am 21. Juni wurden die Verschanzungen von 
Leutmannsdorf erstürmt; das Regiment nahm daran einen sehr 
ehrenvollen Anteil. Es hatte an 30 Tote und 200 Verwundete. 
Oberst v. Troschke, der als »Hülfsoffizier« das zweite Bataillon 
kommandierte, blieb. Oberst v. Berner und Major v. Buddenbrock 
erhielten den Orden pour le merite. Das Regiment wurde dann 
zur Belagerung von Schweidnitz herangezogen; fast täglich befanden 
sich ein oder zwei Bataillone desfelben in den Laufgräben; das 
Regiment hatte wiederum erhebliche Verlusle in dieser »sehr saureu« 
Belagerung. Es verlor 11 Offiziere au Toten und Verwundeten. 
Am 11. Oktober kapitulierte Schweidnitz, am 12. ward eine Dank- 
predigt gehalten. — Die Grenadiere habeu in diesem, letzten, Feld- 
zuge des siebenjährigen Krieges keine Gelegenheit zu besonderer 
Thätigkeit gehabt. Am 15. Februar wurde der Frieden zu Huberte- 
burg geschlossen und am 2. und 3. März rückte das Regiment in 
Halle wieder ein; freilich nur sehr wenige derjenigen Offiziere und 
Mannschaften, welche im Sommer 1756 mit dem Regimente ins 
Feld zogen, mögen an dem am 7. März 1763 gefeierten Dankfeste 
Teil genommen haben. Das Regiment verlor im Verlaufe der drei 
schlesischen Kriege 59 Offiziere, welche blieben oder au ihren 
Wundeu starben; etwas über 100 wurden verwundet. Die Verluste 
au Unteroffizieren und Mannschaften lassen sich mit völliger Ge- 
nauigkeit nicht angeben, doch müssen sie sich nach den angeführten 
Zahlen auf 3 bis 4000 mindestens belaufen; es ist dies fast das 
Doppelte seiner Etatsstärke. *) Diese Zahlen beweisen besser wie 
Worte, mit welchem Heroismus das Regiment Anhalt gefochten 
hat; »ihre Thatcu«, so schreibt der Verfasser unserer Regiments- 
Geschichte in der Einleitung, »verdienen zwar unsere Bewunderung, 
aber zugleich unsere Liebe und Dankbarkeit.« 



*) Da« Regiment „Markgraf Carl" Nr. 19, dessen genaue Verlustlisten uns 
vorliegen, verlor in den drei schlesischen Kriegen an Getöteten und Verwundeten 
105 Offiziere und 3714 Mann (da?on tot 14 Offiziere, 906 Mann), also bei Weitem 
mehr als das Doppelte seiner etwa 1500 Mann betragenden Etatsstärke. Die 
blutigsten Schlachten für dieses Regiment waren Prag und Cuncrsdorf; es bfifste 
22 Offiziere, 755 Mann. bezw. 20 Offiziere, 1093 Mann an diesen beiden Tagen 
ein! Das brave Regiment ist dasfelbe, dessen der König nach der Schlacht von 
Leuthen in einem Briefe an General Finck mit den rühmenden Worten Erwähnung 
thut: „Carl und Münchow haben Wunder gethan". — 



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Eine preufsische Reginiente-Geschichte ans dem Jahre 1767. 205 



Der nächstfolgende Paragraph des Werkes giebt die Biographien 
der Inhaber des Regiments; es hat bis zum Jahre 1766 nur sieben 
gehabt, deren zum Teil schon Erwähnung geschehen ist. Auf den 
»Dessauer« folgte nach dessen 1747 erfolgten Tode in der Würde 
des Inhabers sein Sohn Fürst Leopold Maximilian und nach diesem 
1751 Fürst Leopold Friedrich Franz im jugendlichen Alter von 
11 Jahren; er nahm an den Feldzügen 1756 und 1757 als Frei- 
williger, in der Suite des Fürsten Moritz von Anhalt, Teil, erbat 
aber und erhielt seiner Kränklichkeit halber im Oktober 1757 seine 
Entlassung. Im Januar 1758 erhielt General vou Kahlden das 
Regiment; derselbe starb aber bereits im Oktober dieses Jahres an 
den Folgen seiner bei Zorndorf erhaltenen Wunden (er liegt in der 
Berliner Parochial- Kirche in der Kloster-Strafee begraben. D. V.). 
Am 28. Februar 1759 wurde Fürst Franz Adolph zu Anhalt- 
Bernburg Inhaber des Regiments (derselbe blieb Chef bis zu seinem 
im Jahre 1784 erfolgten Tode. D. V.). 

Ein folgender Paragraph beschäftigt sich mit »Inhabern der 
einzelnen Compagnien«. Für jede Compagnie ist das Stiftungsjahr, 
die Troddelfarbe und der Name des Inhabers genau verzeichnet. 
Chef der 1. oder Leib-Compaguie war von jeher der Regiments-Chef; 
die übrigen Stabsoffiziere wurden Chefs irgend einer gerade vakant 
gewordenen Compagnie; nach dem Friedensschlüsse wurde es Sitte, 
dafs die Stabsoffiziere, wenn sie zu einem anderen Bataillon versetzt 
wurden, ihre Compagnien mit nahmen. Die Grenadiere hatten 
niemals andere Chefs als ihre Kapitäns, vermutlich weil sie im 
Kriegsfalle aus dem Regiments- Verbände schieden. Die Farben- 
Skala der Compagnie-Troddeln war der Nummer nach folgende: 
weife, schwarz, grün, grau, rot, hellblau, braun, hellgelb, orange, 
duukelblau, rot-weifs, blau-weife, schwarz- weife, grau- weife; die Gre- 
nadiere: weife, rot- weife, grün- weife. 

Den Schlufe des Werkes machen die 327 biographischen Skizzen 
sämtlicher von 1706 bis 1767 dem Regimente angehörenden Offiziere, 
ferner 75 derjenigen Offiziere, welche am 18. August 1767 beim 
Regimente gestanden haben, endlich die der 8 Regiments-Quartier- 
meister, 10 Feldprediger, 6 Auditeure und 5 Regiments-Feldscheerer 
in dem vorerwähnten Zeiträume. 113 Buchseiten sind diesen 
biographischen Skizzen gewidmet, was wohl für die Ausführlichkeit 
derselben spricht. Es ist in diesem nicht am wenigsten interessanten 
Teile unserer Regiments-Geschichte ein sehr schätzbares Material für 
die Heeresgeschichte enthalten. Wie es mit den Avancements- Ver- 
hältnissen, dem Pensions- und VersnrgungswesfMi der Offiziere bestellt 



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206 



Eine preußische Regiments-Geschichte aus dem Jahre 1767. 



war, gehet aus den sehr genauen Notizen hervor. Nicht allein die 
Herkunft, das Geburt«- und Todesjahr der Offiziere, sondern auch 
ihrer Angehörigen, der Eltern, Frauen und Kinder werden, wenu 
auch nicht in jedem einzelnen Falle, mitgeteilt; nicht minder die 
militärischen Erlebnisse, Daten der Beförderung, Verwundungen, 
Auszeichnungen und sonstige Schicksale jedes Offiziers. 

Aus der Fülle des Gebotenen heben wir bezüglich des Avancements 
hervor, dals dasfelbe im Frieden ein keineswegs sehr schnelles war. 
Nach dem Diensteintritte brauchte man durchschnittlich 4 Jahre, 
auch bis zu 9, um die unterste Offizier-Charge, die des Fähnrichs, 
zu erreichen; 2 bis 10 bis zum Sekond-Lieutenaut, ebensoviel bis 
zum Premier-Lieutenant und Kapitän; in dieser Charge verblieb man 
5 bis 13 Jahre, Major und Oberstlieutenaut 4— G Jahre. Anch im 
Kriege war das Avancement trotz der grofeen Verluste meistens 
kein besonders rasches. Oberst von Haake mutete 1756 als Grenadier- 
Kapitän ins Feld und kehrte 1763 als Major zurück, ebenso Oberst- 
lieutenant von Anklam. — Es verdient noch besonders bemerkt zu 
werden, dafs unter den 327 Offizieren der Periode von 1706 — 1767 
sich 33 bürgerliche Namen befinden, sämtlich in der Lieutenants- 
und Kapitäns-Charge. Es widerspricht dies der landläufigen Annahme, 
als seien zu Friedrichs d. Gr. Zeiten Bürgerliche bei den Infanterie- 
Regimentern nicht zu Offizieren befordert worden. Diese Be- 
förderungen fanden nicht allein im Kriege, sondern auch im Frieden 
statt und betreffen entweder studierte Leute, oder aber tüchtige 
diensterfahrene Unteroffiziere, von denen manche erst nach 30jähriger 
Dienstzeit zum Fähnrich befördert wurden, manche auch mit Über- 
springung dieser Charge gleich zum Sekond-Lieutenaut. Die meisten 
dieser bürgerlichen Offiziere wurden übrigens nach dem Friedens- 
schlüsse zu Garnison-Regimentern versetzt, welche auch als Ab- 
lagerungsort für viele Freicorps-Offiziere dienten; andere wieder 
erhielten eine Civil- Versorgung. 

Wenn ein Offizier mit Pension verabschiedet wurde, so wird 
dies, da es reine Gnadensache war, besonders erwähnt; dagegen war 
die Versorgung im Civil-Dienste eine sehr häufige und auskömmliche. 
Als Landräte, Direktoren der landständischen Kammern, Münz- 
Direktoren, Postmeister, Steuerräte, Obersalz-Inspektoren , Accise- 
Eiunehmer, Pagenhofmeister u. s. w. werden die invaliden Offiziere, 
auch zum Nutzen der dadurch entlasteten Staatskasse, gut versorgt. 

Mit Ordensverleihungen war der König sehr sparsam. Dies geht 
daraus hervor, dafs nur 7 Offiziere des Regiments, trotz der mehreren 
100 Schlachten, Gefechte und Belagerungen, den Orden pour le 



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Eine preußische Regiments-Geschichte aua dem Jahre 1767. 



291 



merite erworben habeu, unter ihuen der Verteidiger von Colberg, 
Oberst von der Heyde. Letzterer erhielt übrigens für seine Ver- 
teidigung dieser Festung vom Konige noch eine andere Belohnung. 
Medaillen, welche genau beschrieben werden, hatten einige Patrioten 
zur Verewigung dieser Verteidigung und des Entsatzes der Festung 
mit königlicher Erlaubnis auf Oberst von der Heyde und General 
von Werner prägen lassen. Eine derselben in Golde war es, die 
der König dem Oberst von der Heyde einhändigen liefs, begleitet 
von einem gnädigen, dem Wortlaute nach mitgeteilten königlichen 
Handschreiben. 

Von den 75 Offizieren, welche im Jahre 1767 beim Regimente 
stauden, sind im Ganzen 30 vor dem Feinde verwundet worden, 
viele mehrere Male; nur 2 besafsen den Orden pour le merite, Oberst 
von Haake, der ihn für Lowositz erhielt, desgleichen Oberstlieutenant 
von Buddenbrock für Leutmannsdorf. 20 Offiziere des Regiments 
sind aus dem Kadettencorps hervorgegangen, 4 haben studiert. 
8 Offiziere des Regiments waren verheiratet, von den Lieutenants 
(mit Ausnahme eines einzigen, welcher erst im Alter von 49 Jahren 
zum Offizier befördert wurde) keiner; auch in dieser Hinsicht haben 
die Zeiten sich geändert! 

In einem Schlufs-Paragraphen werden die 7 Regimente-Quartier- 
meister aufgeführt. Ehemals versahen Stabs-Kapitäns oder Premier- 
Lieutenants diesen Posten, später, seit Friedrieh Wilhelm I. nahm 
man studierte Leute, mehrfach Auditeure. Von den 10 Feldpredigern 
war der eine, hier namhaft gemachte, nach vollbrachten Studien 
G bis 7 Jahre Soldat und wurde erst durch Fürst Leopold von 
Dessau aus dem Gliede gezogen und zum Feldprediger ernannt. 
In Ermangelung eines solchen verrichtete, so sagt die Regiments- 
Geschichte, wiederholt ein Grenadier das Amt eines solchen und 
zwar, wie besonders bemerkt wird, »mit vielem Beifall«. Zum Schlufs 
werden noch die 6 Auditeure (gelernte Juristen) und 5 Regiments- 
feldscheere namentlich aufgeführt. 

Das merkwürdige und in seiner Art wohl seltene Buch schliefst 
der Verfasser mit dem patriotischen Wunsche: »es müsse dieses 
Regiment, welches bereits über 100 Jahre das Vaterland beschützet 
und die preufsischen Gerechtsame verfochten, noch lange Jahre der 
Schrecken der preufsischen Feinde und der Beschützer aller treuen 
königlichen Unterthanen bleiben!« — 

Der Wunsch des Verfassers ist nur zum Teil in Erfüllung 
gegangen. Von den ferneren Schicksalen des Regiments wissen wir, 
dafs es dem bayerischen Erbfolgekriege und dem Feldzuge 1792 in 



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298 



Die kriegsmäfaipe Ausbildung 



Frankreich beiwohnte. Bei Beginn des Feldzuges 1806 wurde es, 
dessen Chef damals General Renouard, nach Höpfner der Division 
des Centrums zugeteilt; es focht bei Auerstädt und ist in der 
Katastrophe dieses Jahres zu Grunde gegangen. 



XX, 

Die kriegsmäßige Ausbildung der Offiziere 
des Beurlaubtenstandes. 

Die Ausbildung uuserer Offiziere des Beurlaubtenstandes ist in 
neuerer Zeit in militärischen Zeitschriften und Broschüren, ja sogar 
in der Tages-Presse vielfach zum Gegenstande eingehender Be- 
sprechungen gemacht worden. Den Ausgangspunkt für alle diese 
Abhandlungen bildete die Erwägung, dafs die Offiziere der Reserve 
und Landwehr, um im Kriege sei es bei der Feldarmee oder bei den 
Besatzung«- und Ersatz-Truppen den an sie herantretenden An- 
forderungen zu genügen, eiue gute Ausbildung erhalten müssen und 
dafs noch manches auf diesem Gebiete verbessernngsfähig ist. 

In der That ist die angeregte Frage von ganz hervorragender 
Wichtigkeit für die Schlagfertigkeit und Kriegstüchtigkeit unserer 
Armee, und man kann bei Prüfung der bestehenden Verhältnisse 
nur beistimmen, dafs hier noch gröfsere Leistungen als bisher erzielt 
werden können. 

Vergegenwärtigt man sich den Ausbildungsgaug der Offiziere 
des Beurlaubtenstaudes bis ins Einzelne, so mufs man sich sagen, 
dafs es allerdings aufserordentlich schwierig ist, in der gegebenen 
kurzen Ausbildungszeit einen im Kriege brauchbaren Offizier heran- 
zubilden. Im Laufe eines Jahres soll der Einjährig-Freiwillige, 
welcher seit früher Jugend die Schulbank gedrückt hat und bis 
dahin nur selten iu der Lage war, seinen praktischen Blick fürs 
Leben zu üben, den »praktischen Dienst« eines Gemeinen und 
Unteroffiziers erlernen. 

Ist dies schon an und für sich eine schwierige Aufgabe, so 
müssen die erzielten Ausbildungs- Resultate dadurch wieder beeiu- 



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der Offiziere des Benrlaubtenstandcs 



200 



trächtigt werden, dafs der mit dem Qualifikations- Attest zum Reserve- 
Offizier entlassene Reserve-Unteroffizier auf kürzere oder längere 
Zeit in der Regel jede Beschäftigung mit militärischen Dingen 
aufgiebt und einen Teil des Erlernten naturgemäß; wieder vergifst. 

Wenn dann der Reserve-Offizier-Aspirant später zu einer sochs- 
bis achtwöchentlichen Übung eingezogen wird, so hat er zunächst 
das Vergessene wieder zu erlernen. Gleichzeitig soll er sich aber 
auch die Kenntnisse eines Subaltern-Offiziers erwerben, um die 
Qualifikation zur Beförderung zu erlangen. Acht Wochen siud hier- 
für eine kurze Zeit; allein man mufs zugeben, dalis das Gesetz die 
Übungszeit nicht wohl länger ansetzen konnte, ohne die in Frage 
koramendi n jungen Leute in ihren bürgerlichen Interessen erheblich 
zu schädigen. Hat der Reserve-Offizier-Aspirant dann allen An- 
forderungen entsprochen und ist er nach erlangter Qualifikation zum 
Reserve-Offizier befördert, so beträgt seine aktive Dienstzeit 1 Jahr 
2 Monate. Mit den Kenntnissen und der Routine, welche er inner- 
halb dieser Dienstzeit im Stande war sich anzueignen, wird von 
ihm verlangt, dafs er im Kriege einen Zug in allen Verhältnissen 
zu führen versteht, dafs er der Vorgesetzte von diensterfahrenen 
Unteroffizieren und von Mannschaften ist, welche teilweise drei Jahre 
bei der Fahne gedient haben. 

Verfolgen wir den regelmäfsigen Verlauf der militärischen 
Dienstpflicht weiter, so verbleibt der Offizier des Beurlaubtenstandes 
von seiner Entlassung aus dem aktiven Heere an sechs Jahre in 
der Reserve und fünf Jahre in der Landwehr. 

Während des Reserve- Verhältnisses kann der Offizier dreimal 
zu vier- bis achtwöchentlichen Übungen herangezogen werden. Nimmt 
man an, dafs dies in vollem Umfange geschieht, so hat der Reserve- 
Offizier beim Übertritt zur Landwehr, einschließlich der erstgenannten 
Übung von acht Wochen, im Ganzen ein Jahr und acht Monate 
bei der Fahne zugebracht. 

Während des Landwehr- Verhältnisses kann der Offizier zu den 
jährlichen Übungen, also im günstigsten Falle fünfmal, auf zwölf bis 
vierzehn Tage oder im Ganzen auf rund zwei Monate herangezogen 
werden. Beim Ausscheiden aus der Landwehr beträgt also die 
wirkliche aktive Dienstzeit bei der Truppe im Ganzen ein Jahr und 
zehn Monate. 

Bei dieser Berechnung ist von etwaigen freiwilligen Dienste 
leistungen, welche bekanntlich zulässig sind, abgesehen, auch keine der 
im Paragraphen 29, 2 der Kontrol-Ordnung für Landwehr-Offiziere vor- 
gesehenen Übungen behufs Darlegung der Befähigung zur Weiter- 

Jahrbfebar für dio Deuticbo Arme« und Mario«. Bd. LII« X gl 



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300 



Die kriegsmifrige Ausbildung 



beförderung in Anrechnung gebracht worden, weil das Dienstalter 
des Landwehr-Offiziers bei Erfüllung der Dienstpflicht rund zehn 
Jahre beträgt, — bei den heutigen Avancements- Verhältnissen aber 
der aktive Offizier, demnach auch der Offizier des Beurlaubtenstandes, 
im Allgemeinen mehr als zehn Jahre gebraucht, um die Charge des 
Premier- Lieutenants zu erreichen.*) Es würde also eine der letzt- 
erwähnten Übungen erst dann zur Sprache kommen, wenn der 
Landwehr- Offizier freiwillig über die gesetzliche Zeit hinaus im 
Beurlaubtenstande verbleibt. 

Die Dienst-Routine, welche der Reserve- bezw. Landwehr- 
Offizier in den berechneten ein Jahr und zehn Monaten — (in der 
Wirklichkeit ist die Zeit meist noch kürzer) — sich angeeignet hat, 
mufe ihm die Fähigkeit geben, die Stelle des« ältesten Sekond- 
Lieuteuants oder auch des Premier-Lieutenants in einer Compagnie 
im Kriege auszufüllen. Verbleibt der Landwehr-Offizier, wie dies 
meist geschieht, über die gesetzlich vorgeschriebene Zeit in der 
Landwehr, bis er zum Hauptmann befördert wird, so mufe er nach 
Vorstehendem je eine Übung von acht Wochen behufs Darlegung 
der Befähigung zum Premier-Lieutenant und Hauptmann absolvieren. 
Die letztere Charge wird im Allgemeinen mit einer Dienstzeit als 
Offizier von fünfzehn bis sechszehn Jahren erreicht.*) Der Land- 
wehr-Offizier würde also fünf bis sechs Jahre über die gesetzliche 
Dienstzeit hinaus freiwillig in der Landwehr verbleiben müssen, um 
zum Hauptmann befördert werden zu können. Da er in dieser Zeit 
zwei »Beförderungs-Übungen« absolviert, so kann er noch zu drei 
bis vier Landwehr-Übungen von zwölf bis vierzehn Tagen heran- 
gezogen werden. 

Im Ganzen würde also in diese freiwillige Dienstzeit von fünf 
bis sechs Jahren eine Übungszeit von rund fünf Monaten fallen. 

Bei seiner Beförderung zum Hauptmann würde der Landwehr- 
Offizier also eine Gesamt-Dienstzeit bei der Fahne von zwei Jahren 
und drei Monaten zurückgelegt haben und mufs in dieser Zeit sich 

•) Die Patente der ältesten Sekond-Lieutenanta sind nach der am 1. Juni 
1884 abgeschlossenen Anciennetfitsliste : Infanterie und Kavallerie 16. 10. 73; 
Feldartillerie 12. 2. 74; Pufsartülerie 12. 2. 76; Ingenieur-Corps und Eiaenbahn- 
Regiment 12. 10. 75; Train 17. 9. 72. — Weniger als zehn Jahre gebraueben 
al&o nur die Sekond-Lieutenants der Fufsartillerie, des Ingenieur-Corps und des 
Eisenbahn-Regiments. 

**) Die Sekond-Lieutenants-Patente der ältesten Premier-Lieutenants sind nach 
der am 1. Juni 1884 abgeschlossenen Auciennetatsliste : Infanterie 14. 12. 68; 
Kavallerie 14. 10. 69; Feldartillerie 23. 7. 68; Fufsartillerie 21. 9. 70; Ingenieur- 
Corps 8. 9. 70; Eisenbahn-Regiment 29. 4. 71; Train 14. 4. 68. — 



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I 



der Offiziere des Beurlaubtenstandes. 301 

die Dienstkenntnisse angeeignet haben, um im Kriege eine Com- 
pagnie D. s. w. unter allen Verhältnissen fuhren zu können. 

Wenn man diese, auf Grund der thatsächlich bestehenden 
Verhaltnisse gewonnenen Zahlen, dafs bei einer mobilen Com- 
pagnie — wenn auch nicht gleichzeitig — der jüngste Sekond- 
Lieutenant ein Jahr zwei Monate, der älteste Sekond- Lieutenant 
ein Jahr zehn Monate, der Premier-Lieutenant zwei Jahre und der 
Hauptmann zwei Jahre und drei Monate aktiv gedient haben können, 
mit den Anforderungen vergleicht, welche an die einzelnen Chargen 
im Ernstfalle gestellt werden müssen, — so ist die Erwägung der 
Frage gewifs berechtigt: Wie steht es mit der Ausbildung der 
Offiziere des Beurlaubtenstandes? 

Der Offizier des Beurlaubtenstandes soll nach unserer Wehr- 
verfassung nur die Stellen bis einseht ielslich Hauptmann bekleiden, 
zu deren Besetzung die Zahl der aktiven Offiziere nicht ausreicht. 
Wir müssen also bei unseren Betrachtungen annehmen, dafe in einer 
mobilen Compagnie eines Linien- Bataillons etwa nur ein Reserve- 
Offizier und in einer mobilen Landwehr-Compagnie mindestens ein 
Linien -Offizier vorhanden ist. Es würde also bis zur Compagnie 
herab immer ein Berufs-Offizier, sei es als Führer oder als Berater, 
vorhanden sein. 

Dies gilt aber nur von der ersten Besetzung der Stellen, und 
schon nach der ersten Schlacht können bereits eine Anzahl mobiler 
Compagnien ohne Berufs- Offizier sein, jedenfalls werden dann viele 
Offiziere des Beurlaubtenstandes Führer mobiler Compagnien sein. 

Stellt man an die Letzteren die denkbar geringsten Anfor- 
derungen, so liegt auf der Hand, dafe es schwer ist, denselben zu 
genügen, wenu die Gesamt-Dienstzeit bei der Fahne mit vielen 
Unterbrechungen selbst zwei Jahre und drei Monate beträgt. 

Ein junger Offizier lernt erfahrungsgemäfs in den ersten drei 
Jahren lediglich und ist für den Compagnie -Chef in Betreff der 
Ausbildung der Mannschaft von äufeerst geringem Nutzen. Seine 
eigentliche Lernzeit beträgt also einschliefelich der Dienstzeit als 
Avantageur und Portepee- Fähnrich vier bis fünf Jahre. Bis der 
Subaltern-Offizier aber für fähig erachtet wird, eine Compagnie zu 
führen, hat er im Allgemeinen zehn bis fünfzehn Jahre Dienstzeit 
zurückgelegt. 

An den Offizier des Beurlaubtenstandes, der für sich ein ge- 
reifteres Lebensalter uud gröfeere Lebenserfahrung in Anspruch 
nehmen darf, sind selbstverständlich auch nicht im entferntesten 
gleiche dienstliche Anforderungen zu stellen wie an den Berufa- 

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302 



Die kriegsm&fsige Ausbildnng 



Offizier. Aber darüber herrscht nnr eine Stimme, dafs die Aus- 
bildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes erheblich verbesserungs- 
fähig ist, jedoch über das »Wie« gehen. die Meinungen weit aus- 
einander. 

Es sind hierüber die unglaublichsten Sachen geschrieben worden, 
welche die bedauernswerte Erscheinung bestätigen, dafs wir hier und 
da anfangen, theoretischen Künsteleien nachzugehen, welche in der 
Regel eine Frucht langer Friedensjahre sind. 

So wurde vor einiger Zeit in einem Aufsatze empfohlen, die 
Reserve- uud I>andwehr-Offiziere in das Divisionsstabsquartier oder 
nach dem Sitz des General-Kommandos einzuberufen, um sie dort in 
Vortragen, beim Kriegsspiel, sowie bei theoretischen Übungen im 
Terrain (nach dem Muster der Generalstabs-Ubungsreisen) in der 
Truppenführung auszubilden. Begründet wurde der Vorschlag vor- 
zugsweise durch den vergleichenden Hinweis auf die Ausbildung 
des aktiven Offiziers in den Kriegsschulen. Lasse man den Reserve- 
Offizier nicht eine ähnliche, wenn auch abgekürzte Schule durch- 
machen, so könne mau unmöglich verlangen, dafs er im Kriege mit 
dem Berufs-Offizier in den unteren Führerstellen den »gleichen 
Strang ziehe«. 

Die Antwort auf diesen Vorschlag geben wir weiter unten, im 
Zusammenhang mit der Beurteilung der Vorschlage, welche das 
Militär-Wochenblatt (Nr. 30 d. Js.) in einem Aufsatze »Gedanken 
über die Ausbildung unserer Offiziere des Beurlaubten- 
standes« gebracht hat. Der Verfasser dieser Abhandlung kommt 
nach eingehender Beweisführung über die Unzulänglichkeit der 
Ausbildung unserer Reserve- pp. Offiziere zu folgenden Vorschlägen: 

»Die Ausbildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes findet 
statt: 

A. bei dem Truppenteil, dem sie angehören; 

B. bei dem Bezirks-Kommando, dem sie überwiesen sind. 

A. Ausbildung bei dem Truppenteil. 

1. Jeder Offizier des Beurlaubtenstandes hat bei der Truppe 
einen Unterrichtskureus von 21 Tagen durchzumachen, welcher mit 
einem Examen abschliefst. 

2. Der Übungskursus wird in den Monaten Oktober bis Januar 
abgehalten. 

3. Das Ergebnis des Examens entscheidet, ob der Betreffende 
zur Dienstleistung bei den nächsten Herbstübungen herangezogen 
werden soll, oder die Einberufung zu einem zweiten Ühungskursus 
erforderlich ist. 



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der Offiziere des Benrlaubtenstandes. 



303 



4. Nur der Offizier darf zur Beförderung in Vorschlag gebracht 
werden, welcher eine Herbstübung bei der Truppe mit Erfolg mit- 
gemacht hat. Der betreffende Truppenteil hat sich darüber gut- 
achtlich zu äufsern. 

5. Iu jeder neuen Charge ist die Beiwohnung eines Übungs- 
kursus und die Dienstleistung während einer Herbstübung erforder- 
lich. Ein Examen findet nicht mehr statt. 

B. Ausbildung bei dem Bezirks-Komraando. 

1. Am Sitz des Bezirks-Kommandos finden in jedem Monat ein 
Mal militärische Versammlungen statt, in welchen militärische 
Vorträge von nicht über einstündiger Dauer gehalten werden; an 
Stelle derselben kann auch Kriegsspiel stattfinden. 

2. Jeder Offizier hat jährlich eine militärische schriftliche 
Arbeit, nicht über einen Bogen stark, dem Bezirks-Commandeur 
einzureichen, welcher dieselbe rein sachlich zu beurteilen hat. 

3. Von der Arbeit ad 2 sind entbunden: 

a) diejenigen Offiziere, welche die Vorträge ad 1 halten, sowie 

b) diejenigen, welche in dem Jahre eine Herbstübung mit- 
gemacht haben. 

4. Die Themata zu den Vorträgen und Arbeiten stellt der 
Bezirks-Commandeur, dieselben sollen die Obliegenheiten des Sub- 
altern-Offiziers im Felde sowie die Abänderungen in den Reglements 
und Dienstvorschriften zum Gegenstand haben. 

5. Der bisher durch die Offizierversammlungen mit Erfolg 
angestrebte Zweck: Belebung des Standesbewufstseins und Stärkung 
der Kameradschaft, darf durch die Förderung des railitär-wissenschaft- 
lichen Interesses nicht iu den Hintergrund gedrängt werden. « — 

Wir wollen die Motivierung dieser Vorschläge seitens ihres 
Erfinders nicht im Einzelnen wiedergeben und uns diesbezüglich 
nur auf die Begründung der Erfindungen unter B beschränken: 
»Vorträge und schriftliche Arbeiten sollen den Anlafs geben, durch 
Erinnerung und Nachdenken über die dienstlichen Obliegenheiten 
im Wissen und Können auch während des inaktiven Verhältnisses 
kriegsfertig sich zu erhalten. Dem Bezirks-Commandeur liejrt es 
ob, in sinngemäßer Weise leitend einzugreifen.« 

Wenn der Arzt einen Kranken heilen oder seine Leiden 
wenigstens lindern will, so mufs er zunächst die Natur der Krank- 
heit studieren und richtig erkennen. Alsdann kann er erst die 
passenden Mittel wählen. 

Nach unserem Dafürhalten, und wir befinden uns wohl hierin 
im Einklang mit der Mehrzahl der Berufs- und Nichtberufs-Offiziere, 



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304 



Die kriegnn&fBige Anabildung 



fehlt den letzteren die Routine, welche von einem Truppenfuhrer 
verlangt werden raufe. Der Offizier soll, besonders im Kriegt-, 
schnell entschlossen sein und kurz handeln; er mufs in jedem 
Augenblicke die nötigen Befehle und Kommaudos abgeben können, 
ohne längere Überlegungen und Abwägung des Für und Wider. 
Selbstständige Eutschliefeungen auf Grund von allgemeinen Er- 
wägungen über die Kriegslage u. s. w. hat der niedere Truppen- 
fiihrer im Verlaufe eines ganzen Krieges sehr selten, ja fast niemals 
zu treffen. Er erhält einen kurzen Befehl, dem das kurze Kommando 
und die schnelle und richtige Ausführung in der Regel sofort folgen 
müssen. Dies lernt mau aber nur in langer Diensterfahrung, durch 
sorgfältige Schulung und Übung im praktischen Dienst. Der Offizier 
mag noch soviel Arbeiten — »nicht über einen Bogen starke — 
über die Führung einer Compagnie-Kolonne im Gefecht schreiben, 
ob er nachher im Stande ist mit der Compagnie unter möglichst 
geringem Verlust die befohlene Wegnahme eines Gehöftes aus- 
zuführen, das ist eine ganz andere Sache. Was unseren Offizieren 
des Beurlaubtenstandes fehlt, das ist die Schnelligkeit der richtigen 
Auffassung von Befehlen, die Promptheit und Accuratesse bei der 
Ausfahrung derselben, vor Allem auch der praktische Blick im 
Terrain, das Lesen des Terrains und die Orientierung in demselben 
mit und ohne Karte. Kurzweg: Die Praxis fehlt, nicht die 
Theorie. 

Deshalb suche man die Heilung auch in der Praxis und nicht 
in theoretischen Arbeiten und Vorträgen. Eine einzige selbst- 
ständig ausgestellte Feldwache nützt der kriegsmäßigen Ausbildung 
des Offiziers des Beurlaubteustandes mehr, als ein Dutzend Vorträge 
und Arbeiten, in welchen der Feldwachtdienst bis in alle Einzel- 
heiten auseinandergesetzt ist. Man halte aber Umfrage, wie viele 
Feldwachen ein Offizier des Beurlaubtenstandes während seiner 
Dienstzeit bei der Fahne selbstständig ausgestellt hat. Während 
seiner Übungen wurde ihm vielleicht bei kleineren Felddienstübungen 
Gelegenheit gegeben, eine Feldwache auszusetzen. Bei gröfseren 
Übungen und im Manöver liefe man ihn aber nie allein, aus Sorge, 
er möchte in Gegenwart des inspizierenden Vorgesetzten etwas 
falsch machen. 

Übt er die Obliegenheiten des Subaltern-Offiziers im Kriege 
nicht praktisch im Frieden, wo soll da die Routine herkommen?! 

Doch davon später. Zunächst möchten wir noch einige Worte 
auf die Vorschläge im Militär- Wochenblatt erwidern. 

Gesetzt den Fall, die theoretischen Vorträge, »von nicht über 



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der Offiziere des BetirlAubtenstandes. 



305 



einstündiger Dauer« — Kriegsspiel und Arbeiten, — »nicht über 
einen Bogen stark« — seien wirklich die richtigen Hülfsmittel, um 
die Ausbildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes zu fordern, so 
kann nur ein Verkennen der thatsächlichen Verhältnisse dazu 
fuhren, die Bezirks-Commandeure mit Stellung der Themata und 
Beurteilung derselben für alle Waffen beauftragen zu wollen. Es 
bedarf keiner weiteren Beweisführung, dafs die theoretische Aus- 
bildung durch schriftliche Arbeiten und Vortrage beim Bezirks- 
Kommando so theoretisch erdacht ist, dafe die praktische Ausführung 
vor lauter Theorie nicht möglich ist. 

Dies hat denn auch das Militär -Wochenblatt selbst in einer 
der nächsten Nummern (44) zur Sprache gebracht, indem es in 
einem F. v. F. unterzeichneten vortrefflichen Aufsatze näher aus- 
führte, was der Ausbildung unserer Offiziere des Beurlaubtenstandes 
Not thut und wie wenig die »Gedanken über diese Frage geeignet 
sind Abhülfe der Mifsstände zu schaffen«, noch überhaupt ausführbar 
erscheinen. 

Was wir von dem ersterwähnten Vorschlage: Errichtung einer 
Art Kriegsschule für Offiziere des Beurlaubtenstandes, halten, geht 
aus Obigem bereits hervor, doch ist die Idee wenigstens nicht 
unausführbar. Es würde uns nur leid thun, wenn die Zeit, während 
welcher der Offizier eingezogen ist, zur Theorie verbraucht und 
nicht für die Praxis nutzbar gemacht würde. 

Die in den »Gedanken u. s. w.« unter A erwähnten Abände- 
rungs- Vorschläge erscheinen uns wenig Neues zu bieten, jedenfalls 
nichts Besserndes. Ob die 21tägige Übung für alle Waffen zweck- 
mässiger Weise in die Monate Oktober bis Januar gelegt wird, 
bezweifeln wir. 

Indessen, genug von den Vorschlägen, welche mehr oder weniger 
in das Gebiet der »grauen Theorie« gehören; untersuchen wir in 
der Hand der Praxis, in welcher Weise die Förderung dieses Aus- 
bildungszweiges geschehen kann. — 

Wir hatten im Eingange unserer Besprechung nachgewiesen, 
dafs die wirkliche Dienstzeit des Offiziers des Beurlanbtenstandes 
bei der Fahne außerordentlich gering ist, und dafs schon deshalb 
das Ausbildungs-Resultat nur geringen Anforderungen entsprechen 
könne. 

Das nächstliegende Mittel zur Beseitigung dieses Übelstandes 
würde eine Verlängerung der Ausbildungszeit sein. 

Wir glauben nicht, dafs dies möglich ist, ohne die Betreffenden 
in ihrem bürgerlichen Berufe empfindlich zu schädigen. Würde 



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Die kriegsmäfsigc Ausbildung 



eine öftere und längere Einziehung der Offiziere des Beurlaubten- 
Standes stattfinden, so würde es mancher junge Mann vorziehen, 
auf die Beförderung zum Reserve-Offizier zu verzichten. 

Wir möchten übrigens dieses nächstliegende Auskunftsmittel 
auch schon deshalb aus dem Bereich unserer Betrachtungen fallen 
lassen, weil wir mit dem Bestehenden rechnen wollen, also mit der 
Ausbildungszeit, welche das Gesetz vorschreibt beziehungsweise 
zuläfst. 

Wenn also eine Verlängerung der Ausbildungszeit ausgeschlossen 
ist, so müssen wir versuchen durch intensivere und zweckmäfsigere 
Benutzung der gegebenen Zeit günstigere Resultate zu erzielen. Und 
hier ist nach unserem Dafürhalten der Hebel anzusetzen. 

Die Ausbildung der Offiziere des Benrlaubtenstandes kann der 
Zeit nach in drei, teilweise in einander greifende Perioden gegliedert 
werden : 

1. Die Ausbildung während des aktiven Dienstjahres als Ein- 
jährig-Freiwilliger ; 

2. die Ausbildung während der späteren Übungen; 

3. die Ausbildung im Beurlaubtenverhältnis. — 

1. Die Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen zu Offizieren 
der Reserve und Landwehr geschieht bei allen Waffen nach den 
Bestimmungen des Paragraph 19 der Rekrutieruugs-Ordnuug, aus 
welchen wir folgende Punkte hervorheben: 

Grundsätzlich erhalten die Einjährig -Freiwilligen ihre dienst- 
liche Ausbildung bei der Conipagnie, Escadron oder Batterie; nur 
insoweit, wie die Ausbildung bei diesen Truppen- Abteilungen nicht 
geschehen kann, erfolgt dieselbe durch hierzu kommandierte, be- 
sonders befähigte Offiziere. Nach eingetretener Beförderung erhalten 
die Gefreiten theoretischen und praktischen Unterricht über alle 
Dienstobliegenheiten des Offiziers und Unteroffiziers, sowie über die 
besonderen Standespflichten des Offiziers. 

Diese Bestimmungen sind in neuerer Zeit von verschiedenen 
Seiten als unpraktisch und verbesserungsbedürftig bezeichnet worden. 
Man behauptete, dafs die Einjährig- Freiwilligen djarch Befolgung 
der Vorschriften den Händen des Compagnie-Chefs entrissen würden, 
dafs die militärische Ausbildung dadurch geschädigt werde u. s. w. 

Nach unserem Dafürhalten sind die Bestimmungen des Para- 
graphen 19 der Rekrutierungs-Ordnung durchaus gut und zweck- 
entsprechend. Sie regeln die Ausbildung, soweit dies durch allge- 
meine Vorschriften überhaupt geschehen kann. Der einzuschlagende 
Weg wird im Allgemeinen vorgezeichnet, und es besteht der Spiel- 



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der Offiziere des Beurlaubtenstandcs. 



307 



räum, welcher mit Rücksicht auf die mannigfachen Verhältnisse bei 
den einzelnen Waffen und in verschiedenen Garnisonen nötig ist. 

Wenn die Einjährig-Freiwilligen in Bezug auf ihre Ausbildung 
der Compaguie entrissen werden, so wird den Bestimmungen direkt 
entgegengehandelt, welche ausdrücklich vorschreiben, dafs die Aus- 
bildung durch die Compaguie geschieht; nur insoweit die letztere 
dazu nicht im Stande ist, soll ein besonders befähigter Offizier die 
Ausbildung leiten. Die hier im Allgemeinen angedeutete Grenze 
nrufs vom Truppenteil (Regiment, Bataillon) gezogen werden und 
wird verschieden sein, je nach den Garnison-Verhältnissen u. dergl. 

In einer Universitätsstadt, wo bei jedem Einstelluugstermin eine 
gröfsere Anzahl von Freiwilligen bei demselben Truppenteil eintreten, 
empfiehlt es sich die sogenannte »Rekruten- Ausbildung« einem 
Offizier mit dem nötigen Lehrpersoual anzuvertrauen. Treten da- 
gegen nur wenige Einjährig-Freiwillige beim Truppenteil ein, so 
werden die Compagnien die erste Ausbildung selbst übernehmen. 

Jedenfalls kann die Compagnie von beendigter Rekruten-Aus- 
bildung ab die gesamte praktische Ausbildung des Eiujährig- 
Freiwilligen leiten und nur beim theoretischen Unterrichte würde 
eine Nachhülfe durch einen »Instruktions-Offizier« notwendig werden. 

Ist die Zeit für diesen Unterricht genau fixiert, dann sollten 
die bekannten Friktionen zwischen den Compagnie-Chefs und dem 
»Instruktions-Offizier« zur Unmöglichkeit gehören. Kommen dennoch 
Reibungen vor, so müssen die höheren Instanzen eingreifen; jeden- 
falls ist es Pflicht der letzteren, darüber zu wachen, dafs sowohl die 
Compaguie, wie der »Instruktions-Offizier« innerhalb des Rahmens 
bleiben, welcher ihnen durch die Spezial-Bestimniungen des Truppen- 
teils vorgeschrieben ist. Ein Beispiel möge Letzteres näher er- 
läutern. 

Wenn der theoretische Unterricht durch einen besonderen 
»Instruktions-Offizier« erteilt werden soll, dauu erscheint es unrichtig, 
die Einjährig-Freiwilligen, wie dies vielfach geschieht, grundsätzlich 
den täglichen Instruktionsstunden bei der Compagnie u. s. w. auch 
noch beiwohnen zu lassen. Es kann ja in einzelnen Fällen not- 
wendig werden, eine solche Anordnung zu treffen; wenn dieselbe 
aber grundsätzlich Platz greift, dann wirkt sie schädigend auf die 
Ausbildung, weil sie dem Einjährig-Freiwilligen die Lust und Liebe 
beim Dienst raubt. Es ist eine harte Probe für einen gebildeten 
Mann, täglich 1—2 Stunden zuzuhören, wie die einzelnen Iustruktions- 
Themata immer wieder von Neuem »eingetrichtert« werden. Wir 
meinen also, dafs die Instruktionsstunde außerhalb der Compagnie 



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Die kriegsmifeige Ausbildung 



liegt, und dafe diese den Einjährig-Freiwilligen nur in besonderen 
Fällen zu ersterer heranziehen sollte. 

Andererseits rauls der »Instruktions-Offizier« streng bei seiner 
Aufgabe bleiben und den Unterricht dem Zwecke entsprechend 
erteilen. 

Der leitende Gedanke mufs die Ausbildung für den Krieg 
sein. Diesem Gesichtspunkte wird in der Regel viel zu wenig 
Rechnung getragen, besonders auch in den gebräuchlichen Instruktions- 
büchern für Einjährig-Freiwillige. In denselben sind eine Menge 
Dinge enthalten, welche dem Letzteren für seine Kriegsausbildung 
wenig oder überhaupt nichts nützen; dagegen fehlen andere In- 
struktionszweige uud praktische Kriegslehren für den Unteroffizier 
und Offizier, welche dringend wünschenswert sein würden. 

Auch unsere Mannschafts- Instruktion bei den Truppenteilen 
könnte nach dieser Richtung einer gründlichen Reform unterzogen 
werden. 

Direktiven von den höheren Instanzen sind bei der Ausbildung 
der Einjährig-Freiwilligen sowohl für den Compagnie-Chef, wie für 
den »Instruktions-Offizier« erforderlich, und die Befolgung der 
ersteren raufe streng überwacht werden. 

Hiermit haben wir einen Punkt berührt, den wir — in Über- 
einstimmung mit dem Militär-Wochenblatt (Verfasser P. v. F.) — 
für aufserordentlich wesentlich halten: Die Befolgung des Para- 
graphen 19,4, Absatz 2 der Rekrutierungs-Ordnung. Es heilst dort 
nämlich: »Die höheren Vorgesetzten haben sich bei In- 
spizierungen von dem Stande der Ausbildung der Einjahrig- 
Freiwilligen zu überzeugen.« Geschieht dies iu ausreichender 
Weise, so wächst das Interesse, welches die verantwortlichen Offiziere 
an den Einjährig- Frei will igen nehmen. 

Bis jetzt ist der Einjährig-Freiwillige das Stiefkiud des Com- 
pagnie-Chefs. Die Ausbildung des Ersteren kann nicht in gleicher 
Weise, wie diejenige der übrigen Mannschaften erfolgen. Liegt die 
»Rekruten-Ausbildung« des Einjährig-Freiwilligen in den Händen 
der Corapagnie-Chef8, so werden dem Dienst der Compagnie für die 
Zeit tüchtige Lehrkräfte entzogen; war ein besonderer Offizier mit 
der ersten Ausbildung betraut, dann denkt die Compagnie nach 
Einstellung der Einjährig-Freiwilligen gerne, dafs sie nicht für die 
Ausbildung der Letzteren verantwortlich sein könne, da sie nicht 
die Grundlage gelegt habe. Diese Auffassung gewinnt oft dadurch 
an Nahrung, dafs die Einjährig-Freiwilligen wöchentlich mehrmals 
auf eine oder mehrere Stunden dem Dienst der Compagnie entzogen 



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der Offiziere de» Bearlaubtenstandes. 



300 



werden, um theoretischen Unterricht von dem »Instrnktions-Offizier« 
zu empfangen. 

80 nimmt der Einjährig-Freiwillige in mancher Hinsicht eine 
Ausnahme-Stelluug in der Compagnie ein und giebt Veranlassung 
zu vielfacher Rücksichtnahme. Ist der Freiwillige aber eben soweit 
ausgebildet, dafe er der Compagnie nützlich werden kann, dann wird 
er entlassen. 

Im Grofeen und Ganzen kann man daher dem Compagnie-Chef 
Recht geben, welcher zufrieden ist, wenn er keine Eiujährig-Frei- 
willigen in der Compagnie hat. 

Da nun aber die Institution besteht und für die Armee eine 
hohe Bedeutung besitzt, so müssen die Unbequemlichkeiten der Aus- 
bildung gegenüber den höheren Gesichtspunkten zurücktreten. Wir 
müssen in erster Linie bedenken, dafs aus den Einjährig-Freiwilligen 
unsere Offiziere des Beurlaubtenstaudes hervorgehen, und dafs diese 
dazu berufen sind, mit den Berufs-Offizieren in den Chargen der 
Subaltern-Offiziere und Hanptleute im Kriege den »gleichen Strang 
zu ziehen.« 

Diesem Gesichtspunkte Rechnung tragend, ist es den höheren 
Vorgesetzten zur Pflicht gemacht, die Ausbildung der Einjährig- 
Freiwilligen sorgfältig zu überwachen. Man mache den Compaguie- 
Chef, bezw. den Instruktions-Offizier für die Fortschritte derselben 
persönlich verantwortlich, wie dies sonst in allen Dienstzweigen 
geschieht, Die in der Rekrutierungs-Ordnung vorgeschriebene Prüfung, 
das sogenannte »Reserve-Offizier-Examen«, genügt nicht; periodische 
Vorstellungen in den einzelnen Dienstzweigen durch die Bataillous- 
bezw. Regiments- Commaudeure und bei Gelegenheit anderer In- 
spizierungen auch durch die höheren Vorgesetzten müssen in den 
mehrgenannten Dienstzweig Leben bringen und das Interesse an 
demselben wach erhalten. Die Klage mancher Reserve-Offiziere, 
dafs man ihnen als Einjährig-Freiwillige nicht das nötige und mög- 
liche Interesse entgegengebracht habe, ist nach unseren Erfahrungen 
vielfach nicht unberechtigt. Der Compagnie-Chef ist ein vielge- 
plagter Mann, aber nichtsdestoweniger kann und mufs er sich die 
Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen angelegen sein lassen. 

Wir wollen in dieser allgemeinen Abhandlung auf Einzelheiten 
nicht näher eingehen. Jeder Offizier, welcher die Verhältnisse bei 
der Truppe kennt, wird uns beistimmen, dafs noch Manches bei der 
Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen gebessert werden kann: beim 
einen Truppenteil in dieser, heim anderen iu jener Hinsicht. Wir 
suchen nicht nach Künsteleien in der Ausbildung und glauben nicht, 



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310 



Die kriegamafsigc Ausbildung 



dats durch detailliertere Bestimmungen von centraler Stelle die 
Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen in der Praxis gefördert werden 
kann. Man wende die vorhandeuen Vorschriften im Geiste der Ver- 
ordnung an und erlasse innerhalb der einzelnen Truppenteile genauere, 
den örtlichen Verhältnissen entsprechende Vorschriften, dann wird 
sich erweisen, dafs die Bestimmungen der Rekrutierungs-Ordnung 
vollständig ausreichen. 

Nur in Betreff des Einstellungstermines der Einjährig-Frei- 
willigen möchten wir den Wunsch aussprechen, dafs der Diensteintritt 
am 1. April auch für die Infanterie aufgehoben werde. Die Truppe 
hat durch diesen Einstellungstermin wesentliche Unbequemlichkeiten, 
und die Einjährig-Freiwilligen selbst bleiben in ihrer militärischen 
Ausbildung naturgemäfs hinter den am 1. Oktober Eingetretenen 
zurück, weil sie nicht eiuen in sich systematisch gegliederten und 
abgeschlossenen Ausbildungs-Turnus durchmachen können. Die Ba- 
taillonsschule fällt in der Regel für die im Frühjahr eingetretenen 
Freiwilligen gänzlich aus. — 

Da von einer guten Grundlage die weiteren Ausbildungs-Resultate 
wesentlich abhängig sind, so glauben wir, dafs durch intensivere 
Benutzung des einjährig-freiwilligen Dienstjahres für die Kriegs- 
brauchbarkeit unserer Offiziere des Beurlaubtenstandes schon viel 
gewonnen werden könnte. Weitere Fortechritte gegenüber den 
heutigen Ausbildungsresultateu könnten bei den in der Einleitung 
dieser Arbeit erwähnten Übungen erzielt werden. 

2. Die Ausbildung des Reserve-Offizier- Aspiranten 
und Offiziers des Beurlaubtenstandes bei den Übungen 
geschieht bekanntlich im Wesentlichen bei der Compagnie, welcher 
er zugeteilt ist. Derselbe nimmt dort teil an dem praktischen 
Dienst, welcher — der Jahreszeit entsprechend — in der Compagnie 
betrieben wird. Das Ausbildungsresultat ist natürlich von ver- 
schiedenen Faktoren abhängig, unter welchen wir nur einzelne, 
besonders wichtige iu den Bereich unserer Besprechung ziehen 
wollen. 

Zunächst kommt es darauf an, in welcher Weise der Offizier 
des Beurlaubteustandes sich den Dienst angelegen sein lädst und 
ferner, in welcher Weise er zum Dienst herangezogen wird. In 
der Regel ist über den Diensteifer der zur Übung eingezogenen 
Offiziere nicht zu klagen; lassen sie hierin zu wünschen übrig, so 
hat der Compagnie-Chef Mittel in der Hand, um den Eifer zu 
beleben. 

Die Heranziehung zum Dienst geschieht in der Regel in der 



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der Offiziore des BeurlaiiMenstandes. 



311 



Weise, dafs der Reserve pp.-Offfzier jedem Dienst beizuwohnen hat, 
wie der junge Lieutenant, welcher noch nicht drei Jahre praktischen 
Dienst gethan hat. So steht der Erstere als Zuschauer beim Detail- 
Exerzieren, Zielen, Schiefsen, Turnen u. s. w., führt die Compagnie 
zum Schwimmen, geht zum Geldempfang, kurz, er thut allen kleinen 
Dienst der Truppe, wie jeder junge Berufs-Offizier. Ist die Com- 
pagnie geschlossen, so führt er wohl meist einen Zug, aber der 
Chef ist mit der Verwendung des letzteren vorsichtig, sobald ein 
Vorgesetzter in der Nähe weilt. Jeder Fehler könnte diesem auf- 
fallen und Veranlassung zu einer Rüge an den Compagnie-Chef 
werden. Geht es nun gar ins Manöver, und die Compagnie zieht 
auf Vorposten, dann wird der alte Premier- Lieutenant möglichst auf 
Feldwache geschickt, während der ungeübte Vicefeldwebel oder 
Reserve-Lieutenant unter der Aufsicht des Hauptmanns beim Piket 
zurückbleiben, selbstständige Rekognoszierungen und Detachierungen 
gehören für diese Letzteren zu den gröfsten Seltenheiten. 

So verläuft die Übung in täglichem Dienst von einer ganzen 
Reihe von Stunden; wenn sich der eingezogene Offizier aber am 
Tagesschlufs bei Beendigung der Übung fragt, was er für seine 
Verwendung im Kriege dazu gelernt hat, so ist das Resultat in 
der Regel äufserst gering. 

Die Zahl der Dienststunden wäre wohl genügend gewesen, um 
ein günstiges Ausbildungsresultat zu erzielen, wenn nur jede Stunde 
zweckentsprechend angewendet worden wäre. 

Was nützt es einem Offizier des Beurlaubtenstandes der In- 
fanterie, der vier Wochen vor der Turnvorstellung, im Monat Juni, 
eingezogen ist, wenn er Nachmittags täglich der Gymnastik zwei 
Stunden lang beiwohnt. Mehr wie Zuschauer kann er bei diesem 
Dienstzweig nicht sein; am besten wäre es noch, wenn er selbst 
mitturnte. Diese beiden Stunden sind für die kriegsmäfsige Aus- 
bildung verloren. Und wie mit diesem Dienst, so verhält es sich 
auch mit dem täglichen kleinen Dienst bei der Truppe, welcher für 
diese durchaus notwendig ist und welcher daher für den Berufs- 
Offizier dieselbe Bedeutung hat, wie die eigentliche Verwendung der 
Truppe. Es ist auch richtig und durch die Erfahrung bewährt, dafs 
der junge Berufs-Offizier zwei bis drei Jahre lang jedem kleinen 
Dienst in der Compagnie beiwohnt, dasfelbe aber für den Offizier 
des Beurlaubtenstandes prinzipiell stattfinden zu lassen, erscheint 
nicht zweckmäfsig. Für ihn handelt es sich um ganz andere Dinge, 
welche er lernen soll, und die Übungszeit ist zu kurz und zu kostbar, 



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312 Die kriegsmäfsige Ausbildung 

als date nicht jede verfügbare Stunde der kriegsinäfsigen Aus- 
bildung nutzbar gemacht würde. 

Wie dies im Einzelnen geschehen kann, uiufs von den Truppen- 
befehlshabern mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse bestimmt 
werden. Allgemeine Regeln lassen sich dafür nicht geben; wir sind 
aber überzeugt, dafs bei gutem Willen und Anregung von oben in 
dieser Hinsicht viel geschehen könnte. 

Vor Allem müfste streng darüber gewacht werden, dafs die 
Offizier - Aspiranten und Offiziere des Beurlaubtenstandes bei jeder 
Gelegenheit, welche sich darbietet, als Zug- und Compagnie-Führer 
Verwendung finden, selbst wenn dadurch gelegentlich ein alter 
Premier- Lieutenant, der bereits 15 Jahre lang seinen Zug fuhrt, aus 
der Truppe austreten müfste. 

Fehler müssen bei den Friedensübungen gemacht werden: Durch 
Fehler lernt man und an Fehlern lehrt man. Im Kriege aber wird 
jeder Fehler mit dem Blute und der Ehre der Truppe bestraft. 
Darum lassen wir unsere niederen Führer die aus Mangel an Routine 
im Dienst naturgemäß» entspringenden Fehler lieber im Frieden als 
im Kriege machen. 

Neben der praktischen mufs auch die theoretische Ausbildung 
der Offiziere des Beurlaubtenstandes während der Übungen gefördert 
werden. In neuerer Zeit ist dies mehr geschehen als früher, aber 
es kann auch hierin noch Manches gebessert werden. 

Bei jedem Regiment befinden sich Offiziere, welche zur Er- 
teilung des Dieustunterrichtes an die eingezogenen Offiziere u. s. w. 
ganz besonders geeignet erscheinen. Ein solcher Offizier mufs mit 
der theoretischen Ausbildung beauftragt werden, wofür er in an- 
derer Hinsicht im Truppendienst Erleichterungen haben könnte. 

Wir verstehen nun unter der theoretischen Ausbildung nicht 
etwa lediglich die Abhaltung von Vorträgen, sowie die Stellung 
schriftlicher Arbeiten und die Beurteilung derselben; wir möchten 
die theoretische Instruktion in solcher Weise erteilt wissen, dals sie 
unmittelbar für die Praxis nutzbringend wird, dals auch sie ganz 
direkt die Brauchbarkeit des Offiziers des Beurlaubtenstaudes im 
Kriege fördert. 

Der >Instruktion8-0ffiziert mufs sich die Frage vorlegen: 
»Welche Anforderungen werden im Kriege an den Sub- 
altern-Offizier herantreten?« Aus der Beantwortung dieser 
Frage ergiebt sich der Umfang des Unterrichtes von selbst. Der- 
selbe wird umfassen: Beorderung, Feldausrüstung des Offiziers, 
Pflichten als Transportführer, Formierung der Feldtruppeu, Orga- 



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der Offijiere des Beuxlaubtenstandes. 313 

nisation und Stärke derselben, Ausbildung vor dem Ausmarsche, Eisen- 
bahntransport, FuCsmärsche und Sicher uugsdienst, Unterkunft, Fou- 
rierdienst und Biwak im Kriege, Requisition im eigenen und feind- 
lichen Lande, Verpflegung und Bekleidung im Kriege, Kriegsgesetze, 
Genfer Konvention, Zusammeustofe mit dem Feinde, Verhalten im 
Gefecht u. s. w. 

Man wird also sich bei dem theoretischen Unterricht nicht 
darauf beschranken dürfen, das Exerzier-Reglement, das »grüne 
Buch« oder irgend ein ausführliches Instruktionsbuch für Reserve- 
Offizier- Aspiranten durchzugehen, sondern man mufs dasjenige bis 
in alle Einzelheiten vortragen, was der Subaltern-Offizier im Kriege 
wissen und können mute. Man halte Umfrage, wie viele unserer 
Offiziere des Beurlaubtenstandes über den inneren Dienst der Com- 
pagnie im Kriege, über die Kriegsgesetze, Munitions-Ersatz bei der 
Infanterie im Gefecht, die Verpflegung, den Sanitätsdienst, das 
Etappenwesen im Kriege u. dgl. m M eine solche Instruktion erhalten 
haben, dafe ihnen diese Dienstzweige bekannt wären. Wohl aber 
haben wir oft die Klage gehört, dafs in der Instruktionsstunde 
zum so und so vielten Male ein Abschnitt aus Dilthey oder Simon 
durchgenommen sei. 

Lehren wir unseren Reserve- Offizieren den wirklichen Krieg, 
unterweisen wir den Kavallerie- und Artillerie-Offizier der Landwehr, 
welche im Kriege Kolonnenführer werden, in der Organisation der 
rückwärtigen Verbindungen, in der Verwaltung des ihnen anver- 
trauten Materials, in der Führung der Kolonnen u. s. w. 

Dem Vortrage des »Instruktions-Offiziers« über diese Gegen- 
stände müssen sich Vorträge und schriftliche Arbeiten der einge- 
zogenen Offiziere anschliefsen. Hier gehören die letzteren hin, 
nicht aber, wie im Militär- Wochenblatte vorgeschlagen wurde, 
au&erhalb der Übungszeit und unter Leitung der Bezirks-Com- 
mandeure. 

Soweit es dem Unterrichtsstoff entspricht, mufe die theoretische 
Ausbildung ins Terrain gelegt werden. Terrainkunde, Kartenlesen 
und Felddienst sind nur in rein formeller Hinsicht in der Kasernen- 
stube vorzutragen. Nutzbringender ist es, mit den Schülern hinaus- 
zugehen ins Terrain und dort die Instruktionen abzuhalten. Bei 
der Mehrzahl der Offiziere des Beurlaubtenstandes, deren bürgerlicher 
Beruf den Aufenthalt in der Stadt und meist in geschlossenen Räumen 
anweist, ist die Kenntnis des Geländes und die Orientierung in 
demselben äufeerst mangelhaft. In der Kasernenstube, beim theo- 
retischen Unterricht läfst sich hierin kein Fortschritt bringen; dies 



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314 



Die kriegsmäfsige Ausbildung 



ist nur im Terraiu möglieh. Darum gehe man mit den Offizier- 
Aspiranten und Offizieren des Beurlaubtenstandes hinaus ins Gelände, 
spreche dort mit ihnen die Formen das Terrains und den militärischen 
Wert der einzelnen Objekte durch, gehe dort kleine Aufträge zur 
Prüfung der Findigkeit im Terrain mit und ohne Karte, wie dien 
bei den Generalstabsreisen geschieht, natürlich in einfachster Weise, 
unter Berücksichtigung der verschiedenartigen Anforderungen. 

Die Ausführung kleinerer Rekognoszierungen mit Vortrag über 
das, was geschieht, an Ort und Stelle; die Lösung kleiner taktischer 
Aufträge in gleicher Weise unter Supponieruug oder auch Markierung 
der Parteien; das Beziehen und die Einrichtung von Feldwachen, 
Sicherheitswachen in Ortschaften, Lagerwachen u. dgl.; die Deckung 
eines Bahnhofs im feindlichen Lande; der Transport von Kranken 
und Verwundeten u. s. w M das sind kleine Aufträge, welche bis in 
alle Einzelheiten an konkreten Fällen und möglichst unter Einflechtung 
von Kriegserfahrungen durchgesprochen werden müssen. Solche 
Theorie ist nützlich, weil sie eben der Praxis vorarbeitet. 

Man kann uns entgegnen, dafs die Compagnieu ja solche Auf- 
träge lösen, und dafs auch die »Unteroffizier-Aufgaben« im Winter 
und die kleineren »Offizier-Felddienst-Aufgaben« im Sommer diesem 
Zweige der Ausbildung gewidmet sind. Es ist diese Entgegnung 
nur zum geringen Teil richtig; denn es fehlt bei diesen Übungen 
in der Regel die Zeit, um die Aufgaben bis in alle Einzelheiten 
durchsprechen zu können. Wir wollen jene praktischen Felddienst- 
aufgaben keineswegs entbehrlich machen, wir wollen ihnen durch 
die vorerwähnten »Instruktionen im Terrain« nur vorarbeiten. Der 
wesentliche Unterschied zwischen beiden Übungen besteht darin, 
dafs bei der Felddienstübung die beiden feindlichen Parteien in 
Wirklichkeit sich gegeneinander in Bewegung setzen, und dafs es 
in der Regel schliefslich zum Gefecht kommt; die Kritik schliefst 
sich dann meist an letzteres an und beurteilt die taktische Aus- 
führuug des beiderseitigen Auftrages. 

Für die Ausbildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes ist 
dies nicht ausreichend. Es fehlen ihnen so viele Elemente, so viele 
Buchstaben von A— B — C des Felddienstes, deren Erwähnung bei 
der Truppe nicht mehr notwendig ist, dafs sich dieser Mangel 
empfindlich fühlbar macht, wenn der Offizier selbstständig und ohne 
Überwachung einen Auftrag ausführen soll. Dann mufs womöglich 
der Unteroffizier oder Flügelmann durch leisen Zuruf daran erinnern, 
was zu befehlen ist, — ein Aushülfemittel, welches der Disziplin 
und dem Ansehen des Führers sehr schädlich sein würde. 



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der Offiziere des Beurlaubtcnstandea. 315 

Deshalb lehre man das A — B — C des Felddienstes im Terrain 
bei den vorgedachten Instruktionen. Bei diesen fallt der taktische 
Erfolg weg; die Zeit drängt nicht, man kann also z. B. bei Be- 
sprechung der Sicherung einer Ortschaft, die Aufstellung jeder 
Sicherheitswache, der Dorfwache, den Patrouillengang und alle 
Maisnahmen mit Für und Wider erwägen und sowohl das Formelle, 
wie das Taktische behandeln. Wir haben gefunden, dafs solche 
Instruktionen im Terrain« nicht nur wesentlich nützten, sondern 
auch auf die Beteiligten anregend wirkten. Es sollte bei jedem 
Unterricht, welcher Art er auch sei, ein hoher Wert auf die 
Anregung des Lernenden gelegt werden. Jeder weifs aus seinen 
eigenen Schuljahren, dafs ein Lehrer die günstigsten Resultate 
erreichte, wenn sein Unterricht anregend wirkte, wenn Ersteier es 
verstand mit Geist und Lebendigkeit zu lehren. Dies fehlt leider 
manchem Instruktor bei der Truppe, und daher ist die Instruktions- 
stunde so vielfach dem Lehrenden wie den Lernenden langweilig. — 

Dafs die Zeit zu solchen »Instruktionen im Terrain« vorhanden 
ist, glauben wir bereits oben nachgewiesen zu haben, wo von dem 
zwecklosen Dienst die Rede war. Die Stunden, welche jetzt durch 
Zuschauen bei der Gymnastik u. s. w. verloreu gehen, mögen solchen 
Übungen gewidmet sein. Wenn der »Iustruktions-Offizier« ander- 
weitige Erleichterungen im Vormittagsdienst findet, so kann er 
Nachmittags mit den zur Übung Eingezogenen ins Terrain gehen 

— oder auch Abends, wenn es dem Zweck entspricht — und dort 
»praktische Theorie« treiben. Ist die nächste Umgebung der 
Garnison den Beteiligten zu genau bekannt, so wird es sich bei 
gutem Willen auch für die Offiziere zu Fufs meist ermöglichen 
lassen, weiter gelegenes unbekannteres Terrain (mit der Eisenbahn) 
zu erreichen, um dort zu üben. Kurze Berichte, Meldekarten, 
Croquis an Ort und Stelle angefertigt, sind demnächst einzu- 
reichen. 

Diese Andeutungen mögen genügen, um den Weg anzuzeigen, 
welchen die theoretische Ausbildung zweckmäßiger Weise verfolgt. 

— Am Schlufs der Übung mufs jeder Offizier des Beurlaubten- 
staudes eine Felddienstübung selbststäudig ausführen, wie es vom 
Berufsoffizier verlangt wird. 

Mit einem Worte also: Vollste Ausnutzung der Übnngs- 
zeit für den praktischen Dienst und die theoretische 
Ausbildung; Beides stets mit Rücksicht auf die Ver- 
wendung des Offiziers im Kriege. 

Jifcrbfiefcw Nr <U« PlUlll Arne« und Murine. M. LH.. 3. 22 



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310 



Die kriegsmäfsige Ausbildung 



3. Die Ausbildung während des Beurlaubten-Verhält- 
nisses wird selbstverständlich immer nur eine sehr beschränkte 
sein können und in dem eigenen Willen des Einzelnen seine 
Grenze findeu. 

Wünschenswert ist es natürlich, dafs der Offizier des Be- 
urlaubtenstandes auch in der Heimat seinen Beruf im Kriege nicht 
ganz vergifst, sondern das bei den Übungen Erlernte sich wiederholt 
einschärft und sich über die wichtigsten Neuerungen seiner Waffe 
auf dem Laufenden erhält. Am besten geschieht dies durch ständige 
Verbindung mit dem Truppenteil bezw. dem früheren »Instruktious- 
Offizier«; auf diese Weise kann der Offizier sich die ueueren 
Instruktionen beschaffen, um dieselben durchzuarbeiten und sich zu 
eigen zu machen. Die wichtigsten Reglements sollten bei keinem 
Offizier des Beurlaubtenstandes, der es mit seinem Kriegsberufe ernst 
meint, fehlen. 

Für diejenigen, welche in.gröfseren Garnisonen leben, ist die 
ständige Verbindung mit der Truppe nicht schwierig. Hier bietet 
sich auch oft Gelegenheit, den Vorträgen in Offizier-Casinos oder 
bei den geselligen Versammlungen der Landwehr- Offizier- Corps 
anzuwohnen. Dies wird natürlich anregend wirken und insofern 
forderlich sein; wenn wir uns auch keine grotsen Ausbildungs- 
erfolge davon versprechen. 

Besonders wollen wir aber hervorheben, dafs wir uns ganz 
entschieden gegen eine gesetzliche Einführung von Versammlungen 
aussprechen möchten, wie sie im Militär- Wochenblatt vorgeschlagen 
wurden. 

Ein sehr einfaches und das wirksamste von allen vorerwähnten 
Ausbildungsmitteln im Beurlaubten - Verhältnis scheint uns noch 
nicht hinreichend gewürdigt zu werden. Der Offizier des Beurlaubten- 
Standes kann sein Interesse au dem militärischen Berufe am besten 
wach und sich selbst auf dem Laufenden erhalten durch Lektüre 
einer militärischen Zeitschrift. 

Ganz besonders geeignet scheint hierzu die »Militär-Zeitung 
für Reserve- und Land wehr - Offiziere « , welche jetzt im 
siebeuten Jahre mit Erfolg bestrebt Ist, ganz speziell dem vor- 
gedachten Zweck zu dienen. Wenn wir etwas an der Zeitschrift 
auszusetzen haben, so ist es, dafs sie das Gebiet der Kriegs- 
geschichte und militärischen Biographien etwas schwach pflegt. Wir 
meinen hier nicht die Kriegsgeschichte im Grofsen, nicht das 
Studium, wie es der ältere Berufs-Offizier treiben mufs, sondern die 
Kriegsgeschichte im Kleinen, oder besser gesagt: die Kriegs- 



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der Offiziere des Benrlaubtcnstande?. 317 

erfahrung des Unterführer.«?. Das ist es, was der Offizier des 
Beurlaubteustandes von der Kriegsgeschichte braucht, nicht das 
strategische und taktische Studium im Grofsen. Noch lebt die 
Kriegserfahrung frisch in der Armee; wenige Jahre, und sie ist 
dahingeschwunden mit den Streitern aus unseren grofsen Kriegen. 
Darum scheint es angezeigt, die kleinen Lehren aus der Kriegs- 
geschichte, wie sie wohl in Memoiren und den Regiments-* Jeschichtcn 
niedergelegt sind, zum Gegenstaude von Mitteilungen für diejenigen 
Kreise zu machen, welche in einem künftigen Kriege berufen sind, 
die Unterführer in unserem Heere zu sein. — 

Im Vorstehenden dürfte der Weg angedeutet sein, wie die 
Ausbildung unserer Offiziere des Beurlaubtenstandes gefordert werden 
kann. Es war nicht unsere Absicht, das Thema erschöpfend zu 
behandeln; wir wollteu nur das Interesse an dem hochwichtigen 
Ausbildnugszweig auch durch diese Zeitschrift in der Armee anregen 
und vor Allem davor warneu, unpraktischen Vorschlägen Gehör zu 
schenken, welche den Fehler nicht an der richtigen Stelle suchen 
oder sich in Künsteleien verlieren, welche der kriegsmiifsigen 
Ausbildung unserer Offiziere des Beurlaubtenstandes nicht förderlich 
sein können. 

Wir sind uns übrigens wohl bewufst, dafs es selbst bei den 
iiufser8teu Anstrengungen nach jeder Richtung hin immer schwer 
bleiben wird, einen wirklich dienstgewandten Offizier des Beurlaubten- 
standes auszubilden. Die Zeit reicht hierfür, wie im Eingange dieser 
Besprechung dargethan, nicht aus. Der Berufs -Offizier wird und 
mufs dem Ersteren im Allgemeinen immer überlegen sein. 

Unsere Organisation trägt diesem selbstverständlichen und von 
allen Beteiligten wohl auerkannten Umstände keine Rechnung, 
indem beide Kategorien bei dienstlicher Berühruug nach den 
gleichen Normen der Anciennetät untereinander rangieren. Der 
Premier- Lieutenant des Beurlaubtenstandes, welcher im Ganzen 
vielleicht zwei Jahre aktive Dienstzeit hat, wird der Vorgesetzte 
des Premier- Lieutenants vom aktiven Dienststaude, der bereits fünf- 
zehn Jahre Offizier ist und vielleicht sechzehn Jahre bei der Fahne 
praktischen Dienst gethan hat. Lassen wir die Gefühlsseite dieses 
Rang-Verhältnisses bei Seite und fragen wir uns nur, ob dies der 
Truppe selbst dienlich ist, so wird die verneiuende Autwort gewifs 
nicht ausbleiben. 

Im Kriege kann diese Rangordnung geradezu verhängnisvoll 
werden, wenn ein älterer Sekond - Lieutenant der Reserve die 
Führung der Compaguie tibernimmt, während ein tüchtiger Sekond- 

22* 



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Umschau in der Militfir-Litteratur. 



Lieutenant des aktiven Dienststandes, welcher acht bis zehn Jahre 
bei dem Truppenteil steht, und zu dem die Mannschaft volles Ver- 
trauen hat, einen Zug unter dem Erstereu führt. 

Hier dürfte also eine Änderung wohl am Platze sein, und 
möchten wir gerade diesen Punkt einer ganz besonderen Erwägung 
anbei 111 geben ohne bestimmte Vorschläge zu machen. 

Zwei Ziele sind es also, auf welche diese Zeilen hinweisen 
wollen: Die kriegsinäfsigere Ausbildung der Offiziere des 
Beurlaubtenstandes und Beschränkung ihrer Verwen- 
dung in selbstständigen Unterführerstellen während des 
Krieges. 



XXI. 

Umschau in der Militär-Litteratur. 

lier Dienst der französischen Armee im Felde. — Bearbeitet 
auf Grund des Reglements vom 2C. Oktober 1883 und der 
neuesten Dienstvorschriften von Einer, Hauptmann und 
Compagnie-Chef im königl. sächsischen 8. Inf.-Regt. Prinz 
Johann Georg Nr. 107. 

Seit den im Jahre 1883 erschienenen Reglements über den 
Dienst in den festen Plätzen und im Felde hat die Reihe der 
reglementarischen Vorschriften für die französische Armee einen 
gewissen Abschlufs erhalten. Da doch nur einem Bruchteil unserer 
Offiziere die offiziellen Quellen, aus denen wir unsere Kenntnis der 
französischen Heeresverfassung schöpfen, zugänglich sind, so ist es 
ein gewifs dankenswertes und zeitgemäfses Unternehmen, diesem 
Mangel durch ein Kompendium, cuthaltend das den deutschen Leser 
wesentlich Interessierende und, in Hinblick auf etwaige kriegerische 
Verwickelungen, Wichtige, abzuhelfen. Der Verfasser hat die Auf- 
gabe, welche er sich stellte, unseres Erachtens befriedigend gelöst. 
Auf uur 70 Druckseiten werden folgende Themata in kurzer, klarer 
und erschöpfender Weise behandelt: Die Organisation der Armee 
im Felde, Befehls-Erteilung, Cantounements, Biwaks, Lager, Ver- 
pflegung, Märsche, Sicherheitsdienst; der Kampf; Parteigänger-Krieg, 



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Umschau in der MilitSr-Litteratur. 319 

Transporte, Angriff und Verteidigung von festen Plätzen. Die vom 
Verfasser benutzten Quellen (nur offizielle) werden genannt. 

Bei der hohen Bedeutung, welche alle organisatorischen und 
taktischen Begebenheiten und Wandelungen auf dem Gebiete des 
französischen Heerwesens beanspruchen dürfen, wird ein näheres 
Eingehen auf den behandelten Stoff nicht überflüssig sein. — Die 
Lektüre der vorliegenden Schrift verschafft zunächst die Über- 
zeugung, dafs die Franzosen die Heeresverfassung ihrer vormaligen 
Gegner in den meisten Fällen mit Geschick kopiert haben, mit 
Verläagnnng aller nationalen Eitelkeit, welche vor dem Jahre 1870 
alle dahin zielenden Bestrebungen (man erinnere sich der Schrift 
des Oberst Stoffel) grundsätzlich lahm legte. Trotz der Ähnlichkeit 
der bezüglichen deutschen und französischen Reglements und Be- 
stimmungen ergeben sich, beide in Parallele gestellt, der Verschieden- 
heiten viele, welche wir, dem Texte kapitelweise folgend, hervor- 
heben werden. 

Im Kapitel »Organisation der Armee im Felde« finden wir bei 
der Ordre de bataille des mobilen Armee- Corps, dafs jeder der 
2 Divisionen nur Va Genie-Compagnie zugeteilt ist (bei uns 1 oder 2), 
auch ist die Kavallerie für gewöhnlich nicht an die Divisionen 
verteilt. 

Mit dem Material des Corps - Briickentrains kann eine Brücke 
bis zu 123 m Länge erbaut werden (bei uns eine solche bis 200 in).*) 
Der Gefechtsstand eines Armee -Corps beträgt rund 25,000 Mann 
Infanterie, 1200 Pferde, 06 Geschütze (gegen III deutsche); der 
Verpflegungsstand wird zu 36,000 Mann und 8200 Pferden an- 
gegeben. Die Zahl der bereits im Frieden permanent formierten 
Kavallerie- Divisionen beträgt 5 (gegen 3 deutsche); für den Kriegs- 
fall wird eine 6. Kavallerie -Division mit der in der Friedeus- 
organisation fehlenden Nummer 3 aufgestellt. Von den 77 Kavallerie- 
Regimentern werden 36 zur Formierung von Kavallerie-Divisionen, 
36 bei den 18 in erster Linie aufzustellenden Armee - Corps 
Verwendung finden. Für Neuformationen sind dann noch disponibel 
5 Regimenter, aufserdem 12 Jäger-Bataillone, 144 vierte Bataillone 
der Linien -Infanterie, 4 Zuaven-, 3 Turkos-, sowie 1 Fremden- 
Regiment des 19. Armee-Corps (Algier) und 1 — 2 Batterien der 38 Ar- 
tillerie-Regimenter. Ein Artikel des »Journal des seiences militaires« 
nimmt an, dafs Frankreich eine Kriegsmacht von 24 Armee-Corps ins 
Feld stellen könne, ohne die 8 Armee-Corps, die aus Truppenteilen 



*) S. Bronsart, der Dienst des General-Stabes. 



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320 Umschau in der Militär-Litteratur. 

der Territorial- Armee zusammentreten und die »Armee der zweiten 
Linie« bilden. 

Im Kapitel »Kommandoführung« ist davon die Rede, dafe 
»fremde« Offiziere iu keinem Falle das Kommaudo über eine Armee 
oder ein Armee- Corps fuhren dürfeu. Bei Detachements, welche 
aus fremden und französischen Tropen gebildet sind, solle bei 
gleicher Charge ohne Rücksicht auf Aneiennität das Kommando dem 
französischen Offizier zustehen. Da unter fremden Offizieren 
doch nur die einer alliierten Macht zu verstehen sind, so bleibt es 
fraglich, ob sich dieselbe dieser echt französischen Prätention ein- 
tretenden Falles fügen werde. Die Beigabe von Generalstabs- 
Offizieren an die höheren Stäbe ist eine sehr reichliche; ein Armee- 
Corps hat deren 0, aufserdem noch 4 Ordonnanz-Offiziere. 

Die Ausrüstung mit Tascheninunition beträgt 78 Patronen für 
den Mann, auf den Fahrzeugen dann noch 80 (Aide-memoire de 
campagne, Paris 1883). 

Die Bestimmungen über Befehls- Erteilung und Uberbriugung 
von Befehlen sind den unsrigen fast wörtlich gleich; es findet sich 
auch die, leider bei uns nicht immer beobachtete Vorschrift, münd- 
liche Befehle wörtlich dem Vorgesetzten zu wiederholen. Die Losuug 
besteht aus 2 Worten: Das erste Wort (niot d'ordre) soll den 
Namen eines grofsen Mannes, berühmten Generals oder auf dem 
Schlachtfelde gebliebenen Braven angeben, das zweite (mot de 
raillemeut) soll die Bezeichnung einer Schlacht, eines Ortes oder 
einer kriegerischen Tugend enthalten. 

Dem Beziehen eines Biwaks oder Cantonnements geht die 
Entsendung eines »campement« genannten Kommandos voraus. Bei 
Biwaks in der Nähe des Feindes sollen die in Aussicht genommenen 
Gefechts- Positionen für den Fall des Alarms, sofort nach Eintreffen 
durch Erdwerke befestigt, die in der Nähe gelegenen Farmen und 
Dörfer in Verteidigungszustand gesetzt werden. 

Die Verpflegungssätze der Truppen weichen von den unsrigen 
wesentlich ab. Die tägliche Portion besteht aus 800 gr Brot oder 
550 gr Bisquit (deutsche Portion 750, bezw. 500 gr), Fleisch 300 gr 
(d. P. 75 gr), Speck 240 gr (d. P. 170 gr). Die Hafer-Ration ist 
gleich unserer schweren, 5ö00 gr Heu, 4000 gr (d. P. 1500 gr). 
Mitgeführt werden für jeden Mann 8 Portionen, davon nur 2 im 
Tornister, 2 im Regiments-Train, 4 in den Couvois; für jedes Pferd 
7 Rationen. 

Die Gesichtspunkte für die Anordnung der Märsche sind von 
den unseren in vielen Beziehungen abweichend. Der Marschbefehl 



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Umschau in der Militfir-Litteratar. 



-2 1 



soll u. A. angeben, »zu welcher Zeit der erste stündliche Halt und 
bei welchem Orte der grofse Halt zu machen ist«, eine Bestimmung, 
welche bei dem unberechenbaren Verlauf von Kriegsniärschen völlig 
hinfällig sein wird. Es werden unterschieden Gefechts -Trains, 
Regiments -Trains und Convois. In der Marschordnung soll ein 
täglicher (!) Wechsel zwischen den »Befehlseinheiten (Regimenter)« 
und in diesen zwischen den »Marseheinheit'm« (Bataillone) statt- 
finden, für die Abstände in der Marsch -Kolonne giebt es keine 
Norm. — Der Aufklärungsdienst wird gleich dein unseren betrieben. 
Die Hauptmasse der Kavallerie befindet sich ungefähr 2 Tagemärsche 
vor dem Feinde. Die Beaufsichtigung des Trains und Convois ist 
besonderen, der Gendarmerie entnommenen Offizieren, die Wagen- 
meister heifsen, übertragen, denen Unteroffiziere und Gendarmen 
dauernd beigegeben sind. Auffallend und unseres Dafürhaltens 
unpraktisch ist die Bestimmung, dafs allstündlich nach einem 
Marsche von 50 Minuten Dauer ein Halt von 10 Minuten gemacht 
werden soll, bei welchem die Tete aufschliefst, die Infanterie die 
Gewehre zusammensetzt, Gepäck ablegt, die Kavallerie absitzt und 
nachgurtet; der grofse Halt erfolgt nach Zurücklegung von 2 /a bis 
3 / 4 Stunden. Es wird angenommen, dafs die Kolonnen, den stünd- 
lichen Halt eingerechnet, in einer Stunde 4 km zurücklegen, während 
man in der deutschen Armee 5 km als eine mäfsige Marschleistung 
für die Stunde betrachtet. Wird der Marsch nach 9 Uhr früh 
angetreten, so ist vorher abzukochen. 

Bezüglich des Sicherheitsdienstes haben sich die französischen 
Vorschriften den unseren genähert. Doppelposten stehen in erster 
Linie, bei bedecktem Gelände aber Unteroffizier-Posten von 4 Mann; 
ebenso wird verfahren, wenn die Zeit fehlt, um die Vorposten 
vorschriftsmäfsig auszusetzen oder wenn sie bei Nacht erst in 
Thätigkeit treten. Die Feldwachen heifsen petita postes, die Pikets 
grand'gardes. Die Stärke eines petit poste wechselt zwischen 10 
und 60 (!) Mann. Bei Ablösung der Posten wird immer nur ein 
Mann desfelben abgelöst (was freilich eine allstündliche Bewegung 
der Feldwache und geminderte Ruhe der Mannschaft zur Folge 
hat). Die Feldwachen legen das Gepäck nicht ab, Rauchen und 
Anzünden von Wachtfeuern ist denselben grundsätzlich (bei uns nur 
bedingungsweise) verboten. Patrouillen bestehen mindestens aus 
1 Unteroffizier und 3 Mann. 

Befremdend ist die Vorschrift für die Kavallerie -Vorposten 
der gröfseren im Aufklärungsdienste vor der Armee verwendeten 
Kavalleriekörper. Die Escadrous der ersten Linie sollen, soweit 



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m 

Umschau in der Militfr-Litteratur. 



angängig, in Gehöften untergebracht werden, die erforderlichenfalls 
zu verbarrikadieren sind. Überhaupt soll von der Unterbringung 
der Kavallerie in gedeckten Lokalitäten so oft als möglich Ge- 
brauch gemacht werden. Im Falle eines Angriffes wird von der 
Schufswaffe Gebrauch gemacht und so rasch als möglich zurück- 
gegangen. Liegt aber die Möglichkeit vor, dem Feinde offensiv 
entgegentreten zu können, so bleibt die Lokalität von Mannschaften 
zu Fufs besetzt, während sich der gröfsere Teil der Escadron selbst 
einer überlegenen Kavallerie entgegen wirft. — Im Rekognoszierungs- 
dienste finden auch die bereits im Frieden organisierten Luftschiff- 
fahrts-Detachemcnts Verwendung. Ein solches Detachement besteht 
aus 5 Fahrzeugen, von denen eins zur Regelung der Bewegung des 
gefüllten Ballons dient und den beweglichen Befestigungspunkt für 
den ballon captif bildet (vergl. France militaire vom 24. Juni 1883 
Nr. 238). 

In dem wichtigen Kapitel »Kampf« wird zunächst als allgemeiner 
Grundsatz aufgestellt, dafs bei jeder Operation im Gefecht die Ini- 
tiative ergriffen und der Feind auf die Verteidigung verwiesen 
werden soll. Bei Besprechung der Offensive wird, in Rücksicht auf 
die Erfolglosigkeit des Frontalangriffs das (nicht eben neue) Mittel 
empfohlen, »fast ausnahmslos einen Flankenangriff mit jenem zu 
verbinden«, der freilich, sobald der Gegner demselben eine Defensiv- 
ilanke entgegenstellt, doch wieder zum Frontal- Angriff wird. Für 
die Defensive, bei Verteidigung vorgeschobener Punkte, wie Gehöfte, 
Häuser, Wälder, wird befohlen, »solche bis auf den letzten Mann 
zu halten«. Dieser wohl klingenden Phrase fügen wir hinzu: Keine 
Truppe schlägt sich bis auf den »letzten Mann«. 

Ein Bataillon soll im Angriff eine Breite von 350 m, eine 
Tiefe von 500 in einnehmen, schon auf 2000 m erfolgt die Teilung 
des Bataillons in 3 Staffeln: Schützenkette, Soutiens und Reserve. 
Das sprungweise Vorgehen beginnt auf 800 m und wird bis 300 m 
fortgesetzt. Auf 200 m von der feindlichen Stellung angekommen, 
wird zum Schnellfeuer übergegangen als Vorbenutzung für den 
Einbruch in die Stellung mit dem Bajonett. — Im Brigade- Verbände 
formieren sich die Regimenter treffen- oder flügel weise, letzterer 
Aufstellung wird der Vorzug gegeben, die Frontbreite soll dann 
1500 m nicht übersteigen. Die Bestimmungen unserer Schiefe- 
Instruktion über Schützen-Salven und Benennung der Zahl der zu 
verfeuernden Patronen beim Tirailleurfeuer finden sich in dem 
Abschnitte »Defensive« wieder; auch indirektes Gewehrfeuer wird 
hier empfohlen, desgleichen für den Festungskrieg. Die Bestim- 



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Umwhau in der Militär-Litteratur. 



323 



mungen über die Entfernungen, auf welche das Feuer zu eröffnen 
ist, sind den Deutschen ebenfalls ziemlich gleich; das Schiefsen auf 
grotse Entfernungen, 800 — 1500 m, darf nur von den Kapitäns und 
Rataillon8-Chefs angeordnet werden, nicht von den unteren Führern. 

Auch in den Kapiteln vom Gefecht der Kavallerie und Artillerie 
lassen sich die deutschen Muster deutlich erkennen. Beim Messen 
der Entfernungen sollen sich die Batterien auch des bei jeder 
derselben mitgeführten Telemeters bedienen. Batterie-Salven werden 
vorgeschrieben beim Eiuschiefsen unter schwierigen Bodenverhält- 
nissen oder Erscheinen starker Truppenniassen. Der Shrapnel-Zünder 
(fusee a double effet, Modele 1880) kann als Perkussions- und als 
Zeitzünder verwendet werden. 

In dem Kapitel »Parteigänger-Krieg« ist nur eine bemerkens- 
werte Bestimmung, der zu Folge die dem Feinde durch Parteigänger- 
Detachements abgenommenen Gegenstände aller Art, ausgenommen 
Waffen, Munition, Lebensmittel, verkauft werden und der Erlös an 
die Angehörigen des Detachements ausbezahlt werden soll. — Also 
eine Anweisung auf Plündern und Beute machen! 

Wichtige Vorschriften enthält das Schlufskapitel über die Ver- 
teidigung von festen Plätzen. Dieselbe soll so lange als möglich 
aktiv geführt und ihr Schwerpunkt nach Aufeen verlegt werden, 
jnit Berücksichtigung der Stärke und Ausdehnung der Festung, 
sowie des Terrains und der Zusammensetzung der Garnison. Dem 
Gouverneur wird jedoch verboten, sich bei Ausfällen an die Spitze 
seiner Truppen zu setzen, überhaupt sich zu exponieren, »da sein 
Tod den Fall des Platzes herbeiführen könne«. Eine hervorragende 
Rolle wird bei dem Geschützkampf, der »ä outrance« geführt werden 
soll, den »Z wisch en-Batterien« überwiesen, die erbaut und bedient 
werden, wie die Bei agerungs- Batterien, armiert mit den Ge- 
schützen der General -Reserve der Artillerie und den disponibelen 
der nicht angegriffenen Werke, und zwischen den Angriffe-Objekten 
liegen. 

Auch die Verteidigung kleiner Plätze und isolierter Forts soll 
nicht einen rein passiven Charakter tragen. Verfügt der Kommandant 
über eine stärkere Garnison, so sind vor der Festung gelegene 
befestigte Stellungen zu besetzen und diese zur Basis fortgesetzter 
Offensiv-Operationen zu machen. Vom Mineukriege soll die aus- 
gedehnteste Verwendung in der letzten Periode der Belagerung 
gemacht werden, aufserdem seien die erforderlichen Mafsregeln 
zu ergreifen um detachierte Forts und äufsere Werke in die Luft 
sprengen zu können (Laon 1870!), wenn die Besatzung zum Ver- 




324 



Umschau in der Militar-Litteratur. 



lassen derselben gezwungen worden ist. Schließlich sollen, wenn 
ein Gouverneur glaubt, am Ende des Widerstandes angelangt zu 
sein, sämtliche Fahnen vernichtet werden. — 

Das königliche bayerische 3. Chevaulegers - Regiment 
„Herzog Maximilian" 1724 bis 1884. 

Von dieser Regiments-Geschichte erschien kürzlich, zu München in 
Kommission bei R. Oldenbourg, der erste Teil, „Organisation und For- 
mation" betitelt, sehr geschmackvoll und höchst splendid ausgestattet, 
319 Seiten 8°, nebst 6 Tabellen und geschmückt mit G Bildern; auf Befeh 1 
des königlichen Regünentskommandos bearbeitet von Emil Buxbaum, 
Secondlieutenant des ol>engenannten Regiments. 

Das Titelbild, in Lichtdruck nach einem Ölgemälde, zeigt uns den 
jetzt 75 Jahre alten Senior der ehemals Pfalz-Zweibrückcn-Biikenfeldischen 
Linie, Herzog Maximilian in Bayern, als jugendlichen Regiment sehe f hoch 
zu Rofs, in voller Gala; leicht und sicher überspringt er einen Erdwall. 
Die anderen Bilder sind kolorierte Lithograph ieen, nach Zeichnungen des 
Major a. D. von Nagel; sie veranschaulichen, wie die betreffende Tiup|>e 
beritten, bewaffnet und bekleidet war und ist. Dem Regimentsrapport 
d. d. Freising 23. Jan. 1884 (S. 322) ward das Faesimile der Unterschrift 
des Regimentscommandeurs, Oberst von Nagel, angefügt. 

Dafs die Kriegsministerialakten des königlichen l>ayerischen Reichs- 
archivs gerade neugeordnet wurden, förderte die Entstehung dieser Re- 
giments-Geschichte wesentlich. Herr Lieutenant Buxbaum wählte (im 
Sommer 1882) nach Empfang des historiographischon Auftrags das Motto: 
„Kurz erwogen, rasch vollzogen": eifrig und l)eharrlich begann er; nach 
verhältnismäßig kurzer Zeit war ein mühevolles Arbeitsstück abgeschlossen. 
Dasfelbe enthält zuvörderst ein sachgemäfs knappes und von Begeisterung 
für den militärischen Beruf diktiertes Vorwort, sodann das Inhalt- 
verzeichnis und eine Übersicht der Feldzüge (23); eine Anmerkung 
erwähnt die Entsendung der 1. Escadron im J. 1832 nach Griechenland. 

Dann folgt eine biographische Skizze der 20 Mitglieder des am 
1. MJirz 1 806 gestifteten Militär-Max-Joseph-Ordens, ferner „Bio- 
graphische Skizzen der Regimentsinhaber und Commandoure", sowie eine 
Rangliste des Regiments vom 23. Januar 1884. Hieran reihen sich in 
15 Abschnitten Mitteilungen heoresgcschichtlichen, regimentsgeschichtlichen, 
kulturhistorischen und nationalökononiischen Inhalts und Werts. Wenn 
wir Seite 127 als Quelle angeführt finden: „Hauptconservatorium der 
Armee", so beweist dies einen erfreulichen Reichtum Bayerns an Militär- 
Archivalien. Für Freunde von Uniformswesens-Speeialitäten sind die 
Seiten 132—150 interessant. Übrigens möge jedem der Herrn Kavallerie- 
regiments-Bibliothekare dieses Regimentsgeschichtsbuch empfohlen sein. 

Berlin, 4. August 1884. (Gr. L.) 



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Umschau in der Militfir-Litteratur. 



325 



Beiträge zur Kenntnis der russischen Armee. Mit 23 Zeich- 
nungen. Hannover, Hellwing. 1881. 162 S. gr. °. Preis 
4 Mark. 

Italiens Wehrkraft. Ein Blick auf die gegenwärtige mili- 
tärische Machtentwicklung des Königreiches. Berlin, 
E. S. Mittler & Sohn. 1884. 147 S. gr. °. Mit einer Skizze. 
Preis 3 Mark. 

Beide vorgenannte Schriften zeigen eine grofse Ähnlichkeit; sie sind 
beide Produkte jener Mache, jenes verfeinerten litterarischen Riffpiraten- 
tums, das sich wie Mehlthau auf die moderne Militärlitteratur nieder- 
gesenkt hat, und dem jeder, der es ernst meint mit der Militärsehrift- 
stellerei, mit Feuer und Schwert entgegentreten mufs, wenn nicht auch 
der gute Kern von der Fäulnis der Reproduktion angefressen werden soll. 
Zwischen Beiden zeigen sich jedoch in Bezug auf den Fabrikstempel be- 
merkenswerte Unterschiede; auch ist dem letztgenannten derselben von 
einer deutschen Militärzeitung ein besserer Pafs mit auf den Weg in den 
Leserkreis gegeben worden, als wir ihm erteilen können. Dieses Organ 
mag sein Urteil selbst verantworten; wir möchten ihm nur ganz freund- 
schaftlich mitteilen, dafs es durch dasfelbe besondere Vertrautheit mit der 
modernen Militärlitteratur nicht gerade verraten hat. — Wenden wir uns 
den charakteristischen Unterschieden beider Werkchen zu, so lassen sich 
dieselben dahin zusammenfassen, dafs die „Beitrüge zur Kenntnis der 
russischen Armee" auf der 4. Seite eine Quellenangabe bringen, wahrend 
bei „Italiens Wehrkraft" der Autor den von seinem Standpunkt aus 
wohl recht weisen, aber in diesem Falle wohl nicht zu billigenden Entschlufs 
durchführt, den oder die Borne seines Wissens vollständig zu verhüllen. 
Hätte der Verfasser der entgenannten Broschüre ebenso gehandelt, so 
würde man nicht auf den ersten Blick erkennen, dafs es sämtlich veraltete 
Quellen sind, aus denen er geschöpft, dafs unter den 20 angegebenen sich 
15 deutsche, 1 amerikanische, 3 französische und 1 schwedische befinden, 
eine russische aber vergeblich gesucht wird. So hoch wir die Offenheit 
des Herrn Verfassen achten, so müssen wir es doch als ein kühnes Wagnis 
bezeichnen, aus durchaus nicht mehr ganz neuen Quellen das militärische 
Lesepublikum über die gegenwärtige Lage des russischen Heeres belehren 
zu wollen, da „alle Uber den Gegenstand vorhandenen Schriften durch- 
aus nicht mehr zutreffend sind und eine genaue Kenntnis des heutigen 
russischen Heeres nicht gestatten." Eine solche Zusammenstellung war 
in der That höchst überflüssig, weil das, was sie enthalt, lange vor ihrem 
Erscheinen in den weitesten, der Entwicklung des russischen Heerwesens 
mit Interesse folgenden Kreisen bekannt war, ja zum Teil veralteten 
Quellen entnommen worden ist, weil der Verfasser nicht einmal Alles das 
verwertet hat, was ihm auch ohne Kenntnis der russischen Sprache zur 
Verfügung gestanden hatte. Ohne diese Kenntnis ist freilich unserer 
Ansicht nach ein kompetentes Urteil über das russische Heer nicht zu 



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326 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



gewinnen, ohne persönliche Beobachtung eine „Belehrung" des Lesers nicht 
denkbar. Das ist das Zeugnis, welches wir dem Schriftchen nach gründ- 
lichster Prüfung ausstellen müssen. 

Was „Italiens Wehrkraft" anbetrifft, so möchten wir zunächst fragen, 
warum uns der Herr Verfasser den Born verheimlicht, aus dem er ge- 
schöpft. Er scheint der italienischen Sprache mächtig zu sein, und die 
italienische Militärlitteratur hat in letzter Zeit Uber die Reformen im 
Heerwesen recht Vieles und Gutes gebracht. Oder sollten es doch deutsche 
Berichte seien, aus welcher „Italiens Wehrkraft" in der Hauptsache ge- 
schöpft wurde? Wir glauben es zu wissen, woher der Verfasser seine 
Weisheit zum gröfsten Teil bezogen hat und müssen demnach „Italiens 
Wehrkraft" für ein weit gefährlicheres, weil mit den Nimbus der Heim- 
lichkeit umgebenes Produkt der „Mache" halten, als die „Beiträge zur 
Kenntnis der russischen Armee", deren Autor doch mit offenen Karten 
spielt. Den Vorwurf, dafs sie nicht die neuesten Nachrichten über die 
Reformen und das allmähliche, systematische Wachsen der Wehrkraft des 
Landes bringt, kann man der Schrift nur zum sehr geringen Teile machen 
Der Grund dafür liegt klar auf der Hand, wenn wir sagen, dafs das ver- 
wendete Quellenmaterial neuesten Datums war, dafs Major Brusati sein 
Werk „Cenni sul ordinamento degli eserciti: Germanico, Austro-Ungarico, 
Francese ed Italiano" erst vor kurzer Zeit herausgegeben und die „Inter- 
nationale Revue über die gesamten Armeen und Flotten" einen Korrespon- 
denten besitzt, welcher sie seit etwa 2 Jahren durch monatliche eingehende 
Berichte Uber die Fortschritte auf allen Gebieten militärischer Thätigkeit 
in ausreichender Weise auf dem Laufenden erhält. Mit Brusati und den 
Korrespondenzen der Internationalen Revue, unter Zugabe vielleicht einiger 
Auszüge aus den Aufsätzen von Peruchetti und einiger Nummern der 
Rivista militare, Rivista marittima, des Esercito italiano und der Italia 
militare dürfte das Quellenmaterial des Herrn Autors erschöpft sein. Unser 
„Vielleicht" bezieht sich auf die Abschnitte, in welchen von Landes- 
verteidigung und von politischen Fragen die Rede ist, der organisatorische 
Teil hat fraglos mit Brusati und mit der Internationalen Revue die aller- 
engste Fühlung. Die beiden Herrn, Major Brusati und der Korrespondent, 
dürfen dem Herrn Autor von „Italiens Wehrkraft" ihren Dank zollen 
dafür, dafs er den Angaben des Einen, den stylistischen Wendungen und 
den Betrachtungen wie Urteilen des Anderen weitere Verbreitung verschafft 
hat. Und wie könnte diese ausbleiben, wenn gegen ihre sonstige Ge- 
pflogenheit sogar die „Fanfulla" unter den politischen Depeschen die hohe 
Bedeutung des Werkes anführte, die „Agcnzia Stefani" den Draht spielen 
läfst und in Wiener Blättern zur Erzeugung der nötigen Propaganda mit 
dem — man verzeihe uns den vulgären Ausdruck — grofsen Tamtam 
gearbeitet wird. Das ist die „Mache", wie sie leibt und lebt; sie erinnert 
uns lebhaft an einen Fall, der sich bei der Herausgabe eines ursprünglich 
für die Leipziger Dlustrirte Zeitung bestimmten, dann nochmals gesammelt 



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Umschau in der Milit&r-Litteratur. 



327 



veröffentlichten illustrierten Werkes über den russisch-türkischen Krieg 
abspielte. 

Der Herr Verfasser will Verständnis für den Geist nationaler Selbst- 
ständigkeit, der sich in Italien ausspricht, bei uns wecken. Bedarf es 
dessen überhaupt? Wissen wir nicht, wie schon Victor Emanuel ausge- 
sprochen, dafs nur finanzielle Not das junge Königreich bis vor wenigen 
Jahren gehindert, seiner Wehrkraft einen seiner politischen Machtstellung 
und seinen Zukunftswünschen entsprechenden Rahmen zu zimmern, dafs 
die dann folgende rapide Steigerung der Wehrkraft die einfache Konsequenz 
des Wollens sein mufste? Wenn der Herr Verfasser, wie wir allerdings 
auch, der Meinung war, dafs es, um die heutige Organisation und die 
Prinzipien der Heeresgliederung zu Entwickeln, nötig sei, auf die Grund- 
lagen zurückzugehen, so dürften diese nicht in der lückenhaften Weise 
gegeben werden, wie dies der Fall ist. Grade dieses Feld mufste gründlich 
beackert werden, nur dann wurde die Teilung der Wehrpflichtigen in 
3 Kategorien, vitale Bestimmungen für das militärische Können der 
italienischen Armee, dem Leser klar. Das Werk von Brusati und die 
Internationale Revue sowie die LoebeH'schen Jahresberichte hätten dem 
Herrn Verfasser ja auch leicht über die Schwierigkeit mühsamen Suchen» 
nach Aufklärung hinweggeholfen. Wenn die Durchführung der allgemeinen 
Wehrpflicht auf 1876 verlegt wird, so sei daran erinnert, dafs der 
7. Juni 1875 die Bestimmung schuf, eine Dienstbefreiung durch irgend 
eine Geldentschädigung könne nicht eintreten — die persönliche Pflicht, 
soweit es das Gesetz verlangt, dem Vaterlande die Blutsteuer zu leisten. 
Den ungenannten Quellenschriftstellern des Herrn Verfassers sind solche 
„Druckfehler" nicht passiert, wenn in den Korrespondenzen auch einige 
Unrichtigkeiten vorhanden sind, die dem Herrn Verfasser von Italiens 
Wehrkraft zum Teil in der — Scheere stecken blieben. Unrichtig ist es, 
wenn der Autor behauptet, dafs von den Leuten 1. Kategorie bei einem 
Jahreskontingent von 7G.000 Mann (das in Wirklichkeit stets steigt) 
13,000 früher als nach 3 Jahren im Sinne unserer Königs-Urlauber heim- 
gesendet werden sollen. Eine einfache Rechnung mufste das Fehlerhafte 
dieser Behauptung schon klar legen, durch Multiplikation des Kontingents 
mit 3 und durch Hinzuzählung der 4 Jahre dienenden Kavallerie, der 
carabinieri reali mit 5 jähriger Dienstzeit, sowie der Artillerie-Handwerker 
und der Rengagierten. In Wirklichkeit hatte man 1882 im italienischen 
Parlamente, wo man sich diese einfache und doch so hochwichtige und 
namentlich auch für ein „belehrendes Werk" anzuratende Beschäftigung 
mit den Zahlen nicht verdriefsen liefs, dem Kriegsminister volle Freiheit 
der Wahl gelassen, wie er die bei einem Kontingente von der genannten 
Höhe jährlich über die festgesetzte Ziffer überschiefsenden 22,000 Mann 
beseitigen wolle. Als Schlufstermin für die definitive Entscheidung wurde 
das Jahr 1885 festgesetzt. Nach 2 Jahren des Versuches, während welcher 
für einen Teil die durch das Loos bestimmte Einziehung zu nur 2 jähriger 
Dienstzeit, für einen anderen die vorzeitige Entlassung innerhalb des 



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328 



Umschau in, der Militär-Litteratur. 



3. Jahres (ein Unterschied der in einem „Kenntnis verbreitenden" Buche 
zweifellos hätte hervorgehoben werden müssen und sich in den „Quellen" 
auch mehrfach betont findet) zur Anwendung kam, scheint General Ferrero 
nach seinen Äufserungen bei der Abstimmung über die Ersatzklasse 1864, 
welche 80,000 Mann der 1. Kategorie zu liefern hat, die definitive Ent- 
scheidung nunmehr dahin getroffen zu haben, dafs 25,000 durch das Loos 
auszuwählende Leute der Fufstruppen von vornherein auf nur 2 Jahre 
eingestellt werden sollen. — Wenn ferner Seite 20 gesagt wird, dafs die 
Leute 2. Kategorie als Ersatzmannschaften auch für die Territorialmiliz 
dienen sollen, d. h. nachdem sie ihre 8 Jahre Zugehörigkeit zum aktiven 
Heere und 4 zur Mobilmiliz hinter sich haben, so ist dies ein Irrtum, der 
darauf schliefsen laTst, dafs der Herr Verfasser, was uns bei den reichlich 
fliefsenden, guten „Quellen" kaum verzeihlich ezscheint, die Territorial- 
miliz für etwas durchaus Anderes ansieht, als sie ist. Die Mannschaften 
2. Kategorie, und speziell diejenigen des 1. Teiles derselben, d. h. die- 
jenigen, welche 3 Monate ausgebildet sein sollen, werden noch auf lange 
hinaus mit zum Kerne der Territorialmiliz gehören, die wenn sie erst 
Ersatzmannschaften, Nachschub gebrauchen sollte, wohl das Gewehr nicht 
mehr in der Hand hat, da dann die Gesamtwehrkraft, das Volk in Waffen, 
niedergeworfen sein müfste. Was würde sich der Leser unter Ersatz- 
mannschaften für den Landsturm denken? Dort, wo von den einzelnen 
Wehrkategorien und ihrer Ausbildung die Kede Ist, vergifst der Herr Ver- 
fasser merkwürdigerweise zu erwähnen, wie sich im Projekt und in Wirk- 
lichkeit die Schulung der Leute des 1. und 2. Teiles der 2. Kategorie 
gestaltet, um es dann und zwar flüchtiger als der Korrespondent der 
„Internationalen Revue", dessen Spuren der Autor hier augenscheinlich 
eiTötend folgt, hervorzuheben. Speziell dann, wenn, wie es in Italiens 
Wehrkraft geschieht, die Berechnung der aufzubringenden Armee 1. und 
2. Linie, sowie ihre Gliederung in Feld-, Feldreserve- und Ersatztruppen 
folgen sollte, durfte diese Angabe vorher nicht fehlen. Die Schrift irrt 
dann weiter, wenn sie von einer fest normierten Ausbildungszeit der Leute 
des 2. Teiles der 2. Kategorie spricht. Eine Festsetzung in dieser Be- 
ziehung, und der „Quellenschriftsteller" führt dies ja auch im Februar- 
Hefte 84 an, besteht nur insofern, als durch Gesetz bestimmt wurde, dafs 
dieser 2., jährlich etwa 14,000 Mann umfassende Teil, der 2. Kategorie 
mindestens eine derjenigen der Territorialmiliz gleiche Schulung, d. h. 
30 Tage erhalten soll. Die Tabelle auf Seite 21 entspricht den gesetz- 
lichen Bestimmungen bezüglich der Artillerie, des Genies, des Trains, der 
Infanterie-, Bersaglieri- und Alpentruppcn nicht, da die Dienstdauer der 
Mobilmiliz nicht 3 — 4, sondern definitiv 4 Jahre beträgt, eine Periode, 
mit welcher der Autor, berühmten Mustern folgend, denn auch später bei 
der Aufzählung der zu den einzelnen Wehrkategorien gehörenden Jahres- 
klassen rechnet. Die bis hierhin genannten Unterlassungssünden bezw. 
thatsächlichen Fehler genügen schon, einen schweren Vorwurf zu bilden, 
zumal dann, wenn eine Schrift die Gönnermiene aufsetzt und weitere 



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Umschau in der Militftr-Litteratur. 



329 



Kreise belehren will, und wenn sie ihre guten Quellen so nahe zur Hand hat. 
Auf Seite 23 des Werkchens bekundet der Autor eine merkwürdige, 
wörtliche Übereinstimmung mit Z. 15 u. ff. von unten des Februar- 
Heftes der Internationalen Revue (84) Seite 214. Den Schluß der Seite 214 
der genannten Revue mag der Leser mit den folgenden Passus der 
Seite 23 der Schrift vergleichen. Nur der letzte Satz der Seite 23 ist 
etwas umgestellt, ohne den Fabrikstempel jedoch unkenntlich zu machen. 
Der uns zur Besprechung zugewiesene Raum würde nicht ausreichen, 
wollten wir die Beweise einer merkwürdigen Übereinstimmung des Aus- 
druckes eines und desfelben Gedankens in der Schrift und in der Inter- 
nationalen Revue fortsetzen. Nur auf einige Abweichungen von dem 
richtigen Wege möchten wir noch hinweisen, die um so auffallender, weil 
die vielgenannten Korrespondenzen sie vermieden und Brusati andere 
Angaben macht. Da finden wir unter anderem die Behauptung, dafs zur 
Ausführung der 1882 gefafsten reorganisatorischen Beschlüsse die Auf- 
stellung von 48 Bataillonen notwendig sei. Bei den zu 3 Bataillonen 
statt zu 4 zu bildenden 12 Bersaglieri-Regimentern schiefsen 4 Bataillone 
über, es werden daher nur 44 neuformiert. Ganz neu war uns auch die 
Behauptung, dafs die Alpenkompagnien gleichen Friedens- und Kriegsetat 
besülsen. Seit man die Compagnien der Zahl nach verdoppelte, hat man 
Friedens- und Kriegsetat scharf getrennt (es sind beiliiufig schon 2 Jahre 
seitdem vergangen) und betrügt erstere 4 Offiziere, 134 Köpfe, letzere 
6 Offiziere, 256 Mann, nicht 135 Köpfe. Besonders erheiternd wirkt die 
Angabe, dafs der Bronce 9 cm— 7,5 cm Kaliber hat. Auch beim Etat 
einer Gebirgsbatterie ist ordentlich daneben gehauen. Thun wir ferner 
z. B. der Shrapnells aus „Schmiedeeisen' 1 (was würde das Stück 
kosten?) Erwähnung. 20 Hauptdistriktskommandos giebt es nach dem 
Herrn Verfasser — die Wirklichkeit weist solcher commandi superiori di 
distretti militari nicht mehr als 12 auf. Seite 51 wird in der Überschrift 
von „Gliederung der Mobil- und Territorialmiliz" gesprochen und nur die 
Erstere erwähnt. Wenn der Herr Verfasser dann die der Mobilmiliz 
heute mögliche Leistungsfähigkeit erst im Jahre 1885, wo der normale 
gesetzmäfsige Umfang erreicht sein soll und wird, eintreten lüfst, so 
entspricht dies nicht seinen sonstigen wohlwollenden Gesinnungen gegen- 
über unserem wackeren Verbündeten. Wir haben uns durch Nachlesen 
der Minlsterial Verordnung vom 13. Mai 1883 eines Bessern „belehrt". 
Seite 61 wird gesagt, es fehlten bestimmte Nachrichten darüber, ob die 
Mobilmiliz zu taktischen Einheiten zusammengestellt werden soll. Taktische 
Einheiten — ja selbst die kleinsten Schlachteneinheiten, die Divisionen, 
sind vorgesehen, die Frage kann sich nur um die Bildung von Mobilmiliz- 
Armee-Corps handeln. Bezüglich der Angaben über die für die Territorial- 
miliz vorhandene Zahl an Offizieren und die demgemiifs mögliche Besetzung 
von Cadres der 3. Wehrkategorie ist der Herr Verfasser mit den 
Korrespondenzen der Internationalen Revue wieder wörtlich einig. Der 



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Umschau in der Militür-Litteratur. 



Bedarf an Pferden für die mobil-italienische Wehrkraft wird an 3 Stellen 
widersprechend und nirgends richtig angegeben. 

Abgesehen von einigen Angaben über die Flotte, welche andere 
Blatter schon ausgiebiger gebracht haben, sowie einigen Betrachtungen 
über Landesbefestigung, Uber welche diese Blätter sich auch bereits ein- 
gehend geäufsert, abgesehen endlich von politischen Erörterungen, deren 
Wert wir nicht bestimmen wollen, — ist das Buch durchaus lückenhaft 
und enthält nur „Dagewesenes" in neuer Form, und selbst dieses nicht 
immer. Wie wir Uber die „enge Anlehnung" an die Internationale Revue 
und an Brusati denken, deren Namen nicht einmal genannt ist, haben 
wir wohl deutlich genug zu verstehen gegeben. Die Kritik mufs sich 
energisch dagegen verwahren, dafs man von ihr verlangt, solche literarische 
Machwerke als Original produkte deutscher Militär-Litteratur zu bezeichnen. 

Der deutsche Offizier. Ein Wort zur Verständigung und Abwehr 
von einem preufsischen Stabsoffizier (H. v. M.). 

Die Angriffe, welche der Abgeordnete Richter im Verlaufe der dies- 
und vorjährigen Militär- Debatten des Reichstages gegen die Armee und 
das Offizier-Corps richtete, fanden ein dürftiges Echo in einer Broschüre, 
betitelt: „Die Vorrechte der Offiziere, von einem deutschen Bürger und 
Soldaten der Landwehr". Der Verfasser dieses Buches will den vorgeb- 
lichen Prätensionen und Vorrechten des Offiziers, ihm ein Dorn im Auge, 
entgegentreten. Welche Absicht hinter der ungeschickten und gehässigen 
Polemik dieses „Soldaten der Landwehr" verborgen liegt, ist jedem 
Einsichtsvollen klar. Das Uberaus kümmerliche Machwerk, dem noch 
einige geistesverwandte Schriften desfelben Autors folgten, hat verschiedene, 
mehr oder minder gelungene Erwiderungen zur Folge gehabt, als deren 
beste, und hoffentlich letzte, wir die jetzt veröffentlichte Schrift an- 
erkennen. 

Der Verfasser derselben giebt zunächst in einer Einleitung eine recht 
gelungene Charakteristik des Führertums und seiner Aufgaben im Kriege 
und Frieden. — Mit dem dann folgenden I. Kapitel „Entwickelung des 
militärischen Führertums", dessen Tendenz wir natürlich billigen, ver- 
mögen wir uns weniger zu befreunden. Es hätte, kaum zum Nachteil 
des ganzen Werkes, wenn nicht fortbleiben, so doch auf wenige Seiten 
beschränkt werden können. Im Bestreben, gründlich zu sein, gebt Verf. 
in seinen Entwickelungen bis zum ersten Elternpaare hinauf („der erste 
Angriff, welchen ein Mensch auf den anderen unternahm — also Cain und 
Abel! — war die Geburtsstunde des kriegerischen Führertums; die erste 
Vereinigung zu Schutz und Trutz war jedenfalls die von Mann und 
Weib" u. s. w.). Es hätte ferner keiner 25 Druckseiten bedurft, um 
darzulegen, dafs die „freie Wahl der Führer" ein Unding sei. Daran 
denkt kein vernünftiger Mensch, nicht einmal in den Reihen der politischen 
Gegner. 

Das II. Kapitel „Die gesellschaftliche Stellung der deutschen Berufs- 



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Umsrlian in d<*r Milit&r-Littoratur. 331 

• 

Offiziere" bat unseren uneingeschränkten Beifall. In klarer und leiden- 
schaftlicher Weise werden die verschiedenen Berufsarten, namentlich auch 
nach der finanziellen Seite hin, mit dem Offiziei-stande verglichen. Der 
Verfasser benutzte zu diesem Zwecke aneb ein von ihm recht geschickt 
verwertetes und sehr umfangreiches statistisches Material. Wir empfehlen 
diese sachgemUfsen Auseinandersetzungen auch den Herren Reichstags- 
Abgeordneten zur Lektüre; vielleicht werden sie dazu beitragen, die vielen 
schiefen Urteile Uber unsere Standes- und ökonomischen Verhältnisse zu 
berichtigen. 

Schliefslich geben wir dem Wunsche nochmals Ausdruck, dafs mit 
der vorliegenden Schrift die Akten Uber das in Rede stehende Thema 
endlich geschlossen werden möchten. Dies gilt auch dem schrei bei listigen 
eben erwähnten „Deutschen Bürger und Soldaten dor Landwehr w . — 
Quousque tandem abutere patientia nostra? — 

Notiz-Kalender für Offizier-Burschen 1885. 

Wer einen Burschen hat, wird ihm diesen kleinen Helfershelfer 
gewifs gern in die Hand geben, denn er enthält die nützlichsten Lehren 
für Haus, Stall und Feld und recht praktische- Listen für alle möglichen 
Auslagen u.'s. w. Die Idee, solchen Kalender zu geben, ist gut und sie 
wird zweifelsohne vielen Anklang finden. Das Kalendarium beginnt am 
1. Oktober d. J. und endet mit dem 31. Dezember 1885. Das Buch ist 
recht handlich und, allem Anscheine nach, auch dauerhaft eingerichtet. 

Prinz Friedrich Karl im Morgcnlande. — Nach ihren Tage- 
büchern und Handzeichuungen von seinen Reisebegleitern 
Professor Dr. H. Brugsch und Major von Garnier. — 

Wenn wir in einer militär- wissenschaftlichen Zeitschrift wie die 
Jahrbücher auf das vorgenannte Buch — ein Prachtwerk nach jeder 
Richtung hin — besonders aufmerksam machen, so geschieht dies unter 
der Voraussetzung, dafs gewifs jeder der Herrn Kameraden sich wie wir 
gern in ein Werk vertieft, das den Prinz Friedrich Karl nicht als „Prinz- 
allzeitvorauf" in Attila und mit Feldmarschallstab, sondern als einfachen 
Orientreisenden zeigt, l)egleitet neben Anderen von solch ausgezeichnetem 
Gelehrten wie den Professor Brugsch. Fürwahr, wenn wir den berühmten 
Heerführer voll Wissensdrang und mit unnachlässigem Thätigkeitstrieb die 
klassischen Stätten des Morgenlandes durchwandern sehen, wenn uns die 
Darsteller in Wort und Bild u. A. den Prinzen hier lange sinnend in 
Miramare vor dem Bilde des unglücklichen Kaisers Maximilian stehend, 
dort beim Absteig von Sinai hoch oben auf dem Rücken eines in uner- 
schütterlicher Ruhe bedächtig dahinschreitenden Kameeis im „Wochenbett" 
gemütlich rauchend vor Augen führen, so treten uns allerdings ganz 
andere, aber gewifs nicht weniger originelle Bilder vor die Seele, als sie 
jener verhängnisvolle 16. Aug. 1870 bietet, an welchem Tage der Prinz 
bekanntlich auf die erste Kunde von der ernsten Lage des entbrannten 

Jahrbücher für die DenUcho Annoo and Marine. Bd. LH., 3. 9'1 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



Kampfes in einem Jagen zum meilenweit entfernten Schlachtfeld eilt und, 
begrüfst von dem Hurrah »einer Brandenburger, alles neu belebt und 
mit dem Gedanken „Wir müssen siegen" beseelt. Wen fesseln nicht 
solche Gegensittze, zu denen das vorliegende Werk so vielfach Anregung 
giebt?! 

Dafs ein Werk aus der Feder eines namhaften Gelehrten viel Be- 
lehrendes bringt, bedarf wohl keiner besonderen Betonung, wohl aber 
möchten wir hervorhebon, dafs hier nicht der trockene Ton der Belehrung 
angeschlagen ist; wir finden vielmehr wirklich Durchlebtes geschildert, 
durchwebt in anmutiger Darstellungsweise mit den goldenen Filde« der 
Wissenschaft. Eine weitere belebende Zugabe in dem Werke sind die 
von Major v. Garnier gezeichneten lebensfrischen und sprechenden Bilder, die 
sich entschieden durch auffallend viel litte k sichten auszeichnen. 

Bis jetzt liegen uns fünf Lieferungen des Prachtwerkes vor, das be- 
kanntlich noch in diesem Jahre mit 10 Lieferungen zu Ende gebracht 
werden soll. Die fesselnde Darstellung führt den Prinzen mit seinen 
Begleitern von dem Jagdschlofs Drei Linden Uber Triest nach Alexandrien, 
von da nach Kairo und auf den Fluten des Nils mittelst des „goldenen 
Herodot" zu dem „hundertthorigen" Theben, den Flufs hinauf bis zur 
Sudgrenze Ägyptens. Zurück geht's dann wieder bis zur Chalifenstadt 
Kairo und nun hinüber über Suez nach dem steinigen Arabien, zu den 
Stätten des alten Testaments; auf dem Rückwege vom Sinai durchzieht 
die Karawane gleich den Kindern Israel, wenn auch in nur 4. Tagen statt 
in 40 Jahren, die Wüste und trifft in Ismaelieh wieder am Suezkanal 
ein, wo man sich zur Weiterreise nach Palästina rüstet. 



Berichtigungen. 

Im August-Heft mute es lieifsen: 

S. 221 Z. 7 „nicht erst- st erst. 
S. 280 Z. 13 »Anwendung" Bt. „Anwendungen". 
S. 231 Z. 5 v. u. »und sie" st, „und die sie". 
S. 233 Z. 1 „durchseuchten" st. „dnrchs&ngten". 



Drnck von A. Ha*ok, Borlin NW., Dorotheenatr. 65. 



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■ ^rrestal 

AINHJEX 

Spring, ls$4 



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